Werbeschild fuer das Volkskundemuseum in Bruegge, Belgien
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Volkskundemuseum Brügge – Eine nostalgische Zeitreise


Was darf es sein? Belfried oder Rozenhoedkaai? Kunst im Groeningemuseum oder Geschichte im Gruuthuse? Michelangelos Madonna in der Liebfrauenkirche oder Hans Memlings Meisterwerke im Sint-Janshospital? Vielleicht ein Abstecher zum Beginenhof oder eher eine entspannte Grachtenrundfahrt? Denkbar wäre auch ein Brauereibesuch oder lieber eine schokoladige Kaloriensünde? Wer die Wahl hat, hat die Qual – eine Redewendung, die auf die UNESCO-Welterbestadt Brügge in vielerlei Hinsicht zutrifft. Um die Entscheidungsfindung zu erleichtern, stelle ich Euch heute ein verkanntes Juwel vor: das Volkskundemuseum. Ein absoluter Geheimtipp für Nostalgie-Fans und ein heimliches Plädoyer für die gute, alte Handwerkskunst.

Eine kurze Geschichte des Volkskundemuseums

Ich mache mich auf den Weg nach Nordosten ins einstige Arbeiterviertel Sankt-Anna. Am Fuße der Wallanlagen erstreckte sich lange Zeit die grüne Lunge der Stadt. Zwar sind die unzähligen Kleingärten, die den einfachen Leuten zur Selbstversorgung dienten, größtenteils verschwunden, doch Ruhe und Beschaulichkeit sind geblieben. Eine stimmige Kulisse für das Brügger Heimatmuseum, für dessen Einrichtung sich bereits 1865 der dichtende Lehrer und Priester Guido Gezelle, einer der bekanntesten Söhne der Stadt, eingesetzt hatte. Die Verwirklichung des Konzepts ließ jedoch auf sich warten. Erst 1937 nahm das Projekt zunächst in Form einer folkloristischen Ausstellung und später als feste Sammlung in den Hallen des Belfrieds Gestalt an, bevor man Mitte der 1960-er nach einem alternativen Standort Ausschau hielt.

Die acht aneinandergereihten Einzimmer-Häuschen in der Balstraat schienen dafür wie gemacht. Vermögende Bürger hatten im 17. Jahrhundert die eingeschossigen Gebäude bauen lassen, um sie gegen ein minimales Entgelt an Familien mit geringem Einkommen zu vermieten. Teilweise lebten hier über ein halbes Dutzend Personen unter einem Dach. 1830 übernahm die Brügger Schuhmachergesellschaft die Mini-Wohneinheiten und stellte sie arbeitslosen oder aus Altersgründen nicht mehr arbeitsfähigen Zunftangehörigen zur Verfügung. Ein Eigentümerwechsel zu Beginn des 20. Jahrhunderts gereichte den Armenhäusern nicht zum Vorteil. Dringend notwendige Instandsetzungsarbeiten wurden ein ums andere Mal hinausgeschoben, die Wohnungen verfielen und blieben nach dem Zweiten Weltkrieg unbewohnt. Der Abriss drohte.

Glücklicherweise brachten die Pläne für die Neugestaltung des Volkskundemuseums die Rettung. Eine umfassende Restaurierung wurde in die Wege geleitet. Fassade und tragende Wände blieben erhalten, lediglich das Innenleben wurde dem Museumskonzept angepasst, sodass die Häuser nun en suite begehbar sind. Seit der Neueröffnung 1973 expandierte das Museum zweimal. Den Anfang machte das Gasthaus „Zwarte Kat“. Weitere Wohneinheiten entlang des Rolwegs folgten, wodurch ein geschlossenes Ensemble um einen begrünten Innenhof entstand.

Fleißkärtchen, Nachsitzen und bare Münze für die besten Plätze

Statt Schlangestehen oder Time-Slot gibt es im Eingangsbereich des Volkskundemuseums einen freundlichen Empfang inklusive deutschsprachiger Broschüre. Sie führt den Besucher durch die abwechslungsreiche Kollektion, in deren Mittelpunkt das Alltagsleben sowie typische Handwerksberufe des 19. bis Anfang 20. Jahrhunderts stehen. Jeder Museumsraum ist einem speziellen Thema gewidmet und angefüllt mit einem geordneten Sammelsurium historischer Gegenstände und verblassender Erinnerungen.

