Blick auf die Oude Kerk (ALte Kirche) von Delft
Niederlande,  Unterwegs

Delft und die Alte Kirche (Oude Kerk)


Oh nein, nicht schon wieder eine Kirche denken jetzt sicherlich Einige.
Allerdings ist die Alte Kirche in Delft nicht eine x-beliebige Kirche. Sie besitzt weder eine atemberaubende Architektur, noch liturgische Kirchenschätze oder gar Wunder vollbringende Reliquien. Es sind die Persönlichkeiten, welche hier ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, die die Anziehungskraft des ansonsten eher schmucklosen Gotteshauses ausmachen. Und natürlich der Alte Jan.  

Die älteste Kirche Delfts

Doch schauen wir uns zunächst ein wenig in der ältesten Kirche Delfts um und werfen einen Blick in ihre Annalen und Baugeschichte. Für ein besonders gutes Verständnis sorgt hierbei eine kleine Holzmodell-Ausstellung im Seitenschiff der Oude Kerk.

Holzmodelle zur Entwicklung der Architektur der Oude Kerk (Alte Kirche) von Delft
  • Die Wurzeln der Oude Kerk gehen auf ein Tuffsteingebäude aus dem Jahr 1050 zurück.
  • Knappe 200 Jahre später beginnt eine erste Phase des Ausbaus. Es ist die offizielle Geburtsstunde der Oude Kerk, der ältesten Kirche Delfts. Das rechteckige Gebäude erhält zwei Seitenschiffe. Die Kirche wird dem Hl. Bartholomäus geweiht, in Anlehnung an den federführenden Bauherrn Bartholomäus van der Made.
  • Von 1324 bis 1365 entsteht der gotische Kirchturm mit seinen vier Ecktürmen.
  • Die Kirche des Hl. Bartholomäus bekommt mit dem Bau einer weiteren Pfarrkirche am Marktplatz Konkurrenz. Ab sofort wird sie, zur besseren Unterscheidung von der „Neuen Kirche“ umgangssprachlich nur noch die „Alte Kirche“ genannt.
  • Gegen Ende des 14. Jahrhundert werden die Seitenschiffe erhöht und mit Satteldächern versehen. Das Gotteshaus nimmt die Gestalt einer Hallenkirche an. Außerdem erhält sie einen neuen Schutzpatron, den Heiligen Hippolyt.
  • Um 1430 wird der Hauptchor vergrößert und das südliche Seitenschiff verlängert. Die Hallenkirche entwickelt sich zur Basilika. 
  • Etwa 1510 wird das Seitenschiff auf der Nordseite ausgebaut und mit einem Chor versehen.
  • Einige Jahre später erfolgt die nächste umfassende Erweiterung. Pläne für eine Kreuzbasilika liegen vor. Der Anfang wird mit dem nördlichen Querschiff gemacht. Doch bevor die Arbeiten am südlichen Querschiff aufgenommen werden können, macht das verheerende Stadtfeuer von 1536 dem weiteren Ausbau der Kirche einen Strich durch die Rechnung. Somit behält die Oude Kerk ihr unsymmetrisches Aussehen, bis heute.

Die Berg- und Talfahrt der Oude Kerk

Die Oude Kerk hatte es von Anbeginn nicht einfach. Auf Zeiten der Erneuerungen oder Erweiterungen folgte, fast schon erwartungsgemäß wie das Amen in der Kirche, ein Rückschlag.

Die Alte und die Neue Kirche lagen von Anfang an in einem ständigen Wettstreit um größer, höher, schöner. Allerdings entschied das Schicksal anders. Mitten in den Erweiterungsarbeiten im 16. Jahrhundert, verwies der katastrophale Stadtbrand beide Gebäude in ihre Schranken. Die finanziellen Mittel waren erschöpft, die ursprünglich vorgesehenen Erweiterungsmaßnahmen Makulatur.

30 Jahre später machte der erste Bildersturm auch vor der Alten Kirche nicht Halt. Jeglicher Kirchenschmuck wurde dabei verwüstet oder entfernt, selbst die Orgeln blieben von der Zerstörungswut des Mobs nicht verschont.

Als sich Delft 1572 für die Seite der calvinistischen Rebellen und gegen den erzkatholischen, spanischen König entschied, wurde aus der einstigen katholischen endgültig eine protestantische Kirche. Der Chorraum hatte für die Abhaltung der Messe ausgedient. Seither werden die Predigten von der neuen Kanzel im Mittelschiff gehalten.

Kaum dass sich die Oude Kerk von den politisch-religiösen Erschütterungen erholt hatte, erfolgte mit der Explosion des Schießpulverlagers im Jahr 1654 das nächste Desaster. Der sogenannte Delfter Donnerschlag hinterließ einen riesigen Glasscherbenhaufen. Mangels finanzieller Mittel ersetzte man die zu Bruch gegangenen bunten Kunstwerke durch einfaches Glas oder mauerte die Fensteröffnungen kurzerhand zu.

Inneres der Alten Kirche in Delft, 1659 Hendrik Cornelisz. van Vliet (161112 - 1675)
Inneres der Alten Kirche in Delft, 1659
Hendrik Cornelisz. van Vliet (1612 – 1675)
Maximilian Speck von Sternburg Stiftung im Museum der bildenden Künste Leipzig

Die drei verhängnisvollen „F“ – Fehleinschätzung, Franzosen und Feuer

Das 18. Jahrhundert begann in ruhigem Fahrwasser. Erst zur Jahrhundertwende jagte eine Hiobsbotschaft die nächste. Es begann damit, dass an mehreren Stellen die schweren, im Boden eingelassenen Grabplatten und mit ihnen Teile des Kirchenbodens absackten. Viele Gräber mussten geräumt werden, bevor der Untergrund stabilisiert werden konnte.

unbekanntes Grabmal in der Oude Kerk (Alte Kirche) zu Delft

Kurze Zeit später marschierten die französischen Truppen in Delft ein. Mit dem Gedankengut der Gleichmacher-Revolution in ihren Tornistern, galten jegliche Symbole des Adels, des reichen Bürgertums oder des Klerus als verpönt. Folglich ruinierten die Gamaschenträger im Namen der „égalité“ nahezu alle Grabplatten und Epitaphe bis zur Unkenntlichkeit.

