Ruinen der Festung Tiebas Muruarte de Reta
Navarra,  Spanische Erinnerungen

Tiebas Muruarte de Reta

Unter Navarras Monarchen gab es Solche und Solche.
Gerechte, Einäugige, Große, Zitterer, Streitbare, Restauratoren, Weise, Starke, Fette, Schöne, Zänker, Lange, Böse und Edle. Es gab Könige, die sich einen Namen machten, sei es durch Heldentaten, Kriege, Grausamkeiten oder auch nur durch äußerliche Gebrechen. Und es gab Monarchen, die nicht weiter auffielen, die einfach kamen und gingen, für Nachkommen sorgten, ohne das navarresische Weltbild zu verändern. Sie entsprangen französischen oder spanischen Blutlinien, bestiegen recht- oder auch unrechtmäßig den Thron, nicht ohne dabei die Nebenbuhler für immer auszuschalten. Manchen unter ihnen war eine lange Lebens- und Regierungszeit beschieden, andere dagegen wurden mit oder ohne Fremdeinwirkung frühzeitig aus der Blüte ihres Lebens herausgerissen. Es gab Egomanen, die dafür bezahlten, dass man Loblieder auf sie sang. Aber es gab auch Charismatiker, die nur durch ihre Existenz und ihr Handeln, Künstler und Freigeister zu Laudationen inspirierten.

Zu Letzteren zählte Teobaldo II.. Hauptberuflich Graf der Champagne und König von Navarra, nebenberuflich Reformator, Ritter und Kreuzfahrer.

Teobaldo II. von Navarra und von Gottes Gnaden

Teobaldo II. war ein weiser und gebildeter Souverän von Gottes Gnaden.
Im Gegensatz zu seinen Vorgängern kehrte er Pamplona den Rücken. Er verlegte seine Königsresidenz in das fünfzehn Kilometer entfernte Tiebas-Muruarte de Reta, das direkt an der strategischen Nord-Süd-Achse seines Königreiches lag. Seine palastähnliche Burganlage errichtete er auf einem sanften Hügel, sodass er das Herzstück seines Herrschaftsbereichs bestens überblicken konnte.

Auslöser für diesen Ortswechsel im 13. Jahrhundert war vermutlich der immer wieder aufflammende Clinch mit dem Bischof von Pamplona. Dieser hatte sich in unverfrorener Art und Weise im Königspalast von Pamplona breitgemacht. Ganz nach dem Motto “der Klügere gibt nach”, bündelte der König seine Energie lieber notwendige Reformen. So legte er viel Wert auf die Modernisierung des administrativen als auch militärischen Apparates und damit auf die Sicherstellung des wirtschaftlichen Wohlstandes seines Reiches. Und dies tat er mit viel Umsicht. Zwar erhöhte er die Steuerlast der städtischen Bevölkerung, stärkte aber gleichzeitig ihr ökonomisches Potenzial durch die Erteilung der begehrten Fueros: Sonderrechte, die den Handel und die Wirtschaft ankurbelten.

Siegel von Teobaldo II., Koenig von Navarra im 13. Jahrhundert


Als häufig frequentierte Königsresidenz unterstellte er die Durchgangsstation am Camino Aragonés direkt der Krone und, abgesehen von Aufbau- und Instandsetzungsarbeiten am Palast, entband er die Einwohner von allen anderen Pflichten und Frondiensten. Damit verschaffte sich der junge Monarch Respekt und Ansehen in den Augen seiner Untertanen. Außenpolitisch konnte er sich, durch die Heirat mit Isabelle, Tochter des französischen Königs Louis IX., die dauerhafte Allianz mit der französischen Krone sichern. Im Gegenzug unterstütze Teobaldo II. seinen Schwiegervater bei seinem letzten Kreuzzug gegen die Antichristen in Tunis. In vorderster Front kämpfend, überstand er jedes Gefecht, um tragischerweise auf der Rückreise von einem der kleinsten Feinde der Menschheit, dem Ruhrbakterium, dahingerafft zu werden. So erloschen im Jahre 1270 die Lebenslichter des erst 32-jährigen Königs für immer.

Teobaldos Vermächtnis

Die Trauer angesichts des frühen und unerwarteten Todes, inspirierte selbst den für seinen derben Sarkasmus bekannten französischen Troubadour Rutebeuf zu einer Elegie epischen Ausmaßes. „La complainte du roi de Navarre“ stellte keine für das Mittelalter typische Auftragsarbeit dar, denn alle in Frage kommenden, potenziellen Auftraggeber waren vakant oder anderweitig beschäftigt.