Die Zeitreise beginnt in einem üppig ausgestatteten Klassenzimmer von anno dazumal. Feder, Tinte, Griffel, Schiefertafel liegen griffbereit, Abakus und Lesebretter warten auf ihren Einsatz, der Geruch von Kreide, ledernen Schultaschen und Angstschweiß hängt in der Luft. Verstöße gegen die Schulregeln wurden unnachgiebig bestraft. Tatzen mit dem Rohrstock, Ohrenziehen, in der Ecke stehen oder das Aufsetzen der Eselkappe waren als „erzieherische“ Maßnahmen gang und gäbe. Nichts zu befürchten hatten strebsame SchülerInnen. Sie erhielten Fleißkärtchen oder Medaillen. Gute Noten und Intelligenz konnte man sich zwar schon damals nicht kaufen, dafür aber die privilegierten Plätze neben Ofen und Fenster. Und während ich gänzlich anachronistisch den Gebrauch des Abakus googel, wabern angesichts der Vintage-Schulbank plötzlich bruchstückhafte Erinnerungsfetzen durch mein Gedächtnis. Beulen am Schienbein, blaue Flecken, ein hinderlicher Mittelsteg – meine Sextanerkarriere lässt grüßen. Ganz offensichtlich hatten 1973 die robusten Bank-Pult-Kombinationen in meinem Gymnasium noch lange nicht ausgedient.

Bevor ich mich in weiteren Old School-Retrospektiven verliere, werfe ich lieber im nächsten Raum einen Blick über die Schultern des Schusters, staune über die gemeingefährlich wirkenden Werkzeuge des Klompenmachers und bewundere die ausgefallenen (Holz-)Schuhmodell

Der Krämerladen – eine unerschöpfliche Fundgrube

Danach schaue ich beim Krämer vorbei. Im Schlaraffenland der lokalen Nahversorgung gab es nichts, das es nicht gab: Lebensmittel, Petroleum, Seifen, Waschpulver, getrocknete Kräuter, Kerzen oder Streichhölzer. Alle Dinge des täglichen Bedarfs einschließlich weitgereister Kolonialwaren wie Kaffee und Kakao wechselten hier ihren Besitzer. Lebensmittelverschwendung, Selbstbedienung und Anonymität kannte der Tante-Emma-Laden um die Ecke nicht. Hier zählten Kundennähe, Service und Vertrauen. Was nicht vorrätig war, wurde bestellt. Die Waren bekam der Einzelhändler als abfall- und umweltschonendes Schüttgut in Fässern, Säcken oder Kisten angeliefert, die er dem Kundenwunsch entsprechend abwog und in Papiertüten verpackte. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzten sich die Markenkartonagen durch. Die Ära der Krämerläden neigte sich ab 1957 mit der Eröffnung des ersten Supermarkts in Belgien dem Ende entgegen.

Abgesehen von Registrierkasse, Waage und Kaffeemühle gehörte ein Zichorienröster zur Standardausstattung des Kaufmanngeschäfts. Die getrocknete Wurzel der Gemeinen Wegwarte entwickelte sich in Kriegs-, Krisen- und Notzeiten zur kostengünstigen Kaffee-Alternative. Für den Boom des koffeinfreien Ersatzes sorgten sowohl Friedrich der Große als auch Napoleon I. Der preußische König missgönnte seinen Untertanen den Genuss des Bohnenkaffees, um die einheimischen Bierbrauer und Malzröstereien vor dem Siegeszug des exotischen Getränks zu schützen. Der französische Kaiser zettelte einen Wirtschaftskrieg gegen Großbritannien an und verknappte durch die Kontinentalsperre die Einfuhr der gefragten Bohnen.

Kraemerladen im Bruegger Volkskundemuseum

Neben den Papiertüten hängen an der Verkaufstheke noch weitere aus dem Gebrauch gekommene Überbleibsel einer längst vergangenen Zeitrechnung, die Kerbhölzer. Sie dienten als Maßstab dessen, was man sich sprichwörtlich hatte zuschulden kommen lassen. Es war früher nicht unüblich, die Einkäufe bis zum Zahltag anschreiben zu lassen. Hierüber führte der Krämer mitunter papierlos Buch, indem er die Holzstücke mit Kerben entsprechend der Höhe der Verbindlichkeiten markierte. Danach wurde das Holz geteilt, Gläubiger und Schuldner behielten ein identisch gekennzeichnetes Beweisstück, fertig war der manipulationssichere Schuldschein.

