Iglesia Santa Maria de Eunate - ein enigmatischer Ort am Jakobsweg in Navarra
Navarra,  Spanische Erinnerungen

Santa María de Eunate – ein mystischer Ort am Jakobsweg

Die kleine Kirche Santa María de Eunate ist eines der großen Mysterien des Camino.
Einsam im Niemandsland gelegen. Geheimnisumwittert, legendenbehaftet und zugleich ein architektonisches Juwel.

Es sind nur ganz wenige schriftliche Dokumentationen zur Entstehungs- und Baugeschichte der Kapelle am aragonischen Jakobsweg überliefert. Zu den relativ gesicherten Eckdaten zählt das Jahr 1170, in dem Sancho el Sabio, König von Navarra, den Bau der achteckigen Kirche in Auftrag gegeben hatte. Außerdem wurde Mitte des 13. Jahrhunderts die Kapelle durch den Johanniterorden um einen Anbau, ein mögliches Pilgerhospital, ergänzt. Und zu guter Letzt fällt in den gleichen Zeitraum die erste Erwähnung der Bruderschaft Confrates de Onat, die sich um die Instandhaltung und den Schutz des Gebäudes zu kümmern hatte.

Damit haben sich die historisch fundierten Fakten über Santa María de Eunate bereits erschöpft. So entstand im Laufe der Zeit ein ausgezeichneter Nährboden für abstruse Geschichten, abwegige Spekulationen oder esoterische Hirngespinste. Dabei hielt sich eine Legende über die Jahrhunderte besonders hartnäckig. Sie erzählt vom Pakt des Baumeisters mit den dunklen Kräften der Unterwelt.

Die Legende um das fliegende Portal

Santa María de Eunate befand sich bereits kurz vor der Einweihung, als der Baumeister eine ominöse Mitteilung erhielt, die ihn umgehend zum Aufbruch zwang. Er bat seine Auftraggeber um Nachsicht und versprach eine baldige Rückkehr. Doch Tage und Wochen zogen ins Land, ohne eine Nachricht oder ein Lebenszeichen des Baumeisters. Der Abt wurde ungeduldig. Ihm lag sehr daran, das Gotteshaus endlich mit liturgischem Leben zu füllen. Da einzig das Portal auf seine Fertigstellung wartete, beschloss er diesen Auftrag in die Hände eines alteingesessenen Steinmetzes aus der Nachbarschaft zu vergeben. Der Jentilak, man nannte ihn so, weil er mit seiner Größe und seinen außerordentlichen Kräften dem Riesen aus der baskischen Mythologie ähnelte, erschuf innerhalb von nur drei Tagen ein künstlerisch einzigartiges Portal. Die Mönche waren begeistert und verschwendeten keinen Gedanken mehr an den abtrünnigen Baumeister.

romanisches Nordportal der Iglesia Santa Maria de Eunate

Doch siehe da, nur kurze Zeit später kehrte dieser überraschend zurück, um sein angefangenes Werk zu vollenden. Beim Anblick des fertig gestellten Portals, stellte er den Abt zur Rede und verlangte die Einhaltung des abgeschlossenen Vertrags. Die Mönche berieten sich eingehend, waren sie doch mit dem jetzigen Portal überaus zufrieden. Andererseits fühlten sie sich verpflichtet, zu ihrem einst gegebenen Wort zu stehen. Sie boten dem Steinmetz deshalb folgenden Kompromiss an: Sollte er in der Lage sein, in derselben Zeit wie der Jentilak, ein neues Portal anzufertigen, wären sie bereit, es gegen das alte auszuwechseln. Nolens volens nahm der Baumeister den Vorschlag an.

Nach eingehender Begutachtung des mit Ornamenten und Figuren reich geschmückten Werkes seines Kontrahenten, verlor der Steinmetz jegliche Hoffnung den Auftrag der Mönche erfüllen zu können. Nur ein Zauber konnte ihm aus der ausweglosen Situation helfen.

