L'Ancienne Douane de Strasbourg
Reichhaltiges Kulturerbe,  Straßburger Spaziergänge

Ancienne Douane – Das ehemalige Kauf- und Zollhaus


Alle Wege führen nach Rom und zahlreiche über den Fluss Ill ins historische Zentrum von Straßburg. Die Pont Corbeau, die Rabenbrücke, zählt dabei zu den ältesten und am häufigsten frequentierten Zugängen auf die Grand-Île. Eingerahmt wird die Brücke mit der dunklen Vergangenheit von zwei Gebäuden, deren Wirtschaftskraft die elsässische Metropole entscheidend mitprägte: die Große Metzig, das ehemalige städtische Schlachthaus und jetzige Historische Museum, sowie gegenüberliegend das Kaafhüs, heute besser bekannt unter dem Namen „Ancienne Douane“. Welche Bedeutung das ehemalige Zollhaus für die Stadt besaß und wie es um sein umtriebiges Innen- und Außenleben bestellt war, lohnt einen eingehenderen Blick.

Kein Zuckerschlecken

Der Einzelhandel prägte weite Strecken des Mittelalters. Dabei beförderten die Bauern, Handwerker und Händler ihre Waren überwiegend per Pferde- oder Ochsenkarren zum nächsten Marktplatz. In Städten wie Straßburg existierten sogar mehrere Umschlagplätze, die jeweils auf ein spezifisches Produkt spezialisiert waren. Noch heute erinnern Straßenschilder wie Ferkelmarkt (Place du Marché aux Cochons de lait), Kornmarkt (rue du Vieux Marché aux Grains) oder Weinmarkt (rue du Vieux Marché au vin) an die dezentralisierten Handelsplätze.

Mit zunehmendem Wohlstand stieg die Nachfrage nach besonderen, mitunter exquisiten Produkten, die von lokalen und regionalen Anbietern nicht gedeckt werden konnte. Langsam, aber sicher entwuchs nicht nur der Einzel-, sondern auch der Fernhandel seinen Kinderschuhen. Jedoch war der Überlandtransport von schweren Lasten oder Massengütern auf schlecht ausgebauten Wegen kein Zuckerschlecken. Die Binnenschifffahrt kristallisierte sich deshalb immer mehr als zeit- und damit gewinnbringende Alternative heraus. Besonders stromabwärts ließen sich schwere Lasten schneller, ohne großen Aufwand und deutlich ungefährlicher als über Land an den Zielort bringen.

Die Geburtsstunde des Kaufhauses

Die aufblühenden Handelsaktivitäten stellten die Stadt vor neue Herausforderungen. Die Unterbringung der auswärtigen Händler mitsamt ihren Waren in den dafür zugelassenen Herbergen entwickelte sich allmählich zum Albtraum. Im 14. Jahrhundert mehrten sich die Beschwerden über Diebstähle, Qualitätsbeeinträchtigung durch unsachgemäße Lagerung oder schlechte Unterbringung. Man entschloss sich zu handeln. Die Errichtung eines Kaufhauses sollte das Problem lösen. Denn nur wer sich und sein kostbares Handelsgut in Sicherheit wusste, der kam auch gerne wieder.

Als Standort für den geplanten Neubau bot sich der Salzhof an. Eine clevere Wahl, die von der mächtigen Schifferzunft zum Anker als Mitinitiator und -bauherr entscheidend beeinflusst wurde. Dass der einstige Handelsplatz für das aus Lothringen nach Straßburg eingeführte Schüttgut direkt an der Ill lag, erleichterte nämlich das Anlegen und Entladen großer Warenmengen von den Schiffen auf die Kaimauer erheblich.

Strassenschild Rue de la Douane und Kaufhuesgass

Im Jahr 1358 war das Kaafhüs mit den markanten gotischen Zinnengiebeln fertiggestellt. Da Gebäude erfüllte gleich mehrere Zwecke. Zum einen bot es den Händlern geschützte, adäquate Lager- und zugleich Verkaufsräume an. Parallel dazu eröffnete es Abnehmern die Möglichkeit eines Preis- und Qualitätsvergleichs auf engstem Raum. Außerdem gab es für alle Handeltreibenden eine zentrale Waage und selbstverständlich befand sich auch die Hebestelle für Zölle und Steuern vor Ort. Das Kaufhaus, wie es damals offiziell genannt wurde, entwickelte sich zur Triebfeder des nationalen und internationalen Großhandels.