Gesellschaftsspiele im Wandel der Zeit

Im Anschluss an den Tante-Emma-Laden tauche ich in die Welt der religiösen Bräuche und Bruderschaften ein, bevor der Fassmacher Einblicke in sein aussterbendes Handwerk gewährt.

Werkstatt eines Kuefers

Glänzende Augen aus längst vergessenen Kindheitstagen garantiert das Spielzeugzimmer. Viel Spaß mit wenig Aufwand versprachen die Artefakte in den Vitrinen. Meistens kam es auf Fantasie, Konzentration und Geschicklichkeit an. So faszinierte eine winzige, mit Nägeln versehene Holzspule eine ganze Generation junger Mädchen. Doch weiß zufällig noch jemand, wie die Strickliesel funktionierte, deren schlauchförmiges Endprodukt so kreativ wie überflüssig war?

Gaensespiel mit Missionierungsmotiv
Man beachte die Darstellung des Skorpions auf Feld 43!

Neben Zinnsoldaten, Kreisel und Mikado rangierten Steck-, Schiebe- und Würfelspiele besonders weit oben in der Beliebtheitsskala. Doch was entdecke ich da? Ein Missionierungs-Gänsespiel durch den Kongo? Schon höre ich den Aufschrei: „Welch Skandal! Wo bleibt nur die Index-Polizei?“ Sie wird nicht kommen, denn wer traut sich schon gegen die Heilige Jungfrau Position zu beziehen, die vor Spielbeginn mit einem Ave-Maria gepriesen wird? Kolonialisierung und Missionierung gehören unbestritten zu den dunkelsten Kapiteln der europäischen Geschichte. Dennoch erlaube ich mir an dieser Stelle die 21. Jahrhundert-Brille politischer Inkorrektheiten abzulegen und das zwischen 1945 und 1970 produzierte Ausstellungsstück wertungsfrei als das zu betrachten, was es ist: ein aufschlussreiches, historisches Zeitdokument.

Süßes geht immer

In der Original-Zuckerbäckerwerkstatt, die ein ortsansässiger Spekkenbakker dem Museum vermachte, ist noch regelmäßig der große Kessel in Gebrauch. Auf exakt 145 °C muss die Zucker-Glucose-Mischung erhitzt werden, bevor man Aromen und Farbstoffe zugibt. Anschließend heißt es die zähflüssige Masse kneten, ausrollen und die Bonbons mithilfe einer Matritzenwalze in die gewünschte Form bringen.

Kueche des Zuckerbaeckers im Bruegger Volkskundemuseum

Eine Fortsetzung der kalorienreichen Thematik bietet der nächste Ausstellungsraum mit Lebkuchenmodellen, Keksausstechern, Schokoladengießformen und einer traditionsreichen flämisch-holländischen Spezialität. Dabei irritiert die hinter Glas verbannte Tonscheiben-Parade. Kavalleristen in schmucken Uniformen, volkstümliche Szenen, ja sogar Heilige und die Jungfrau mit Kind bevölkern die ungenießbaren „Oblaten“. Diese sogenannten Patacons kamen im 16. Jahrhundert in Flandern, Nordfrankreich und den niederländischen Provinzen in Mode. Ihren Namen sowie ihre Symbolkraft verdanken sie der Großsilbermünze Patagon, die während der spanischen Herrschaft über die südlichen Niederlande im Umlauf war. Für gewöhnlich verzierten die gut situierten Haushalte ihre Vollaards, eigentümlich geformte Rosinenbrote, mit dem wertvollen Taler, um sie zu Weihnachten oder Neujahr an wertgeschätzte Freunde der Familie oder einflussreiche Honoratioren zu verschenken.

Und das einfache Volk? Ihm mangelte es zwar an finanziellen Möglichkeiten mit diesem kostspieligen Brauchtum Schritt zu halten, nicht jedoch an Erfindungsreichtum. So entstanden die alternativen Dekorationsstücke aus Pfeifenton. Von Hand mit einer Mischung aus Wasserfarben und Gummi arabicum bemalt, entwickelten sich die damit bestückten Vollaards zum beliebten Blickfang. Bald buk man die längliche Brioche mit der kugelförmigen Verdickung an jedem Ende nicht nur zur Feier von Christi Geburt (die Form sollte an das gewickelte Jesuskind erinnern), sondern auch an allen anderen christlichen Festtagen. Leider konnte sich die Tradition der kunstvoll verzierten Tonscheiben nicht bis in unser Jahrtausend hinüberretten. Dafür hinterließ uns der Maler Pieter Bruegel mit seinem Gemälde „Kinderspiele“ aus dem Jahr 1560 eine der ältesten Darstellungen des Hefeteiggebäcks, allerdings ohne Patacon-Verzierung.

