Blick auf die Oude Kerk (ALte Kirche) von Delft
Niederlande,  Unterwegs

Delft und die Alte Kirche (Oude Kerk)

Geschichten von großen Herzen, kleinen Wesen und ganz viel Silber

Oh nein, nicht schon wieder eine Kirche denken jetzt sicherlich Einige.
Allerdings ist die Alte Kirche in Delft nicht eine x-beliebige Kirche. Sie besitzt weder eine atemberaubende Architektur, noch liturgische Kirchenschätze oder gar Wunder vollbringende Reliquien. Es sind die Persönlichkeiten, welche hier ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, die die Anziehungskraft des ansonsten eher schmucklosen Gotteshauses ausmachen. Und natürlich der Alte Jan.  

Doch schauen wir uns zunächst ein wenig in der ältesten Kirche Delfts um und werfen einen Blick in ihre Annalen und Baugeschichte. Für ein besonders gutes Verständnis sorgt hierbei eine kleine Holzmodell-Ausstellung im Seitenschiff der Oude Kerk.

Holzmodelle zur Entwicklung der Architektur der Oude Kerk (Alte Kirche) von Delft

Die älteste Kirche Delfts

  • Die Wurzeln der Oude Kerk gehen auf ein Tuffsteingebäude aus dem Jahr 1050 zurück.
  • Knappe 200 Jahre später beginnt eine erste Phase des Ausbaus. Es ist die offizielle Geburtsstunde der Oude Kerk, der ältesten Kirche Delfts. Das rechteckige Gebäude erhält zwei Seitenschiffe. Die Kirche wird dem Hl. Bartholomäus geweiht, in Anlehnung an den federführenden Bauherrn Bartholomäus van der Made.
  • Von 1324 bis 1365 entsteht der gotische Kirchturm mit seinen vier Ecktürmen.
  • Die Kirche des Hl. Bartholomäus bekommt mit dem Bau einer weiteren Pfarrkirche am Marktplatz Konkurrenz. Ab sofort wird sie, zur besseren Unterscheidung von der “Neuen Kirche” umgangssprachlich nur noch die “Alte Kirche” genannt.
  • Gegen Ende des 14. Jahrhundert werden die Seitenschiffe erhöht und mit Satteldächern versehen. Das Gotteshaus nimmt die Gestalt einer Hallenkirche an. Außerdem erhält sie einen neuen Schutzpatron, den Heiligen Hippolyt.
  • Um 1430 wird der Hauptchor vergrößert und das südliche Seitenschiff verlängert. Die Hallenkirche entwickelt sich zur Basilika. 
  • Etwa 1510 wird das Seitenschiff auf der Nordseite ausgebaut und mit einem Chor versehen.
  • Einige Jahre später erfolgt die nächste umfassende Erweiterung. Pläne für eine Kreuzbasilika liegen vor. Der Anfang wird mit dem nördlichen Querschiff gemacht. Doch bevor die Arbeiten am südlichen Querschiff aufgenommen werden können, macht das verheerende Stadtfeuer von 1536 dem weiteren Ausbau der Kirche einen Strich durch die Rechnung. Somit behält die Oude Kerk ihr unsymmetrisches Aussehen, bis heute.
Der Traum von einer harmonisch aussehenden Basilika bleibt unerfüllt.

Die Berg- und Talfahrt der Oude Kerk

Die Oude Kerk hatte es von Anbeginn nicht einfach. Auf Zeiten des Wachstums, der Erneuerungen oder Erweiterungen folgte, fast schon erwartungsgemäß – wie das Amen in der Kirche – ein Rückschlag.

Die Alte und die Neue Kirche lagen von Anfang an in einem ständigen Wettstreit um größer, höher, schöner. Das Schicksal entschied anders. Mitten in den Erweiterungsarbeiten im 16. Jahrhundert, verwies der Stadtbrand beide Gebäude in ihre Schranken.
Die finanziellen Mittel waren erschöpft, die ursprünglich vorgesehenen Erweiterungsmaßnahmen Makulatur.

