Legende vom Loewen, der mit seinem Atem seine Jungen zum Leben erweckt, Fries am Nordturms des Muensters von Strassburg
Münstergeschichten,  Straßburger Spaziergänge

Von bestialischen Lehrbüchern und Löwen – der Nordturm des Straßburger Münsters – Teil I


Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde. Danach wurde Licht. Meer und Land kamen hinzu. Pflanzen, Sträucher, Bäume sprossen. Das Firmament wurde mit Sonne, Mond und Sternen bestückt. Am fünften und sechsten Tag kamen die Tiere an die Reihe. Und „Gott sah, dass es gut war“ (1. Mose 1,25). Im weiteren Verlauf der Schöpfungsgeschichte gab Adam den Tieren Namen und Noah sicherte ihren Fortbestand mit seiner Arche.

In all ihrer Artenvielfalt bespielten sie unentwegt die Handlungen und Schauplätze der Heiligen Schrift. Mal in böser, mal in guter Absicht. Mal als Dämon, mal als Erlöser. Statistenrolle im göttlichen Weltbild? Nein, danke! Die biblische Fauna eignete sich somit hervorragend als Fundgrube für die mittelalterliche Steinmetzkunst, um die Heilsbotschaft auch für den Laien verständlich in Szene zu setzen.

Die biblische Tierwelt am Nordturm des Straßburger Münsters

Nordturm des Muensters von Strassburg

Ohne die Tierwelt wären also nicht nur die Heilige Schrift, sondern auch das Dekor der Straßburger Kathedrale ziemlich öde, leer und vor allem Heiligen-lastig. So aber sind die tierischen Wesen überall zu finden. Unter anderem auf einem Hochrelief-Fries an der Nordseite des Nordturms. Nur den wenigsten Vorbeieilenden fällt diese ikonografisch hochinteressante Steinmetzarbeit aus dem 14. Jahrhundert überhaupt auf. Auf der Schattenseite des Gebäudes als Zierabschluss der ersten Etage und damit in gut 15 bis 20 Metern Höhe gelegen, ist sie eher eine Zufallsoffenbarung.

Insgesamt 12 Einzelszenen reihen sich aneinander, wobei ein Bildnis abgesetzt im toten Winkel zur Westfassade liegt. Allesamt erzählen sie von Sünde, Bestrafung, Gottes Barmherzigkeit, aber auch von Erlösung und Auferstehung. Ansprechend verpackt in allegorische Tiergestalten. Als Quellen für den zoologischen Aufmarsch dienten einerseits die Bibel und andererseits der Physiologus, eine der am weitesten verbreiteten und am häufigsten kopierten Handschriften der Antike.

Das tierische Urbuch – der Physiologus

Der „Naturkundige“, wie der Physiologus auch gerne bezeichnet wird, entstand im 2. Jahrhundert n. Chr. in Alexandrien. Der Autor des symbiotischen Lehrwerks aus naturwissenschaftlichen und religiösen Komponenten ist bis heute unbekannt. Jedoch prägte seine schriftstellerische Hinterlassenschaft die christlich-allegorische Kunst bis ins späte Mittelalter. Sie inspirierte unzählige Nachfolgewerke und kann zweifellos als „Urbuch“ aller Bestiarien angesehen werden. Ursprünglich auf Griechisch verfasst, wurde der Physiologus neben zahlreichen anderen Sprachen bereits im 5. Jahrhundert ins Lateinische und später ins Althochdeutsche übersetzt. Dabei blieb natürlich nicht aus, dass mit jeder weiteren Transkription, Abschrift oder Übersetzung eine Deutung hier, eine persönliche Interpretation da, eine Weglassung dort für teilweise sehr unterschiedliche Weiterentwicklungen sorgten.

Auf die Frage, was den bahnbrechenden Erfolg des Werkes ausmachte, gibt es nur eine Antwort: die Mischung.
Jedes der 48 Kapitel beginnt mit einem Vers aus der Bibel. Danach nehmen die Tiere aus der Real- und Fabelwelt durch die Beschreibung ihres Aussehens und Verhaltens konkrete Gestalt an. Anhand ihrer positiven und negativen Eigenarten erfolgt der Brückenschlag zur theologischen Deutung, bevor die moralische Message den Schlusspunkt setzt.