Von den einstmals 250 Grabtafeln entkamen nur sechs Stück der Zerstörungswut. Glück hatten diejenigen, die im wahrsten Sinne des Wortes, rechtzeitig eine 180-Grad-Wendung (der Grabplatte) geschafft hatten.

Die Trauer der Grabbesitzer war unermesslich, während der ideelle und künstlerische Schaden nicht wieder gut zu machen, und die Kirche einer ihrer wichtigsten Einnahmequellen beraubt war. Bis dahin verdiente die Pfarrei mit dem Verkauf von Epitaph-Plätzen gutes Geld. Bis zu 50 Gulden kostete ein Platz an der Kirchenwand oder einem Pfeiler.

Der Zahn der Zeit ging an der Alten Kirche nicht spurlos vorüber. Eine Konsolidierung der Bausubstanz war dringend erforderlich, allerdings wies der Klingelbeutel ein großes Loch auf. Seit der Überarbeitung des Begräbnisgesetzes von 1829 und dem damit einhergehenden Bestattungsverbots innerhalb von Kirchenmauern war ein weiterer Geldhahn versiegt.

Zu allem Unglück stand 1921 die Oude Kerk lichterloh in Flammen. Das Inferno war dermaßen verheerend, dass erst drei Jahre später das liturgische Leben wieder aufgenommen werden konnte. Zur Finanzierung mussten notgedrungen die Kirchenbänke und die wertvollen Kronleuchter versetzt werden.

Innenansicht der Oude Kerk (Alter Kirche) von Delft

Im 20. Jahrhundert durchlief die Alte Kirche weitere Renovierungsphasen, wobei man auch einen neuen Anlauf mit Buntglasfenstern wagte, so dass heute 27 wunderschöne Glasmalereien mit sowohl biblischen als auch historischen Motiven zu bewundern sind.

Der Alte Jan – das Wahrzeichen von Delft

Als ich von Süden her die Oude Delft entlang schlendere, den Blick Richtung Horizont gerichtet, muss ich gleich zweimal hinschauen. Das erste Mal, um sicher zu gehen, dass ich nicht halluziniere und das zweite Mal, um mich zu vergewissern, dass meine Brille keinen Knick in der Optik hat. Weder das eine noch das andere ist der Fall.

Blick auf den Kirchturm Oude Jan der Alten Kirche in Delft

Fakt bleibt, der Kirchturm der Alten Kirche ist völlig aus dem Lot geraten. Ganze zwei Meter neigt sich der 75 Meter hohe „Alte Jan“ (Oude Jan), wie er liebevoll genannt wird, zur Seite.

Schon 1325, kaum dass man mit dem Bau des Glockenturms begonnen hatte, stellte sich heraus, dass der hierfür benötigte Platz nicht ausreichend war. Die Gracht war im Wege. Folglich beschlossen die Bauherren, den Wasserweg umzuleiten und die alte Gracht zuzuschütten. Fleißig begann man anschließend den Turm hochzuziehen, doch nach etwa der Hälfte der geplanten Höhe begab sich dieser in eine gefährliche Schieflage.

Blick auf die Oude Kerk (Alte Kirche) in Delft

Menschliche Fehlkalkulation und ein zu weiches Fundament (man munkelt, die alte Gracht sei mit Tierknochen und Kuhhäuten aufgefüllt worden) waren die Ursache. Um die Schieflage statisch auszubalancieren, baute man den restlichen Turm senkrecht weiter. An der Optik änderte dies allerdings nichts. So ist der „Schiefe Jan“ bis heute das Wahrzeichen von Delft.

Im 19. Jahrhundert stand der Schiefe Jan dann kurz vor dem Aus. Unter der Bevölkerung wuchs die Angst, dass der Turm umkippt. Glücklicherweise gelang es Statikern und Architekten den Stadtrat von einer ausreichenden Stabilisierung zu überzeugen. Der Abriss wurde abgewendet. Seither behält man den steinernen Riesen genauestens im Blick.

Die Oude-Jan-Frage

Ach ja, da wäre noch die „Oude Jan“-Frage zu klären. Warum nur sprechen die Delfter immer vom „Alten Jan“, wenn sie den Glockenturm der Oude Kerk meinen? Was wurde aus dem Heiligen Hippolyt, dem Schutzpatron der einstmals katholischen Kirche?

Die kirchliche Reformbewegung im 16. Jahrhundert richtete sich vorrangig gegen die Käuflichkeit der klerikalen Ämter, den Ablasshandel sowie die Heiligen- und Reliquienverehrung. Konsequenterweise verbannte man aus den Kirchen alles, was von Gott und der Bibel ablenkte. Die Heiligen, und damit auch St. Hippolytus, hatten ausgedient. Das Wahrzeichen der Stadt mit Gardemaß benötigte einen neuen, würdigen Namen.

Man musste nicht lange suchen und wurde beim beliebtesten niederländischen, männlichen Vornamen der damaligen Zeit fündig. Jan, „Gott ist gnädig“, sollte der schiefe Glockenturm heißen. Und weil er bereits einige Jahre auf dem Buckel hatte, wurde daraus der Oude Jan, der alte Jan.

Noch ein Superlativ

9000 Kilogramm bei einem Durchmesser von 2,3 Metern, dies sind die stolzen Eckdaten des Prachtexemplars von einer Glocke, die seit 1570 im Gestühl des Schiefen Jan hängt. 23 Personen waren früher von Nöten, um sie zu läuten.

Wie man sich vorstellen kann, bereitete die größte Glocke der Niederlande dem Turm seit jeher Kopfschmerzen. Ihr Geläut vermag nämlich den ganzen Kirchturm in gefährliche Schwingungen zu versetzen, ganz zu schweigen vom Geklapper des Geschirrs in den Schränken der umliegenden Häuser.