Betrug tut selten gut

Also wandte sich der Baumeister an eine Hexe, die ihm verriet, wie er den Mönchen fristgerecht sein Werk abliefern konnte. Sie hieß ihn, sich in der Johannisnacht an die Ufer des Río Robo zu begeben. Dort träfe er auf eine Schlange, die jedes Jahr die besonderen Mächte dieser Nacht für eine rituelle Waschung nutze. Diese Schlange, so erklärte die Hexe, würde einen Mondstein aus ihrem Schlund heraufwürgen und in Ufernähe ablegen. Diesen magischen Mondstein gelte es vorsichtig in einen goldenen, mit Wasser gefüllten Kelch zu legen. Das Wasser dürfe sich dabei auf keinen Fall bewegen. Danach müsse der Baumeister nur den nächsten Tag abwarten. Mit diesen Worten entließ die Hexe den verdutzten Mann.

Gesagt, getan. Alles spielte sich exakt so ab, wie die Hexe prophezeit hatte. Die Schlange erschien, spie den verführerisch weiß-bläulich schimmernden Mondstein aus, den der Baumeister aufsammelte und vor Ehrfurcht zitternd in dem mit Wasser gefüllten goldenen Kelch platzierte. Der Baumeister konnte noch beobachten, wie unter der Oberfläche des bewegten Wassers das Portal Formen annahm, als ihn eine plötzliche Müdigkeit überkam. Kaum hatte er sich niedergelegt, war er auch schon eingeschlafen.

Am nächsten Morgen weckten ihn lautstarkes Gemurmel und emsiges Treiben. Die gesamte Mönchsgemeinschaft hatte sich um ihn versammelt und bewunderte sein meisterlich gefertigtes Portal. Doch als alle genauer hinsahen, erkannten sie, dass es sich um eine exakte Kopie des bereits an der Kirche befindlichen Portals handelte. Mit einer Ausnahme, es war spiegelverkehrt. Als der Abt die Frage stellte, ob der Baumeister tatsächlich wünsche, dass man das Portal des Jentilak gegen sein Spiegelbild austauschen soll, geriet der Steinmetz außer sich vor Wut. Er versetzte seinem Werk einen kräftigen Tritt, sodass das Portal bis in den Nachbarort Olcoz flog, wo es noch heute die Kirche schmückt.

Santa María de Eunate – ein Bild wie gemalt

Mit dieser Anekdote im Hinterkopf mache ich mich auf den Weg. Blauer Himmel über und eine langsam dahinschlängelnde Blechlawine vor mir, eskortieren mich von meiner Unterkunft in Olite bis zur Abzweigung auf die NA-601. Nach wenigen Kilometern stoße ich auf das ersehnte Hinweisschild Sta. María de Eunate. Und da steht die geheimnisvolle Schöne auch schon vor mir in der kühlen Morgenluft. Eine achteckige Kapelle mit dem offenen Säulengang, inmitten kahlgeschorener Getreidefelder und umgeben von einer magischen Stille. Ein Bild wie gemalt und ganz für mich allein. Gänsehaut stellt sich ein, wie beim Anblick des Felsenklosters von San Juan de la Peña.

Iglesia Santa Maria de Eunate - ein enigmatischer Ort am Jakobswegim Niemandsland

Aus der Ferne fasziniert der harmonischen Gesamteindruck mit dem romanischen Kleinod im Zentrum. Dazu der umlaufende Rundbogen-Arkadengang und die halbhohe Mauer, die das Ensemble wie einen schützenden Mantel umgibt. Doch beim Näherkommen ergibt sich ein völlig anderes Bild. Die Homogenität löst sich in Luft auf. Jeder gute Architekt würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Schon der Kreuzgang ist ein Mix unterschiedlicher Stilrichtungen. Nur der nördliche Abschnitt besteht noch aus den schlanken, romanischen Zwillingssäulen. Die übrigen Seiten ersetzte man über die Jahrhunderte mit schlichteren, rechteckigen Pfeilern.

Ganz unabhängig von ihrer Form, rätselte man lange Zeit, ob die Säulen Pate für den Namenszusatz “Eunate” (Baskisch = 100 Tore) standen. Denn als guter Christ gilt es zuerst den Kreuzgang mit seinen 33 Pfeilern dreimal (wegen der Dreifaltigkeit) zu umrunden, bevor man durch das Haupttor eintritt, sodass man rein rechnerisch auf einhundert Tore kommt. Möglicherweise eine plausible Erklärung für Zahlenfetischisten. Einer historischen Überprüfung hält sie allerdings nicht stand, da sich diese Bezeichnung erst Ende des 19. Jahrhunderts durchsetzte. Zuvor hieß die Kirche Santa María de Onat. Der baskische “gute Weg” passt meines Erachtens geographisch als auch spirituell viel besser in den Kontext des Jakobswegs.

