Ernest Hemingway
Navarra,  Spanische Erinnerungen

Burguete und Hemingway’s Vermächtnis

„Wir fuhren durch den Wald, und die Straße führte hinaus an einer Erhöhung vorbei, und vor uns dehnte sich eine wellige grüne Ebene aus, mit dunklen Bergen im Hintergrund. […] Als wir an den Rand der Erhöhung kamen, sahen wir die roten Dächer und die weißen Häuser von Burguete in der Ebene vor uns aufgereiht, und ein Stück abseits, angelehnt an den ersten dunklen Berg, sah man das graue, metallgedeckte Dach des Klosters von Roncesvalles. […] Der Omnibus kam langsam auf die ebene Straße, die nach Burguete hineinführte. Wir überquerten eine Wegscheide und dann eine Brücke, die über den Fluss ging. Die Häuser von Burguete lagen zu beiden Seiten der Straße. Es gab keine Seitenstraßen. Wir kamen an der Kirche und dem Schulhof vorbei, und der Omnibus hielt.“
Ernest Hemingway, The sun also rises

Die Anglerheimat Hemingways

Das war 1926. Jack Barnes, Protagonist aus Hemingway’s Roman The sun also rises (dt. Fiesta), verhalf mit seinem Angelausflug in die wilde, urtümliche Gegend am Fuße der Pyrenäen, dem 440 Seelendorf von einem Tag auf den anderen zu Weltruhm. Dabei wandelte der Romanheld in den Fußstapfen seines Autors, der es liebte, die Stille und Abgeschiedenheit der Pyrenäenwälder und Berghänge aufzusuchen, um sich beim Forellenfischen von den Strapazen der San Fermines Fiesta in Pamplona zu erholen.

Fiesta, Roman von Ernest Hemingway

Viel verändert hat sich in Burguete seit den Zwanzigerjahren nicht. Im Frühjahr pfeift immer noch ein eiskalter Wind um die wenigen Häuserwände. Die weiß verputzten, klobigen Steinhäuser mit den zumeist roten oder grünen Fensterläden und den ziegelgedeckten Walmdächern versprühen ihren herben Charme und die Landschaft präsentiert sich gleichermaßen ungebändigt. Im Ortsbild haben sich mittlerweile einige wenige Seitenstraßen hinzugesellt, während die Einwohnerzahl bedauerlicherweise um die Hälfte zurückgegangen ist. Immerhin steht das Hostal Burguete, die Unterkunft Hemingways und Barnes während ihrer Angeleskapaden, noch am selben Fleck. Und hinter seinen dicken Mauern breitet sich damals wie heute der Duft von Hemingways Lieblingsspeisen, des dampfend heiß servierten Gemüseeintopfs sowie der mit Speck umwickelten Forelle, im niedrigen Speisesaal aus.

Hostal Burguete in Burguete/ Auritz in Navarra

Der berühmteste Gemüseeintopf von Navarra

Es ist kurz vor zwei Uhr, also die optimale Zeit für ein ausgedehntes Mittagessen in authentischem Hemingway Ambiente. Doch leider habe ich die Rechnung ohne den Wirt beziehungsweise ohne die Tatsache gemacht, dass heute Ostersamstag ist. Ohne Reservierung geht an diesem Tag gar nichts. Der Wirt erklärt freudestrahlend, dass er voll ausgebucht ist. Schön für ihn, ärgerlich für mich.

Nun, ich bin ja flexibel. Wie wäre es mit einer Reservierung für heute Abend? Ich ernte nur Kopfschütteln, begleitet von einem entschiedenen „No, geschlossene Gesellschaft“. Mein Vorschlag, ich könnte mich auch nur mit der berühmtesten Gemüsesuppe Navarras zufriedengeben, um dem Koch nicht zu viel Arbeit zu machen, prallt unbeeindruckt von ihm ab. Vielleicht könnte ich ja im Eingang warten, bis ein Platz frei wird? Sein Kopf wendet sich wieder von links nach rechts. Wie kann der Wirt nur so unbarmherzig sein? Letzter Anlauf. Ich setze alles auf eine Karte. Mitleid heischend, erkläre ich ihm, welchen weiten Weg ich auf mich genommen habe, nur um in den Genuss der beiden Kultspeisen des Hostals zu kommen. Ich spüre, hinter seiner Stirn arbeitet es. Sein Widerstand lässt nach. Es scheint, meine Hartnäckigkeit hat ihn weichgeklopft.