Deshalb tritt die Bourdon- bzw. Trinitasglocke heute nur noch in Aktion, wenn Staatstrauer angesagt ist bzw. wenn ein Mitglied der niederländischen Königsfamilie in der nahe gelegenen Neuen Kirche am Marktplatz zu Grabe getragen wird. Ansonsten wird sie zu jeder vollen Stunde nur noch „angehämmert“.

Geschichten von großen Herzen, kleinen Wesen und ganz viel Silber

Nachdem wir die Rundreise durch die unpersönliche Welt der Jahre, Zahlen und Fakten nun hinter uns haben, wird es Zeit, einen Blick auf das „namhafte“ Inventar der Oude Kerk zu werfen.
Seit dem Mittelalter war es gängige Praxis, dass sich sowohl Kleriker als auch weltliche Personen eines gewissen Standes oder Vermögens ihre letzte Ruhestätte in der von ihnen bevorzugten Pfarrkirche sicherten. Selbstverständlich gegen ein entsprechendes Entgelt. Diesbezüglich machte auch die Oude Kerk keine Ausnahme.

Hendrik Cornelisz van Vliet (1611 - 1675); Interior of the Oude Kerk, Delft (c.1660-70)
Hendrik Cornelisz van Vliet (1611 – 1675);
Interior of the Oude Kerk, Delft (c.1660-70)

Annähernd 400 Gräber waren einst über beziehungsweise unter dem Kirchenboden verteilt. Manche Grabplatten sind nur noch zu erahnen. Zerstörungswut oder Millionen von Kirchgängern haben dafür gesorgt, dass die Toten im Tod anonym bleiben. Andere Gräber wiederum sind in ihrer Größe und Pracht wahre Blickfänger.
Gleich ist allen, dass hinter jedem Namen ein Schicksal und eine Geschichte steht. Und diese Geschichten sind so vielfältig wie das Leben selbst: mal außer-, mal ungewöhnlich, mal heroisch und aufopferungsvoll, mal bedauernswert und tragisch. Einige davon möchte ich Euch gerne erzählen.

Wir werden dabei Berühmtheiten und weniger bekannte Menschen kennenlernen. Menschen, die Großes vollbracht oder im Stillen gewirkt haben. Menschen, die Spuren hinterlassen haben, in Delft, in Europa, in der Welt.

Der folgende Plan hilft bei der Spurensuche nach ihren letzten Ruhestätten.

Grundriss der Oude Kerk (ALte Kirche) von Delft

Clara van Spaerwoude und ihr außergewöhnliches Vermächtnis

Epitaph Clara van Spaerwoude in der Oude Kerk (Alte Kirche) in Delft

Das überdimensionale Epitaph an einer der ersten Säulen zwischen Haupt- und südlichem Seitenschiff ist kaum zu übersehen. Geehrt wird hier eine Persönlichkeit, die mit einem geschätzten Vermögen von mehreren Millionen Gulden, als eine der reichsten Frauen ihrer Zeit galt. Dieser Reichtum war von sich aus schon bemerkenswert, aber nicht ausschlaggebend dafür, dass die 1530 geborene Delfterin in den Niederlanden Kultstatus erreichte. Legt man jedoch den Kopf weit in den Nacken, findet man hierfür ganz oben auf dem Grabdenkmal einen dezenten Hinweis: „Von reinem Herzen“ lobten sie ihre Nachfahren und das nicht ohne Grund.

Portraet Clara van Spaerwoude

Clara van Spaerwoude wurde in eine wohlhabende Goldschmiede-Familie geboren. Mit 26 Jahren heiratete sie standesgemäß den Sohn des Delfter Bürgermeisters. Da ihnen keine Kinder vergönnt waren, steckte Clara ihre gesamte Energie, ihren klugen Verstand und ihren ausgeprägten Geschäftssinn in die Vermehrung des Familienvermögens. Mit großem Erfolg investierte sie in die VOC, die aufstrebende niederländische Handelsvereinigung. Darüber hinaus hatte sie fortlaufende Einkünfte aus verpachtetem Landbesitz und anderen Zinsforderungen. Als nacheinander ihre Eltern, ihr Bruder und 1596 auch ihr Mann starben, fiel deren Nachlass ebenfalls an Clara.

Es gibt ein bekanntes Porträt von Clara van Spaerwoude. Ein namenloser Künstler malte sie in einem schlichten, jedoch nach der neuesten Mode geschnittenen schwarzen Kleid mit weißer Haube, den Blick nachdenklich zur Seite gerichtet. Über ihren Armen liegt ein wertvoller Pelzüberwurf, dazu hält sie an einer langen, vergoldeten Kette eine mit Perlen verzierten Duftkugel.

40.000 Hochzeitsgeschenke

Womöglich wurde das Bildnis zu einem Zeitpunkt angefertigt, als Clara die ersten reiflichen Überlegungen anstellte, was nach ihrem eigenen Ableben mit dem immensen Familienerbe geschehen sollte. Bereits zu Lebzeiten erhielten jeweils zwei Theologiestudenten ein Stipendium in Höhe von 300 Gulden jährlich. Darüber hinaus konnte das Meisjehuis auf regelmäßige, finanzielle Zuwendungen zählen, während Clara jedes Jahr weitere 50 Gulden für ein Festessen zugunsten der Einwohner der Delfter Altersheime stiftete. Die Wohltäterin gründete darüber hinaus einen christlichen Waisenverein, dessen Einlagen von städtischer Seite verwaltet wurden.

Der sogenannte Heiratsfond war jedoch ihr größtes Vermächtnis. In ihrem Testament schrieb sie fest, dass nach ihrem Ableben, alle heiratswillige Nachfahren ihres Halbbruders eine Einmalzahlung von bis zu 300 Gulden als Hochzeitsgeschenk erhalten sollten. Mit der Zeit, bedingt durch Rezession, Inflation und fleißig ansteigender Nachkommenschaft, schmolz der Heiratsfond immer weiter zusammen. Der Staat, in dessen Verantwortung die Verwaltung des Fonds lag, stellte einen Beamten ein, der nur mit der Prüfung und Auszahlung der eingehenden Anträge auf Anerkennung als Begünstigte beschäftigt war.  