Kein Wunder also, dass der Physiologus beim Klerus besonders begehrt war. Auf dem Serviertablett präsentierte er alle wichtigen Elemente für eine ausdrucksstarke Predigt, um dem ungebildeten Volk die Botschaften der Heiligen Schrift einprägsam zu vermitteln.

Die erste Enzyklopädie

Als designierter Nachfolger des „Naturkundigen“ machte sich der Heilige Isidor von Sevilla (ca. 560 – 636), hauptberuflich Bischof der andalusischen Hauptstadt und nebenbei wissenschaftliche Universalkoryphäe, einen Namen. Er schuf die Etymologiae, eine 20-bändige Enzyklopädie über das Wissen der Welt, in der er sowohl die Lehren der Antike als auch den wissenschaftlichen Erkenntnisstand seiner Epoche einarbeitete. Als Quellenmaterial bevorzugte er, abgesehen vom Physiologus, überwiegend die Schriften des römischen Gelehrten Plinius d. Ä. aus dem 1. Jahrhundert nach Christus.

Band 12 seines Lebenswerks befasste sich mit den Tieren, die er im Gegensatz zum schulmeisterlichen Physiologus auf eine für die damalige Zeit gut fundierte naturwissenschaftliche Basis stellte. Fortan hielt die Etymologiae als anerkanntes Standard-Nachschlagewerk Einzug in den Bibliotheken unzähliger Klöster und Universitäten in ganz Europa.

Die Bestiarien – Wilde Tiere auf Papier und Pergament

Während sich alle Engel, Bischöfe, gekrönte Häupter und Bekenner in den vier Bogenläufen entweder interessiert das Geschehen im Giebelfeld oder auf dem Münstervorplatz verfolgen, kehrt einzig der Heilige

Während der Physiologus mit seiner christlichen Auslegung der Tierwelt die Antike prägte und das Frühmittelalter die Etymologiae als Maß aller Dinge betrachtete, dominierten die Bestiarien das Hochmittelalter von der Jahrtausendwende bis ins 13. Jahrhundert. Diese reich illustrierten Schriftwerke orientierten sich inhaltlich eng am Physiologus. Reelle als auch Fabeltiere dienten als perfektes Medium, um die guten und schlechten Wesenszüge anschaulich in Wort und Bild zu fassen. So ließen sie sich leichter auf den Menschen übertragen und anschließend mit der Heilslehre in Verbindung setzen. Der moralische Fingerzeig stand dabei an erster Stelle. Eine naturwissenschaftliche korrekte Darstellung war zweitrangig.

Das Aberdeen Bestiary ist aufgrund seiner aufwendigen Illuminationen eines der wertvollsten Exemplare erhalten gebliebener Bestiarien. Die in lateinischer Sprache abgefasste Bilderhandschrift wurde Ende des 12. Jahrhunderts vermutlich in einem Kloster auf der britischen Insel angefertigt. Die großzügige Verwendung von Blattgold deutet auf einen wohlhabenden Auftraggeber aus Adelskreisen hin. Mit 103 vor- und rückseitig beschriebenen Pergamentfolien blieb das Kunstwerk aus unbekannten Gründen leider unvollendet.

Vom handschriftlichen Lehrbuch zur Moralpredigt in Stein

Neben der einleitenden Wiedergabe der Schöpfungsgeschichte porträtiert das Bestiarium 70 Wild-, Klein- und Kriechtiere sowie Fische, Vögel, Vieh und Würmer. Selbst Hybriden, Misch- als auch Fabelwesen läuft man zwischen den Buchseiten über den Weg. Dazu ergänzen Kurzbeschreibungen von Pflanzen, Bäumen und (Edel-)Steinen diese außergewöhnliche Handschrift, die sich ab 1542 nachweislich im Besitz der königlich englischen Bibliothek von Westminster Palace befand. Im Laufe des 17. Jahrhunderts gelangte sie nach Schottland und wurde 1996 von der University of Aberdeen digitalisiert.

Wirft man einen Blick in das Aberdeen Bestiary wird schnell klar, dass die „wilden“ Schriftwerke nicht für die breite Öffentlichkeit gedacht waren. Einzig elitäre Kreise hatten aufgrund ihrer finanziellen Mittel als auch ihrer Bildung Zugang zu diesen Meisterleistungen mittelalterlicher Buchmalerei. Um die allegorischen Lehren unter das einfache Volk zu bringen, bedurfte es anderweitiger Kommunikationsmittel. Die Kirchenbauten mit ihren Glasfenstern, Kapitellen, Archivolten etc. boten hierfür die ideale Plattform. Deshalb stehen wir nun hier am Nordturm der Kathedrale, wo uns eine mittelalterlich-animalische Bilderwelt erwartet.

