Castillo de Sadaba in Aragon, Spanien
Aragón,  Spanische Erinnerungen

Sádaba – Himmelspfeiler in Aragón


Es war 1988, als ich das erste Mal das Antlitz der Burg von Sádaba erblickte. Und zwar versteckt in einem überdimensionalen Bildband in einer Bar im hintersten Winkel der Altstadt von Altea an der Costa Blanca. Seitdem ließ mich ihr Anblick nicht mehr los.

Die Burg von Sadaba in Aragón

Ein Requiem für eine Kultkneipe 

Es sollten allerdings sehr viele Jahre vergehen, bis aus dem Sehnsuchtsziel ein reales Stelldichein wurde. Und in dieser Zeit ist viel passiert. Die kultige Kneipe im Küstenstädtchen Altea ist leider längst Geschichte. Entweder hat sie den Zahn der Zeit nicht überlebt oder ist mitsamt seinem Besitzer, einem holländischen Weltenbummler, einfach weitergezogen.

Die schummerige, sich über drei Stockwerke erstreckende Bar war ein Füllhorn an Souvenirs. Ein Sammelsurium ganz persönlicher Erinnerungsstücke und Fotografien, die von exotischen Reisen rund um den Globus erzählten. Der Eintrittspreis in dieses museale Gesamtkunstwerk betrug einen Cocktail. Nicht mehr und nicht weniger. Dafür gab es afrikanische Masken, mittelalterliche Waffen, unter Staubschichten schlummernde, antiquarische Kunstgegenstände, ausrangierte Gebets- und Beichtstühle mit kunstvollen Holzschnitzereien, abgewetzte karminrote Plüschsessel, herunter gebrannte Kerzen in von dicken Wachsschichten überzogenen Kerzenständern, wurmstichige Tische und zu Barhockern umfunktionierte Sättel.

Foto der Burg Sadaba aus dem Bildband Castillos von Reinhart Wolf

Genau hier hatten wir unser erstes Rendezvous, das Castillo de Sádaba und ich. Im schummrigen Kellergewölbe lag auf einem hölzernen Lesepult ein abgegriffener Bildband mit dem Titel Castillos von Reinhart Wolf. Die aufgeschlagene Seite präsentierte eine majestätische Burg vor der Kulisse eines heraufziehenden Wolkenbruchs. Eine makellose Schönheit von schlichter Eleganz.
Die Würfel waren sofort gefallen. Noch bevor mein Gin Fizz Glas leer war, wurde die Burg von Sádaba zum erklärten Sehnsuchtsziel.

Mein Rendezvous mit der Burg von Sádaba

Nun war es also soweit. Der Begegnung auf dem Papier sollte Jahr später endlich das lang herbeigesehnte, persönliche Kennenlernen erfolgen. Vorbei an endlosen, sich bis zum Horizont erstreckenden Getreidefeldern, zieht es mich von meinem Standort in Sos del Rey Católico in den Süden der Comarca Cinco Villas.

Schon von Weitem lockt das Castillo de Sádaba auf der kleinen Anhöhe mit einer Silhouette, die an Stolz und Erhabenheit kaum zu übertreffen ist. Monumental, kompakt, schmucklos. Asketische Zisterzienserarchitektur. Steil aufragende Mauern wie Himmelspfeiler. Dazu durchbrechen nur wenige schmale Fensterschlitze oder Schießscharten die Fassade des Steinriesen. Dazu sieben massive, rechteckige Türme, die die Ringmauer weit überragen und ihre massiven Tentakel selbstbewusst dem blauen Himmel entgegenstrecken. Schwachstellen – Fehlanzeige. Eine Festung, die jeden Angreifer in tiefe Verzweiflung gestürzt haben muss.

Castillo de Sadaba, Aragon, Spanien

Zwischen dem Turm des Königs und dem deutlich kleineren Turm der Königin befindet sich der einzige Zugang in die uneinnehmbare Festung. Hier erhalte ich für den bescheidenen Preis von zwei Euro meinen Passierschein für den Eintritt in die Welt des Mittelalters.

Von außen scheinbar immun gegen jegliche Verfallserscheinungen, hat das Kastell im Innern schwer gelitten, seit es zu Beginn des 17. Jahrhunderts verlassen wurde. So stehen von den Wohnbauten und Sälen, die sich einst über zwei Stockwerke entlang der Nord- und Westseite erstreckten, leider nur noch wenige Mauerfragmente. Allerdings sind diese schon für sich beeindruckend genug, wie auch die hochaufschießende Kapelle in der östlichen Ecke der Festungsanlage und die Überreste einer riesigen, unterirdischen Zisterne in der Mitte des Hofes.

Eine Burg voller Rätsel oder nichts genaues weiß man nicht

Auf die vollständige Rekonstruktion aller Wohn- und Wirtschaftsgebäude wurde bis dato und wird auch zukünftig offensichtlich verzichtet. Ich finde das nicht weiter schlimm, denn im jetzigen Stadium ist den Archäologen und Restauratoren der Spagat zwischen Authentizität und historisch-atmosphärischer Dichte ganz gut gelungen. Besser so, als mit einem zu viel an Schönheitschirurgie die Burg neu zu erfinden.