Im Jahr 1922 enthielt der große Spartopf immer noch eine halbe Million Gulden. Da die Schar der Hochzeitspaare jedoch enorm zugenommen hatte, hätte jedes jungvermählte Paar nur noch 20 Gulden, also etwa 11,35 €, ausgezahlt bekommen. Also entschied man den Heiratsfond endgültig aufzulösen. Das verbliebene Geld wurde unter den bedürftigsten Antragstellern verteilt.

Rückblickend bleibt festzuhalten: Über einen Zeitraum von 300 Jahren hatte Clara van Spaerwoude mit ihrem Testament mehrere Zehntausend Hochzeitspaare mit einer finanziellen Starthilfe in den Hafen der Ehe glücklich gemacht. Und wer weiß, vielleicht war die Sonderzulage für den ein oder anderen Nachfahren Motivation genug, das Wagnis der Ehe einzugehen und somit für das weitere Wachstum des Stammbaums zu sorgen.

Piet Hein – der erste niederländische Seeheld

Das Prunkgrab im Hauptchor, auf das man vom Mittelschiff aus direkt zusteuert, gehört dem wahrscheinlich bekanntesten aller holländischen Seehelden, Piet Pieterszoon Heyn. Er war der erste Admiral in der niederländischen Geschichte, der für seine Verdienste mit einem Mausoleum geehrt wurde.

Innenansicht der Oude Kerk (Alter Kirche) von Delft

Größe, Materialien und Ausführung des Ehrenmals zeugen von enormer Wertschätzung für den Verstorbenen, zumal Pieter de Keyser, der auch für das Mausoleum von Willem van Oranje sowie das Delfter Rathaus verantwortlich zeichnete, mit der Aufstellung beauftragt wurde.

Detail aus dem Mausoleum des Admirals Piet Hein in der Oude Kerk (Alte Kirche) in Delft

Den Mittelpunkt des tempelartigen Mausoleums bildet die Grabfigur des Admirals. Darüber erzählt ein Epitaph in aller Ausführlichkeit von seinen Heldentaten. Natürlich darf auch ein Wappenschild auf dem Giebelfeld des Mausoleums nicht fehlen, denn ab einer bestimmten gesellschaftlichen Stellung gehörte es zum guten Ton, ein Familienwappen zu führen. Mangels aristokratischer Wurzeln kreierte sich Piet Hein zu Lebzeiten selbst sein Insignium: ein Kanarienvogel auf einem Zaun.  Piet war ein beliebter Kosename für domestizierte Vögel und Hein diente als Abkürzung für „heining“ (Zaun). Fertig war das Wappen.

Wer genau hinschaut, kann links und rechts auf dem Mausoleum zwei Globen ausmachen. Sie sind als Symbole für das irdische und das himmlische Reich gedacht. Im Falle von Piet Hein, bekommen sie eine noch tiefgründigere Bedeutung, da er dafür bekannt war, bevorzugt zwischen den feindlichen Linien hindurch zu segeln, um diese sowohl von Back- als auch von Steuerbordseite mit Kanonenkugeln zu beschießen. Bei seinem letzten Gefecht wurde ihm diese Taktik leider zum Verhängnis.

Vom Galeerensklaven zum Vize-Admiral

Portrait of Piet (Pieter Pietersz) Hein (1577-1629), Jan Daemen Cool (workshop of), 1629
Portrait of Pieter Pietersz Hein (1577-1629),
Jan Daemen Cool (workshop of), 1629

1577 in Delftshaven geboren, lernte er von seinem Vater schon früh das Segler-Handwerk. Mit 19 Jahren geriet Piet Hein erstmals in Spanische Gefangenschaft. Fünf Jahre lange musste er auf fremden Galeeren dienen, bevor er im Rahmen eines Gefangenenaustausches wieder frei gelassen wurde. Zwei Jahre später ereilte ihn dasselbe Schicksal erneut. Dieses Mal durfte er nach vier Jahren Gefangenschaft nach Hause zurück kehren, wo er sich zunächst der Vereinigten Ostindischen Compagnie (VOC) anschloss. Später wechselte er die Seiten und Seerouten, in dem er unter der Flagge der neu gegründeten West Indischen Compagnie (WIC) segelte, wo er aufgrund seiner Erfolge bei der Eroberung feindlicher Schiffe in kürzester Zeit zum Vize-Admiral aufstieg.

Im Grunde genommen war Piet Hein zu dieser Zeit ein Freibeuter, doch der schon seit 1568 andauernde 80-jährige Krieg gegen Spanien legitimierte militärische Aktionen unter dem Deckmantel der Sicherung der Handelsrouten. Außerdem wirtschaftete Piet Hein, im Gegensatz zu anderen Piraten oder Freibeutern des Goldenen Zeitalters, nie in die eigene Tasche.

Der Held der Silberflotte

Zweimal jährlich machten sich etwa 50 bis unter den Bug vollbeladene Handelsschiffe, eskortiert von zwei Kriegsschiffen der spanischen Marine, aus den mittel- und südamerikanischen Kolonien auf den Weg zurück nach Spanien. Als sie 1628 in der Bucht von Matanzas vor Kuba den Weg des „Vliegenden Groene Draeck“ kreuzten, führte dies nicht nur zum größten Verlust in der Geschichte der spanischen Handelsschifffahrt, sondern auch zum Wendepunkt im 80-jährigen Krieg.

Verovering van de Zilvervloot in de Baai van Matanzas door admiraal Piet Heyn, 1628, anonymous, after Claes Jansz. Visscher (II), 1649 - 1651
Eroberung der Silberflotte in der Bucht von Matanzas durch Admiral Piet Heyn, 1628, anonym, nach Claes Jansz. Visscher (II), 1649 – 1651

Der Fliegende Grüne Drache war das Flaggschiff von Piet Heins Flotte, die im Auftrag der West Indischen Compagnie (WIC) einen Kaperkrieg gegen die verhassten Spanier führte. In einem taktisch geschickten Manöver wusste der holländische Vize-Admiral die feindlichen Segler auf die Sandbänke der Bucht zu lenken, wo diese schließlich kampf- und manövrierunfähig aufgeben mussten.
Seine Beute: 177.000 Pfund Silber, 37.000 Pelze, 3.000 Ballen Indigo und Cochenille-Stoffe sowie 361 Kisten Zucker. Umgerechnet entsprach dies einem Wert von etwa 500 Millionen Euro. Piet Hein war ein gefeierter Held. Ohne diese unerwartete Geldspritze hätten die Holländer den Krieg gegen Spanien nicht fortführen können.

