Ausschnitt Cover Faksimile Maria Sibylla Merian - Metamorphosis insectorum Surinamensium
im Museum,  in Leselaune

Metamorphosis Insectorum Surinamensium – Maria Sibylla Merian

Vor wenigen Wochen hatte ich im Mauritshuis in den Haag das große Vergnügen in der Sonderausstellung „In voller Blüte“ Bekanntschaft mit dem Leben und Werk von Maria Sibylla Merian (1647-1717) zu machen. Die gebürtige Frankfurterin war eine der außergewöhnlichsten Frauen ihrer Zeit. Sie besaß künstlerisches Talent, naturwissenschaftliche Beobachtungsgabe sowie eine ausgeprägte Leidenschaft für Raupen. Dazu füllte sie mit Hingabe die von ihr gesellschaftlich erwartete Rolle als zweifache Mutter aus und sicherte, mit viel Pragmatismus ausgestattet, ganz nebenbei als Geschäftsfrau den Unterhalt der Familie. Internationalen Bekanntheitsgrad erlangte die zeichnende Forscherin, Sammlerin und Farbenhändlerin jedoch erst mit ihrer 1705 erschienen, eigenhändig bebilderten Publikation über die Verwandlung der surinamischen Insekten.

Eine herausragende Persönlichkeit verdient eine nicht minder herausragende Würdigung. Deshalb brachte die Nationalbibliothek der Niederlande (Koningklijke Bibliotheek) zum 300. Todestag von Maria Sibylla Merian eine ganz besondere Faksimile-Ausgabe der Metamorphosis Insectorum Surinamensium auf den Markt. Ein beinahe vier Kilogramm schweres Buch von einem halben Meter Höhe, das die 60 kolorierten Bild- und Texttafeln des niederländischen Originals enthält und diese zum besseren Werkverständnis in einen sowohl biografischen als auch wissenschaftlichen Kontext einbettet.

Metamorphosis Insectorum Surinamensium
die Verwandlung der surinamischen Insekten


Von Kindesbeinen an übten Schmetterlinge und ihre Entwicklungsstadien eine unstillbare Faszination auf Maria Sibylla Merian aus. Fortwährend studierte, dokumentierte, züchtete und zeichnete sie die in Europa heimischen Kleinstlebewesen.

1691 ließ sie sich in Amsterdam nieder. Eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen, denn die Metropole der nördlichen Niederlande hatte sich im Laufe des 17. Jahrhunderts zum wichtigsten europäischen Warenumschlagplatz entwickelt. Doch nicht nur Handel, sondern auch Wissenschaft und Kunst erlebten eine Blütezeit. Merian traf hier auf ein weitverzweigtes Netzwerk aus Forschern, Naturliebhabern und Sammlern, mit denen sie in regem Austausch stand. Die durch den ost- und westindischen Handel reichlich gefüllten Kuriositäten- und Naturalienkabinette weckten dabei ihr besonderes Interesse. Das Verlangen, die vielgestaltigen Raupen, Kokons und farbintensiven Schmetterlinge nicht nur aufgespießt oder in Alkohol eingelegt, sondern in natura beobachten zu können, manifestierte sich bald zu einem konkreten Plan. Eine Reise zu den exotischen Schönheiten im tropischen Urwald sollte kein Wunschtraum mehr bleiben.

Im Juni 1699 schiffte sich Maria Sibylla Merian zusammen mit ihrer jüngeren Tochter Dorothea Maria nach Surinam ein. Etwa sechs Wochen später erreichten sie Paramaribo, die Haupt- und Hafenstadt der niederländischen Kolonie, wo sie sich für die Dauer ihres Aufenthaltes in einem kleinen Haus mit Garten einquartierten. Von dort aus unternahmen sie regelmäßige Ausflüge zu benachbarten Plantagen oder zusammen mit ihren indianischen Bediensteten Exkursionen in den dichten Urwald.

Knappe 24 Monate tauchte das Mutter-Tochter-Gespann  in die exotische Welt der Raupen, Falter, Reptilien, Amphibien samt deren natürlicher Umgebung ein. Noch vor Ort fertigten die Beiden Aquarellstudien der lebenden, gepressten oder in Branntwein konservierten Objekte an.