Die Königin, die ihren Ehemann auf seinem Kreuzzug begleitet hatte, verstarb kurze Zeit später ebenfalls an der Ruhr. Die Ehe war kinderlos geblieben. Der französische Hof war zu sehr mit der Trauerarbeit um ihren ebenfalls während des Kreuzzugs verstorbenen Souverän Louis IX. beschäftigt. Und der Bruder Teobaldos, Enrique el Gordo (Heinrich der Dicke), hatte in erster Linie mit seiner Gesundheit und in zweiter Linie mit der Aufrechterhaltung der Staatsgeschäfte durch die unerwartete Thronfolge zu kämpfen. Folglich war das Klagelied tatsächlich eine authentische, in Versmaß gemeißelte Hommage an den mitten aus dem Leben gerissenen Teobaldo II.

Die nachfolgenden Herrscher von Navarra behielten den Palast von Tiebas als temporären Aufenthaltsort bei, sodass sich der Stellenwert der Stadt weiter entwickelte. Zunächst erhielt sie das Recht, jeden Montag einen Markt abzuhalten. Später wurde ein Probst ernannt, der als Sheriff des Mittelalters, ein wachsames Auge auf die öffentliche Ordnung hatte, Recht sprach, kriminelle Machenschaften eindämmte und Nachbarschaftsstreitigkeiten schlichtete. Die Bestellung eines Probstes war ein außergewöhnliches Privileg, dessen sich nur drei weitere Städte in ganz Navarra rühmen konnten. 

Auch in der Burg tat sich einiges. Sie beherbergte inzwischen das königliche Archiv sowie die royale Schatzkammer, während in einem weiteren Trakt der Probst das Gefängnis stets gut gefüllt hielt. Doch trotz all dieser Veränderungen wuchs Tiebas nie über die Grenzen eines kleinen Marktfleckens hinaus.

Vom Königssitz zur Ruine

Die königliche Schatzkammer im Burgpalast von Tiebas übte auf den machthungrigen kastilischen Nachbarn eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Kurzerhand ließ er 1378 seine Truppen in Navarra einfallen, nahm die Burg im Sturm und ließ sie in Schutt und Asche legen. Erst 70 Jahre später leitete Juan de Beaumont, engster Vertrauter und Oberbefehlshaber der Truppen des Prinzen von Viana, den Wiederaufbau in die Wege. Kaum war die Festung wieder instandgesetzt, entzweite der Bürgerkrieg zwischen dem legitimen Thronerben Carlos von Viana und seinem ins Königreich eingeheirateten Vater den kleinen Pyrenäenstaat.

Auch Tiebas blieb von den kriegerischen Auseinandersetzungen nicht verschont. Die Festung wurde mehrmals attackiert und erneut in Brand gesteckt. Doch die Familie Beaumont hatte wohl Gefallen an der kleinen Burg gefunden. Sie kümmerte sich wiederholt um die Restaurierung, logierte dort auch zeitweilig, setzte aber für die dauerhafte Pflege und Instandhaltung einen Burgvogt ein. Nach einem Eigentümerwechsel Mitte des 17. Jahrhunderts blieb das Schloss verwaist.

Nichtsdestotrotz befürchteten die französischen Besatzer während des Spanischen Unabhängigkeitskrieges, dass sich hinter den Burgmauern spanische Guerillakämpfer verstecken könnten. Also sprengte sie die großen Gebäudeteile in die Luft und hinterließen, zusammen mit Tausenden Tonnen von herrenlosem Stein, verblassende Erinnerungen an ein einstmals glanzvolles Königreich.

Ein Tauziehen um 50.000 €

Knappe 185 Jahre später erinnerte man sich plötzlich wieder an die geschichtsträchtigen Ruinen. 1995 wurde die palastartige Burg zum Kulturgut erhoben mit der Auflage, die vom Zusammensturz bedrohten Mauern, binnen Fünf-Jahresfrist, in eine begehbare Anlage zu verwandeln. Bald rollten die ersten Bagger an, auf der Baustelle herrschte ein reges Kommen und Gehen, doch Fortschritte ließen auf sich warten. Doch ein Jahr später war es wieder still geworden auf dem Hügel. Die Ruine war immer noch eine Ruine und der spanische Fatalismus zurückgekehrt. Sollte man meinen.