Der heutige Gegenwert der Silberflotte

Sein letztes Gefecht

Der Freibeuter selbst sah seinen Erfolg eher kritisch. Angesichts der vielen Gratulanten und Feiern nach der Aufbringung der Silberflotte, soll er geäußert haben:
„Schaut wie sie tanzen und feiern, nur weil ich ein Vermögen erbeutet habe. Und das ohne großen Aufwand. Ich habe in meinem Leben zweifelsohne wesentliche gefährlichere Schlachten geschlagen und bedeutendere Siege errungen. Jedoch ging es dabei nicht um Geld, und deshalb verliert kaum jemand ein Wort darüber.“

Der schnöde Mammon war letztendlich der Grund für die unschöne Trennung von der WIC. Gerade einmal 7.000 Gulden, also nur 0,1 % des erbeuteten Vermögens gedachte die WIC an ihren Kapitän als Prämie auszuzahlen. Dieser war darüber dermaßen frustriert, dass er den Dienst quittierte.

Doch welch Glücksfall für die holländische Marine, die Piet Hein mit Handkuss aufnahm. Als Admiral-Leutnant erhielt er den sofortigen Oberbefehl über die Seeflotte mit der Weisung, die spanischen Piratenhochburgen vor der holländischen Küste auszuheben. Allerdings sollte es seine letzte Mission sein. Am 17. Juni 1629 beendete eine acht Pfund schwere Kanonenkugel eines spanischen Piratenschiffs vor Dünkirchen das intensive Leben des Piet Hein mit einem Schlag.

Maarten Tromp – Ein Mausoleum der Superlative

Am 10. August 1653 verwundete die Musketenkugel eines englischen Scharfschützen den Oberbefehlshaber der niederländischen Flotte, Admiral Maarten Tromp, tödlich. Die Schlacht von Scheveningen (nl. die Schlacht von Ter Heijde) im ersten Englischen Krieg ging damit für die Niederländer verloren, doch hatten sie ihr strategisches Ziel, die Befreiung von der englischen Blockade, erreicht.

The Battle of Terheide, Jan Abrahamsz. Beerstraten, 1653 - 1666
The Battle of Terheide, Jan Abrahamsz. Beerstraten, 1653 – 1666

Keine vier Tage später gab die Admiralität den Auftrag zur Errichtung eines Mausoleums in der Oude Kerk zu Delft für den im Kampf verstorbenen Seehelden in Auftrag. Kein geringerer als Jacob van Campen, Architekt des Amsterdamer Rathauses am Dam, wurde für den Entwurf und Rombout Verhulst als auch Willem de Keyser für die Ausführung der Arbeiten engagiert.

Bis heute stellt sich die Frage, warum der Admiral in Delft beerdigt wurde. Er war weder hier geboren, noch hatte er sich in der Grachtenstadt einen Namen gemacht. Der einzige Grund mag die Verbundenheit zu Piet Hein gewesen sein. Und deshalb können wir heute im nördlichen Querschiff ein Mausoleum der Superlative bewundern. Ganz offensichtlich war Maarten Tromp nicht nur ein erfolgreicher Befehlshaber zur See, sondern genoss auch privat ein hohes soziales Ansehen.

Mausoleum Admiral Maarten Tromp in der Oude Kerk (Alten Kirche) in Delft

Auf dem Unterbau des Mausoleums kämpft Maarten Tromp das unerwartet letzte Gefecht seines Lebens. Plastisch, dynamisch, realitätsnah lässt Willem de Keyser die Schlacht von ter Heijde noch einmal vor unseren Augen aufleben. Die darüber liegende, 700 Kilogramm schwere, marmorne Grabfigur zeigt den Admiral in Harnisch und mit Marschallstab. Möglicherweise ist es der Moment, in dem Maarten Tromp, seine berühmten letzten Worte an seine Mitstreiter richtete: „Ich habe es vollbracht, bleibt guten Mutes“.

„Großväterchen“ Admiral

In der Tat konnte Maarten Tromp zum Zeitpunkt seines Todes auf ein erfülltes Leben zurückblicken. Sowohl privat als auch beruflich. Er wurde 55 Jahre alt, war dreimal glücklich verheiratet, hatte 12 Kinder. Aufgrund seiner letzten ehelichen Verbindung verfügte er über beträchtliche finanzielle Mittel und hatte mit seinem integren Charakter, seinem Mut und taktischen Geschick die Karriereleiter bis ganz nach oben erklommen.

Portrait of Lieutenant-Admiral Maerten Harpertsz Tromp, Michiel Jansz van Mierevelt (workshop of), after 1640
Portrait of Maerten Tromp, Michiel Jansz van Mierevelt (workshop of), after 1640

In allen gesellschaftlichen Schichten erfuhr er die höchste Anerkennung. Von seinen Untergebenen wurde er wegen seiner hohen Sozialkompetenz respektvoll „Bestevaêr“ (Großväterchen) genannt, während der französische König Louis XIII. ihn für seinen Sieg über die spanische Flotte mit einem Adelstitel auszeichnete. Doch Maarten Tromp wandelte nicht immer auf der Sonnenseite des Lebens. Schon früh musste er lernen, wie schmal der Grat zwischen Erfolg, und Verlust ist. Sein früher Lebenslauf liest sich beinahe wie eine Kopie von Piet Hein.