Kreuzgang der Iglesia Santa Maria de Eunate mit schlanken Zwillingssaeulen

Das Nordportal und seine Hauptdarsteller

Die unklare Namensherkunft ist allerdings nicht das einzige Mysterium der kleinen Kapelle.

In der Mitte des Kirchdaches erhebt sich ein zweiteiliger Glockengiebel, der auf der Südseite von einem achteckigen Turmaufsatz flankiert wird. Da der Turm über eine Wendeltreppe mit dem Kircheninnern verbunden war, vermutete man, dass nachts ein Feuer im Turm angezündet wurde. Entweder um als weithin sichtbarer Leuchtturm den Wallfahrern in der Dunkelheit den Kurs in den sicheren Hafen, sprich die Kirche oder das daneben liegende Pilgerhospiz zu weisen, oder als Totenlaterne. Es war nämlich früher in Begräbniskapellen Usus, denjenigen, die den irdischen Lebensweg schon hinter sich hatten, den Weg ins vielversprechende Himmelreich aufzuzeigen. Leider fand man bei den 1943 durchgeführten Renovierungsarbeiten an der Decke des Turmes keinerlei Rußspuren. Damit zerplatzten beide Interpretationen wie eine Seifenblase.

Das berühmte Nordportal des Jentilak habe ich mir als Höhepunkt bis zum Schluss meines Außenrundgangs aufgehoben. Umso erschütterter bin ich angesichts des schlechten Erhaltungsgrads. Vollkommen ungeschützt ist es den Witterungsverhältnissen gnadenlos ausgeliefert, die tiefe Spuren auf dem weichen Sandstein hinterlassen haben. Die innenliegenden Archivolte wurden offensichtlich einer Verjüngungskur unterzogen, doch an das äußerste mit dem legendären Figurenschmuck traute man sich wohl nicht heran.

Kreuzgang und Nordportal der Iglesia Santa Maria de Eunate

Dennoch sind, wenn auch mit viel Wohlwollen und Augenzwinkern, alle Hauptdarsteller der Spiegelportal-Legende wiederzuerkennen: Sowohl die Hexe mit Kelch und Schlange (zugegebenermaßen könnte es auch eine Eva-Darstellung sein), der Jentilak, aufgrund seiner übermenschlichen Kräfte dargestellt als Bafomet, etwas weiter entfernt der Baumeister, der sich der schwarzen Magie bedient hat, als auch der in einen Mantel gehüllte Abt des Mönchordens. Fraglos hat mich das Portal neugierig auf sein Gegenstück in Olcoz gemacht, aber der Besuch muss noch ein wenig warten.

Ein leiser, moralischer Wachrüttler

Als Eingang zur Kirche wird heute das schlichte und schmucklose Westportal genutzt. Daneben ist unter einer Plexiglasscheibe ein Verhaltenskodex angebracht, der sich an alle Besucher dieses Ortes richtet. Ich wage an dieser Stelle eine freie Übersetzung:

Estas piedras fueron puestas para el silencio,
Este espacio es para ta reflexion,
Este lugar es para la oración.
No sólo abras los ojos como un turista,
O todos los sentidos como un peregrine,
Abre el corazón como hombre o mujer que busca.
Entra con cuidado y respeto,
Entre estas piedras están recogidos muchos siglos,
Mucho silencios,
Muchas oraciones.

Diese Mauern umfangen die Stille,
Dies ist Dein Ort zum Nachdenken,
Und hier kannst Du beten.
Öffne Deine Augen nicht nur wie ein Tourist,
Oder all Deine Sinne wie ein Pilger,
Öffne Dein Herz als ein Mensch auf der Suche.
Trete ein mit Bedacht und Respekt,
Zwischen diesen Steinen stecken unzählige Jahrhunderte ,
Jahrhunderte anhaltender Stille,
Und Jahrhunderte voller Gebete.