Ruinen der Festung Tiebas Muruarte de Reta in Navarra

Allerdings spielte sich im Hintergrund ein erbärmliches Tauziehen um das historische Erbe ab. Schuld daran, dass die 1999 begonnenen Restaurierungsarbeiten in einer Sackgasse endeten, war schlicht und ergreifend der schnöde Mammon. Bei Planfestsetzung und Beginn der Konsolidierungsarbeiten vergaß man ein wichtiges Detail. Das Castillo von Tiebas befand sich nämlich im Privatbesitz einer Familie aus der benachbarten Ortschaft Campanas.

Es war ein Besitz um des Besitzes willen. Keine historische Verbundenheit, kein kulturgeschichtliches Interesse, keine patrimonialen Gefühle. Als die Familie das neu entfachte Interesse der Öffentlichkeit an ihrem Eigentum erkannte, versuchte sie daraus Profit zu schlagen. Nach zähen, sich über sechs lange Jahre hinziehenden Verhandlungen, wechselte die Ruine schlussendlich für die Summe von fünfzigtausend Euro in städtische Hände. Endlich konnten die Arbeiten an der Baustelle wieder aufgenommen werden.

Ein zweiter Anlauf

Zuerst ging man daran, die unvorstellbaren Tonnen an gesprengten oder im Laufe der Jahre von selbst herab gefallenen Steinmassen zu beseitigen, um die verbliebenen Mauerreste zu sichern. Im Anschluss verschafften sich die Archäologen vor Ort einen ersten Überblick über die Anordnung der ursprünglichen Räumlichkeiten auf dem etwa zweihundert Quadratmeter großen Areal.

Die, um einen zentralen Hof platzierten, ehemals zweistöckigen gotischen Gebäude besaßen alle einen rechteckigen Grundriss. Neben einem unterirdischen Weinkeller beförderten archäologische Ausgrabungen im Innenhof kunstvoll gearbeitete Kacheln ans Tageslicht. Experten bestätigten unisono, dass die in intensiven Rot-, Grün- und Beigetönen lackierten Fliesen ganz offensichtlich aus Frankreich importiert waren, da die Technik der Ausführung nicht den damaligen, in Spanien gebräuchlichen Methoden entsprach. Dieser wertvolle Fund ließ den Schluss zu, dass der von Teobaldo II. geschaffene Königssitz vielmehr einer feudalen Residenz als einem herkömmlichen Verteidigungsbollwerk geglichen haben muss. Eine durchaus plausible Erklärung für die Tatsache, dass die Anlage in keinem der Kriege einer Belagerung oder einem Angriff standgehalten hatte.

Seit 2009 schweigt die Berichterstattung zum Fortschritt der Restaurierung des Kulturerbes. Kein allzu gutes Zeichen, denke ich. Und ich sollte Recht behalten.

Die tägliche Apokalypse in Tiebas Muruarte de Reta 

An der Kreuzung vor dem Ortseingang von Tiebas gerät der Verkehr ins Stocken. Ein dumpf anschwellendes, sonores Dröhnen nähert sich. Der Boden vibriert unter einer tonnenschweren Last. Im gleichen Augenblick macht Frau Holle Großputz und schüttelt ihr riesiges Staubtuch aus. Was folgt als Nächstes? Die Ankündigung der Apokalypse? Bricht gleich die Erde auf und ergießen sich brodelnde Lavaströme aus den Gräben im Asphalt? Ich atme tief durch, um den Ernst der Lage zu erfassen, als plötzlich wieder Bewegung in die Fahrzeuge vor mir kommt. Der Lärm verhallt langsam, das pulvrige Inferno lichtet sich. Zum Vorschein kommt eine nicht abreißende Prozession aus Kipplastern und Betonmischern, die sich raupengleich den Hang zum nahe gelegenen Kieswerk hinaufarbeitet.

Kaum ist die staubgrau geschwängerte Luft rein, kommen die imposanten Reste der Palastanlage zum Vorschein. Protzige, wuchtige Werksteine, Überreste von Gewölbebögen von beachtlicher Höhe, deutlich erkennbare Aussparungen für die ehemalige hölzerne Deckenkonstruktion. Der Königssitz muss in der Tat überwältigende Ausmaße gehabt haben.

