Rue des Juifs Strasbourg
Straßburger Spaziergänge

Offizielle Stadtführung – Entdeckung der verborgenen Sehenswürdigkeiten


Jedes Jahr zieht es über 10 Millionen Touristen nach Strasbourg. Völlig zurecht, denn die Hauptstadt Europas zählt nicht nur zu den schönsten Städten Frankreichs, sondern sie besitzt zudem ein unvergleichlich reichhaltiges Kulturerbe. Dabei gehören das Wahrzeichen Straßburgs, die Kathedrale inmitten der verwinkelten Altstadtgassen der Grande-Île, das pittoreske Gerberviertel Petite France sowie das mondäne Kaiser-Quartier Neustadt zum Pflichtprogramm eines Besuchs der Grenzstadt am Rhein.

Eine perfekte Möglichkeit, in das historisch-architektonische Erbe der Stadt einzutauchen und dabei kein Highlight zu verpassen, bietet das Office de Tourisme de Strasbourg (OTS) mit seinen deutschsprachigen Führungen. Als Einstieg eignen sich am Besten die klassischen Touren „Die Altstadt vom Münster bis zur Petite France“ sowie „Von der Altstadt bis zur Neustadt“. Hierbei lassen sich wunderbar die beiden mit dem Label eines UNESCO-Weltkulturerbes ausgezeichneten Stadtviertel erleben.

Stadtführung „Entdeckung der verborgenen Sehenswürdigkeiten“

Wer jedoch mehr als nur ein Wochenende Zeit im Gepäck hat oder einfach nur neugierig auf spannende Erkundungen abseits der touristischen Aushängeschilder ist, der sollte sich, so wie ich heute, für die Stadtführung „Entdeckung der verborgenen Sehenswürdigkeiten“ anmelden. Von März bis Dezember geht es jeden Samstag auf Entdeckungstour zu versteckten Ecken, ungewöhnlichen Gebäuden oder unbekannten Plätzen in Straßburg.

Außer mir hat sich heute eine achtköpfige, bunt zusammengewürfelte Gruppe sportlicher Mittdreißiger bis wissbegieriger Mittsechziger aus der Schweiz, Österreich und Bayern vor dem Tourismusbüro am Münsterplatz eingefunden, von wo aus der Rundgang startet. Unsere offizielle Stadtführerin, die nebenbei bemerkt Kunstgeschichte studiert hat und fünf Sprachen spricht, möchte in meinem Beitrag namentlich ungenannt bleiben. Da ich die waschechte Elsässerin aber nicht als anonymes Phantom durch meinen Bericht geistern lassen möchte, verleihe ich ihr hier kurzerhand das Pseudonym Madame OTS.

Und dann kann es losgehen!
Ach ja, vielleicht sollte ich doch noch eine Bemerkung voran schicken. Selbstverständlich werde ich nicht alle versteckten Sehenswürdigkeiten und gut gehüteten Geheimnisse der Führung lüften. Aber Appetit machen und ein wenig spoilern darf ich schon!

Bevor sich unsere kleine Runde in Marsch setzt, macht uns Madame OTS bereits auf zwei Besonderheiten im Straßburger Fassadenschmucks aufmerksam. Von Krieg und Frieden, Zerstörung und Glauben erzählen zwei ganz unterschiedliche Zierelemente an den nebeneinanderliegenden Hauswänden an der Place de la Cathédrale. Während die ehemaligen Besitzer des gelben Gebäudes ihre Zugehörigkeit zur katholischen Elite des Landes mit einer Marienstatue öffentlich zur Schau stellten, erinnert die Granate an die verheerenden Verwüstungen des Bombenhagels, der am 23. August 1870 durch die kaiserlich-deutschen Truppen auf die Stadt niederging.

Die Goldschmiedgasse – Ort der klerikalen Untugenden

Als Erstes begeben wir uns in Richtung Rue des Orfèvres. In der Goldschmidtgasse lernte Johannes Gensfleisch, besser bekannt als Johannes Gutenberg, während seines zehnjährigen Straßburg-Aufenthalts von 1434-1444 das Goldschmiedehandwerk, bevor er sich der Erfindung der Buchdruckkunst mit beweglichen Lettern zuwandte. Dass sich dieser lukrative Handwerkszweig in unmittelbarer Nähe der Kathedrale niederließ, war nicht dem Zufall geschuldet. Denn wenn eine Institution Geld für Preziosen besaß, dann die Kirche. Es wurde sogar gemunkelt, dass die Bischöfe und Domherren hier feinstes Geschmeide anfertigen ließen, um ihre ex officio verbotenen, aber stillschweigend geduldeten Mätressen bei Laune zu halten.