Der Hutmacher – ein Beruf mit unerwünschten Nebenwirkungen 

Gut, dass nach all dem Naschwerk der Apotheker nebenan zu Gange ist. Bestimmt findet sich in seinem gut bestückten Reich ein geeignetes Hausmittelchen gegen virtuelle Überzuckerung. Wer keinen guten Rat zur Wiederherstellung des Wohlbefindens benötigt, darf trotzdem die elegante 1863-er Empire-Einrichtung einer ehemaligen Brügger Apotheke in Augenschein nehmen.

Apothekeneinrichtung im Empirestil im Volkskundemuseum in Bruegge, Belgien

Gut behütet fühlten sich die Brügger Einwohner nicht nur beim Pharmazeuten ihres Vertrauens, sondern auch beim Modisten. Ein weiterer, vom Aussterben bedrohter Beruf. Dabei gehörte das Tragen eines Hutes noch bis in die 1950-er Jahre zum guten Ton. Besonders in elitären Kreisen pflegte man nie „oben ohne“ das Haus zu verlassen. Sowohl aus praktischen Gründen (Regen-/Sonnenschutz), aber vor allem aus Standesdünkel trug Mann/Frau Kopfbedeckung. Ein heller Teint galt als vornehm, Gesichtsbräune war verpönt, da mit dem Makel körperlicher Arbeit im Freien behaftet. Ein absolutes No-Go für die Elite des Geldes, der Macht oder des Geistes.

Das Atelier des Hutmachers ist mit einer variantenreichen Auswahl an Kopfbedeckungen und hölzernen Modellformen bestückt. Daneben liegen alle erforderlichen Gerätschaften bereit: Bürsten, Bügeleisen, Wasserkocher, Nähmaschine, Scheren und Hutspanner. Der Konformator sticht besonders hervor. Eine Folterinstrument-ähnliche Metallkonstruktion zum exakten Vermessen der Kopfform, die mittels Lochkarte auf eine Schablone übertragen wurde, damit der Hut später perfekt saß. Maßarbeit war in diesem Beruf ebenso wichtig, wie die Kenntnisse im Umgang mit den unterschiedlichen Materialien und ihrer Verarbeitung. Zu Vliesstoffen gepresste und verfilzte Biber- oder Kaninchenhaare sowie Schafwolle fanden am häufigsten Verwendung.

Übrigens gehörte die Anfertigung von Hüten in der Vergangenheit nicht nur zu den zeitintensiven, sondern auch zu den lebensgefährlichen Handwerken. Das gefürchtete Hutmachersyndrom, eine Nervenkrankheit, die unter anderem das Gehirn irreversibel schädigte, ließ sich auf die giftigen Quecksilberdämpfe bei der Fellverarbeitung zurückführen. Der mad hatter, der verrückte Hutmacher aus Alice im Wunderland weiß ein Lied davon zu singen.

Die Zwarte Kat – eine Kneipe mit Tradition und Pianola

Eigentlich die neunte von 19 Stationen des Museumsrundgangs, habe ich mir den Besuch der Zwarte Kat für den Schluss aufgehoben. Der „Schwarze Kater“ verkörpert eine typische Volkskneipe aus dem 19. Jahrhundert, in der man heutzutage in gemütlicher Atmosphäre die Koffeinvorräte auffüllen oder die lokalen Bierbrauer unterstützen kann.

Sage und schreibe 1296 Nachbarschaftskneipen existierten um die letzte Jahrhundertwende in der Stadt oder anders gesagt: in jedem achten Haus traf man auf eine Schankwirtschaft. Besonders in den Arbeitervierteln wie Sankt Anna war die Dichte an Estaminets überdurchschnittlich hoch. Hier wurden nicht nur Ängste und Aussichtslosigkeit im Alkohol ertränkt, sondern auch Sorgen oder freudige Ereignisse mit Freunden geteilt.