Bereits mit neun Jahren flogen Maarten Tromp das erste Mal feindliche Kugeln um die Ohren. Zusammen mit seinem Vater, seines Zeichens Kapitän zur See, nahm er an der Seeschlacht von Gibraltar teil. Drei Jahre später geriet er in die Hände von Piraten, die seinen Vater töten und ihn selbst versklavten. Als er, inzwischen 14-jährig, wieder freikam, wartete die nächste schwere Bürde auf ihn. Als einziger Sohn stand er in der Pflicht die verwaiste Vaterrolle zu übernehmen und für seine Mutter und seine drei ebenfalls noch minderjährigen Schwestern zu sorgen. Um die Familie durchzubringen, suchte er sich Arbeit auf einer Rotterdamer Schiffswerft. Doch sobald es die Familienverhältnisse zuließen, hielt ihn nichts mehr an Land. Keine fünf Jahre später heuerte er erneut auf See an und fiel prompt wieder in Piratenhände. Dieses Mal kehrte er erst nach vier Jahren als freier Mann in die Niederlande zurück.

Maarten Tromp und die Admiralität – eine Hass-Liebe

Doch auch dieses Erlebnis konnte seinen Hang für die Schifffahrt nicht ernüchtern. 1622 trat er der niederländischen Marine bei. Hier traf er auf Piet Hein, der sein Potential schnell erkannte. Aufgrund seiner strategischen und taktischen Qualitäten ernannte ihn der Held der Silberflotte alsbald zum Kapitän seines Flaggschiffes. Nach dem Tod seines Förderers, entwickelte sich über die nächsten 30 Jahre eine Achterbahnfahrt zwischen dem Admiralsstab und Maarten Tromp. Der eine konnte nicht mit, aber auch nicht ohne den anderen auskommen.

Für die stetigen Spannungen sorgte, dass trotz überzeugender militärischer Erfolge Tromp, ein ums andere Mal, von der Führungsspitze der Marine, wenn es um das Thema Beförderung ging, übergangen wurde. Man speiste ihn mit diversen Ehrungen ab, so dass er wiederholt der militärischen Laufbahn den Rücken kehrte und sich der Handelsschifffahrt zuwandte.

Das 17. Jahrhundert war geprägt vom Tauziehen um lukrativste Handelsrouten und damit um die Vormachstellung auf den Weltmeeren. Die Niederländischen Staaten mischten dabei kräftig vorne mit, so dass die Führungsspitze der Marine ihren besten Flottenkapitän zur Rückkehr in den militärischen Dienst überredete, um sich anschließend wieder mit ihm zu überwerfen.

Ein typisches Beispiel hierfür war Tromps vielleicht größter Erfolg. 1639 gelang es ihm die sogenannte 5. Spanische Armada, die über das vierfache Kontingent an Kriegsschiffen verfügte, vernichtend zu schlagen. Er wandte dabei zum ersten Mal die sogenannte Linienschifftaktik an, wobei die niederländische Flotte in einer Linie Stellung bezog, um anschließend im Dauerfeuer am Gegner vorbei zu segeln.

Dieser unglaubliche Erfolg führte unverständlicherweise zu Kürzungen im Marinebudget, da Tromp unfreiwillig den Beweis erbracht hatte, dass man auch in zahlenmäßiger Unterlegenheit den Feind besiegen konnte. Selbstredend zeigte der Admiral-Leutnant dafür kein Verständnis und quittierte einmal mehr enttäuscht den Dienst.

Hubert Poot – Der Bauerndichter

Gesucht, aber nicht gefunden, so lautet leider das Resultat meiner Recherche nach dem Epitaph des Dichters Hubert Korneliszoon Poot. In unseren Breitengraden eher ein unbeschriebenes Blatt, war der Poet aus einfachen Verhältnissen in den Niederlanden seinerzeit sehr beliebt.

Nur zu gerne hätte ich diesen Gedenkstein mit eigenen Augen gesehen, denn seine Inschrift ist brutal, unumstößlich und Guiness-Buch rekordverdächtig kurz: „Hier liegt Poot. Er ist tot“

Hubert Kornelizoon Poot; nach Jacobus Houbraken; 1719
Hubert Kornelizoon Poot;
nach Jacobus Houbraken; 1719

Ein zweizeiliger Vers, der Fakten schafft. Unsentimental, unpoetisch. Ein Schulmeister soll ihn verfasst haben. Offensichtlich ein Minimalist, dessen Motto „In der Kürze, liegt die Würze“ gewesen sein muss. Das genaue Gegenteil von Poots Dichtkunst, denn der niederländische Lyriker war ein Romantiker und trug häufig in seinen Gedichten sein Gefühlsleben mit offenen Händen vor sich her.

Hubert Kornelisz. Poot wurde am 23. Januar 1689 in Abtswoude, einem kleinen Ort südlich von Delft geboren. Seine Eltern waren überglücklich, denn nun schien der Fortbestand ihres erfolgreich geführten, landwirtschaftlichen Anwesens gesichert. Doch Klein-Hubert schlug bereits im zarten Jugendalter aus der Bahn. Ihm stand der Sinn mehr nach geistiger Nahrung als nach körperlicher Arbeit. Zwar übernahm er folgsam und pflichtbewusst die ihm zugeteilten Dienste auf dem elterlichen Hof, doch wann immer möglich, widmete er seine wenige freie Zeit dem Studium der klassischen Literatur.

Hubert war keinesfalls ein Träumer, denn er hatte konkrete Vorstellungen von seiner beruflichen Zukunft. Die Poesie hatte es ihm angetan, und damit wollte er zukünftig seinen Lebensunterhalt verdingen. Zum Leidwesen seiner Eltern war dies keine vorübergehende Laune, auch wenn der erste Erfolg lange auf sich warten ließ. Poot war bereits 27 Jahre alt, als er seinen ersten Gedichtband veröffentlichte.

Der erste Stand-up-Poet

Poot traf mit seiner Publikation den Geschmack der Zeit. Durch den Erfolg beflügelt, erhoffte sich der Bauerndichter, wie er genannt wurde, mit einem Umzug nach Delft Zugang zu den intellektuellen und auch zahlungskräftigen Kreisen zu finden. Jedoch tat die umtriebige Stadt dem jungen Mann vom Lande nicht gut. Er geriet in die falschen Kreise, sprach über die Maßen dem Alkohol zu und musste, finanziell abgebrannt, nach nur einem Jahr „Großstadt-Abenteuer“ die Heimreise zum elterlichen Bauernhof antreten.