Einem weiteren weltlichen Vergnügen frönten die Kirchenmänner in der Winstub „Zum Hailich Grab„. Natürlich heimlich, denn Völlerei gehörte bekanntermaßen zu den sieben Todsünden. Die offizielle Version ihres Zeitvertreibs lautete daher „der Gang zum Heiligen Grab“. Dieser Gang existierte tatsächlich und zwar als unterirdischer Tunnel vom Bischofpalast direkt bis in den Keller der Weinstube. Zumindest der Legende nach, die heute immer noch gerne mit einem Augenzwinkern zum Besten gegeben wird.

Mit einem Blick in das Kesselgässel (Rue du Chaudron) erzählt Madame OTS, dass hier Ende des 18. Jahrhunderts die berühmte phrygische Mütze für die Turmspitze der Kathedrale angefertigt wurde. Die reaktionären Kräfte der Französischen Revolution planten das Wahrzeichen des Münsters als Antithese zum Weltbild der Gleichheit zu amputieren. Um dem Abriss zuvorzukommen, fertigte ein Kupferkessel-Hersteller eine überdimensionale Blechmütze an, die als weithin sichtbares Zeichen der Revolution dem Münsterturm aufgesetzt wurde.

Von steuerlichen Schlupflöchern, Opfern für die Allgemeinheit und Geschlechtertürmen

Goldschmiedgasse in Strassburg

Wir verlassen die Gasse der Goldschmiede in Richtung Place du Marché Neuf, nicht ohne zuvor dem sogenannten Maß des Überhangs unsere Anerkennung zu zollen, mit dem die Einwohner früher zwei Fliegen mit einer Klappe schlugen. So war es noch bis in das 17. Jahrhundert gang und gäbe der Wohnknappheit im Stadtzentrum durch überhängende Obergeschosse entgegenzuwirken. Gleichzeitig mussten die Eigentümer durch diese Bauweise weniger Wohnsteuer in das Staatssäckel abführen, denn diese berechnete sich ausschließlich nach der Grundfläche. Nachdem sich wiederholt Brandherde durch die Fachwerkbauweise und die Enge der Häuserschluchten rasant ausgebreitet hatten, wurde der Überhang-Bau verboten.

Von der Entstehung des Neuen Marktplatzes weiß unsere Führerin ebenfalls Eigentümliches zu berichten. Die Stadt und der Handel boomten zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Allerdings bemängelten die Kaufleute, allen voran die Obst-, Käse- und Gemüsehändler, das unzureichende Platzangebot, um ihre Produkte feilbieten zu können. Folglich bedrängte man den Domprobst, ein Opfer für die Allgemeinheit zu bringen und seinem riesigen Privatgarten im Stadtzentrum zu entsagen. Gegen eine angemessene monetäre Entschädigung tauschte das Grundstück den Besitzer. Noch immer wird samstags der mit Flusssteinen aus dem Rhein gepflasterte Marktplatz als solcher genutzt.

Place du Marche Neuf in Strassburg

Mittlerweile haben wir den protzigen Geschlechterturm im Firnkorngässel (Rue du Vieux Seigle) erreicht.
Im ausgehenden Mittelalter aus Italien ins Elsass rüber geschwappt, leisteten sich nur die reichsten und angesehensten Familien der Stadt derartige bauliche Prestigeobjekte. Der an die 20 Meter hohe Turm mit dem auffälligen Treppengiebel ist der einzige seiner Art, der sich in Straßburg erhalten hat.

Geschlechterturm mit Treppengiebel aus dem 13. Jahrhundert in Strassburg

Die Dornengasse – Schauplatz von seltsamen Knorpeln, einem Fruchtbarkeitssymbol und mittelalterlichen Bestsellern 

Nur etwa hundert Meter weiter stehen wir in der Dornengasse (Rue de l’Épine) einem unvergleichlichen Zeugnis 350 Jahre alter Handwerkskunst gegenüber. Die geschnitzte, doppelflügelige Holztüre im Knorpelstil ist einzigartig in der Hauptstadt des Elsass. Warum diese wülstig-ausschweifende Kunstrichtung mit den grotesken Masken auch gerne als Ohrmuschelwerk bezeichnet wird, ist bei genauem Hinschauen selbsterklärend.

Genau hinschauen heißt es auch bei Hausnummer 6, wo ein grüner lasierter Steinfrosch schon mindestens seit dem 14. Jahrhundert die Nische über der Eingangstüre besetzt. Ob das Symbol für Fruchtbarkeit und Kraft den Bewohnern den gewünschten Erfolg bescherte, ist nicht überliefert.

Dass die Rue de l’Épine zum einstigen Viertel der Drucker gehörte, darauf weisen die über die Gasse gespannten Wappen und Embleme berühmter lokaler Druckereien hin. Während sich beispielsweise das Familienunternehmen Gruninger auf religiöse Werke spezialisiert hatte, standen bei der immer breiter werdenden Leserschaft des 16. Jahrhunderts zwei ganz andere Werke hoch im Kurs. Die Bestsellerliste führte ein Buch über die Destillierkunst an, gefolgt von Sebastians Brants Gesellschaftssatire „Das Narrenschiff“.