Szene 1 – Der Löwe Gottes und der sündige Flitzer

Das zoologische Defilee eröffnet der Löwe. Er ist „der Held unter den Tieren“ (Sprüche 30,30) und gibt in der Heiligen Schrift eindeutig den Ton an. Über 50 Mal streift er zumeist brüllend durch die Bücher, Psalmen und Schriften des Alten und Neuen Testaments. Diese biblische Dominanz sowie seine stark ambivalenten Eigenschaften haben den Bildhauer des Frieses wohl dazu bewogen, der Inkarnation von Macht und Stärke gleich drei Bildsequenzen zu widmen.

ein halbnackter Mensch kaempft gegen einen Loewen; Detail aus dem Fries am Nordturms der Cathedrale de Strasbourg

In der ersten Szene sind wir gleich mitten im Geschehen. Ein Duell um Leben und Tod. Rechts ein hoch aufgerichteter Löwe, links ein spärlich bekleideter Mann, eine Art Schweinsblase in der Hand, mit der er zu seiner Verteidigung wild um sich schlägt. Doch trotz heftiger Gegenwehr wird er Gottes Strafgericht nicht entkommen.

Darum geht es hier nämlich. Zuviel Lügen, Untreue, Hochmut und vor allem Hurerei, sowohl im geistigen als auch im körperlichen Sinne, herrschten im Stamme Israel. Der entblößte Unterkörper des Sünders spricht davon Bände. Gott zürnte seinem auserwählten Volk, das sich so gar nicht als dafür würdig erwies. Und während der Prophet Amos als auch der Steinmetz den HERRN zunächst nur wie einen Löwen brüllen lassen, bewies Hosea (13,7), dass brüllende Löwen auch beißen. „Da wurde ich für sie wie ein Löwe, wie ein Panther lauere ich am Weg. Ich falle sie an wie eine Bärin, der die Jungen genommen sind, und zerreiße ihnen Brust und Herz und will sie dort wie ein Löwe fressen; die wilden Tiere sollen sie zerreißen.“

Szene 2 – Die Kehrseite des Löwen

Ein Mensch mit Keule kaempft gegen einen Loewen; Detail aus dem Fries am Nordturms des Muensters von Strassburg

Nach dem scheinbar ungewissen Ausgang des Kampfes im vorangegangenen Relief sind nun die Rollen umgekehrt verteilt. Gut und Böse stehen sich nicht mehr auf Augenhöhe gegenüber. Der Löwe, inzwischen zu einer Miniatur seiner selbst geschrumpft, vertritt nun die dunkle Macht, den Teufel. Jedoch zeigt schon der Größenunterschied, dass er chancenlos ist gegen all die mutigen Glaubenskämpfer wie Daniel, David, Simson oder unseren nunmehr züchtig gekleideten Keulenschwinger am Turmfries.

Mit genügend Gottvertrauen scheint der Mensch in der Lage, jeglicher dämonischen Versuchung, welcher Gestalt auch immer, die Stirn zu bieten. Dennoch schadet es nicht, den Rat aus 1. Petrus 5,8 zu befolgen: „Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge.“ Soweit zum Thema übermäßiger Alkoholkonsum.

Szene 3 – Des Löwen göttlicher Atem

Legende vom Loewen, der mit seinem Atem seine Jungen zum Leben erweckt, Detail aus dem Fries am Nordturms des Muensters von Strassburg

Nach den beiden bibel-orientierten Auftritten der Großkatze ist nun der Physiologus am Zug. Das Lehrwerk mit dem erhobenen Zeigefinger eröffnet seine Analyse der antiken Tierschar  mit dem Löwen. Mit seiner Größe, der wallenden Mähne und den riesigen Tatzen gibt er einen prächtigen Anführer her. Darüber hinaus besitzt er Fähigkeiten, die ihn mit Jesus und Gott in Beziehung setzen.