Schnell ist im niedrigen, mit Steinfußboden und Eichenpaneelen ausgekleideten Gastraum ein kleiner Beistelltisch frei geräumt und ein provisorischer Sitzplatz neben der Türe eingerichtet. Ich bedanke mich überschwänglich, um nur kurze Zeit später, à la Hemingway die „große, dampfende Schüssel mit Gemüsesuppe und Wein“ zu genießen, während draußen „der Wind auf den Fensterläden stand“.

Zutaten für 4 Personen
  • 4 Esslöffel Olivenöl
  • 1 Zwiebel, klein geschnitten
  • 100 g grüne Bohnen, quer halbiert
  • 2 Lauchstangen in Scheiben geschnitten
  • 100 g Erbsen 
  • 200 g getrocknete, weiße Bohnen
  • 100 g dünn geraspelter Weißkohl
  • 500 g Räucherschinken am Stück
  • 4 Knoblauchzehen
  • Salz, Pfeffer
  • 1,5 – 2 Liter Wasser
Zubereitung
  • Knoblauch und Zwiebeln in einen großen Topf geben und im Olivenöl bei schwacher Hitze glasig dünsten
  • Weiße Bohnen und Räucherschinken am Stück zugeben
  • Salzen, pfeffern und das Wasser hinzufügen
  • Etwa 2,5 Stunden bei mittlerer Hitze köcheln lassen bis die Bohnen fast weich sind
  • Kohl, grüne Bohnen und Lauch zugeben und weitere 20 Minuten kochen.
  • Zum Schluss die Erbsen zufügen und noch einmal 5 Minuten kochen.
  • Den Schinken herausnehmen und separat servieren
  • Den Eintopf mit Salz und Pfeffer abschmecken

Die Forellen-Speck-Frage

Nachdem ich mich bereits in den navarresischen Gemüse-Eintopf-Himmel katapultiert habe, folgt mit der Forelle der lukullische Menühöhepunkt. Navarras Forellenreichtum ist legendär und das nicht erst seit Ernest Hemingway ihnen zum literarischen Durchbruch verholfen hat. Da sich das Forellenfischen an den frischen Bergbächen und klaren Flüssen Navarras immer größerer Beliebtheit erfreute, gibt es inzwischen klare Restriktionen zu Fangzeiten, Fangmenge, Köderverwendung und Fischgröße. Die Frage, warum das Forellenangeln generell dienstags verboten ist, hält sich mindestens schon ebenso lange wie die Diskussion darüber, ob man die Forellen mit Serrano Schinken füllt oder diesen nur beilegt. Im Hostal Burguete wird letztere Tradition gepflegt, was genau meinen Geschmack trifft.

Zutaten für 4 Personen
  • 4 ausgenommene Forellen à 250 g
  • 4 Scheiben Serrano-Schinken
  • Saft einer ½ Zitrone
  • 2 Knoblauchzehen in dünne Scheiben geschnitten
  • gehobelte Mandeln
  • Mehl
  • Petersilie
  • 5 Esslöffel Olivenöl
  • Salz, frischer Pfeffer
Zubereitung
  • Forellen waschen, abtrocknen und mit Salz und Pfeffer würzen
  • In Mehl wenden
  • Zunächst die Speckscheiben knusprig braten und den Knoblauch zugeben
  • Sobald der Knoblauch eine goldbraune Farbe angenommen hat, Speck und Knoblauch aus der Pfanne nehmen und auf Küchenpapier abtropfen lassen
  • Nun die Forellen in wenig Olivenöl von jeder Seite 5 Minuten anbraten
  • In einer anderen Pfanne die Mandeln rösten
  • Alles zusammenfügen, mit Zitronensaft beträufeln und mit kleingehackter Petersilie bestreuen

Bestens gesättigt und gut aufgewärmt, wird es Zeit, meinen Weg durch Auritz/Burguete fortzusetzen. Die Karwoche bildet offensichtlich den Startschuss für die Belebung der Durchgangsstraße. Die Pyrenäenpässe sind weitgehend schneefrei, die Schulferien eingeläutet, und die Familien kommen zusammen und zelebrieren das Osterfest. Seit die Wochenendtouristen aufgrund der strengen Reglementierung bei der Erteilung von Jagd- und Angelkonzessionen mehr und mehr ausbleiben, bevölkern die rucksackbepackten Pilger im Zeichen der Jakobsmuschel das typische Straßendorf.