Der Name des Museumscafés geht auf das Pariser Kabarett Chat Noir auf dem Montmartre zurück. Der legendäre Künstlertreffpunkt diente auch dem gleichnamigen Brügger Literaturzirkel als Vorbild, von dem noch das Rednerfass in der Ecke stammt. Eine weitere Kuriosität darf der Besucher für den Einsatz von 20 Cent in Gang setzen. Als Belohnung spukt das über einhundert Jahre alte Pianola eine mehr oder weniger schiefe Melodie aus, die durch ein pneumatisches System und einen Lochstreifen aus Papier erzeugt wird. Das selbstspielende Klavier ersetzte den Kneipenmusiker, der wohl nicht immer auf seinem Posten war und zudem noch bezahlt werden musste. Die Erfindung von Plattenspieler und Radio sorgten ihrerseits für das Aussterben des Tingel-Tangel-Pianos.

Der Sägemann – Kultfigur und Rausschmeißer

Deutlich kleiner als das Pianola, aber dafür mit viel Verantwortung ausgestattet, präsentiert sich der Zageman auf dem Regal hinter der Bar. Die kleine Metallfigur mit der überlangen, gekrümmten Säge erfüllte zwei essenzielle Aufgaben. Zu später Stunde, verkündete sie, vom Gastwirt angeschubst, die letzte Runde. Solange das Wippmännchen mit Gegengewicht sich bewegte und sägte, durften die Gäste austrinken. Danach war Feierabend. Außerdem versah die Kultfigur wertvolle Dienste als Spaßbremse für monologisierende Alleinunterhalter. Wer kennt sie nicht, die Nervensägen, die zu allem und jedem eine Meinung haben und sich gerne selbst reden hören? Vom Alkohol beflügelt, sind sie kaum zu bremsen. Wenn es den anderen Kneipenbesuchern zu viel wurde, gab man dem Wirt ein Zeichen. Mit dem letzten Sägezug hatte es sich dann ausgeschwafelt.

Aristide verzweifelt gesucht

Seit 1982 gehört Aristide zum Inventar. Mit der Eröffnung der Zwarte Kat zog das lebensechte Maskottchen, ein schwarzer Kater, im Museum ein. Eine geniale Marketingidee des damaligen Direktors. Getauft wurde der Caféhaustiger auf den Namen Aristide, in Anlehnung an den französischen Chansonnier Aristide Bruant (1851-1925), der in seiner gleichnamigen Ballade rund um das Kabarett „Le Chat Noir“ sein Glück suchte. Mittlerweile in der vierten Generation angekommen, erfahre ich zwischen meiner ersten und zweiten Espresso-Bestellung im Café, dass Aristide IV. abgängig ist. Das war im Spätherbst vergangenen Jahres. Suchaktion und Vermisstenmeldung blieben ergebnislos.

Flaemische Variante des Chat Noir-Plakats von Théophile Steinlen

Also begab sich die Museumsleitung auf die Suche nach einem würdigen Nachfolger. Ganz unorthodox per offizieller Stellenausschreibung in den lokalen Medien. Im Anforderungsprofil war zu lesen: „Du bist für den Empfang der Besucher zuständig, nicht menschenscheu und lässt Dich gerne kraulen. Du kennst Dich mit Herumhängen, Nichtstun, aus dem Fenster starren, ein Nickerchen in der Sonne machen und regelmäßigen Kontrollgängen im Museum auf der Suche nach Aufmerksamkeit bestens aus. Grundkenntnisse in niedlichen Miauen und lautem Schnurren sind von Vorteil“.

Top-Job, denke ich, wäre da nicht das Kleingedruckte: Kleine Aufgaben wie Mäuse fangen und Vögel jagen sind ebenfalls Teil des Aufgabengebiets. Dafür bietet der Arbeitgeber eine Vollzeitstelle und das Recht, dauerhaft im Museum zu leben sowie Wasser, Strom und Heizung kostenlos zu nutzen. Nicht zu vergessen die Essensgutscheine für Katzenfutter und ein persönliches Team, das für das Wohlergehen sorgt. Grundvoraussetzung: pechschwarzes Fell. 21 Bewerber stellten sich vor, ein passender Kandidat wurde gefunden. Aristide V. trat vor Kurzem seinen neuen Arbeitsplatz an. Ich beneide ihn ein wenig. Ist es nicht ein Privileg, in dieser musealen Schatztruhe gegen das Vergessen seine Tage zu verbringen?


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