30 Jahre später machte der erste Bildersturm auch vor der Alten Kirche nicht Halt. Jeglicher Kirchenschmuck wurde dabei verwüstet oder entfernt, selbst die Orgeln blieben von der Zerstörungswut des Mob nicht verschont.

Als sich Delft 1572 für die Seite der calvinistischen Rebellen und gegen den erzkatholischen, spanischen König entschied, wurde aus der einstigen katholischen endgültig eine protestantische Kirche. Der Chorraum hatte für die Abhaltung der Messe ausgedient. Seither werden die Predigten von der neuen Kanzel im Mittelschiff gehalten.

Kaum dass sich die Oude Kerk von den politisch-religiösen Erschütterungen erholt hatte, erfolgte mit der Explosion des Schießpulverlagers im Jahr 1654 das nächste Desaster. Der sogenannte Delfter Donnerschlag hinterließ einen riesigen Glasscherbenhaufen. Mangels finanzieller Mittel ersetzte man die zu Bruch gegangenen bunten Kunstwerke durch einfaches Glas oder mauerte die Fensteröffnungen kurzerhand zu.

Inneres der Alten Kirche in Delft, 1659 Hendrik Cornelisz. van Vliet (161112 - 1675)
Inneres der Alten Kirche in Delft, 1659
Hendrik Cornelisz. van Vliet (1612 – 1675)
Maximilian Speck von Sternburg Stiftung im Museum der bildenden Künste Leipzig

Die drei verhängnisvollen “F” – Fehleinschätzung, Franzosen und Feuer

Das 18. Jahrhundert begann in ruhigem Fahrwasser. Erst zur Jahrhundertwende jagte eine Hiobsbotschaft die nächste. Es begann damit, dass an mehreren Stellen die schweren, im Boden eingelassenen Grabplatten und mit ihnen Teile des Kirchenbodens absackten. Viele Gräber mussten geräumt werden, bevor der Untergrund stabilisiert werden konnte. Offensichtlich hatten die Baumeister die Tragkraft des Untergrundes deutlich unterschätzt.

Kurze Zeit später marschierten die französischen Truppen in Delft ein. Mit dem Gedankengut der Gleichmacher-Revolution in ihren Tornistern, galten jegliche Symbole des Adels, des reichen Bürgertums oder des Klerus als verpönt. Im Namen der “égalité” ruinierten die Gamaschenträger nahezu alle Grabplatten und Epitaphe bis zur Unkenntlichkeit.

unbekanntes Grabmal in der Oude Kerk (Alte Kirche) zu Delft

Von den einstmals 250 Grabtafeln entkamen nur sechs Stück der Zerstörungswut. Glück hatten diejenigen, die im wahrsten Sinne des Wortes, rechtzeitig eine 180-Grad-Wendung (der Grabplatte) geschafft hatten.

Der ideelle und künstlerische Schaden war nicht wieder gut zu machen, die Trauer der Grabbesitzer unermesslich und die Kirche einer ihrer wichtigsten Einnahmequellen beraubt. Bis dahin verdiente die Pfarrei mit dem Verkauf von Epitaph-Plätzen gutes Geld. Bis zu 50 Gulden kostete ein Platz an der Kirchenwand oder einem Pfeiler.

Der Zahn der Zeit ging an der Alten Kirche nicht spurlos vorüber. Eine Konsolidierung der Bausubstanz war dringend erforderlich, allerdings wies der Klingelbeutel ein großes Loch auf. Seit der Überarbeitung des Begräbnisgesetzes von 1829 und dem damit einhergehenden Bestattungsverbots innerhalb von Kirchenmauern war ein weiterer Geldhahn versiegt.

Zu allem Unglück stand 1921 die Oude Kerk lichterloh in Flammen. Das Inferno war dermaßen verheerend, dass erst drei Jahre später das liturgische Leben wieder aufgenommen werden konnte. Zur Finanzierung mussten notgedrungen die Kirchenbänke und die wertvollen Kronleuchter versetzt werden.

