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In Leselaune

Der Ideenkobold

Seit einigen Tagen treibt sich mal wieder ein hartnäckiger Ideenkobold in meinem Kopf herum. Ein ganz ungünstiger Zeitpunkt. Ich habe eh schon eine überquellende To-do-Liste mit ständig im Alarmzustand befindlichen Prioritäten. Da kann ich ein weiteres Projekt beim besten Willen nicht gebrauchen. Aber die Idee gefällt mir. Also hilft nur eins. Rauf aufs Fahrrad, raus aus der Stadt und den Kopf im Fahrtwind durchpusten lassen. Wenn dann der Ideenkobold immer noch da ist, hat er es auch verdient, beachtet zu werden.

3 Stunden später.

Der Ideenkobold ist immer noch da.
Und er hat sogar noch Begleitung mitgebracht. Einen längst verschollenen Erinnerungsfetzen.

Ein Blick zurückTatort Schule

Tatzeit

Mai 198…

Tatort

Die große Aula des Hegau-Gymnasiums in Singen

Tatverdächtige

Petra alias “Petzi”

Tatmotiv

Abiturprüfung Deutsch

Tatwaffen

Pelikan Füller, Schlampermäppchen, Aufgabenblatt, Leerblätter

Tatbeteiligteeine Auswahl

  • Abi-Aufgabe 1

Interpretation und vergleichende Textanalyse zweier Pflichtlektüren
(Die Prosalektüren habe ich direkt nach der Pflichterfüllung von meiner mentalen Festplatte gelöscht. War es Emilia Galotti, Homo Faber oder gar eines von Goethes Meisterdramen? Ich weiß es wirklich nicht mehr.)

  • Abi-Aufgabe 2

Gedichtinterpretation
(Gedichtinterpretationen waren eigentlich mein Steckenpferd, denn man konnte dem Autor allerlei abwegige Absichten unterstellen. Es kam nur darauf an, sie gut zu begründen. Allerdings war das Abiturgedicht ein expressionistischer Albtraum.)

  • Abi-Aufgabe 3

Texterörterung
(Ich erinnere mich nur, dass mich die Überschrift des zu erörternden Zeitungsartikels annähernd so gefesselt hat, wie das Häkelmuster der verhassten Topflappen aus dem Handarbeitsunterricht der 5. Klasse.)

  • Abi-Aufgabe 4

Freies Essay zum Thema “Wer liest, lebt doppelt”
(Der einzige Lichtblick unter den gestellten Abi-Aufgaben).

Tathergang

Nach sekundenschneller Abwägung des Erfolgspotenzials der vorliegenden Tatbeteiligten entschied ich mich für den letztgenannten Rettungsanker. Eine freie Erörterung erschien mir angesichts der erdrückenden Übermacht klassischer Deutschlehrer-Protagonisten als einziger Ausweg.

Die Planung und Skizzierung der Tat nahm weniger als 30 Minuten in Anspruch. Daran schloss sich direkt die Tatausführung an. Mit vier Stunden und sieben eng beschriebenen Seiten uferte die Umsetzung zwar ein wenig aus, doch damit war dann auch alles zum Thema gesagt. Zufrieden verließ ich den Tatort. Die Beweislast* befand sich nun in den Händen Anderer.

© Peter Kneffel / dpa

Doch warum erzähle ich Euch das Alles?

Ganz einfach. Erstens, weil sich der Ideenkobold in meinem Kopf durchgesetzt hat und zweitens, weil das Thema meiner Abiturarbeit mehr denn je Gültigkeit hat.

Wer liest, lebt doppelt!

Schon seit meiner Kindheit war ich ein Buch verschlingender Nimmersatt. Für mich ist es heute noch unverständlich, warum die Stadtbücherei Singen damals meinen Antrag auf Zweitwohnsitz ablehnte. Zum Glück ermöglichte mir später das Taschengeld, meine oftmals nonkonformistischen Literaturwünsche zu erfüllen. Als ich dann auf eigenen Beinen stand, quollen die Bücherregale bald über. Deshalb hieß es vor jedem Umzug ein wenig Abschied nehmen, um nicht von der Möbelpacker-Gewerkschaft gesteinigt zu werden. Anschließend begannen sich die Bücher von neuem zu stapeln.

