zweisprachiges Straßenschild in Strassburg; Rue du Renard-Prêchant - Wo d'r Fuchs de Ente Predigt
Blick in die Stadtgeschichte,  Straßburger Spaziergänge

Wo d’r Fuchs de Ente Predigt – Rue du Renard-Prêchant


Ungewöhnlichen Straßennamen begegnet man in Straßburg am laufenden Meter. So gibt es die Rue de la Nuée Bleue (die Blauwolkengasse), die Rue de l’Ail (die Knoblauchgasse), die Rue des Pucelles (die Jungferngasse), die Rue des Hellebardes (die Spiessgasse), die Impasse des Dentelles (das Spitzengässchen), die Rue des Tonneliers (die Küfergasse) oder die Rue du Bain aux Roses (die Rosenbadgasse).

Viele dieser Straßenbezeichnungen lassen sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen. Der Name war oftmals Programm, die Straßen, Plätze und Gassen ein Spiegelbild der Gesellschaft. Auch Nicht-Einheimische konnten sich dadurch schnell in der wuseligen Stadt zurechtfinden. Man wusste, dass in der Küfergasse die Fassmacher ihre Werkstätten hatten, auf dem Milchferkelmarkt nur das Beste vom Schwein angeboten wurde oder in der Rue des Hellebardes die starken Männer der Stadt ihre Waffen geschmiedet bekamen.

Was haben ein Ententeich, eine Belohnung und ein predigender Fuchs gemeinsam?

Auf ein ganz besonders ausgefallenes Namensexemplar trifft man im ehemaligen Viertel der Flussschiffer und Gemüsebauern. In der Krutenau, im Südosten der Grand-Île, präsentiert sich hier eine winzige Gasse als Rue du Renard Prêchant – Wo d’r Fuchs de Ente predigt.

Ursprünglich, sprich im 15. Jahrhundert, gaben die Enten hier alleine den Ton an. Zumindest lässt uns die damals geläufige Benennung „An der Entenletz“ glauben, dass die schnattrigen Wasservögel die Gegend um den Rheingiessen, die ehemals schiffbare Verbindung des Rheins mit dem Fluss Ill, fest in ihrer Hand hatten. Nach einem kurzen Zwischenspiel als „Beim Narrenbrunnen“, erhielt die heute im Halbkreis verlaufende Straße nach der Französischen Revolution gleich zwei neue Benennungen. Zunächst erlebte sie 1794 ihre Feuertaufe als Rue de la Récompense, um noch im selben Jahr die Belohnung wieder aberkannt zu bekommen. Unpoetisch nüchtern gab sie dann ein ebenso kurzes Intermezzo als Arbeitsstraße – Rue du Travail.

1796 bekam die uniform klingende Arbeitsstraße eine neue Identität zugesprochen. Dieses Mal auf Lebenszeit. Ab sofort schmückte je nach nationaler Zugehörigkeit Straßburgs abwechselnd der Name Rue du Renard-Prêchant oder Wo der Fuchs den Enten predigt die Straßenschilder.

Zwei Fliegen mit einer Klappe

Ungewollter Urheber der letztendlichen Namensgebung war angeblich ein armer Fischersmann. Tagein, tagaus mühte er sich stundenlang an den Ufern des Rheingiessens ab, und dennoch vermochte er kaum seine vielköpfige Familie über Wasser zu halten. Besonders viel Ertrag gab der Kanal eh nicht her, sah man einmal von den Gründlingen ab. Doch seit geraumer Zeit gingen ihm immer weniger dieser schmackhaften kleinen Fische ins Netz.

Seltsam nur, dass sich dafür die Entenzucht seines Nachbars immer prächtiger entwickelte. Da kam dem Fischer ein böser Verdacht. Konnte es sein, dass die Enten Schuld an seiner Misere hatten? Bediente sich die gefiederte Schar etwa ungefragt an seinem potenziellen Fang? Je länger der Fischer darüber nachdachte, desto simpler erschien ihm die Lösung seines Problems. Er bat seine Frau um ein wenig altes Brot und reihte die Stücke an einer langen Angelschnur aneinander. Sobald der Mond am Himmel stand, machte er sich auf den Weg. Und während unser Fischer bald jede Nacht freudestrahlend nach Hause kehrte, wunderte sich der Nachbar, warum sein Entenbestand plötzlich rapide abnahm.

