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Über Siebenbürgen – Band 1

Die Kirchenburgen im Harbachtal

Im ersten Bildband der Buchreihe Über Siebenbürgen entführt uns das Autoren-Fotografen-Duo Anselm Roth und Ovidiu Sopa in die Kirchenburgenlandschaft des Harbachtals. Die Reise startet in Thalheim, kurz hinter Hermannstadt, am südwestlichen Rand des Valea Hârtibaciului und folgt dem bescheidenen Lauf des Harbachs bis nach Trappold (rum. Apold) am nordwestlichen Zipfel.

Der durch und durch von Feldern, Flussauen und Wiesen geprägte Landstrich war bereits in der Jungsteinzeit und später von den Römern bevölkert. Doch erst die teutonischen Siedler drückten dem Tal mit ihrer Ankunft gegen Ende des 12. Jahrhunderts ihren heute noch unverkennbaren Stempel auf.

Unterwegs, auf der etwa 75 Kilometer langen Strecke, kämpfen beachtliche 16 Kirchenburgen um ein wenig Aufmerksamkeit. Dabei haben sie es nicht einfach, denn das Harbachtal gehört zweifelsohne zu den infrastrukturellen, wirtschaftlichen und touristischen Schlusslichtern der Region. Das war nicht immer so. Doch spätestens seit die Wusch 2001 ihren Dienst einstellte, übernahm Dornröschen wieder das Zepter im abgeschiedenen Landesteil. Die 1898 in Betrieb gesetzte Schmalspurbahn stellte einst die pulsierende Lebensader zwischen den Dörfern im Harbachtal und den beiden größeren Städten Sibiu (Hermannstadt) und Sighişoara (Schäßburg) dar. Sie transportierte nicht nur wichtige Güter zwischen den verstreut liegenden Ortschaften, sondern sorgte auch für den gesellschaftlichen Anschluss der ansonsten abgehängten Dorfbevölkerung. Doch über die Jahrzehnte erwiesen sich sowohl die Pflege der Gleisanlagen aus der K.u.K.-Zeit als auch die Instandhaltung der passenden Lokomotiven als unrentabel. So kam 2001 das Aus für die Wusch. Die Dörfer des Harbachtals blieben wieder unter sich.

Die Kirchenburgen im Harbachtal liegen also nicht einfach en passant an einer der Hauptverkehrsadern durch Siebenbürgen, sondern gut eingebettet im Hinterland. Man muss dementsprechend viel Zeit zur Erkundung mitbringen. Aber gut Ding will ja bekanntlich Weile haben. Und der guten Dinge, sprich Kirchenburgen, gibt es zwischen den 70 großformatigen Buchseiten reichlich zu entdecken. 

Die Kirchenburgen im Harbachtal

Agnetheln – Agnita
Alzen-  Alţina
Burgberg – Vurpar
Henndorf – Brădeni
Holzmengen – Hosman
Jakobsdorf-  Jacobeni
Leschkirch – Nocrich
Marpod – Marpod
Neithausen – Netuş
Neudorf – Nou
Neustadt – Noiştat
Probstdorf – Stejăriş
Roseln – Ruja
Rothberg – Roşia
Thalheim – Daia
Trappold – Apold

Im Buch unterwegs Meine Highlights

Nach einem kurzen Intro des Autors mit Gedanken zum Fortbestand des sächsischen Erbes, beginnt der Bildband mit einem Paukenschlag. Schon die erste Luftfotografie der Kirchenburg von Thalheim entlockt mir ein “da muss ich unbedingt hin”. Inmitten einer sattgrünen Landschaft erhebt sich eine ummauerte, unbeugsame Demonstration ehemaliger menschlicher Existenz. Eine Kirche wie ihre sächsischen Erbauer. Robust und zweckdienlich. Dazu die tristen, im Kirchhof aufgereihten Gräber als zurückgelassene Mahnmale der Erinnerung. Wohlweislich gedeckelt, denn die Erinnerung ist zwischenzeitlich in eine tausend Kilometer weite Ferne abgewandert.

Einmal umgeblättert, folgt der nächste Blickfang. Dieselbe Kirche aus bodennaher, leicht verzerrter Perspektive vor einem grauen, darüber hinwegfegenden Himmel. Eine Aufnahme wie ein Gemälde, welches in ähnlicher Form bereits 1890 an einem 2000 Kilometer entfernten Ort gemalt wurde: die Kirche von Auvers von Vincent van Gogh.