TourismusDekadenz und Oberflächlichkeit

Ich bin tief berührt von der Intensität dieser wenigen Worte. Ich weiß nicht von wem sie stammen, aber ich spüre, dass diesem Jemand dieser Ort besonders am Herzen liegt. Dass ihm alle Orte der Besinnung am Herzen liegen, begleitet von einer Sehnsucht nach vergangenen Zeiten. Wer zwischen den Zeilen liest, kann sie hören. Die stumme Anklage gegen die Schnelllebigkeit der heutigen Zeit. Der unausgesprochene Vorwurf gegen die fortschreitende Dekadenz der Werte, Ethik und Moral der Menschen.

Leider ist es doch so, dass die überwiegende Mehrheit der Reisenden es nicht mehr versteht, sich auf das kultur- und/oder kunstgeschichtliche Erbe mit allen Sinnen einzulassen (ganz zu schweigen von den “Ich gib Gas-ich will Spaß-Touristen). Viele Sehenswürdigkeiten werden zu einem Spiegelstrich auf der must-have-seen-Liste degradiert, die es gilt in kürzester Zeit abzuarbeiten.

Fratze mis ausgestreckter Zunge an der Kirche Santa Maria de Eunate

In Bussen strömen sie heran, die Türen öffnen sich und ein zweibeiniger Lavastrom aus Gottes großem Garten ergießt sich ins Freie. Der Invasion einer Heuschreckenplage gleich fallen die Touristen für eine minutiös geplante Zeitspanne in das Zielobjekt ein. Dabei wird entweder ungehemmt fröhlich über Themen abseits des Themas weitergeschnattert oder der nervige Auslöseton der Handykamera ersetzt die Mitteilungsflut. Anschließend werden die Menschenmassen, wie bei einem Almauftrieb, wieder in den Bus zurückbefördert. Und Abfahrt! Bis zum nächsten Aufzählungszeichen.

Zweifelsohne sind nicht alle Touristen über einen Kamm zu scheren. Jedem steht frei, sich nach seinen Bedürfnissen und Möglichkeiten durch die Welt zu bewegen. Was mich allerdings stört, ist die Oberflächlichkeit gepaart mit Respekt- und Rücksichtslosigkeit gegenüber der Geschichte als auch den Mitmenschen. Bedauerlicherweise ein universelles Phänomen mit steigender Tendenz.

Das Mysterium Santa María de Eunate

Im Innern empfängt mich Dunkelheit und Schweigen. Eine magische Atmosphäre, erzeugt durch das diffus einfallende Licht. Die Wände des Rundbaus sind aus groben Quadersteinen gemeißelt, schlicht und nüchtern. Die figurenverzierten Kapitelle an den Säulen der Bogenfenster der einzige Luxus, den sich der Chorraum leistet. So kann sich der Blick ganz auf die Figur hinter dem Altar, die sitzende Jungfrau Maria mit Kind konzentrieren. Eine kleine, bemalte Statue von großer Würde und Anmut. Leider wurden sowohl das Original aus dem 12. Jahrhundert sowie seine Kopie entwendet, sodass ich heute einer Kopie der Kopie gegenüberstehe. Es ist zum Fremdschämen.

Meine Augen wandern weiter an den Wänden entlang und folgen den Strebebögen hinauf zur Kuppel mit den acht, abwechselnd sechs- bzw. achteckigen Oberfenstern. Noch deutlicher als von außen, tritt an dieser Stelle die Unterschiedlichkeit der acht Kuppelsegmente hervor. Ein architektonisches Versagen oder ein bewusster Hinweis auf die Unvollkommenheit des Menschen?

Rundkuppel der Kirche Santa Maria de Eunate in Navarra

Ich setze mich in eine der leeren Bankreihen, schließe meine Augen und male mir aus, wie nachts das Mondlicht durch die Oberfenster tritt und als Sternenstaub zu Boden fällt. Ein Gefühl der Friedfertigkeit stellt sich ein, das mich zum Nachdenken über diese kleine Kapelle anregt.
Über die Jahrhunderte hat sich ein dichter Schleier aus auf wackeligen Beinen stehenden Erklärungsversuchen zu ihrer Bestimmung und Nutzung gelegt. Als Webmaterial dienten mittelalterlicher Aberglaube, esoterische Anschauungen, okkulte Ansätze, christliche Zahlensymbolik, einige wenige archäologische Erkenntnisse sowie eine homöopathische Dosis Logik.