Ein Abstecher vor Goethes Haustüre und ein Blick auf den Anführer der mittelalterlichen Gelbwesten

Da wir schon beim Thema Literatur und Bücher sind, folgt ein Abstecher zum temporären Logis von Johann Wolfgang von Goethe am Alten Fischmarkt (Rue du Vieux Marché aux Poissons). Der angehende Dichter kam 1771 nolens volens nach Strasbourg, um endlich sein angefangenes Studium der Rechtswissenschaften zum Abschluss zu bringen. Vom roten Renaissancehaus aus hatte es der junge Goethe allerdings auch nicht weit bis zum Münster und von dort hinauf auf die Plattform. Eine Fitness-Übung, die der Student sehr häufig absolvierte, um seiner Höhenangst Herr zu werden. Für Motivation in Form des bewirtschafteten Wächterhauses als Studententreffpunkt in luftiger Höhe war gesorgt.

Direkt gegenüber Goethes Studiendomizil stellt uns unsere Stadtführerin den Anführer der Gelbwesten des Mittelalters vor. Der mutige Rittersmann Reinhold Liebenzeller stellte sich 1262 in der berühmten Schlacht von Hausbergen der Willkürherrschaft der bischöflichen Obrigkeit entgegen und läutete damit für Straßburg die Ära der Freien Reichsstadt ein.

Historisch wieder im Mittelalter angekommen, begeben wir uns im Viertel Krutenau auf Spurensuche nach den letzten Überresten der inneren Stadtmauer. Ein etwa 140 Meter langes Fragment des ehemals bischöflichen Verteidigungsrings aus dem 13./14. Jahrhundert hat sich an der Place Sainte-Madeleine erhalten. Wenngleich die Zinnen einen vermeintlichen Wehrgang vorgaukeln, sind sie nichts als Blendwerk, das in der Renaissance ergänzt wurde. Keine zwei Schritte von der Backsteinmauer entfernt, erhebt sich ein weiteres architektonisches Relikt. Der öffentliche Getreidespeicher, dem besonders im Belagerungsfall eine essenzielle Rolle zukam, steht heute ungenutzt unter Denkmalschutz.

Strasbourg abseits der touristischen Hotspots

Nach anderthalb Stunden kurzweiligem Fußmarsch im Zickzack durch enge Fachwerkgassen mit neugierigem Blick in grüne Hinterhöfe oder auf geschichtsträchtige Hausfassaden endet unser Stadtspaziergang zu den verborgenen Sehenswürdigkeiten Straßburgs am Place Broglie.

Die Zeit verging im Flug und ich hätte ganz gerne noch länger den erstaunlichen Details, verblüffenden Geschichten und amüsanten Anekdoten von Madame OTS gelauscht. Dennoch nehme ich hoch zufrieden ein ganzes Bündel überraschender Erkenntnisse und ungeahnter Entdeckungen mit nach Hause. Straßburg ist ein unerschöpflicher Hort historischer als auch architektonischer Facetten, weshalb es sich unbedingt lohnt, die ausgetretenen Pfade zu verlassen.

Und was wäre dafür nicht besser geeignet, als eine professionell geführte Tour zu den Sehenswürdigkeiten der zweiten Reihe? 


Gut zu wissen

Adresse

Office de Tourisme de Strasbourg
17, Place de la Cathédrale
67082 Strasbourg CEDEX

Von März bis Dezember bietet das Tourismusbüro von Straßburg standardmäßig drei deutschsprachige Führungen an:

  • Die Altstadt vom Münster bis zur Petite France
  • Von der Altstadt bis zur Neustadt
  • Entdeckung der verborgenen Sehenswürdigkeiten

Die genauen Daten, Uhrzeiten, Verfügbarkeiten und aktuellen Preise sind der Webseite des Tourismusbüros zu entnehmen.

Offenlegung:
Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit dem Fremdenverkehrsamt Office de Tourisme Strasbourg (OTS). Herzlichen Dank für diese Unterstützung, die keinen Einfluss auf den journalistischen Inhalt meines Beitrags hat. Der Artikel spiegelt meine eigene Meinung wider. 

2 Kommentare

  • Kira N.

    Vielen Dank für diesen Beitrag über Stadtführungen in Straßburg. Ich finde es toll, dass man die Stadt auch abseits der touristischen Hotspots erkundet. Nächstes Jahr plane ich eine Reise dorthin und bin schon sehr gespannt.

    • in Reiselaune

      Liebe Kira,
      es freut mich, wenn Dich mein Artikel zu dieser besonderen Stadtführung des Straßburger Touristikbüros für Deine nächstjährige Reise inspiriert. Ich wünsche Dir viel Spaß und besondere Eindrücke für Deinen Straßburg-Besuch.

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