Doch ein unwohles Gefühl beschleicht mich. Es ist so still hier, zu still für ein Kulturgut, dessen Restaurierungsprojekt noch längst nicht abgeschlossen ist. Die ungünstigen Vorzeichen haben sich leider bewahrheitet. Außer mir glänzen nur brüchige Mauerreste und jede Menge Gefahrenschilder mit Anwesenheit. Bedauernswerterweise nehme ich zur Kenntnis, dass die weiteren angekündigten Instandsetzungsaktionen offensichtlich eingestellt wurden. Steine lösen sich aus den konsolidierten Ruinen, bröckeln, stürzen herab und machen die Begehung zu einem lebensgefährlichen Unterfangen.

Ruinen des gotischen Palastes von Teobaldo II. in Tiebas Muruarte de Reta

Die Restauration – ein Sisyphusprojekt? 

Ein Trauerspiel, was sich hier vor meinen Augen abzeichnet. Man spürt, die Ruine hat sich selbst aufgegeben. Sie hat dem weiteren Verfall nichts mehr entgegenzusetzen. Ihre Kräfte sind aufgebraucht. Verschlissen in den Kampfhandlungen der letzten Jahrhunderte, verschwendet in dem sinnlosen Entgegenstemmen gegen die zerstörerischen Detonationswellen des Kieswerkes. Ja, vielleicht ist das tatsächlich der Grund für das Einstellen der Aktivitäten auf dem geschichtsträchtigen Hügel. Wundern würde es mich nicht, wenn sich das Projekt als Sisyphusarbeit herausgestellt hat. Kaum ist ein Riss gekittet, ein Stein befestigt, droht bei der nächsten Sprengung im Steinbruch, die benachbarte Wand auseinanderzubrechen. Es scheint, dass die Restaurierung des Palastkomplexes in einer Endlosschleife feststeckt.

Ich benötige dringend einen nicht-synthetischen Stimmungsaufheller. Vielleicht hilft ein Spaziergang ins Dorfzentrum zur Kirche Santa Eufemia, den deprimierenden Anblick der trostlosen Ruine vergessen zu lassen.

Die Anzahl der Könige in Spanien wird nur von der Anzahl der Heiligen in den Schatten gestellt. Auch unter Ihnen gab es Solche und Solche. Berufene und Nichtberufene, Männer und Frauen verschiedener Herkunft und unterschiedlichsten Standes. Wundertätige, Widerstand leistende oder Schicksalsergebene. Aber immer fest für ihren Glauben einstehend und bereit, für diesen alle nur erdenklichen Höllenqualen auf sich zu nehmen.

Die Heilige Eufemia

Die Schutzpatronin der Dorfkirche von Tiebas, die Heilige Eufemia, übertrifft dabei Alle.
Im 3. Jahrhundert als Tochter einer angesehenen römischen Familie geboren, bekannte sich die junge Frau offen zum Christentum. Das hinderte jedoch den heidnischen Konsul nicht daran, um die Hand der bildhübschen Dame anzuhalten. Diese lehnte seinen Heiratsvorschlag kommentarlos ab und beschwerte sich stattdessen in aller Öffentlichkeit über die Verfolgung und Misshandlung ihrer Glaubensgenossen. Das brachte das Blut des gedemütigten Staatsbeamten noch mehr in Wallung.

Fest entschlossen, die kesse junge Frau zur Räson zu bringen, ließ er sich die vielfältigsten Grausamkeiten einfallen. Sie reichten von Vergewaltigung, über den Versuch sie zu rädern, zu verbrennen und an den Haaren aufzuknüpfen. Allerdings vergeblich, denn entweder war ein rettender Engel zugegen, oder die Strafe Gottes entlud sich umgehend und unbarmherzig über den Henkern.

Als nächste Folter klemmte der Richter Eufemia zwischen zwei Steinplatten ein. Doch statt vom Glauben abzuschwören oder um Gnade zu bitten, lösten sich die Mauersteine nach einer Woche in Staub auf und die Märtyrerin trat dem Ungläubigen unversehrt gegenüber.

Nach weiteren erfolglosen Torturen, gefolgt von wundersamen Rettungen und göttlichen, aber nicht minder barbarischen Bestrafungen der Folterknechte, ließ der Konsul die unbekehrbare Christin den Löwen zum Fraß vorwerfen. Doch anscheinend besaß Eufemia auch Dompteurqualitäten, denn die wilden Bestien verwandelten sich in ihrer Nähe zu zahmen Hauskatzen. Schlussendlich tötete ein Scherge des Konsuls die Heilige mit einem Messerstich. Daraufhin entdeckten die Löwen ihren Raubtierinstinkt wieder und fielen über den Mörder her, derweil der Konsul sich selbst zerfleischte.