Innenansicht der Oude Kerk (Alter Kirche) von Delft

Im 20. Jahrhundert durchlief die Alte Kirche weitere Renovierungsphasen, wobei man auch einen neuen Anlauf mit Buntglasfenstern wagte, so dass heute 27 wunderschöne Glasmalereien mit sowohl biblischen als auch historischen Motiven zu bewundern sind.

Der Alte Jan – das Wahrzeichen von Delft

Als ich von Süden her die Oude Delft entlang schlendere, den Blick Richtung Horizont gerichtet, muss ich gleich zweimal hinschauen. Das erste Mal, um sicher zu gehen, dass ich nicht halluziniere und das zweite Mal, um mich zu vergewissern, dass meine Brille keinen Knick in der Optik hat. Weder das eine noch das andere ist der Fall.
Fakt bleibt, der Kirchturm der Alten Kirche ist völlig aus dem Lot geraten. Ganze zwei Meter neigt sich der 75 Meter hohe “Alte Jan” (Oude Jan), wie er liebevoll genannt wird, zur Seite.

Blick auf den Kirchturm Oude Jan der Alten Kirche in Delft

Schon 1325, kaum dass man mit dem Bau des Glockenturms begonnen hatte, stellte sich heraus, dass der hierfür benötigte Platz nicht ausreichend war. Die Gracht war im Wege. Folglich beschlossen die Bauherren, den Wasserweg umzuleiten und die alte Gracht zuzuschütten. Fleißig begann man anschließend den Turm hochzuziehen, doch nach etwa der Hälfte der geplanten Höhe begab sich dieser in eine gefährliche Schieflage.

Menschliche Fehlkalkulation und ein zu weiches Fundament (man munkelt, die alte Gracht sei mit Tierknochen und Kuhhäuten aufgefüllt worden) waren die Ursache. Um die Schieflage statisch auszubalancieren, baute man den restlichen Turm senkrecht weiter. An der Optik änderte dies allerdings nichts. So ist der “Schiefe Jan” bis heute das Wahrzeichen von Delft.

Im 19. Jahrhundert stand der Schiefe Jan dann kurz vor dem Aus. Unter der Bevölkerung wuchs die Angst, dass der Turm umkippt. Glücklicherweise gelang es Statikern und Architekten den Stadtrat von einer ausreichenden Stabilisierung zu überzeugen. Der Abriss wurde abgewendet. Seither behält man den steinernen Riesen genauestens im Blick.

Blick auf die Oude Kerk (Alte Kirche) in Delft

Die Oude-Jan-Frage

Ach ja, da wäre noch die “Oude Jan”-Frage zu klären. Warum nur sprechen die Delfter immer vom “Alten Jan”, wenn sie den Glockenturm der Oude Kerk meinen? Was wurde aus dem Heiligen Hippolyt, dem Schutzpatron der einstmals katholischen Kirche?

Die kirchliche Reformbewegung im 16. Jahrhundert richtete sich vorrangig gegen die Käuflichkeit der klerikalen Ämter, den Ablasshandel sowie die Heiligen- und Reliquienverehrung. Konsequenterweise verbannte man aus den Kirchen alles, was von Gott und der Bibel ablenkte. Die Heiligen, und damit auch St. Hippolytus, hatten ausgedient. Das Wahrzeichen der Stadt mit Gardemaß benötigte einen neuen, würdigen Namen.

Man musste nicht lange suchen und wurde beim beliebtesten niederländischen, männlichen Vornamen der damaligen Zeit fündig. Jan, “Gott ist gnädig”, sollte der schiefe Glockenturm heißen. Und weil er bereits einige Jahre auf dem Buckel hatte, wurde daraus der Oude Jan, der alte Jan.