Trotz des Rückschlags hielt Poot an seinem Kindheitstraum fest. Als brooddichter zog er durch die Lande und bot zu jedem Anlass und bei jeder sich bietenden Gelegenheit, sein dichterisches Talent an. Möglicherweise lernte er so Neeltje ‚t Hart kennen, die Tochter des Bürgermeisters der Nachbargemeinde. Man kann sich gut vorstellen, dass der zukünftige Brautvater von dieser Liaison nicht begeistert war, doch alle Einwände gegen den brotlosen Beruf des Schwiegersohnes fielen bei der Tochter auf fruchtlosen Boden.

Mit der Zeit, Hubert hatte inzwischen weitere Gedichtbände veröffentlicht und verdiente sich darüber hinaus ein Zubrot als Verleger, schien der väterliche Widerstand zu bröckeln. 1732 heirateten Neeltje und Hubert. Sie gründeten ihren gemeinsamen Hausstand in Delft. Allerdings war dem jungen Brautpaar nur ein kurzes gemeinsames Glück vergönnt. Zuerst raffte nach nur 13 Tagen der plötzliche Kindstod ihre Tochter dahin und keine sechs Monate später, in der Silvesternacht 1733, verstarb Hubert Poot völlig unerwartet.

Jacob Janszoon Graswinckel – Der Wunderdoktor

Heute scheint nicht mein bester Tag zu sein. Auch das nächste Grab versteckt sich meisterlich. Vielleicht liegt es daran, wie ich später erfahre, dass sich Jacob Janszoon Graswinckel ein Grab mit Hubert Poot teilt? Ich denke, das wird das „Wunder der Armen“, wie er von seinen Protegés genannt wurde, nicht gestört haben, denn Teilen war das Lebensmotto des 1536 in Delft geborene Patriziersohns.

Allerdings war dies nicht immer so. Mit einem goldenen Löffel im Mund geboren, warteten die wohlhabenden, väterlichen Fußstapfen nur darauf, dass Sohnemann Jacob in sie hinein wuchs und mit noch mehr Reichtum füllte. Doch statt die Schulbank zu drücken, drückte er sich lieber vor der Schulbank und ging seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Segeln, nach. Eines Tages kenterte sein Boot in einem heftigen Unwetter. Jacob wurde in letzter Sekunde gerettet. Dieses Erlebnis hatte den Heranwachsenden so stark beeindruckt, dass er fortan seinem Leben eine andere Richtung und einen tieferen Sinn gab.

Er zog sich in das Hinterhaus seiner Eltern in der Oude Delft 205 zurück, wo er sich autodidakt dem Studium der Heilpflanzen und -kräuter widmete. Dazu legte er einen umfangreichen Kräutergarten an, um die medizinischen Wirkungen der verschiedenen Pflanzen eingehend erforschen zu können. Wie ein barmherziger Samariter behandelte er alle Mittellosen und Bedürftigen kostenlos mit seinen selbst gefertigten Tees, Tinkturen und Umschlägen. 

Graswinckel hatte in Delft beinahe Heiligenstatus. Er kam mit 30 Gulden, umgerechnet etwa 450 Euro, im Jahr aus. Er arbeitete und schlief in einem Stuhl und besaß weder Bett noch Tisch noch Frau. Sein einziger Luxus bestand im Winter aus einem mobilen, mit glühenden Kohlen gefüllten Fußwärmer. Auf seinem Speiseplan stand nichts als Brot und Milch. Vielleicht war dies das Geheimnis seines hohen Alters. Graswinckel verstarb 1624. Er wurde 88 Jahre alt.

Antoni van Leeuwenhoek – Der Mann der Linsen

„Oh Reisender, ein jeder habe
Ehrfurcht vor hohem Alter
und wunderbaren Gaben,
setze er seinen Schritt hier mit Respekt,
denn hier liegt die graue Wissenschaft
mit Leeuwenhoek begraben“.

Huibert Poot, dem wir bereits im südlichen Seitenschiff begegnet sind, hat diesen selbst gedichteten Vers auf der Grabplatte seines Freundes Antoni van Leeuwenhoek, verewigen lassen. In der Tat erreichte der berühmte Sohn der Stadt Delft ein fast methusalemisches Alter von 90 Jahren und besaß ein außerordentliches Forschertalent, allerdings war seine Wissenschaft keineswegs grau.

Portrait of Anthonie van Leeuwenhoek, Natural Philosopher and Zoologist in Delft, Jan Verkolje (I), 1680 - 1686
Portät von Anthonie van Leeuwenhoek,
Jan Verkolje 1680 – 1686

Antoni van Leeuwenhoeks Lebenslauf liest sich ebenso ungewöhnlich wie seine bahnbrechenden naturwissenschaftlichen Entdeckungen.
1632 in Delft in geboren, zog er mit 16 Jahren nach Amsterdam, um dem Wunsch seiner Mutter entsprechend, eine Lehre als Buchhalter aufzunehmen. Doch die reine Zahlenschieberei war nichts für Antoni. Lieber ließ er sich in die Geheimnisse der Tuchmacherei einweisen. Als gut ausgebildeter junger Mann, kehrte er sechs Jahre später nach Delft zurück und eröffnete seinen eigenen Tuchhandel. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits mit den ersten selbst angefertigten Vergrößerungsgläsern experimentiert, die ihm erleichterten, die Anzahl der Fäden eines Stoffes zu zählen und somit dessen Qualität zu bestimmen.

Mit nur 40 Jahren war van Leeuwenhoek ein gemachter Mann. Er hatte reich geerbt, der Tuchhandel florierte, sein ausgezeichneter Leumund verschaffte ihm hohe gesellschaftliche Anerkennung. Neben seiner Berufung an den städtischen Gerichtshof, wurde er zum Landvermesser und Eichmeister für Alkoholika bestellt, sowie als Nachlassverwalter von Johannes Vermeer eingesetzt.
Aber seine eigentliche Passion galt der Wissenschaft.