Hausmeister, Knechte, Denunzianten und Kuppler im Kaufhaus

Die Leitung des neuen Warenumschlagplatzes übernahm der Huzmeister bzw. amptman in dem küfhuse. Eine äußerst begehrte Position, die die Aufsichtsbehörde über das Kaufhaus, der Dreierrat auf dem Pfennigturm, nur einer besonders zuverlässigen und zugleich kaufmännisch kompetenten Person anvertraute. Neben der ausgesprochen großzügigen Vergütung in Form von barer Münze, Tuch und Kostgeld erhielt der Huzmeister freies Wohnrecht im Obergeschoss des Zollhauses. Ganz nach dem Motto gerechter Lohn verhindert straffällige Begehrlichkeiten, gedachte der städtische Arbeitgeber so seinen leitenden Mitarbeiter für ein Wirtschaften in die eigene Tasche zu immunisieren. Zusätzlich appellierte man mit einem Amtseid für „getrüweliches und ernstliches warten des Kaafhüses“ an seinen Ehrenkodex. Als weitere Absicherung gegen Veruntreuung und Korruption musste der Hausmeister eine beträchtliche Geldsumme als Kaution hinterlegen. Sicher war sicher.

Die Stellenbeschreibung des Huzmeisters reichte von der Erfassung der Waren im Kaufhaus bis zur Erhebung der Transit- und Handelszölle. Selbst Waren, die sich nur auf der Durchreise befanden, wurden besteuert. Allerdings zu einem wesentlich niedrigeren Prozentsatz als die Güter, die im Kaufhaus den Besitzer wechselten. Die Transaktionssteuer richtete sich dabei nach der Höhe des Verkaufspreises und konnte mit bis zu 10% zu Buche schlagen.

Als Unterstützung, auch für das tägliche Öffnen und Schließen des Kaufhauses zwischen 6 Uhr morgens und 16 Uhr nachmittags, stand dem Kaufhausherr ein Schreiber zu Seite. Außerdem wimmelte es im großen Lagerhaus an Kaufhausknechten, die hauptsächlich als Lastenträger fungierten. Den sogenannten Unterkäufern kam eine besondere Rolle zu. Die von der Stadt engagierten „Kuppler“ brachten Verkäufer und Interessenten zusammen, beurteilten die Qualität der Waren und sorgten für die ordnungsgemäße Abwicklung der Transaktionen. Außerdem verpflichteten sie sich, Schwarzverkäufe umgehend der Oberinstanz im Pfennigturm zu melden. Es herrschte ein strenges Regiment, das in einer Kaufhausordnung schriftlich fixiert war.

Das Stapelrecht – ein kaiserlicher Freibrief für städtische Wirtschaftserpressung

1389 und 1393 erfolgten die ersten Erweiterungsbauten in Richtung Westen. Nun stand eine Lager- und Verkaufsfläche von knapp 2000 m2 zur Verfügung. Darüber hinaus erhielt die Schiffsanlegestelle zur St. Nicolas-Brücke hin ein Kranhaus mit zwei Laufrädern, die ein menschliches „Hamsterduo“ in Gang hielt. Über die beiden schwenkbaren Kranärme konnten Lasten von bis zu 1500 Kilogramm bewegt werden. Von da an ging das Be- und Entladen noch schneller vonstatten, noch mehr Waren gelangten zur Abfertigung. Zeit war schon im Mittelalter Geld. Noch bis 1865 gehörten die beiden Kräne am Kai der Ill zu den Wahrzeichen der Stadt, dann fielen sie der Abrissbirne zum Opfer.

Die beiden Kranhaeuser neben dem ehemaligen Zollhaus an der Ill vor 1870
die Kranhäuser vor 1870

Der Kaufhausausbau nahm in vorausschauender Weise die Erteilung des Stapelrechts durch Kaiser Sigismund im Jahr 1414 vorweg. Fortan war jedes Handelsschiff gezwungen, im Hafen von Straßburg anzulegen. Und das waren nicht wenige, denn als linker Rheinzufluss gehörte die Ill zur wichtigen Nord-Süd-Handelsroute, die von Basel bis zur Rheinmündung in die Nordsee reichte. Jedes Fass Wein, jedes Pfefferkorn, jede Elle Tuch musste hier entladen, gewogen und versteuert werden. Keine Ware gelangte in die oder an der Stadt vorbei, ohne dass es dafür im Stadtsäckel klingelte. Freier Warenverkehr ade!