Eine Schutzheilige als Prophezeiung?

Im Prado in Madrid hängt ein Bildnis der heiligen Eufemia. Ein Ölgemälde des spanischen Malers der Heiligen und Mönche, Francisco de Zurbarán. Wie alle seine Meisterwerke, lebt es von der asketischen Darstellung, von der Reduzierung des Themas auf sich selbst. Die Protagonistin des Porträts präsentiert dem Betrachter eines ihrer Folterwerkzeuge, eine scharfzackige Säge. Mit dieser gedachte man ihre Gliedmaßen abzutrennen, bevor sie anschließend in gusseisernen Pfannen hätten geröstet werden sollen.

Beim Anblick dieses unschuldigen Bildes kommt mir nicht im Entferntesten der Gedanke, dass die Heilige etwas mit den grausamen Racheakten gegen ihre Häscher zu tun haben könnte. Dennoch gehen ein Blutbad, ein Gelähmter, eine verdorrte Hand, ein von einem Dämonen Besessener und mehrere Tote auf ihr Konto. Doch das nur nebenbei.

Gemaelde ''Santa Eufemia'' von Francisco de Zurbarán, etwa 1637, im Museo del Prado
Francisco de Zurbarán, ”Santa Eufemia”,
c. 1637, Museo del Prado

Allerdings frage ich mich, ob die Auswahl der Heiligen Eufemia als Schutzheiligen für die einzige Kirche von Tiebas-Muruarte de Reta ebenfalls einem Wunder oder eher hellseherischer Fähigkeiten zuzuschreiben ist? Wie konnte Juana I. de Navarra, Tochter Enrique des Dicken, bereits im 14. Jahrhundert vorausahnen, welche Symbolkraft ihre Entscheidung bis in die Gegenwart haben wird? Ist es einer göttlichen Eingebung zu verdanken, dass die Schutzpatronin mit ihrem Steinplatten-zu-Staub-Wunder, eine geradezu unheimliche Parallele zu der mit einem permanenten Staubniederschlag kämpfenden navarresischen Gemeinde hat?

Wie auch immer, die Kirche ist wenig wundersam. Es handelt sich um ein einschiffiges Gebäude mit überdachtem Arkadenumlauf und gedrungenem Glockenturm. Elegante, verspielte Stilelemente, wie sie für die Bauweise der Monarchen aus der Champagne-Dynastie typisch waren, fehlen. Also ein einfacher, solider und zweckmäßiger Bau. Verständlicherweise. Denn Königssitz hin oder her, Tiebas blieb immer ein ländlich geprägtes Dorf umgeben von Steineichenwäldern. Und diese Steineichenwälder führen noch zu einer letzten Frage.

Eine verhängnisvolle Silbenkarambolage

Was machte Muruarte de Reta zu Muruarte de Reta?

Artederreta ist nämlich nichts anderes als die baskische Bezeichnung für Steineichenwälder, während das Wort Muro auf eine steinerne Befestigung verweist. Deshalb hieß der Marktflecken einst Muru-Artederreta. Ein rustikal anmutender Name, der eine Aufwertung nötig hatte, als sich die Gemeinde zum Königssitz mauserte. Also stellte man ihm den Beinamen Tiebas voran, als verherrlichende Verbindung zur altägyptischen Stadt Theben. Das behaupten zumindest die Romantiker unter den Sprachforschern. Sie sehen darin das Faible des französischen Adelsgeschlechts für alles orientalisch Anmutende, das sich im Laufe der Kreuzzüge ausgebildet hatte, bestätigt.

Ein wahrlich kühner Schritt von Dichtung zur Wahrheit und genauso wenig be- noch widerlegbar wie die Suche der Etymologie im Herrschernamen Teobaldo. Nun, es wird bis auf Weiteres ein Rätsel bleiben, warum und wann Muru-Artederreta zu Muruarte de Reta mutierte und wie es zu diesem linguistischen Betriebsunfall, dieser unachtsamen Silbenkarambolage kommen konnte.

Ich muss schmunzeln, und meine Stimmung ist wieder im Lot.

Ruinen der Festung Tiebas Muruarte de Reta

Tiebas Muruarte de Reta (Comunidad Foral de Navarra), April 2011

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