Fortan hatte der Entenzüchter ein waches Auge auf sein lebendes Kapital. Obwohl er nun tagsüber neben den auf dem Wasser tänzelnden Enten patrouillierte, wurden es immer weniger. Also legte er sich auch nachts auf die Lauer. Und siehe da, er traute seinen Augen kaum, als er den Fischer im Schutze der Dunkelheit mit einem Korb gut gemästeter Enten unterm Arm nach Hause schleichen sah.

Schon am nächsten Abend erwischte der Entenbesitzer seinen Nachbarn auf frischer Tat. Der Fischer wurde festgenommen, vor Gericht gestellt und verurteilt. Allerdings machten die Herren der Rechtsprechung aus ihrer Bewunderung für den genialen Plan des Diebes keinen Hehl. Noch nie hatte jemand mit einem Köder doppelten Fang gemacht, nämlich die Enten und mit ihnen die verspeisten Gründlinge.

Ente gut, alles gut

So weit so gut. Doch wie schließt sich nun der Kreis vom Fischer zum Fuchs, der den Enten predigt?
Ganz einfach. Unser diebische Fischer hieß mit bürgerlichem Namen Herr Fuchs. Und Herr Fuchs beteuerte vor Gericht seine Unschuld, indem er behauptete, er habe lediglich mit sanfter Stimme und zutraulichen Worten zu den Enten gesprochen. Anschließend hätte sich der Fuchs die Tiere geholt, was ja nicht wirklich gelogen war. Trotzdem fiel das Gericht nicht auf den Wortwitz des Fischers herein.

Ob zur Strafe, zum Spott oder als Warnung für alle einfältigen Nachbarn gedacht, ist nicht überliefert. Auf jeden Fall ließ der Magistrat eine bemalte Holztafel über der Wohnungstür der Fischerfamilie anbringen. Auf der stand neben dem Bildnis eines Fuchses, der zu einem Haufen Enten predigt, folgende Inschrift:

Lithografie des Fuchses, der den Enten predigt von Thiebault 1760

Der Fuchs den Enden predigen thut
Als meinet Er es mit ihnen gut.
Er singt Ihnen ein so schön Gesang
Bis er Sie am Kragen fang.
Er schmeichelt Ihnen mit seinen Schwanz
bis er sie fier an den Thantz
Und wer den Fuchs Schwantz streichen kann,
der ist belibt bey Jedermann.
Darum Nehmet Euch wohl in acht
Fuchs Schwänzen hat manchen in Leid bracht,
Vnd ist geschehen in diesem jahr 1760
Als der Fuchs bey den Enden war.

Lithographie von Thiébault, 1760
© Cabinet des estampes et des dessins Strasbourg

Noch bis in das Jahr 1995 soll das Schild an der Hauswand Nr. 6 zu lesen gewesen sein. Dann wurde es wegen seines miserablen Zustandes ersatzlos entsorgt. Dafür nahm die Geschichte des Fischers noch ein unerwartetes Happy-End. Nachdem Herr Fuchs seine Strafe abgesessen hatte, nutzte er das kostenlose Marketing, das ihm das aufsehenerregende Schild eingebracht hatte, um auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein gut florierendes Wirtshaus zu eröffnen. Als Spezialität des Hauses gab es … nein keine Enten, dafür aber gebratene Gründlinge.

Prediger Fuchs und seine tumbe Zuhörerschaft

Wenngleich der Fuchs alias Fischer in der Krutenau erst ab dem 18. Jahrhundert für Furore sorgte, geht das Motiv der Entenpredigt bis ins Mittelalter zurück. Für die Popularität des Fuchses als listigen Zeitgenossen sorgte die mit der Zeit auf 25.000 Verse anwachsende Dichtung „Roman de Renart“, die ihren Ausgang im Jahr 1170 nahm. Danach hielt das geflügelte Wort des Fuchses, der den Enten, Gänsen als auch Hühnern predigte, recht schnell Einzug in die kunstvollen Handschriften des 14. und 15. Jahrhunderts. Der christlich-moralische Fingerzeig galt dabei allen Leichtgläubigen, die sich in ihrer Flatterhaftigkeit nur allzu empfänglich für jede heidnische Irrlehre erwiesen.