Das Stapelrecht beinhaltete in der Regel auch eine zeitliche begrenzte Niederlegung der Waren. Dies bedeutete, dass der Händler, ob er wollte oder nicht, sein Handelsgut für einen festgelegten Zeitraum im Zollhaus zum Verkauf anbieten musste. Zwar ist diese vom Kaiser geduldete Form der Piraterie in Straßburg nicht konkret dokumentiert, dafür profitierte die Stadt gleich in mehrfacher Hinsicht von dem solitären Sonderrecht zwischen Basel und Mainz.

Ohne Schnieken keine Luxusgüter in Straßburg

Der gestiegene Bedarf an Hafenarbeitern, Sackträgern, Kranführern kurbelte im Handumdrehen den Arbeitsmarkt an. Das mit einer saftigen Geldbuße belegte Verkaufsverbot an auswärtige Händler privilegierte die einheimischen Kaufleute. Dadurch erreichte das Warenangebot eine nie da gewesene Vielfalt. Zählten anfangs Textilprodukte aus Flandern, Paris und Köln, Pelze, Seifen, Tierfette, Öle Leim, Papier, Tinte und Gewürze zu den gängigsten Gütern, gewann gegen Ende des 15. Jahrhunderts der Handel mit Luxusprodukten zunehmend an Bedeutung. Edle Glasprodukte, wertvolle Stoffe, gold- und silberdurchwirkte Tuche, Edelsteine, exotische Lebensmittel und immense Mengen an Grundstoffen für die Färberei füllten das Lagerhaus an der Ill.

Der 1630 angefertigte Stich des böhmischen Kupferstechers Wenzel Hollar zeigt nicht nur ein historisches Stadtbild mit dem Krangebäude und dem Kaafhüs mit seinen unzähligen Dachgauben im Vordergrund, sondern vermittelt auch einen interessanten Eindruck des geschäftigen Treibens auf der Kaimauer. Damals war es gängige Praxis, die Waren in Fässern zu befördern. Das galt nicht nur für Wein, sondern auch für Salz, geräucherten und getrockneten Fisch oder Hülsenfrüchte.

Les Quatre saisons, Autumnus, Vue de port médiéval, vers 1630, Wenzel Hollar

Transportiert wurden die Güter auf sogenannten Schnieken, die ein Steuermann auf einer erhöhten Plattform am Heck des Kahnes sicher durch die Strömungen navigierte. Ging es gegen den Strom, mussten die Flachboote gestakt oder getreidelt werden. Zunächst mit Menschenkraft und später mit Hilfe von Pferdestärken. Bis zu 25 Tonnen konnten die aus Eichen- oder Tannenholz gefertigten Lastenschiffe von vier Metern Breite und 25 Metern Länge laden. Diese speziell für die Flussschifffahrt entwickelten Kähne verkehrten noch bis Ende des 17. Jahrhunderts auf dem Rhein und seinen Nebenflüssen.

Metzger Spanbett – ein Name mit Programm

Bereits 1401 war  ins Erdgeschoss des Kaafhüs Metzger Spanbett eingezogen. Er eröffnete ein Gasthaus, das durchreisenden Kaufleuten eine Bettstatt und Schiffern, Händlern, Hafenarbeitern solide Kost als auch hopfen- und hefelastige Flüssignahrung bot. Ein Selbstläufer unter Vollbetrieb, wie man sich denken kann.

Besonders dramatisch muss deshalb das Szenario gewesen sein, als in der Johannisnacht 1497 ein Feuer ausbrach. Schnell griffen die Flammen um sich. Als einziger Ausweg blieb ein waghalsiger Sprung in die Ill. Doch nicht alle Wirtshausbesuchern schafften es rechtzeitig, sich in die nassen Fluten zu stürzen. 26 Menschen fanden bei dem Brand den Tod. Ein den lukullischen Lebensfreuden besonders zugetaner Mönch wurde ihnen zum Verhängnis. Panisch versuchte der Kirchenmann dem Inferno durch eines der kleinen Fenster zu entkommen, blieb jedoch mit seiner Leibesfülle stecken. Der Fluchtweg war versperrt, das Wirtshaus brannte bis auf die Grundmauern nieder. Mehrere Jahre zogen ins Land, bis die Wiedereinweihung gefeiert werden konnte.

