Spanische Erinnerungen

 „Eines der wenigen konstanten Dinge in meinem Leben ist meine Liebe, einen schwächeren Ausdruck dafür gibt es nicht, zu Spanien. Frauen und Freunde sind aus meinem Leben verschwunden, doch ein Land läuft einem nicht so leicht weg. […] Es ist eine Liebe fürs ganze Leben, das Staunen hört nie auf“.

Cees Nooteboom “Der Umweg nach Santiago”

Treffender als Cees Nooteboom, der sich selbst als Romancier, Reisender, Dichter und Kunstbetrachter bezeichnet, hätte auch ich meine Affinität zu Spanien nicht beschreiben können. Immer, wenn ich in Spanien unterwegs bin, habe ich deshalb meine Lieblingslektüre des niederländischen Wortakrobaten „Der Umweg nach Santiago“ mit im Gepäck. Auch wenn es inzwischen vom vielen Lesen und Blättern reichlich mitgenommen aussieht, ist mir dieses Buch genauso ans Herzen gewachsen wie das Land selbst. Eine rationale Erklärung für die Liebe zu Spanien gibt es nicht. Es hat mit Gefühl, mit Leidenschaft zu tun. Und mit dem Duft blühender Orangenbäume an der Costa del Azahar.

Endstation Sehnsucht Spanien

Seit ich 1985 das erste Mal den Fuß in dieses Land am Rande Europas setzte, ließen mich seine faszinierend konträren Landschaften, sein reichhaltiges Kulturerbe als auch seine dramatische Historie nicht mehr los. Über Jahre hinweg bereiste ich Spanien von Nord nach Süd und von Westen nach Osten.

Ich schwitzte unter der stechenden Sonne Andalusiens, mir gingen die Augen über angesichts des Säulenwaldes der Mezquita in Córdoba und der Schönheit der Alhambra in Granada. Ich litt unter der unbarmherzigen Mittagshitze der Extremadura, kämpfte auf den Hochebenen von La Mancha gegen die Windmühlen Don Quijotes, erhaschte atemberaubende Abendstimmungen am Mittelmeer, verirrte mich in den Wäldern der Pyrenäen und begegnete einfachen, bodenständigen Menschen mit großem Herzen und noch größerer Gastfreundschaft. Bald kannte ich mich in der spanischen Geografie, abseits der Touristenhochburgen, besser aus als manch Einheimischer.

Hinzu kam die Faszination für die spanische Geschichte, die sich in ihrer Art so gänzlich von der deutschen unterscheidet. Die deutsche Historie ist emotionslos spröde. Perfekt geeignet für jedes Sachbuch. Ganz anders das spanische Pendant, das sich wie ein Roman der Gratwanderung zwischen Wirklichkeit und Legende liest. Ein Webteppich aus unterschiedlichen königlichen Blutlinien, dessen Fäden aus Schicksalen, Eroberungen, Niederlagen, Unterdrückung, goldenen Zeitaltern und geheimnisvollen Mysterien auf immer und ewig miteinander versponnen sind. Sie ist einerseits eine ehrliche, unerbittliche und mitunter auch grausame Geschichte. Andererseits hat sie uns aber auch das friedliche und blühende Miteinander der Kulturen gelehrt. Und das schon vor über einem Jahrtausend.
Das Anhängsel Europas lässt sich nicht einfach in eine Schublade stecken. Es sondert sich davon ab, wie ein stolzer Außenseiter. Sind nicht schon die kleinen spanischen Interpunktionen ¡! und ¿? ein deutlicher Hinweis für diese Andersartigkeit?