Seit ich vor etwas mehr als einem Jahr meinen Blog in Reiselaune ins Leben rief, läuft die Bücherleidenschaft vollständig aus dem Ruder. Möglicherweise liegt das an meinem “Forscher-Gen”. Habe ich eigentlich schon erzählt, dass ich mal Archäologin werden wollte? Bei der Aufnahmeprüfung für das Gymnasium konnte ich mir leider dieses komplizierte Wort nicht merken. Also gab ich als Berufswunsch “Knochenforscherin” an. Na ja, das traf es nicht ganz, aber es wurde verstanden. Ansonsten hätte ich nach der Sexta wohl kaum (als Preis für gute Leistungen – ja ein Streber-Gen schlummerte wohl auch in mir) ein Buch über Heinrich Schliemann überreicht bekommen.

Oh je, ich bin schon wieder abgedriftet. Zurück zum Lesen und meinem Doppelleben.

Mein literarisches Doppelleben

Auf Reisen gehen, fängt bei mir bereits zuhause auf der Couch an. Mindestens ein, noch besser zwei Bücher braucht es, bevor ein neues Reiseabenteuer Hand und Fuß annimmt. Ich möchte unterwegs auf keinen Fall etwas verpassen, nur weil ich nicht ausreichend vorbereitet bin. Zunächst sind die klassischen Reiseführer dran, bevor Bildbände oder Kunstbücher zum Zuge kommen. Idealerweise finden sich in der Bücherwelt, passend zur Destination, noch authentische Reisebeschreibungen, historische Romane oder Biographien. Ohne auch nur einen Fuß vor die Türe gesetzt zu haben, bin ich quasi schon mittendrin in meinem Abenteuer.

Einmal unterwegs, kreuzen unter Garantie mehrere Buchhandlungen oder Museumshops meine Route. Während ich mit den neuen Errungenschaften regelmäßig das maximale Gesamtgewicht meines Fahrzeugs ausreize, befindet sich das Reisekonto dazu reziprok im Sinkflug. Wieder zurück in heimatlichen Gefilden versinke ich über beide Ohren in den neuen Lesematerialien, sodass ich meine Reise ein weiteres Mal erlebe.

Dank der vielen großartigen Bücher führe ich also ein beneidenswertes Doppelleben. Vor allem jetzt, in der Zeit, in der ich meine Auslands-Reiseaktivitäten pandemiebedingt komplett heruntergefahren habe. Genau diese Situation rief wohl meinen Ideenkobold auf den Plan. Warum nur übers Reisen schreiben, wenn das Lesen darüber doch beinahe ebenso wunderbare Momente und Lichtblicke ins Leben zaubert?

Was erwartet Euch bei >>In Leselaune<<?

In wenigen Stunden reifte die Idee in meinem Kopf zu einem klaren Konzept. Ich hatte Feuer gefangen für das neue Miniprojekt, das ich passend zum Blog in Reiselaune, auf den Namen in Leselaune taufte. Kurzerhand sortierte ich die Prioritäten auf meinem Schreibtisch um, fertigte in einem mitternächtlichen Brainstorming eine Aufgabenliste an und begann anschließend sofort mit der Umsetzung.

Jetzt heißt es für mich “nur” noch in die Tasten hauen, um Euch zukünftig in der neuen Rubrik in Leselaune meine ganz persönlichen Bücherfreu(n)de(n) vorzustellen.

Bitte erwartet von mir zu den einzelnen Buchvorstellungen keine Sternchen- oder Daumen-hoch-Daumen-runter-Bewertungen. Vielmehr lege ich Euch einfach nur die Literatur ans Herz, die mir entweder genial schöne Stunden bei der Reisevorbereitung oder tiefe Seufzer beim nostalgischen Schwelgen in Erinnerungen beschert hat. Auch mit den Werken, die für meine Hintergrundrecherchen zu den Blogbeiträgen enorm hilfreich waren, will ich nicht hinterm Berg halten.

Vielleicht gelingt es mir ja, Euch ebenfalls für ein literarisches Doppelleben zu begeistern.
Vielleicht werden es derer auch tausend sein, wenn man George R.R. Martin Glauben schenkt:
“Ein Leser durchlebt tausend Leben, ehe er stirbt. Der Mensch, der nie liest, lebt nur ein einziges.”

In diesem Sinne: lest und lebt doppelt oder tausendfach!

Eure Petra in Leselaune

* P.S.: Für den Abituraufsatz gab es immerhin 13 Punkte. :-).

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