Blut, Mühen und Tränen für ein Jahrhundertwerk

Für die Krönung ihrer naturwissenschaftlichen Studien nahmen Maria Sibylla Merian als auch ihre Tochter mit Sicherheit „Blut, Mühen und Tränen“ auf sich. So zumindest formuliert es der britische Literaturprofessor Redmond O’Hanlon in seiner herzerfrischend naturalistischen Einführung zur Faksimile-Ausgabe. Wenngleich er dabei aus dem Nähkästchen seiner eigenen Tropenerlebnisse plaudert, dürften seine Erfahrungen im Vergleich zu denen der emanzipierten Damen einem Spaziergang geglichen haben. Mit Sicherheit verfügten diese nicht über die heute gängigen synthetischen Repellentien, dafür quälten sie sich vermutlich im steifen Mieder mit spitzengesäumten Ärmeln und einem Wust aus Unter- und Überröcken durch den Dschungel. Es erstaunt deshalb kaum, dass eine Malariaerkrankung Maria Sibylla Merian im September 1701 zur vorzeitigen Heimreise zwang.

Nach der Rückkehr vom südamerikanischen Kontinent galt es die gesammelten Eindrücke und Aufzeichnungen in eine druckfertige Vorlage umzusetzen. Grundsätzlich ein Routineauftrag, denn längst hatten in Amsterdam Kunst, Wissenschaft, Geld bzw. vermögende Sammler sowie Kupferstecher, Drucker und Verleger zueinandergefunden und für eine Blütezeit der illustrierten Buchherstellung gesorgt. Allerdings plante Merian etwas Großartiges, noch nie Dagewesenes.

Vier Jahre nahmen die Arbeiten als auch die Eigenfinanzierung des ambitionierten Vorhabens in Anspruch bis Metamorphosis Insectorum Surinamensium im Jahr 1705 der Öffentlichkeit präsentiert werden konnte. Eine Prachtausgabe für „Liebhaber und Naturforscher“ mit detailgenauen Aquarellen, von den renommiertesten Kupferstechern gestochen, auf dem besten Papier gedruckt und anschließend von ihr und ihren Töchtern handkoloriert. Die Verwandlung der surinamesischen Insekten war eine ökologische Kunststudie par excellence und die allererste Druckausgabe, die sich intensiv mit der tropischen Pflanzen- und Insektenwelt in Wort und Bild auseinandersetzte.

Tafel 54 der Faksimileausgabe Metamorphosis insectorum Surinamensium von Maria Sibylla Merian

Im Buch unterwegs


Nach den Einblicken in das Leben Merians und die Entstehung ihres Meisterwerks beschäftigt sich ein weiteres Kapitel der „Rahmenhandlung“ der Faksimileausgabe mit der Biologie von Metamorphosis Insectorum Surinamensium. Neben Arbeitsmethoden und Informationsquellen der malenden Entomologieforscherin erfährt der Leser, welche Kriterien bei der Auswahl der Pflanzen ausschlaggebend waren. Neuentdeckungen wie die Eiscreme-Bohne erhielten selbstredend den Vorzug im Buch. Dazu gesellten sich Arten mit medizinischen, ernährungsrelevanten, wissenschaftlichen oder wirtschaftlichen Verwertungsmöglichkeiten.

Der Fokus der Forschungsarbeit gehörte jedoch Merians geliebten Schmetterlingen. Trotzdem kamen auch Schädlinge oder einige wenige Reptilien und Amphibien inklusive deren Fortpflanzungsgeschehen zum Zuge. Unter künstlerischen Gesichtspunkten spielte die größtmögliche Diversität von Farben und Formen eine gewichtige Rolle. Gleichzeitig legte Merian großen Wert auf Authentizität. Deshalb bildete sie die Tiere sowohl in ihrem natürlichen Habitat als auch über alle Entwicklungsstadien immer in Lebensgröße ab. Bei den Pflanzen war dies natürlich nicht durchgängig umsetzbar.

Dass sich angesichts der kurzen Studienzeit und der naturgegebenen Komplikationen der in situ-Dokumentation kleinere Bestimmungs- oder Zuordnungsfehler eingeschlichen hatten, mag man den beiden Dschungelneulingen nachsehen. Insbesondere, da die Abreise nicht nur unter Zeitdruck, sondern auch mit unvorhergesehenen Missgeschicken und Turbulenzen verbunden war. Möglicherweise gerieten dabei die Forschungsergebnisse oder Insektensammelbehälter ein wenig durcheinander.

Allerdings schmälern diese wissenschaftlichen Ungereimtheiten den ästhetischen Genuss der Verwandlung der surinamischen Insekten keineswegs. 60 farbenprächtige Tafeln mit Aquarellzeichnungen von 53 Pflanzen- und 100 Insektenarten versetzen den Betrachter inmitten der Naturwunder des südamerikanischen Urwalds.