Die einzelnen Fäden des Schleiers werden mit großer Wahrscheinlichkeit niemals mehr entwirrt noch sein darunterliegendes Geheimnis jemals gelüftet werden können. Das chronologisch korrekte und historisch belegbare Datenuniversum ist nur ein Krümel im mystischen Sternenstaub von Santa Maria de Eunate. Aber genau dies ist das Spannende für mich an dieser Begegnung.

Santa María de Eunate – eine Begräbniskapelle?

Hier kann ich nun meine eigene diffuse Nebelwand aus mysteriösen Spekulationen über das kleine Gotteshaus weben, meine eigene hypothetische Geschichtsschreibung entwickeln. Ich kann mich im Rahmen oder jenseits aller Rationalität bewegen, verbreitete Theorie auf den Prüfstand stellen, sie bestätigt finden oder meine eigenen Schlüsse daraus ziehen. Dabei bin ich selbst neugierig darauf, wo mich der Weg am Ende hinführt.

Die am meisten verbreitete Annahme sieht in Santa María de Eunate eine Friedhofs- oder Hospizkirche für Pilger. Dafür spricht die Person des Bauherrn, Sancho VI. el Sabio. Der König von Navarra initiierte nämlich auch die beiden anderen Grabkapellen am Jakobsweg, die Kapelle des Heiligen Geistes in Roncesvalles und die Iglesia del Santo Sepulcro in Torres del Río. Neben den sich wiederholenden Pilgermotiven an den Kapitellen des Arkadenumgangs stützen diese Theorie Grabbeigaben in Form von Pilgermuscheln, die man neuerdings bei Instandhaltungsarbeiten zwischen den Säulen des Kreuzgangs fand.

Allerdings beantwortet keine dieser Fakten die Frage, warum in unmittelbarer Nähe zur Pilgerhochburg Puente la Reina, in der es bereits ein großes Pilgerhospiz und mehrere Kirchen gab, eine weitere, wesentlich kleinere Friedhofskirche gebaut wurde.

Zu einem vergleichbaren, jedoch wesentlich romantischeren Ansatz, trug im letzten Jahrhundert der Fund eines einzelnen Grabes mit einem weiblichen Skelett in der Nähe des Westportals bei. Die archäologische Sensation wurde eindeutig einer noblen Dame oder gar einer Königin zugeordnet, die man fortan als Gründerin der Kapelle ansah. Aber weshalb beerdigte man eine Königin ohne adäquaten Sarkophag und entsprechender Beurkundung? Dennoch begeistere ich mich ein wenig für die Vorstellung von Santa María de Eunate als eine Art Taj Mahal, eine Friedhofskirche für eine Edeldame.

Santa María de Eunate – letztes Zeugnis eines verlassenen Dorfes?

Santa Maria de Eunate - ein enigmatischer Ort

Erst seit wenigen Jahrzehnten gewinnt eine weitere Auffassung eine wachsende Anhängerschaft. Die Kapelle soll zu einer bereits im 15. Jahrhundert verlassenen Ansiedlung namens Unat (Onat) gehört haben. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Dorf im Mittelalter aufgegeben wurde und sich nur die Pfarrkirche bis in das heutige Jahrtausend hinüberretten konnte. Die einstigen Gemeindemitglieder verteilten sich demnach auf die beiden größeren Nachbargemeinden Muzurábal und Puente la Reina, wo der Familienname Unat bis in die heutige Generation verbreitet ist.

Gewichtige Argumente also, aber wie erklären sich die fehlenden Aufzeichnungen über die konkrete Existenz einer derartigen Ortschaft? In den navarresischen Archiven findet sich weder eine Erwähnung zur Erteilung von Marktrechten, Steuererleichterungen oder Abgaben, noch zu Herrschaftsverhältnissen, Besitztümern oder klerikaler Zugehörigkeit. Meines Erachtens eine weitere Sackgasse.

Also setze ich die enigmatische Reise in die Vergangenheit von Santa María de Eunate mit der wohl umstrittensten These fort. Eine These, bei der ich zwar lautstark den abwehrenden Aufschrei aus den Reihen der Historiker hören kann, die aber andererseits die größte Zahl an Sympathieträgern hinter sich vereinigt. Mich eingeschlossen.