Noch ein Superlativ

9000 Kilogramm bei einem Durchmesser von 2,3 Metern, dies sind die stolzen Eckdaten des Prachtexemplars von einer Glocke, die seit 1570 im Gestühl des Schiefen Jan hängt. 23 Personen waren früher von Nöten, um sie zu läuten.

Wie man sich vorstellen kann, bereitete die größte Glocke der Niederlande dem eh schon Sorgen behafteten Turm seit jeher Kopfschmerzen. Ihr Geläut vermag den ganzen Kirchturm in gefährliche Schwingungen zu versetzen, ganz zu schweigen vom Geklapper des Geschirrs in den Schränken der umliegenden Häuser.

Deshalb tritt die Bourdon- bzw. Trinitasglocke heute nur noch in Aktion, wenn Staatstrauer angesagt ist bzw. wenn ein Mitglied der niederländischen Königsfamilie in der nahe gelegenen Neuen Kirche am Marktplatz zu Grabe getragen wird. Ansonsten wird sie zu jeder vollen Stunde nur noch “angehämmert”.

Geschichten von großen Herzen, kleinen Wesen und ganz viel Silber

Nachdem wir die Rundreise durch die unpersönliche Welt der Jahre, Zahlen und Fakten nun hinter uns haben, wird es Zeit, einen Blick auf das “namhafte” Inventar der Oude Kerk zu werfen.
Seit dem Mittelalter war es gängige Praxis, dass sich sowohl Kleriker als auch weltliche Personen eines gewissen Standes oder Vermögens ihre letzte Ruhestätte in der von ihnen bevorzugten Pfarrkirche sicherten. Selbstverständlich gegen ein entsprechendes Entgelt. Diesbezüglich machte auch die Oude Kerk keine Ausnahme.

Hendrik Cornelisz van Vliet (1611 - 1675); Interior of the Oude Kerk, Delft (c.1660-70)
Hendrik Cornelisz van Vliet (1611 – 1675);
Interior of the Oude Kerk, Delft (c.1660-70)

Annähernd 400 Gräber waren einst über beziehungsweise unter dem Kirchenboden verteilt. Manche Grabplatten sind nur noch zu erahnen. Zerstörungswut oder Millionen von Kirchgängern haben dafür gesorgt, dass die Toten im Tod anonym bleiben. Andere Gräber wiederum sind in ihrer Größe und Pracht wahre Blickfänger.
Gleich ist allen, dass hinter jedem Namen ein Schicksal und eine Geschichte steht. Und diese Geschichten sind so vielfältig wie das Leben selbst: mal außer-, mal ungewöhnlich, mal heroisch und aufopferungsvoll, mal bedauernswert und tragisch. Einige davon möchte ich Euch gerne erzählen.

Wir werden dabei Berühmtheiten und weniger bekannte Menschen kennenlernen. Menschen, die Großes vollbracht oder im Stillen gewirkt haben. Menschen, die Spuren hinterlassen haben, in Delft, in Europa, in der Welt.

Der folgende Plan hilft ein wenig bei der Spurensuche nach ihren letzten Ruhestätten.

Grundriss der Oude Kerk (ALte Kirche) von Delft

Clara van Spaerwoude und ihr außergewöhnliches Vermächtnis

Das überdimensionale Epitaph an einer der ersten Säulen zwischen Haupt- und südlichem Seitenschiff ist kaum zu übersehen. Geehrt wird hier eine Persönlichkeit, die mit einem geschätzten Vermögen von mehreren Millionen Gulden, als eine der reichsten Frauen ihrer Zeit galt. Dieser Reichtum war von sich aus schon bemerkenswert, aber nicht ausschlaggebend dafür, dass die 1530 geborene Delfterin in den Niederlanden Kultstatus erreichte. Legt man jedoch den Kopf weit in den Nacken, findet man hierfür ganz oben auf dem Grabdenkmal einen dezenten Hinweis: “Von reinem Herzen” lobten sie ihre Nachfahren und das nicht ohne Grund.