Florale Schönheiten, holländischer Zwieback und schmerzhafte Plagegeister

Maden, Raupen, Kokons, Schädlinge und Falter tummeln sich auf zwischen unter und über Blättern, Wurzeln, Früchten und Blüten in den unterschiedlichen Vegetationsphasen. Eine Farbexplosion jagt die nächste. Die feuerroten Blüten der Ballia-Pflanze werden nur noch vom Blutrot der Bananenpflanze übertroffen, während noch eine Seite zuvor zitronengelbe Raupen, Falter und Blüten des Korallenbaums mit einem harmonischen Miteinander verblüffen. Eine Symphonie an Rosé-Tönen bietet dagegen der heute missverständlich als Roter Frangipani bezeichnete Laubbaum von Tafel XIII, der sich über einen geflügelten Besucher freuen darf, den Maria Sibylla Merian wie folgt beschrieb: „Wenn man dieses Tierchen durch ein Vergrößerungsglas betrachtet, erweist es sich als wunderschön, und es ist wert, genau besehen zu werden, da seine Schönheit mit keiner Feder zu beschreiben ist.“

Jedoch bevölkern nicht nur filigrane Schönheiten die Buchseiten. Im Begleittext zu jeder Tafel trifft man an der ein oder anderen Stelle auf ernüchternde, unappetitliche Wahrheiten. Ich leide mit Merian unter der Plage der Töpferwespen, empfinde die enormen Schmerzen nach der Berührung einer weißen, haarigen Raupe, laufe in Gedanken stundenlang mit ihr durch den Urwald, um grüne Fliegen zu fangen oder teile ihre Enttäuschung, als sich eine vierkantige“ Raupe mit hübscher blaugrüner Zeichnung schlussendlich nur als unansehnlicher Eulenfalter entpuppte.

Ebenso spannend lesen sich die Beschreibungen über die Eigenschaften und Nutzungsmöglichkeiten der exotischen Flora. Dass sich die Zitronatzitrone hervorragend zum Kandieren oder für Lebkuchen eignet, dürfte kein Geheimnis sein. Vielleicht ist dem Leser auch bekannt, dass die Cassava-(Maniok-)Wurzel nach dem Backen den Geschmack von „feinem holländischen Zwieback“ entwickelt. Jedoch Vorsicht vor dem ausgepressten Wasser! Als Kaltgetränk genossen, führt es unweigerlich zu einem qualvollen Tod. Auch der Saft der Kashufrucht hat es in sich. Er „frißt Haut und Fleisch weg“. Dagegen mutet der Verzehr der Früchte des amerikanischen Pflaumenbaums, der lediglich gelbfarbige Schweißausbrüche hervorruft, geradezu harmlos an.

In Leselaune’s Schlussansichten


Durch die Sonderausstellung im Museum Mauritshuis besaß ich eine konkrete Vorstellung über „Metamorphosis Insectorum Surinamensium oder Verwandlung der surinamischen Insekten, worin die surinamischen Raupen und Würmer in allen ihren Verwandlungen nach dem Leben abgebildet sind und beschrieben werden und wobei sie auf die Gewächse, Blumen und Früchte gesetzt werden, auf denen sie gefunden wurden. Es werden hier auch Frösche, wundersame Kröten, Eidechsen, Schlangen, Spinnen und Ameisen gezeigt und erklärt, und alles wurde in Amerika nach dem Leben und in natürlicher Größe gemalt und beschrieben von Maria Sibylla Merian“, wie die Autorin nüchtern-sachlich die Krönung ihres Lebenswerks titulierte. Gleichfalls wusste ich über die zeichnerische Meisterleistung der Merian-Frauen. Ihre Detailversessenheit und Brillanz bei der naturgetreuen Wiedergabe von Flora und Fauna.

Dennoch übertrifft das auf 1499 Exemplare limitierte Faksimile der Erstausgabe alle meine Erwartungen. Ich halte ein 200 Seiten Opus Magnus in Händen, das im eleganten Schmuckschuber schon äußerlich eine Augenweide darstellt. Dann ein erstes vorsichtiges Durchblättern und ich erkenne sofort, dass dieses Druckwerk weitaus mehr bietet als der Titel verspricht. Nämlich ein Buch im Buch. Ein inhaltlicher Jackpot mit den 60 Bildtafeln als Herzstück. Ein ästhetischer Genuss von der ersten bis zur letzten Seite. Und als Sahnehäubchen das facettenreiche „Bonusmaterial“, die Beiträge renommierter Natur-, und KulturwissenschaftlerInnen.

