Glocken der Iglesia San Miguel in Olcoz, Navarra, Spanien
Navarra,  Spanische Erinnerungen

Olcoz und die Legende des Spiegelportals

Nun habe ich mich doch noch auf den Weg gemacht nach Olcoz, dem unscheinbaren Dorf mit dem sogenannten Zwillingsportal an der Kirche San Miguel. Und das nur, weil die Neugier Oberhand gewonnen hat. Ich will wissen, wie viel Wahrheit in der Legende um das fliegende Portal von Santa María de Eunate steckt.

Gemächlich folge ich der NA-6073. Eine Zwangsgemächlichkeit mangels infrastruktureller Alternativen. Zum Glück habe ich Zeit und inzwischen meine Lektion über das navarresische Straßensystem gelernt. Je länger die Zahlenfolge hinter der Straßenklassifizierung, desto holpriger, schlaglöchriger und unbefestigter ist die Fahrbahn. Oder mit anderen Worten, die Zeitspanne, die man für das Zurücklegen einer bestimmten Strecke benötigt, steigt exponentiell mit der Anzahl der Zahlen hinter der Abkürzung NA.

Ein Kirchenportal als Jobmotor?

Die San Miguel Kirche, meine Olcozer-Endstation ist nicht zu verfehlen. Sie liegt direkt am Eingang zum 41-Seelen-Dorf mit seinen gefühlten 41/2 Straßen. Hier sind dringend lebensanimierende Maßnahmen und frisches Blut vonnöten. Anstrengungen, die Menschen zum Bleiben oder gar zum Kommen zu motivieren, werden von dem kleinen Anhängsel der größeren Nachbargemeinde Biurrun zwar unternommen, doch leider ohne zählbare Ergebnisse. Aber werfen wir erst einmal einen kurzen Blick zurück in die Vergangenheit der Ansiedlung am Camino Aragonés.

Kirche San Miguel in Olcoz, Navarra, Spanien

Sowohl über die kleine Gemeinde als auch über die Pfarrkirche San Miguel existieren nur sehr spärliche Aufzeichnungen. Darunter sind das Baudatum der Kirche im 13. Jahrhundert und ihre Übergabe an den Johanniterorden durch den navarresischen Monarchen Carlos III. el Noble um das Jahr 1419 dokumentiert.

Iglesia San Miguel in Olcoz, Navarra, Spanien

Danach herrscht Schweizer Käse im Archiv bis zum Jahre 1810, als sich die Ortschaft als kurzzeitigen Nebenschauplatz im Spanischen Unabhängigkeitskrieg gegen die Truppen Napoleons seine Meriten verdiente. Jedoch ist Ruhm bekanntermaßen vergänglich. Die Industrialisierung fegte über das Land. Sie drängte die Kleinbauern an den Rand des Existenzminimums und lockte die jungen Generationen ins 20 Kilometer entfernte Pamplona. Olcoz kämpfte ab sofort nur noch gegen sich selbst.

Da erinnerte sich die Handvoll verbliebener Einwohner an das Nordportal ihrer Kirche San Miguel Arcángel. Auf ihm ruhten fortan alle Hoffnungen. Als gedachte Touristenattraktion sollte sie der Landflucht Einhalt gebieten und der Gemeinde zu einem zweiten Frühling verhelfen. Die Vorzeichen standen gut. Die Jakobspilgerbewegung erlebte im ausgehenden 20. Jahrhundert einen enormen Aufschwung und die mysteriöse Geschichte der Zwillingsportale Eunate-Olcoz hatte Eingang in die mannigfaltige und multilinguale Reiseliteratur gefunden.

Die Rechnung ohne den Wirt?