Epitaph Clara van Spaerwoude in der Oude Kerk (Alte Kirche) in Delft

Clara van Spaerwoude wurde in eine wohlhabende Goldschmiede-Familie geboren. Mit 26 Jahren heiratete sie standesgemäß den Sohn des Delfter Bürgermeisters. Da ihnen keine Kinder vergönnt waren, steckte Clara ihre gesamte Energie, ihren klugen Verstand und ihren ausgeprägten Geschäftssinn in die Vermehrung des Familienvermögens. Mit großem Erfolg investierte sie in die VOC, die aufstrebende niederländische Handelsvereinigung. Darüber hinaus hatte sie fortlaufende Einkünfte aus verpachtetem Landbesitz und anderen Zinsforderungen. Als nacheinander ihre Eltern, ihr Bruder und 1596 auch ihr Mann starben, fiel deren Nachlass ebenfalls an Clara.

Es gibt ein bekanntes Porträt von Clara van Spaerwoude. Ein namenloser Künstler malte sie in einem schlichten, jedoch nach der neuesten Mode geschnittenen schwarzen Kleid mit weißer Haube, den Blick nachdenklich zur Seite gerichtet. Über ihren Armen liegt ein wertvoller Pelzüberwurf, dazu hält sie an einer langen, vergoldeten Kette eine mit Perlen verzierten Duftkugel.

Portraet Clara van Spaerwoude

40.000 Hochzeitsgeschenke

Womöglich wurde das Bildnis zu einem Zeitpunkt angefertigt, als Clara die ersten reiflichen Überlegungen anstellte, was nach ihrem eigenen Ableben mit dem immensen Familienerbe geschehen sollte. Bereits zu Lebzeiten erhielten jeweils zwei Theologiestudenten ein Stipendium in Höhe von 300 Gulden jährlich, das Meisjehuis konnte auf regelmäßige, finanzielle Zuwendungen zählen, und weitere 50 Gulden stiftete Clara jedes Jahr für ein Festessen zugunsten der Einwohner der Delfter Altersheime. Die Wohltäterin gründete darüber hinaus einen christlichen Waisenverein, dessen Einlagen von städtischer Seite verwaltet wurden.

Der sogenannte Heiratsfond war jedoch ihr größtes Vermächtnis. In ihrem Testament schrieb sie fest, dass nach ihrem Ableben, alle heiratswillige Nachfahren ihres Halbbruders eine Einmalzahlung von bis zu 300 Gulden als Hochzeitsgeschenk erhalten sollten. Mit der Zeit, bedingt durch Rezession, Inflation und fleißig ansteigender Nachkommenschaft, schmolz der Heiratsfond immer weiter zusammen. Der Staat, in dessen Verantwortung die Verwaltung des Fonds lag, stellte einen Beamten ein, der nur mit der Prüfung und Auszahlung der eingehenden Anträge auf Anerkennung als Begünstigte beschäftigt war.  

Im Jahr 1922 enthielt der große Spartopf immer noch eine halbe Million Gulden. Da die Schar der Hochzeitspaare jedoch enorm zugenommen hatte, hätte jedes jungvermählte Paar nur noch 20 Gulden, also etwa 11,35 €, ausgezahlt bekommen. Also entschied man den Heiratsfond endgültig aufzulösen und das verbliebene Geld unter den bedürftigsten Antragstellern, zu verteilen.

Rückblickend bleibt festzuhalten: Über einen Zeitraum von 300 Jahren hatte Clara van Spaerwoude mit ihrem Testament mehrere Zehntausend Hochzeitspaare mit einer finanziellen Starthilfe in den Hafen der Ehe glücklich gemacht. Und wer weiß, vielleicht war die Sonderzulage für den ein oder anderen Nachfahren Motivation genug, das Wagnis der Ehe einzugehen und somit für das weitere Wachstum des Stammbaums zu sorgen.