Selbst der berühmte Straßburger Münsterprediger Geiler von Kaysersberg schien angesichts des törichten Volkes an der Sinnhaftigkeit seiner Predigten zu zweifeln. „Sol man auch de gensen predigen oder den enten?“, stellte er sich in seinem 1515 verfassten Evangelienbuch selbst die Frage. Offensichtlich war es damals nicht besonders gut um die Standfestigkeit des einfachen Volkes zur christlichen Lehre bestellt. Zu Beginn der Reformation nutzte deshalb die katholische Kirche das Bild des gerissenen Fuchses, um auf die vermeintliche Falschheit der neuen Geistesströmung aufmerksam zu machen. Der als Priester verkleidete (protestantische) Fuchs lullte mit seiner schläfrigen Predigt die törichten Zuhörer dermaßen ein, sodass er anschließend leichtes Spiel bei der Jagd auf ihre Seelen hatte.

Der pelzige Rotschopf als Propagandamittel

Zeichnung Le renard prêchant aux canards von Théophile Schuler 1872,
Le renard prêchant aux canards; Théophile Schuler 1872; © Cabinet des estampes et des dessins Strasbourg

Selbst knappe 400 Jahre später musste der predigende Rotpelz immer noch zu Propagandazwecken herhalten. Dieses Mal war er allerdings nicht in klerikalen Angelegenheiten unterwegs, sondern als nationalistisches Feindbild. Straßburg hatte im November 1870 nach heftigem Beschuss und anschließender Belagerung der Stadt durch die Truppen des deutschen Kaisers Wilhelm II. kapituliert. Alleine in der elsässischen Hauptstadt kostete der Deutsch-Französische Krieg mindestens 1500 Zivilisten das Leben und zerstörte unter anderem die Dominikanerkirche samt Kloster mit dem darin untergebrachten Stadtarchiv.

Wie die geistige Elite Straßburgs die Annexion des Elsass wahrnahm, lässt sich an der sarkastischen Zeichnung des Straßburger Malers Théophile Schuler ablesen. Von einem zur Kanzel umgebauten Granatmörser in den Ruinen des späteren Temple Neuf wendet sich der deutsche Fuchs mit stolz geschwellter Brust zu einer Ansprache an die teils kriegsversehrten Gestalten zu seinen Füßen. Seine unlauteren Absichten verraten nicht nur sein umgekehrtes Segenszeichen, sondern auch die beiden unter seiner Last gebeugten Frauenfiguren namens Elsass und Lothringen. Doch oh weh! Das über beide Regionen hereingebrochene Elend scheint nur zu schnell vergessen. Schon findet die hinterlistige Stimme des Fuchses unter der riesigen Schalldeckel-Pickelhaube Gehör bei den naiven Entenköpfen in Bürgertracht.

Au Renard prêchant – eine Krutenauer Institution schließt ihre Pforten

Doch kehren wir noch einmal zu der vom Fischer Fuchs ins Leben gerufenen Traditionsgaststätte zurück.
Der urige Gebäudekomplex, bestehend aus einer Kapelle des 16. Jahrhunderts sowie des direkt daran angebauten Fachwerkhauses, stand ursprünglich direkt am Rheingiessen. Dieser wurde 1872 zugeschüttet, was möglicherweise das Aus des „Au Renard prêchant“ bedeutete. Danach versuchte ein kabarettistisches Puppentheater sein Glück in den historischen Räumlichkeiten, bevor hinter den Mauern mit den gotischen Fenstern und dem putzigen Glockentürmchen wieder der Kochlöffel geschwungen wurde.

Fachwerk-Eckhaus Rue du Renard-Prêchant,- Place de Zurich, Strasbourg

Über die Jahrzehnte entwickelte sich das Restaurant „Au Renard prêchant“ sowohl zum beliebten Treffpunkt als auch zum gastronomischen Herzen der Krutenau. Seit Kurzem ist allerdings der emblematische Schriftzug an der Hauswand Geschichte. Stattdessen lädt nun an der Ecke rue de Zurich / rue du renard prêchant die Weinbar „Le Purgatoire“ zum kulinarischen Fegefeuer ein. Immerhin erinnern noch eine an der Fassade angebrachte Steintafel, ein Fuchskopf als Laternenhalter sowie eine in luftiger Höhe durch die Nachbarschaft schweifende Blechsilhouette an die Legende vom Fuchs, d’r de Ente predigt.

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