Santa María de Eunate – eine Kapelle der Tempelritter?

Ich frage mich, wieso stößt der Versuch eines Brückenschlags zwischen der Iglesia Santa María de Eunate und den Rittern des Templerordens auf den vehementen Widerstand aus den Reihen derer, die sich die Geschichtsforschung zur Lebensausgabe gemacht haben? Die Nicht-Existenz schriftlicher Belege über eine Verbindung des christlichen Ritterordens mit der Kapelle im Niemandsland ist keine befriedigende Erklärung hierfür. Dass keinerlei Dokumente überliefert sind, muss nicht zwangsläufig heißen, dass es sie nicht gegeben hat. Viele Schriften wurden nach der Auslöschung des Ordens bewusst vernichtet oder sind, wie sich inzwischen herausgestellt hat, in den Untiefen nicht frei zugänglicher Archive beerdigt worden. Was ist also der Grund für die Historienforscher, diese Möglichkeit der Verflechtung auch nur einer kritischen Betrachtung zu unterziehen?

Liegt es daran, dass die globale Geschichtsschreibung dem Templerorden über sechs Jahrhunderte hinweg Unrecht getan hat? Weil den Tempelrittern aufgrund von Meineiden der Prozess gemacht und sie anschließend heimtückisch verfolgt, gefoltert und hinterhältig ermordet wurden? Könnte es sein, dass die Historiker eventuell noch mehr wissen, worüber aber unbedingt der Mantel des Schweigens gehüllt bleiben muss? Ist es möglich, dass die entlastenden Dokumente, die 2001 aus den dunklen Archiven des Vatikans an die Öffentlichkeit gelangten, nur die Spitze des Eisberges sind?

Wie dem auch sei, ich finde die Gegner der Tempelritter-Theorie können herzlich wenig in ihre Waagschale werfen. Wohlgemerkt, ich bin kein Verschwörungstheoretiker! Trotzdem finde ich die kategorische Ablehnung kurios.

Ich will nichts an den Haaren herbeiziehen, wo es keine Haare gibt. Siehe die Kirche des Heiligen Geistes in Torres del Río. Aufgrund ihrer achteckigen Form gab es auch hier Befürworter einer Templerzugehörigkeit. Doch selbst für mich waren die dort vorhandenen Hinweise auf eine mögliche Verbindung zu dürftig. Aber hier, bei Santa María de Eunate, ist die Sachlage eine andere.

Templer-Hypothesen

Ich bin der Meinung, dass die Kapelle mindestens drei schlagkräftige Argumente als Besitztum der Tempelritter auf der Habenseite verbuchen kann: neben der Symbolkraft des reichlich vorhandenen Figurenschmuckes, sind es vor allem der schlichte Zentralbau mit seiner architektonische Nähe zur Heiliggrabkirche in Jerusalem, sowie die unerschöpfliche Quelle der Zahlenmystik des Templerordens.

Darin nimmt die Ziffer 8 eine ganz besondere Stellung ein. Sie bezieht sich nicht nur auf die acht Seligpreisungen der Bergpredigt, sondern verkörpert auch den achten Schöpfungstag mit der Vervollkommnung des Lebens und des Glaubens durch die Auferstehung. Nicht von ungefähr wählten die Templer das achteckige Tatzenkreuz als Insigne.

Ähnlich verhält es sich mit der Zahl 3, deren christliche und weltliche Symbolik konkurrenzlos ist. Deshalb nimmt sie auch bei den Templern einen breiten Raum ein. Ist es Zufall, dass der Kreuzgang aus genau 33 Bögen besteht? Wäre es nicht logischer, dass bei acht Seiten, jede die gleiche Anzahl an Arkaden besitzt? Warum befinden sich jeweils exakt 3 Sparrenköpfe an jeder Seite der Apsis? Und warum sorgen nur 3 Fenster im Chorraum für etwas Lichteintritt?

Doch es geht noch weiter. Unkenrufe bemängeln die fehlenden Markierungen der Tempelritter als Bauherren des romanischen Juwels. Wer allerdings die Steinmetzzeichen aufmerksam betrachtet, wird hier durchaus fündig. Mehrfach begegnet man dem Abakusstab, dem Erkennungszeichen des Großmeisters der Tempelritter und oberhalb der wulstigen Fensterbögen tummeln sich die Krückenkreuze als Variation des Templerkreuzes.