Das Kauf- und Zollhaus nimmt Abschied

Der Handel florierte derweil ungebrochen weiter. Im 18. Jahrhundert platzte das Handel-Lager-Zollhaus aus allen Nähten. Nach zwei weiteren Ausbauten entschloss man sich 1803 für den Umzug von Hafen und Zoll in den Süden der Stadt. Von da an erhielt das Kaafhüs zur besseren Unterscheidung ihres umgesiedelten Nachfolgers den Namen Ancienne Douane – ehemaliges Zollhaus.

Stich des Zollhauses von Strassburg um 1850

Es folgte die Zeit der wechselnden Besitzer und Nutzungen. Zunächst zog ein Weinhändler mit seinem Kontor in die leer stehenden Räumlichkeiten, dann folgte eine Tabakhandlung. Ab 1897 priesen die Fischhändler ihren frischen Fang an, bis sich schlussendlich die große Markthalle der Stadt darin etablierte. Derweil wurde in den Anbauten und Obergeschossen fleißig geturnt und musiziert. Knappe 50 Jahre später, am 11. August 1944, waren große Teile des alten Zollhauses auf einen Schlag Geschichte. Ein amerikanischer Bomber hatte das geschichtsträchtige Gebäude bis auf wenige Mauern in Schutt und Asche gelegt.

Eine gelungene Rekonstruktion?

Das steinerne Halbvakuum entpuppte sich plötzlich als Sorgenkind. Sein oder nicht sein, Rekonstruktion, Neubau oder Abriss war die Frage. Nach vier Jahren lähmender Entscheidungslosigkeit trat die Denkmalbehörde auf den Plan und stufte das zerstörte Bauwerk als Monument historique ein. Wenn das nicht schon seltsam genug war, dann mit Sicherheit die Tatsache, dass sich der Denkmalschutz nur auf die „Schokoladen-Schauseite“ zur Ill hin, die Dachgauben und die zinnenbewehrten Giebel beschränkte. Nichtsdestotrotz muss man dafür ein leises Dankesgebet aussprechen, denn gewiss ersparte sich die Stadt dadurch eine weitaus größere Bausünde. So aber war anhand von Originalplänen der Weg frei für einen Wiederaufbau nach mittelalterlichem Erscheinungsbild. Zumindest theoretisch. Praktisch jedoch ergab sich daraus eine lange, von reichlich Diskussionen um Sinnhaftigkeit, Authentizität und Funktionalität ausgefüllte Durststrecke.

Erst in den 1960-ern öffnete das ehemalige Zollhaus wieder seine Pforten. Ob und inwiefern man unter Aspekten des Denkmalschutzes tatsächlich von einer Rekonstruktion sprechen kann, überlasse ich dem Urteilsvermögen jedes Einzelnen.

Zurück zu den Wurzeln

Als wesentlich wichtiger erwies sich das neue Nutzungskonzept, das mit einer Kombination aus Kultur und Gastronomie eine großangelegte Tourismusoffensive vorsah. Die vordere Fläche zur Rue du Vieux-Marché-au-Poissons beherbergte fortan die im Aufbau begriffene Sammlung für moderne und zeitgenössische Kunst. In Verlängerung davon lockte eine Brauerei-Gaststätte mit elsässischen Spezialitäten und … Außenterrasse. Soviel zum Thema Denkmalschutz. Als die Kunstkollektion 1998 in das MAMCS (Musée d’Art Moderne et contemporain de Strasbourg) in die Petite France umzog, füllte man den Leerstand mit attraktiven Wechselausstellungen.

Schild mit Schiffer und Fuhrwerk am ehemaligen Zollhaus von Strassburg

Mit der Einweihung des Ladengeschäfts „La Nouvelle Douane“ rückte das ehemalige Kaafhus im Jahr 2014 wieder näher an seine ursprünglichen Wurzeln heran. Anstelle von Kunstwerken präsentieren seither über ein Dutzend lokale Erzeuger ihr Warenangebot von frischem Obst, Gemüse und Fleisch über Milchprodukte, Honig oder Marmelade bis hin zu Hochprozentigem. Passend dazu erinnert das heutige „Fassaden-Aushängeschild“ an die historische Funktion des Zollhauses als Warenumschlagplatz und die Bedeutung der Flussschifffahrt für das Wachstum und die wirtschaftliche Blüte der Stadt Straßburg.

La nouvelle Douane Strassburg

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