Piet Hein – der erste Niederländische Seeheld

Das Prunkgrab im Hauptchor, auf das man vom Mittelschiff aus direkt zusteuert, gehört dem wahrscheinlich bekanntesten aller holländischen Seehelden, Piet Pieterszoon Heyn. Er war der erste Admiral in der niederländischen Geschichte, der für seine Verdienste mit einem Mausoleum geehrt wurde.

Innenansicht der Oude Kerk (Alter Kirche) von Delft

Größe, Materialien und Ausführung des Ehrenmals zeugen von enormer Wertschätzung für den Verstorbenen, zumal Pieter de Keyser, der auch für das Mausoleum von Willem van Oranje sowie das Delfter Rathaus verantwortlich zeichnete, mit der Aufstellung beauftragt wurde.

Detail aus dem Mausoleum des Admirals Piet Hein in der Oude Kerk (Alte Kirche) in Delft

Den Mittelpunkt des tempelartigen Mausoleums bildet die Grabfigur des Admirals. Darüber erzählt ein Epitaph in aller Ausführlichkeit von seinen Heldentaten. Natürlich darf auch ein Wappenschild auf dem Giebelfeld des Mausoleums nicht fehlen, denn ab einer bestimmten gesellschaftlichen Stellung gehörte es zum guten Ton, ein Familienwappen zu führen. Mangels aristokratischer Wurzeln kreierte sich Piet Hein zu Lebzeiten selbst sein Insignium: ein Kanarienvogel auf einem Zaun.  Piet war ein beliebter Kosename für domestizierte Vögel und Hein diente als Abkürzung für “heining” (Zaun). Fertig war das Wappen.

Wer genau hinschaut, kann links und rechts auf dem Mausoleum zwei Globen ausmachen. Sie sind als Symbole für das irdische und das himmlische Reich gedacht. Im Falle von Piet Hein, bekommen sie eine noch tiefgründigere Bedeutung, da er dafür bekannt war, bevorzugt zwischen den feindlichen Linien hindurch zu segeln, um diese sowohl von Back- als auch von Steuerbordseite mit Kanonenkugeln zu beschießen. Bei seinem letzten Gefecht, wurde ihm diese Taktik leider zum Verhängnis.

Vom Galeerensklaven zum Vize-Admiral

1577 in Delftshaven geboren, lernte er von seinem Vater schon früh das Segler-Handwerk. Mit 19 Jahren geriet Piet Hein erstmals in Spanische Gefangenschaft. Fünf Jahre lange musste er auf fremden Galeeren dienen, bevor er im Rahmen eines Gefangenenaustausches wieder frei gelassen wurde. Zwei Jahre später ereilte ihn dasselbe Schicksal erneut. Dieses Mal durfte er nach vier Jahren Gefangenschaft nach Hause zurück kehren, wo er sich zunächst der Vereinigten Ostindischen Compagnie (VOC) anschloss. Später wechselte er die Seiten und Seerouten, in dem er unter der Flagge der neu gegründeten West Indischen Compagnie (WIC) segelte, wo er aufgrund seiner Erfolge bei der Eroberung feindlicher Schiffe in kürzester Zeit zum Vize-Admiral aufstieg.

Portrait of Piet (Pieter Pietersz) Hein (1577-1629), Jan Daemen Cool (workshop of), 1629
Portrait of Pieter Pietersz Hein (1577-1629),
Jan Daemen Cool (workshop of), 1629

Im Grunde genommen war Piet Hein zu dieser Zeit ein Freibeuter, doch der schon seit 1568 andauernde 80-jährige Krieg gegen Spanien legitimierte militärische Aktionen unter dem Deckmantel der Sicherung der Handelsrouten. Außerdem wirtschaftete Piet Hein, im Gegensatz zu anderen Piraten oder Freibeutern des Goldenen Zeitalters, nie in die eigene Tasche.

Der Held der Silberflotte

Piet Hein! Piet Hein! Piet Hein zijn naam is klein,
Zijn daden bennen groot, zijn daden bennen groot.
Hij heeft gewonnen de zilveren vloot,
Die heeft gewonnen, gewonnen de Zilvervloot.