Besondere Lust auf einen zukünftigen Besuch machen auch die Fotografien und Kurztexte der Kirchenburgen von Agnetheln, Roseln und Probstdorf. Eine wuchtiger als die andere, während die Beschreibung der Wehrkirche in Neithausen (Netuş) die Neugier auf die ungewöhnlichen Details im Innern weckt.

Kirchenburg von Holzmengen (Hosman) vor den schneebedeckten Karpaten; Fotografie aus dem Bildband Ueber Siebenbuergen
© Ovidiu Sopa

Mit zu den schönsten und stimmungsvollsten Aufnahmen im ganzen Buch gehört sicherlich diejenige der Kirchenburg von Holzmengen vor der Kulisse der schneebedeckten Karpaten. Eine friedvolle Stille liegt über dem Dorf. Der Glockenturm und sein standhafter Vorposten werden von der untergehenden Sonne in ein letztes warmes Licht getaucht, bevor sich die klirrende Kälte der Nacht langsam über die Hausdächer senkt. 

Die vorletzte Station der Buchreise durch das Harbachtal wartet noch einmal mit einem Sahnehäubchen auf. Ihr Manko, dass sie zeitlebens keinen Glockenturm besaß, macht die Henndorfer Kirchenburg mit einem in ganz Europa einmaligen Kunst- und Kulturschatz mehr als wett. Unter ihrem befestigten Kirchendach legen etwa 100, ursprünglich bemalte, mittelalterliche Stollentruhen ein erstaunliches Zeugnis siebenbürgisch-sächsischer Handwerkskunst ab.

Stollentruhe auf dem Dachboden der Wehrkirche von Henndorf (Bradeni), Siebenbuergen

In Leslaune’s Schlussansichten

Mit der Auswahl des eher unbekannten Harbachtals als Einstiegsband in die Reihe Über Siebenbürgen bewiesen Autor, Verleger und Fotograf durchaus Mut. Es zeigt, dass die Männer hinter dem Buch von ihrem Projekt, der fotografischen Bestandsaufnahme aller noch “überlebenden” siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen, überzeugt waren. Und das völlig zurecht, denn der vorliegende Band kann als gelungener Auftakt betrachtet werden.

Die Textbeiträge zu den einzelnen Kirchenburgen vermitteln einen ausreichenden ersten Überblick über die Wurzeln und Geschichte jeder Ortschaft. Dazu gibt es, in wenige Worte gefasst, interessante Details zur Architektur und Ausstattung der Kirchenburg.
Die dazugehörigen Bildperspektiven sind sorgfältig und abwechslungsreich gewählt. So erhält der Leser, neben den Hochglanz-Drauf- und Seitenansichten der Kirchenburg, zudem noch einen aufschlussreichen Blick auf die heutige Dorfstruktur. Fotografisch bleiben also nicht viele Wünsche offen.

Einzig einige erhellende Bildhinweise hätte ich mir an der einen oder anderen Stelle gewünscht, zumal die Buchreihe einen dokumentarischen Anspruch erhebt. Dann wäre sicherlich meine Frage überflüssig, warum der übermächtige Wehrturm von Jakobsdorf die holzgegebene Natürlichkeit seines Wehrgeschosses auf der letzten Abbildung gegen eine unnatürlich grüne Verschalung eingetauscht hat. Und sollte in naher Zukunft eine Neuauflage geplant sein, findet sich im Buch bestimmt auch noch Platz für eine Übersichtskarte.

Buchcover Ueber Siebenbuergen Band 1

Über Siebenbürgen – Band 1
Kirchenburgen im Harbachtal

Kategorie: Bildband
Reihe: Über Siebenbürgen
Autor(en):
Anselm Roth (Fotografien und Text)
Ovidiu Sopa (Luftfotografien)
Verlag: Schiller Verlag Bonn
Erscheinungsjahr: 2015; 1. Auflage
Ausgabe: Hardcover
Umfang: 70 Seiten
ISBN: 978-3-944529-66-0
Preis: 19,90 €

Der Vollständigkeit halber:
Das Buchcover und die mit Copyright versehenen Bilder sind Eigentum des jeweiligen Verlags, Herausgebers, Fotografen bzw. sonstigen Rechteinhabers. Die Rezension ist unbezahlt und unbeauftragt. Das Buch wurde auf eigene Kosten angeschafft.

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