Wir entdecken in der rechten Bildhälfte ein Nest mit drei putzigen, vergnügt herumtollenden Löwenkindern. Ein wahres Wunder, denn drei Tage zuvor wurde der ganze Wurf tot geboren. Doch der Löwenvater gibt seinen Nachwuchs nicht auf. Drei Tage lang haucht er seinen Atem auf die leblosen Winzlinge, bis sie endlich freudig ihr Erdendasein begrüßen.

Nun, habt Ihr die Allegorien entschlüsselt, die sich hinter diesem Bild verbergen? Allzu schwer war das Rätsel nicht, oder? Der Löwe alias die Göttlichkeit des HERRN, der Leben schenkt und die Auferstehung Jesu in Gestalt der zum Leben erweckten Löwenbabys.

Das Geheimnis der Schwanzquaste

Unterzieht man den prachtvollen Löwenvater einer genaueren Begutachtung, fällt zudem der extrem lange Schweif mit Quaste auf. Das ist natürlich kein künstlerischer Zufall. Vielmehr lässt es erkennen, dass der Steinmetz den „Naturkundigen“ ganz genau gelesen hat. Sonst wüsste er nicht um die Bedeutung der buschigen Schwanzquaste, mit der der Löwe seine Spuren in der Wildnis verwischt, wie auch Jesus seine Göttlichkeit durch seine Menschwerdung verborgen hat.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass der Löwe noch einen Trumpf aus der Trickkiste ziehen kann. Es ist kein Geheimnis, dass er in freier Wildbahn zu den Vielschläfern gehört. Im Durchschnitt döst er 13 Stunden täglich, was er sich mangels natürlicher Feinde durchaus leisten kann. Allerdings, so macht uns der Physiologus Glauben, hält das Raubtier seinen Regenerationsschlaf mit offenen Augen. Denn auch Jesus, der „Löwe aus dem Stamme Juda“ (Offenbarung 5,5) entschlief am Kreuz, während er gleichzeitig über die Menschen wachte und ihnen die Erlösung brachte.

Mangels derartiger Wunderkräfte, muss ich nach so vielen tierischen Eindrücken erst einmal Energie tanken, bevor wir uns im zweiten Teil zum Rendezvous mit dem Einhorn und anderen biblischen Tiergestalten treffen.

Hochrelief-Fries am Nordturm des Strassburger Muensters

Adresse

Cathédrale Notre Dame de Strasbourg / Liebfrauenmünster Straßburg
Place de la Cathédrale
F-67000  Strasbourg

Öffnungszeiten und Eintritt

Der Zutritt zum Straßburger Münster ist kostenfrei.
Aktuelle Informationen zu den Öffnungszeiten finden sich auf der Website der Kathedrale.

Teil II – Von Einhörnern, Riesenfischen und Schlangen – der Nordturm des Straßburger Münsters

Im zweiten Teil über das tierische Fries am Nordturm des Straßburger Münster erfahren wir interessante Details aus der Karriere des Einhorns in der Bibel, tauchen mit Jonas und dem Walfisch ab und blicken der ehernen Schlange ins Auge.

Jonas und der Wal am Fries des Nordturms des Muensters von Strassburg
Teil IIIVon allerlei Flugtieren und einem Happy End – der Nordturm des Straßburger Münsters

In der dritten und letzten tierischen Exkursion zum Hochrelief am Nordturm des Münster lernen wir die Kehrseite des Einhorns kennen, laufen allerlei gefiederten Wesen über den Weg und bringen in Erfahrung, was Hunde und Wildschweine gemeinsam haben.

Relief Abraham opfert Isaak am Nordturm des Muensters von Strassburg

Wer mehr über die „naturwissenschaftliche“, christliche als auch moralische Auslegung der Tierwelt von der Antike bis ins Hochmittelalter erfahren möchte, dem sei das Bestiarium wärmstens ans Herz gelegt.
In meiner in Leselaune-Bibliothek habe ich den Bildband aus dem Verlag wbg Edition für Euch rezensiert.

Buchcover Bestiarium; wbg Edition
Bestiarium – Das Tier in mittelalterlichen Handschriften

Ein Erlebnis!
Anders lässt sich das Bestiarium, ein 620 Seiten umfassendes Ausnahmebuch über das Tier in mittelalterlichen Handschriften, kaum in zwei Worte fassen.
Ein Kunstwerk, das kulturgeschichtliche und ikonografische Erkenntnisse über die animalische Welt zwischen Realität und Imagination opulent bebildert präsentiert.

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