Welcher Niederländer oder welche Niederländerin ist nicht mit diesem Triumphmarsch aufgewachsen? Ich vermute, es dürfte kaum Jemanden in unserem kleinen Nachbarland geben, der dieses Lied, das den Kapernschlag Piet Heins über die Spanische Silberflotte preist (Piet Hein, sein Name ist klein, seine Taten sind groß), nicht aus dem Stehgreif vortragen kann.

Zweimal jährlich machten sich etwa 50 bis unter den Bug vollbeladene Handelsschiffe, eskortiert von zwei Kriegsschiffen der spanischen Marine, aus den mittel- und südamerikanischen Kolonien auf den Weg zurück nach Spanien. Als sie 1628 in der Bucht von Matanzas vor Kuba den Weg des “Vliegenden Groene Draeck” kreuzten, führte dies nicht nur zum größten Verlust in der Geschichte der spanischen Handelsschifffahrt, sondern auch zum Wendepunkt im 80-jährigen Krieg.

Verovering van de Zilvervloot in de Baai van Matanzas door admiraal Piet Heyn, 1628, anonymous, after Claes Jansz. Visscher (II), 1649 - 1651
Eroberung der Silberflotte in der Bucht von Matanzas durch Admiral Piet Heyn, 1628, anonym, nach Claes Jansz. Visscher (II), 1649 – 1651

Der Fliegende Grüne Drache war das Flaggschiff von Piet Heins Flotte, die im Auftrag der West Indischen Compagnie (WIC) einen Kaperkrieg gegen die verhassten Spanier führte. In einem taktisch geschickten Manöver wusste der holländische Vize-Admiral die feindlichen Segler auf die Sandbänke der Bucht zu lenken, wo diese schließlich kampf- und manövrierunfähig aufgeben mussten.
Seine Beute: 177.000 Pfund Silber, 37.000 Pelze, 3.000 Ballen Indigo und Cochenille-Stoffe sowie 361 Kisten Zucker. Umgerechnet entsprach dies einem Wert von etwa 500 Millionen Euro.

Der heutige Gegenwert der Silberflotte

Piet Hein war ein gefeierter Held. Ohne diese unerwartete Geldspritze hätten die Holländer den Krieg gegen Spanien nicht fortführen können.

Sein letztes Gefecht

Der Freibeuter selbst sah seinen Erfolg eher kritisch. Angesichts der vielen Gratulanten und Feiern nach der Aufbringung der Silberflotte, soll er geäußert haben:
“Schaut wie sie tanzen und feiern, nur weil ich ein Vermögen erbeutet habe. Und das ohne großen Aufwand. Ich habe in meinem Leben zweifelsohne wesentliche gefährlichere Schlachten geschlagen und bedeutendere Siege errungen. Doch dabei ging es nicht um Geld, und deshalb verliert kaum jemand ein Wort darüber.”

Der schnöde Mammon war letztendlich der Grund für die unschöne Trennung von der WIC. Gerade einmal 7.000 Gulden, also nur 0,1% des erbeuteten Vermögens gedachte die WIC an ihren Kapitän als Prämie auszuzahlen. Dieser war darüber dermaßen frustriert, dass er den Dienst quittierte.

Jacobus Houbraken; Pierre Hein (Piet Heyn), 1570 - 1629. Dutch admiral
Jacobus Houbraken; Pierre Hein (Piet Heyn), 1570 – 1629;

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Gut zu wissen

  • Adresse
    Alte Kirche / Oude Kerk
    Heilige Geestkerkhof 25
    2611 HP Delft
Blick auf den Kirchturm Oude Jan der Alten Kirche in Delft
  • Besichtigung
    Mit einer Eintrittskarte kann man gleichzeitig die Alte als auch die Neue Kirche besuchen. Am Eingang erhält man außerdem gratis einen Faltplan, auf dem der Grundriss, die wichtigsten Grabmäler und Sehenswürdigkeiten verzeichnet sind.

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