Waldstueck in den spanischen Pyrenaeen zwischen Roncesvalles und Burguete

Nur drei Kilometer Laubwald und saftig grüne Felder trennen den im Jahre 1100 gegründeten Weiler von Roncesvalles. Ursprünglich kam der kleinen Siedlung die Rolle eines befestigten Vorortes zu, daher der im Mittelalter gebräuchliche Name Burgo aus dem sich später Burguete herauskristallisierte. Als solcher profitierte er gleichermaßen von den Privilegien, mit dem König Sancho VII. und seine Nachfahren das benachbarte Klosterhospiz in Roncesvalles ausstatteten. Neben Land- und Viehwirten ließen sich Händler und Kaufleute nieder, damit die über den Ibañeta-Pass kommenden Jakobspilger auf keinem Streckenabschnitt Mangel zu leiden brauchten. So dehnte sich der beschauliche Flecken am Ufer des Flüsschens Urrobi Schritt für Schritt entlang der Hauptstraße aus, bis ein unerklärlicher Fluch das Dorf immer und immer wieder heimsuchen sollte.

Burguete und der Fluch der Zerstörung

Den Anfang machte das Jahr 1399. Ein verheerender Brand verwandelte binnen weniger Stunden über einhundert Häuser zu von beißendem Rauch umhüllte Aschehaufen. Kaum hatten sich die Bewohner von diesem Inferno erholt, folgte die Zeit des navarresischen Bürgerkriegs zwischen dem Adelsgeschlecht der Beaumonteser, die für die Rechte des Thronerben Carlos von Viana eintraten, und der Adelspartei der Agramonteser, die der Usurpator Juan de Aragón hinter sich geschart hatte. Die Einwohner von Burguete machten aus ihrer Sympathie zum rechtmäßigen Thronfolger keinen Hehl. Das kam sie teuer zu stehen. Der in das Königreich Navarra eingeheiratete Vater, der jedoch das Ruder der Macht aus den Händen seines eigenen Sohnes an sich gerissen hatte, sandte Ende des 15. Jahrhunderts eine Strafexpedition in die Pyrenäen aus, um den Burguetern eine bittere Lektion zu erteilen.

Nur mühsam kam das geplünderte und verwüstete Dorf danach wieder auf die Beine. Unterstützung fand es Jahrzehnte später durch den kastilischen König. Navarra war inzwischen in das neu geschaffene spanische Königreich integriert und Burguete ein strategischer Grenzposten zu Frankreich. Das neue Staatsoberhaupt scheute deshalb keine Mühe, den Marktflecken zu befestigen und die Wiederbesiedlung durch Steuererleichterungen attraktiver zu gestalten.

In voller Blüte stehend, ereilte die Grenzfestung 1794 die nächste Heimsuchung. Diesmal von jenseits der Pyrenäen. Das spanische Königshaus hatte Frankreich den Krieg erklärt. Eine mehr oder weniger symbolische Handlung, um die Hinrichtung des Bourbonen-Königs Ludwig XVI. während der Französischen Revolution, öffentlich zu missbilligen. Niemand am spanischen Hof rechnete tatsächlich mit kriegerischen Auseinandersetzungen, noch dazu auf eigenem Boden. Allerdings hatte man die neuen Kräfte an Frankreichs Spitze unterschätzt. Um ihre Macht zu demonstrieren, fielen französische Truppen in die Pyrenäen-Grenzstaaten Navarra, Aragón und das Baskenland ein. Die Festungsanlage von Burguete wurde dem Erdboden gleichgemacht, die Siedlung in Brand gesteckt. Ganze drei Gebäude überstanden die zerstörerische Invasion.