Zunächst musste das berühmte Nordportal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Jahrzehntelang frequentierten die übrig gebliebenen Kirchgänger den wind- und regengeschützten Südeingang der Kirche, während der nördliche Zugang schon vor langer Zeit hinter einem als Lagerraum genutzten Vestibül ad acta gelegt worden war. In Eigeninitiative rissen die Einwohner der Vorraum, dessen Mauerspuren oberhalb und seitlich des Eingangs immer noch erkennbar sind, nieder. Für die restlichen Renovierungsarbeiten holten sie sich professionelle Hilfe.

Nordfassade der Iglesia San Miguel in Olcoz, Navarra, Spanien

Bedauerlicherweise ist die Rechnung der Gemeinde nicht aufgegangen. Der Touristen- und Esoteriker-Zulauf, den die Kirche Santa María de Eunate ab den 1970-er Jahren erlebte, blieb in Olcoz aus. Schnell stellte sich die Frage nach dem „Warum“. Warum sprach jeder nur von Eunate? Warum verzeichnete nur Eunate einen Popularitätsanstieg, obwohl Olcoz doch gleichermaßen Bestandteil der Spiegel-Legende ist und darüber hinaus das wesentlich besser erhaltene Portal besitzt?

Man kann die Hilflosigkeit und das Unverständnis der Bewohner von Olcoz verstehen. Sie hatten im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles dafür getan, das Potential ihres Schmuckstückes auszuschöpfen. Dass sich der erwünschte Erfolg nicht einstellte, liegt für mich auf der Hand. Santa María de Eunate ist im Gegensatz zu San Miguel ein Gesamtkunstwerk. Es lebt nicht nur von seinem Portal, sondern von seiner einzigartigen Lage, dem aufsehenerregenden achteckigen Erscheinungsbild und der mystischen Ausstrahlung. Mit gutem Recht wurde es deshalb zum Nationaldenkmal erhoben.

San Miguel hingegen ist leider ein Stückwerk. Nur der Kirchturm und das Nordportal sind aus dem Spätmittelalter erhalten geblieben, der übrige Kirchenkorpus datiert aus dem 18. Jahrhundert.

Das fehlende As im Ärmel

So war es womöglich ein wenig blauäugig, zu erwarten, dass die Aufmerksamkeit, die dem knapp zehn Kilometer entfernten Multi-Mysterium zuteil wird, in Olcoz auf das Nordportal projiziert beziehungsweise reduziert werden kann.

Man darf auch nicht vergessen, dass Santa María de Eunate unmittelbar am Camino Aragonés liegt. An ihr führt kein Weg vorbei, während dies, im übertragenen Sinne, bei der Kirche San Miguel nämlich der Fall ist. Der Jakobsweg führt nur am Ort vorbei. Aber vielleicht hat gar der Schutzheilige der Kirche Schuld an der Misere? Der Erzengel Michael ist zwar kein Unbekannter, aber an die Popularität der Jungfrau Maria kommt er nicht heran.

Die winzige Ortschaft im Valle de Valdizarbe kämpft weiter ums Überleben, aber die Mittel sind begrenzt. Nicht nur die finanziellen. Es ist eine Frage der Lebensqualität, der Attraktivität. Wenn weder die Renaissance der Legende des „Spiegelwunders“, noch die Enthüllungsaktion des romanischen Kunstwerks eine Wende herbeiführen konnten, welche Trumpfkarte bleibt noch um aus Olcoz mehr als ein Zwischenstopp auf dem Weg vom Nirgendwo, durchs Nirgendwo nach Nirgendwo zu machen?

Die Kirche des Erzengel Michael oder der vergessene Zwilling

Ein beißend messerscharfer Nordwind aus der Sierra del Perdón hat sich heute mit der bitterkalten Luftströmung aus der östlichen Sierra de Izco verschworen, und gemeinsam toben sie in der Stille des späten Vormittags gegen die Kirche San Miguel an.