Es existieren keine historisch gesicherten Daten über die genaue Entstehungszeit oder den Bauherrn von Sádaba. Fest steht lediglich, dass es sich um keine muselmanische Festungsanlage handelte, obwohl das im rechten Winkel nach innen versetzte Eingangstor, das eine Erstürmung der Burg unmöglich machte, ein typisch maurisches Bauelement war. Auch die Merkmale klassischer romanischer Wehrbauten wie der Bergfried oder der Burgwall fehlen dafür trägt das Kreuzrippengewölbe der Kapelle deutlich gotische Züge.

Folglich entstand die Burg in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Aller Wahrscheinlichkeit nach auf Anordnung von König Sancho VII. von Navarra. Warum sie sich allerdings äußerlich so auffällig von den zahlreichen anderen defensiven Castillos in Aragón und Navarra unterscheidet, kann nach heutigem Kenntnisstand nicht beantwortet werden. Ebenso Spekulation bleibt, ob die strenge Architektur als auch das Johanniterkreuz im Tympanon über dem Kapelleneingang ein Indiz dafür sein könnte, dass Sádaba zeitweilig den Zisterziensern oder dem Ritterorden der Johanniter als Residenz diente.

Mit einer Runde auf dem Wehrgang schließe ich meinen Besuch in Sádaba ab. Mein erster Eindruck findet sich bestätigt. Das Castillo von Sádaba ist wunderschön. Von außen noch ein wenig mehr als von innen.

Der Kreis schließt sich

Wehmütig nehme ich Abschied von diesem trutzigen, architektonischen Geschichtszeugnis mit dem melodischen Namen wie aus 1001 Nacht. Ich wurde nicht enttäuscht. Auch wenn Papier oft sehr geduldig ist, an dieser Stelle hielt es sein Versprechen.

Während meiner Besichtigung konnte ich nicht ahnen, dass Sádaba und ich uns so schnell wiedersehen werden. Umso größer war die Freude deshalb, als ich wenig später in einem Antiquariat völlig unverhofft den eingangs erwähnten Bildband Castillos entdeckte. Der Preis, den ich dafür zu zahlen bereit war, wog das Bilderlebnis (übrigens aller Wehrbauten im Buch) allemal auf. Ich hatte meine erste spanische Burgenliebe wieder gefunden, und dieses Mal sollten wir nicht mehr getrennt werden. Deshalb hat der monumentale Bildband inzwischen einen unverrückbaren Ehrenplatz auf unserem Wohnzimmertisch gefunden.

Bildband Castillos von Reinhart Wolf

Adresse

Castillo de Sádaba
Calle Apóstol Santiago, 37A
E-50670 Sádaba

Die Burg kann gegen eine minimale Eintrittsgebühr auf eigene Faust besichtigt werden.

Übernachtungsmöglichkeit

Herrschaftlich rustikal nächtigen lässt es sich im 4–Sterne Parador in Sos del Rey Católico. Wer ganz auf Nummer sicher gehen möchte, was der Parador und die kleine Ortschaft mit dem mittelalterlichen Stadtkern zu bieten hat, sollte einen Blick in meine Blogbibliothek In Leselaune werfen. Im Hotel- und Reiseführer Spaniens Paradores von Wolfgang Abel findet ihr hierzu wertvolle Einsichten.

Mausoleo de los Atilios

Zwei Kilometer außerhalb von Sádaba in Richtung Uncastillo, trifft man, vorausgesetzt man findet die Abzweigung linkerhand, auf die Überreste des Mausoleums der Familie Atilios. Entsprechend den damals geltenden römischen Gesetzen durften Begräbnisstätten nur außerhalb des Dorf- bzw. Stadtgebietes errichtet werden. Damit die Toten aber nicht gänzlich in Vergessenheit gerieten, beerdigte man sie meistens direkt an Verbindungsstraßen.
Heute ist noch die Frontseite des Begräbnistempels zu sehen. Den Bau gab eine wohlhabende Dame für Ihren Großvater, ihren Vater als auch für sich selbst in Auftrag. Die gut erhaltenen Inschriften lassen eine Datierung auf das ausgehende 2. Jahrhundert nach Christus zu.

Synagoge von Sádaba

Bei der als Synagoge von Sádaba bekannte Ruine, ebenfalls in der Nähe der Ausfallstraße nach Uncastillo, handelt es sich ebenfalls um ein römisches Mausoleum. Es ist Bestandteil einer nur knapp 100 Meter entfernten archäologischen Ausgrabungsstätte. Die Größe des kreuzförmig angelegten Mausoleums aus dem 4. Jahrhundert lässt darauf schließen, dass es einem hochgestellten Gutsbesitzer vorbehalten war.

Uncastillo

Die einstige Festungsstadt zwischen den Königreichen Navarra und Aragón lockt mit einem geballten Ensemble an kulturhistorischem Erbe in seinen steilen, mittelalterlichen Gassen. Dabei stellen die überaus erheiternden Steinmetzarbeiten an der romanischen Kirche Santa María selbst die Ruinen des gotischen Königspalastes von Uncastillo in den Schatten.

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