Der Feuerteufel wütet weiter

Mit vereinten Kräften ließ die Dorfgemeinschaft den erneuten Schicksalsschlag hinter sich. Die Häuser wurden abermals aufgebaut und die wirtschaftlichen Aktivitäten mit vorbildlichem Optimismus wieder aufgenommen. Wie Phoenix aus der Asche hatte das Straßendorf in kürzester Zeit sein ursprüngliches Profil wiedererlangt, als der Feuerteufel aufs Neue wütete. Dieses Mal wurden „nur“ 13 Anwesen in Mitleidenschaft gezogen. Sozusagen kaum der Rede wert.

Doch damit nicht genug. Dem Fluch konnte auch der Eintritt ins 20. Jahrhunderts nichts anhaben. 1910 war es wieder soweit. Burguete stand einmal mehr in Flammen. Eigentlich wollte das Dorf eine Hochzeit feiern, aber am Ende löschte man gemeinsam den durch einen Feuerwerkskörper ausgelösten Brand. Die Bilanz: ein Dutzend verkohlte Häuser. In den leidgeprüften Augen der hart gesottenen Navarresen nicht mehr als eine Bagatelle.

Viel Aufhebens gab es deshalb auch nicht, als ein halbes Jahrhundert später die aus der Renaissance stammende Pfarrkirche San Nicolás de Bari in Flammen stand. Statt zu lamentieren, beseitigte man mit vereinten Kräften den Sachschaden im Innenraum, sodass in kürzester Zeit der Gottesdienst wiederaufgenommen werden konnte.

Mehrere Jahrzehnte ist nun schon kein Flammenzüngeln mehr in den Gassen gesichtet worden, kein Knistern eines Feuers zu vernehmen gewesen. Eine trügerische Ruhe vor der nächsten Feuersbrunst, denn niemand mag voraussagen, wann der pyromanische Fluch wieder zuschlägt. Die Einwohner von Auritz/Burguete sitzen tagein tagaus auf glühenden Kohlen.

Auritz/Burguete (Comunidad Foral de Navarra), April 2011

Aurizberri / Espinal – Museo de Estelas

Der Nachbarort Aurizberri-Espinal überrascht mit einem ungewöhnlichen Freiluftmuseum direkt an der Durchgangsstraße. Zwei Dutzend, überwiegend scheibenförmige Begräbnisstelen mit trapezförmigem Unterbau sprießen wie Riesenchampions aus der Grünfläche vor dem ummauerten Gemeindefriedhof.

Als das neue Gräberfeld in den 40-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts angelegt wurde, war kein Platz mehr für die alten Gedenksteine. Mit einer erstaunlichen Gefühlskälte wurden sie entwurzelt und zum ewigen Vergessen bestimmt in eine Ecke gestellt. Für viele alteingesessene Einwohner ein barbarischer Frevel. Einige der Stelen konnten nämlich auf eine ebenso lange Historie wie das Dorf selbst zurückblicken. Und das waren immerhin über stattliche 800 Jahre. Doch der Aufschrei der Entrüstung galt nicht nur dem ruchlosen Vergehen an der Kulturgeschichte von Aurizberri-Espinal, sondern ebenso sehr der antichristlichen Schandtat. Zwar war es aufgrund des schlechten Erhaltungsgrades schon lange nicht mehr möglich, den Grabsteinen und damit den Verstorbenen eine gesicherte Identität zuzuordnen, dennoch verkörperten diese Stelen für die streng gläubige Landbevölkerung die einzig verbliebene Brücke zwischen Leben und Tod.

Eingangstor zum Friedhof von Aurizberri-Espinal

Einige Familien nahmen sich deshalb der mit floralen, diversen kreuzförmigen und allerlei geometrischen Motiven verzierten Gedenksteine an. Sie bemühten sich, soweit möglich, diese liebevoll zu restaurieren, um ihnen anschließend eine neue Heimat auf dem baumbestandenen Rasen vor dem neuen Friedhofseingang zu geben. Jede Stele erhielt zudem eine kleine Informationstafel an die Seite gestellt, die dem ungeschulten Betrachter neben messbaren Fakten eine erklärende Abbildung an die Hand gibt.  

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