Schuber und Cover Faksimile Maria Sibylla Merian - Metamorphosis insectorum Surinamensium

Als besonders hilfreich erweist sich die deutsche Übersetzung der Merianschen Originaltexte in niederländischer Sprache. Ohne sie hätte ich nie die Strapazen und den von Maria Sibylla Merian und ihrer Tochter betriebenen Aufwand der Studien erfasst. Ständig mussten sie auf der Hut sein. Jeden Tag, jede Stunde. Denn wer konnte schon im Voraus wissen, zu welchem Zeitpunkt, in welchem Sammelkasten eine Made gerade schlüpfen, eine Raupe sich verpuppen oder eine Puppe die Gestalt eines Falters annehmen würde.

Eine Faksimile-Ausgabe mit besonderen Qualitäten

Ich amüsiere mich prächtig. Die Beschreibungen der Metamorphosen besitzen Unterhaltungswert. Ich lerne sowohl Eulenfalter mit Haaren wie ungarische Bären als auch Raupen, die „wie Indianer in ihren Hängematten hängen“, kennen. Und wer hätte gedacht, dass in Surinam Marmeladendosenbäume gedeihen, während Laternenträger ein Doppelleben als Leierkastenmänner führen?

Bei der Rezeption von Metamorphosis Insectorum Surinamensium stand überwiegend die künstlerische und wissenschaftliche Leistung im Blickpunkt. Fraglos beeinflusste ihre Publikation vor allem die Naturforschung nachhaltig. Biologische Studien wurden fortan nicht mehr nur isoliert nach Teilgebieten betrieben, sondern die Interaktion der Tiere mit ihrer Umwelt berücksichtigt.

Leider wurde und wird dabei häufig Merians Beitrag zur Dokumentation der Kulturgeschichte des 17. Jahrhunderts übersehen. So enthält ihre Arbeit Praxistipps für die die Nutzung des Palisadenbaums zum Hausbau oder die Herstellung von Dachrinnen aus dem Stamm der Papayapflanze. Außerdem wird der Leser über Ernährungsgewohnheiten, Krankheiten und Heilmittel der Ureinwohner in Kenntnis gesetzt. Er erfährt Einzelheiten zu deren Körperschmuck und -bemalung. Selbst das Thema Wirtschaft kommt zur Sprache, wobei die Geschäftsfrau mehrmals die Fixierung der niederländischen Handelsaktivitäten auf das Zuckerrohr kritisierte.

Meine Begeisterung für dieses gedruckte Tropenabenteuer kennt keine Grenzen. Da ist einerseits das Werk Merians zum Lebenszyklus der surinamischen Insekten. Primär ein naturwissenschaftlich basiertes Kunstbuch, darüber hinaus eine Rezeptsammlung, ein Gesundheitskompendium und Einmaleins grausamster Foltermethoden, die die Natur zur Selbstverteidigung auffährt. Andererseits bieten die hoch informativen Zusatzbeiträge einen mannigfachen Mehrwert. Selbst die Übersicht zur Bestimmung der Tiere und Pflanzen auf Merians Tafeln habe ich von der ersten bis zur letzten Zeile und Spalte gelesen.

Sogar meine bisher grundsätzliche Zurückhaltung gegenüber allen Arten von Krabbeltieren ist dank dieses Buches einer dezenten Neugier gewichen. Mittlerweile sehe ich die Kleinstlebewesen mit anderen Augen. In grotesken Haarbüscheln, Miniaturkauwerkzeugen oder überdimensionierten Saugrüsseln entdecke ich nun Gottes Schöpfungskraft. Lediglich vor der Vogelspinne graut mir immer noch.

Auszug aus der Faksimileausgabe Metamorphosis insectorum Surinamensium von Maria Sibylla Merian

Cover Faksimile Maria Sibylla Merian - Metamorphosis insectorum Surinamensium

Metamorphosis Insectorum Surinamensium –
Maria Sibylla Merian

Herausgeber: Christian Marieke van Delft ; Hans Mulder
Verlag: Lambert Schneider; Imprint der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft WBG, Darmstadt
Erscheinungsjahr: 2017; 1. limitierte Auflage
Ausgabe: Hardcover im Schmuckschuber
Umfang: 200 Seiten
ISBN: 978-3-650-40181-6
Preis: 199,00 €

Das Cover als auch die Bilder aus dem Buch sind Eigentum des Verlags, Fotografen bzw. sonstigen Rechteinhabers. Die Buchvorstellung ist unbezahlt und unbeauftragt. Das Rezensionsexemplar wurde mir freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt. Hierfür ein herzliches Dankeschön. Meine Rezension wurde dadurch nicht beeinflusst.

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.