Kleinste Lebewesen haben ihren großen Auftritt

Zeichnung von Antoni van Leeuwenhoek; Mikroskopischer Schnitt durch ein einjähriges Eschenholz

Mit Leidenschaft beschäftigte sich der Delfter mit der Herstellung von Linsen und Mikroskopen. Leeuwenhoek war Autodidakt. Er lernte selbständig Glas zu brennen, blasen, schleifen und polieren mit einer Qualität, die seinesgleichen suchte. Die Linsen, die er dabei erzeugte, waren ohne störende Lufteinschlüsse und wiesen eine 100- bis 270-fache Vergrößerung auf. Seine mit diesen winzigen Linsen hergestellten Handmikroskope waren zwar in der Handhabung nicht ganz praktisch, aber die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die er durch sie gewann, waren revolutionär.

Neben dem Kapillarsystem mitsamt den roten Blutkörperchen, untersuchte er ebenfalls menschliches und tierisches Sperma, als auch die roten Muskelfasern. Seine größte Entdeckung machte er jedoch mit den kleinsten Lebewesen, den Bakterien. Drei unterschiedliche Arten konnte er unter seinen Mikroskopen identifizieren und beschreiben: die Bazillen, die Spirillen und die Kokken.

Detailgenau führte er schriftliche Aufzeichnungen über seine Forschungen, die jedoch viele Jahre unbeachtet blieben. Da van Leeuwenhoek nie studiert hatte, war er des Lateinischen nicht mächtig.
Dies war jedoch die einzig anerkannte wissenschaftliche Sprache. Man mag sich gar nicht vorstellen, welche bahnbrechenden Entdeckungen der Wissenschaft vorenthalten geblieben wären, hätte der passionierte Mikrokosmonaut nicht die Bekanntschaft des Arztes Reinier de Graaf gemacht, der van Leeuwenhoek 1673 in die Royal Society, die britischen Akademie der Wissenschaften, einführte.

500 Mikroskope, 300 Briefe und ein Zar

Mikroskop von Antoni Leeuwenhoek
Das zu untersuchende Objekt wurde mit einer Klammer vor die Linse geklemmt. Die Schraube diente zur Höhenverstellung.

Das war der lang ersehnte Türöffner für Leeuwenhoek. Zwar sollte es sieben Jahre dauern, bis der Niederländer selbst in die Royal Society aufgenommen wurde, aber viel wichtiger war, dass seine Mikroskope und Studien nach eingehender Prüfung endlich die entsprechende Anerkennung und Verbreitung in Wissenschaftskreisen fanden. 

Van Leeuwenhoek war ein sehr produktiver Zeitgenosse. Er fertigte zeitlebens nicht nur 500 Mikroskope an, sondern er beschäftigte auch die niederländische Kurierpost über alle Maßen. Mehr als 300 Briefe verfasste der Delfter an die Londoner Gesellschaft, die allesamt ins Lateinische übersetzt wurden. Dazu traten 26 Mikroskope den Weg über den Ärmelkanal an. Sogar Peter der Große, Zar von Russland, soll im Besitz eines Leeuwenhoek Mikroskops gewesen sein.

Heute sind nur noch etwa zehn Mikroskope erhalten. Eines davon wechselte 2009 bei einer Auktion für über 300 Tausend Euro den Besitzer. Der Verbleib der restlichen Mikroskope wird wohl für immer ein Rätsel bleiben, ebenso wie die Technik, die van Leeuwenhoek anwandte, um die außergewöhnliche Qualität seiner Linsen zu erzielen. Dieses Geheimnis nahm er mit ins Grab, so dass erst die Ende des 19. Jahrhunderts gebauten Mikroskope der Auflösung und Präzision der einlinsigen Leeuwenhoek-Mikroskope nahe kamen.

Ein Grabdenkmal wie die graue Wissenschaft

Gedenkstein fuer Antoni van Leeuwenhoek in der Oude Kerk (Alten Kirche) in Delft

Leeuwenhoeks Grabmonument wirkt nüchtern, steril, kalt. Es hat nichts gemein mit den pompösen, ausgeschmückten Mausoleen der beiden niederländischen Seehelden. Doch trotz seiner Schlichtheit versteckt sich hinter den wenigen Stilelementen viel Symbolik.

Zu Füßen des Denkmals findet sich ein Totenschädel mit gekreuzten Knochen als Mahnmal für die Vergänglichkeit des Lebens, während sich darüber ein himmelwärts strebender Obelisk erhebt. Mit seiner konisch zulaufenden Form zeigt er den Weg des Lebens an. Die Jahre werden immer weniger, dafür nimmt gegen Ende die Erkenntnis und Weisheit zu. Folgerichtig befindet sich im oberen Drittel des flachen Obelisken ein aus Marmor gefertigtes Medaillon mit dem Konterfei des Naturwissenschaftlers in lockiger Perücke.

Gekrönt wird das Grabmonument von einer Urne mit goldzüngelnder Flamme. Der menschliche Tod bedeutet nicht das Ende. Zumindest nicht für den Geist der Wissenschaft, denn das Feuer der Erkenntnis brennt weiter.

Johannes Vermeer – der berühmteste Sohn Delfts

Ach ja, bestimmt fragt Ihr Euch jetzt enttäuscht: „Was ist mit dem berühmten Maler Johannes Vermeer? Der liegt doch auch in der Alten Kirche von Delft begraben, oder etwa nicht?“
Ihr habt natürlich vollkommen Recht. Und selbstverständlich ist das Grab und der Gedenkstein von Johannes Vermeer die Touristenattraktion schlechthin. Deshalb lehnt Euch entspannt zurück und lest einfach hier weiter. Wenn Ihr noch mehr über Leben und Werk des bekanntesten Sohnes der Stadt Delft erfahren möchtet, dann schaut Euch am Besten im Vermeer Centrum in der Nähe des Marktplatzes um.


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