Wege entlang des Jakobswegs

Und dann gibt es natürlich noch den Zauber des Camino, des Jakobswegs. Jahrelang war es ein lang gehegter Wunsch die 800 Kilometer des bekanntesten aller europäischen Pilgerwege von den französischen Pyrenäen bis zum Grab des Apostels Jakobus in Galicien zu Fuß zurückzulegen. Doch je mehr ich über den Camino de Santiago las, je intensiver ich darüber nachdachte, desto weniger konnte ich mich mit dem Vorhaben anfreunden. Ich spürte, es ging mir nicht um die physische oder gar spirituelle Erfahrung. Vielmehr trieben mich die Legenden, die Kunst- und Kulturschätze, die Naturlandschaften entlang des Weges an. 

Ich ging mit mir hart ins Gericht. Wollte ich kein Pilger sein, weil ich zu bequem war? Nein, das war es definitiv nicht. Mir fehlte schlichtweg die spirituelle Motivation. Ich musste nicht mich finden. Im Gegenteil. Ich wollte einfach den Weg mit seinen unzähligen Neben-, Um- und Schleichwegen mit ihren ganz eigenen Geschichten und Sehenswürdigkeiten (nicht zu vergessen die Holzwege) nicht verpassen.

Aber wie sollte ich mich auf Orte, Geschichte, Traditionen und Mythen einlassen, wenn meine Gedanken nur um das Meistern des Pilgeralltags kreisten: früh aufstehen, dann eine endlose Anzahl an Schritten aneinandersetzen, Nahrungsmittelaufnahme, um die tägliche Übernachtungsmöglichkeit bangen, schmutzige Wäsche waschen, schweiß- oder regennasse Kleidung trocknen, Blasen pflegen, um abschließend mit dem Ohropax-Ritual die Nacht einzuläuten? Ich hatte mich entschieden. Für mich war das Pilgern mit dem Erleben des Jakobswegs als UNESCO Weltkulturerbe nicht vereinbar.

Streifzüge durch Aragón und Navarra

Also machte ich mich 2011 auf meine Weise auf den Weg. Mit dem Auto. Drei Wochen dauerte meine erste Etappe, in der ich zwischen dem aragonischen und dem navarresischen Jakobsweg hin- und herpendelte. Dann hieß es erst einmal Abschied und wieder Kurs auf heimatliche Gefilde nehmen, bevor es weiter durch La Rioja, Kastilien und León bis nach Galicien gehen sollte.

Wie sich inzwischen herausstellte, sollte es leider ein Abschied für längere Zeit werden. Trotzdem hat er mich in meiner Entscheidung den Jakobsweg zu erleben, bestätigt, denn ich musste mir nicht die bangen Fragen stellen: “Was wird sein, wenn ich in Santiago de Compostela angekommen bin? Kann ich die berühmt berüchtigte Leere füllen? Wird mich die bittere Erkenntnis einholen, dass die tägliche Routine alle guten Vorsätze zunichte macht, weil das wirkliche Leben einem weder Zeit noch Raum lässt, Veränderungen nachhaltig weiter zu verfolgen?”

Ich musste keinen Schlussstrich unter meine Pilgerreise ziehen, keinen Haken hinter ein Kapitel meines Lebens machen, keine Türe schließen, um den Alltag wieder aufzunehmen. Sicher, letzteres Schicksal, nämlich der Alltag, traf auch mich. Allerdings ist meine Jakobsweg-Tür nicht geschlossen. Höchstens angelehnt.  Ich kann sie jederzeit wieder weit aufstoßen und meine Reise fortsetzen, und das ist wichtig für mich.

Meine Reise durch Aragón und Navarra beeindruckte und inspirierte mich so nachhaltig, dass ich das erste Mal zu Feder und Stift griff, um meine Erlebnisse festzuhalten. Nun haben diese Erinnerungen allerdings einen rein emotionalen, aber keinen touristischen Aktualitätswert. Deshalb habe ich beschlossen, ihnen an dieser Stelle eine eigene Plattform zu widmen. Es wäre einfach zu schade, wenn sie weiterhin ungelesen ein Stiefmütterchen-Dasein in meiner Schreibtischschublade fristen müssten.

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