Das einschiffige Bauwerk mit den winzigen, vergitterten Fensterluken setzt den Böen eine majestätische Gleichmütigkeit entgegen. Es ist die rauen Töne gewöhnt, aber mir fährt die Kälte auf dem völlig ungeschützt daliegenden Gelände direkt unter die Haut. Ich binde meinen Schal fester zu, schlage den Mantelkragen hoch und scheue auch vor Handschuhen und Mütze nicht zurück.

Iglesia San Miguel in Olcoz, Navarra, Spanien

Ich bin gespannt. Werde ich tatsächlich das spiegelverkehrte Abbild von Eunate vorfinden, oder bereitwilliges Opfer einer subtilen Manipulation durch besagte Legende sein? Wie kritisch möchte ich eigentlich bei der vergleichenden Betrachtung vorgehen? Möchte ich überhaupt kritisch sein oder lieber den Mythos des Spiegelportals weiterwirken lassen?

Die Portale von Olcoz und Eunate im Vergleich oder finde den Fehler


Der eisige Wind versucht mir die Entscheidung abzunehmen. Er drängt auf einen schnellen Schiedsspruch, aber mein „Ich muss der Sache auf den Grund gehen-Gen” hält tapfer dagegen. Also ringe ich mich zu einem Kompromiss durch. Ich werde mir per Auszählreim einige markante Figuren des Portalschmucks aussuchen und überlasse dann Euch die Entscheidung.

Der Baphomet, der Teufel schlechthin, hat in Olcoz noch ein Gesicht. Im Portal von Santa María de Eunate konnte der Dämon weder der Natur noch der Zeit trotzen. Offensichtlich konnten auch seine treuen Wiesel und Wachhunde, diesen Feinden nichts entgegensetzen.

Daneben ist ein melancholisch dreinblickender Monarchen in eine tiefe Depression gefallen. Außer seiner Krone ist ihm nichts geblieben. Kein Königreich, keine Untertanen, kein Thron. Stattdessen steckt das Mischwesen auf immer in einem Vogelkörper fest. Noch schlechter getroffen hat es der Vogelkönig von Eunate. Nicht nur sein Federkleid lässt die royale Pracht vermissen, er wurde zudem noch mit einem Tatzenfuß und einem Pferdefuß bestraft.

Unter dem Motto doppelt hält besser, suchen gleich zwei Harpyien nach potenziellen Opfern in ihrer Nähe. Das mythologische Mischwesen aus Frauenkopf, Vogelrumpf und reptilienähnlichem Unterkörper war im Mittelalter ein beliebtes Motiv, um Habgier und Heimtücke darzustellen. 

Im äußersten Archivolt harrt ein junger Mann mit zeitgemäßem Pagen-Haarschnitt, der Dinge, die da kommen. Derweil hat sich Teufel höchstpersönlich an seine Fersen geheftet. Frech streckt der Dämon dem Betrachter seine Zunge entgegen, während sein Opfer einen ahnungslosen Eindruck macht. Vermutlich hat er seinen Dauerbegleiter noch gar nicht bemerkt. Ganz anders sein Pendant in Eunate. Der Bettelmönch fragt sich mit erschrockenen, weit aufgerissenen Augen, wie er den unliebsamen Wegbegleiter bloß wieder los wird.

Vom rechten, innenliegenden Kapitell starrt mich ein markantes, haariges Gesicht an. Der Kopf ohne Körper war ein eitler Charakter, der viel Wert auf sein äußeres Erscheinungsbild legte. Er muss Stunden mit der Pflege seines präzise und akkurat auf die fossile Schneckenform getrimmten Backenbartes zugebracht haben. Sicherlich half ihm dabei ein an der Kante des Kapitells angesetzter Spiegel.

Weder geschüttelt noch gerührt

Die Analyse ließe sich beliebig fortsetzen. Mit Sicherheit würden dabei weitere Gemeinsamkeiten als auch Unstimmigkeiten zu Tage treten. Um einen Haken hinter die Spiegellegende zu setzen, ist auf jeden Fall ein überaus wohlwollendes Quantum an Vorstellungskraft gefragt, zumal der Türschmuck in Eunate einen bedauernswerten Konservierungsgrad aufweist.