Als Abschluss meines persönlichen Tempelritter-Plädoyers spiele ich noch drei Trumpfkarten aus. Zum Einen die Nähe zu Puente la Reina, das sich nachgewiesenermaßen im Besitz der Tempelritter befand. Zum Anderen die geografische Lage am Jakobsweg, die dem Auftrag des religiös-militärisch ausgerichteten Ordens entsprach, die Pilger zu beschützen. Und last but not least ist die Kirche der Jungfrau Maria geweiht, der Schutzpatronin der Tempelritter. Sollte dies alles nur Zufall sein?

Innenraum mit Chor und der Figur der Jungfrau Maria in der Kirche Santa Maria de Eunate

Gedankenschnipsel

Ich bin mehr als zufrieden mit meiner persönlichen Auslegung zu den Ursprüngen von Santa María de Eunate, wenngleich die Wahrheit bestimmt ein bisschen von Allem ist. Damit kann ich gut leben. Und sollte sich tatsächlich irgendwann mit Bestimmtheit herausstellen, dass der Orden der Tempelritter nicht auch nur einen Fuß in diese mystische Kapelle gesetzt hat, werde ich dies, mit ein wenig Bedauern, ebenfalls hinnehmen.

Am Allerliebsten wäre mir allerdings, dass das Geheimnis um das kleine Gotteshaus nie gelüftet wird. Dass die rätselhafte Schöne nie entzaubert wird, denn das macht ihre besondere Faszination aus.

Es wird Zeit, Abschied zu nehmen. Gedankenschnipsel schwirren durch meinen Kopf. Ich muss sie einfangen, bevor sie schmetterlingsgleich in alle Himmelsrichtungen davon treiben.

In der Stille allein
Umgeben von tausend Jahren Stein
Und den zarten Schwingen des Windes,
Der über Deine Mauern streicht.


Du birgst
Geschichten über Geschichten,
Derer die kamen und gingen.
Einzig Du bliebst zurück.


Was auch immer Deine Bestimmung war,
Du hast Deine Ruhe gefunden.
Dein Geheimnis für immer bewahrend
Gleich den langen Schatten auf bleicher Flur.


Auch unser Schicksal ist längst entschieden,
Die Zeit steht nicht still.
Nichts scheint für ewig,
Doch welcher Weg ist für mich?

Kirche Santa Maria de Eunate, ein enigmatischer Ort

Santa Maria de Eunate (Comunidad Foral de Navarra), Februar 2011

Adresse

Iglesia Santa María de Eunate
Carretera de Campanas S/N
ES-31152 Muruzábal (Navarra)

Obanos
zinnenbewehrtes Tor am Jakobsweg in Obanos

In nur drei Kilometer Entfernung liegt die nächste Station des Camino de Santiago. Das kleine Städtchen Obanos ist nicht nur die letzte Gemeinde auf dem aragonischen Jakobsweg, sondern die Wiege der ersten Demokratiebewegung Spaniens und Schauplatz der Legende von Felicia und Guillén, die seit über 50 Jahren das Gemeindeleben für eine Woche komplett auf den Kopf stellt.

Puente la Reina
Puente la Reina

Von Obanos aus geht es weitere drei Kilometer nach Westen, bevor sich kurz vor Puente la Reina der aragonische und der französische Jakobsweg zum Camino francés, der Hauptroute aller Pilgerwege nach Santiago de Compostela, vereinen. Jährlich strömen deshalb mehrere Zehntausend Pilger über die berühmte Brücke der Königin, die eines der beliebtesten Fotomotive des Jakobswegs ist.

Olcoz
romanisches Spiegelportal der Kirche San Miguel in Olcoz, Navarra

Acht Kilometer östlich von Santa María de Eunate ist das wunderschöne, romanische Portal an der Kirche San Miguel in dem kleinen Ort Olcoz am aragonischen Jakobsweg immer noch ein Geheimtipp. Trotz der berühmten Legende des fliegenden Portals konnte es bis heute nicht aus dem Schatten seines Zwillings an der Iglesia Santa María de Eunate heraustreten.

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