Mein persönliches Fazit lautet deshalb:
Das Portal von Olcoz ist keineswegs die seitenverkehrte Kopie von Eunate, es ist vielmehr dessen Vervollkommnung. Es besitzt eine höhere Detailgenauigkeit, eine sorgfältigere Ausführung sowie eine reichhaltigere „Artenvielfalt“.

Die kleine Gemeinde kann deshalb wirklich stolz auf ihr Portal an der San Miguel Kirche sein. Ich freue mich für sie und bin auch nicht sonderlich enttäuscht, dass die Legende der Zwillingsportale eben nur eine Legende bleibt. Ein jakobäisches Luftschloss. Wichtig ist, dass der Mythos der spiegelverkehrten Portale weiterlebt, denn Olcoz muss im Gespräch bleiben.

Vielleicht hilft dabei ein letzter Strohhalm. Hatte die Hexe nicht ausdrücklich darauf hingewiesen, dass das Wasser in dem Kelch mit dem Mondstein auf keinen Fall in Schwingungen versetzt werden darf? (Anchorlink). Das ist doch wirklich eine plausible Erklärung für die Unterschiede der beiden Portale.

Ein treuer Seelenwächter

Ich hoffe inständig, dass das vor der Kirche von San Miguel bereits üppig und raumgreifend wuchernde Unkraut, kein schlechtes Vorzeichen ist, und drücke die Daumen, dass das wiederentdeckte Schmuckstück von einem romanischen Portal nicht erneut dem Vergessen anheim fällt. Keine Frage, die Kirche Santa Maria de Eunate wird mein Herz immer höher schlagen lassen, dennoch hat San Miguel in Sachen Portal gepunktet.

Kurz vor meinem Aufbruch zur nächsten Verabredung, gewahre ich auf der rechten Säule neben der Tür einen weitgereisten Bekannten auf vier Pfoten. Ich bin dem in Stein gemeißelten Hund bereits auf der Höhenburg von Loarre am Eingang zur Krypta begegnet. Hier wie dort, ist der vierbeinige Gefährte ein treuer Seelenwächter. Und wenn ich mir die verwitterten Begräbnisstelen so anschauen, hält er schon sehr lange Wache.

Adresse

Iglesia San Miguel
Calle San Miguel, 33
ES-31398 Olcoz, Navarra

Torre de Olcoz

In etwa 300 Metern Luftlinie von der San Miguel Kirche entfernt, erhebt sich am nördlichen Rand der Gemeinde ein gotischer Wehrturm, dessen Entstehung in das 12. Jahrhundert zurück geht. In den folgenden Jahrhunderten wechselte der Verteidigungsturm mehrmals Besitzer und Aussehen. Im Spanischen Unabhängigkeitskrieg brannte er im Innern vollkommen aus. 2007 erwarb die Gemeinde die Ruine und restaurierte sie mit Bravour.

Das vierstöckige Gebäude erzählt nicht nur die wechselvolle Geschichte des Turms, sondern beherbergt auch ein romanisches Interpretationszentrum, das u.a. die Kirchenportale von Olcoz und Eunate in einen transzendenten und universellen Zusammenhang stellt.

Santa María de Eunate
Iglesia Santa Maria de Eunate - ein enigmatischer Ort am Jakobswegim Niemandsland

Inmitten im Niemandsland zwischen Sonnenblumen- und Weizenfeldern liegt die kleine Kapelle Santa María de Eunate. Ihre achteckige Form, ihr legendäres, fliegendes Portal und die wenigen bekannten historischen Fakten machen aus ihr eines der großen Mysterien des Jakobswegs.

Tiebas Muruarte de Reta
Ruinen der Festung Tiebas Muruarte de Reta

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