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Das Repser und das Fogarascher Land

Das Repser und das Fogarascher Land

Die ersten beiden Bildbände des Autors und Herausgebers Martin Rill über die siebenbürgisch-sächsische Kulturlandschaft im Zentrum Rumäniens bescherten uns bereits bildreiche Momentaufnahmen über Das Burzenland sowie Hermannstadt und das Alte Land. Nun stehen Das Repser und das Fogarascher Land im Südosten Siebenbürgens im Mittelpunkt des dritten Buchs über die außergewöhnliche europäische Kulturregion, die über ein Jahrtausend von Deutschen, Rumänen und Ungarn geprägt wurde.

In der überaus ländlich geprägten Region, in der lediglich Reps und Fogarasch den Aufstieg zur Stadt geschafft haben, erhalten wir umfangreiche Einblicke in 27 einst oder immer noch sächsisch besiedelte Ortschaften. 

Das Repser und das Fogarascher Land

Bekokten – Bărcut
Bodendorf – Buneşti
Deutsch-Kreuz -Criţ
Deutsch-Tekes – Ticuşu Vechi
Deutsch-Weißkirch – Viscri
Draas – Drăuşeni
Felmern – Felmer
Fogarasch – Făgăraş
Galt -Ungra
Großschenk – Cincu
Hamruden – Homorod
Katzendorf – Caţa
Kleinschenk – Cincşor
Leblang – Lovnic
Meeburg – Beia
Meschendorf – Meşendorf
Radeln – Roadeş
Reps – Rupea
Rohrbach – Rodbav
Scharosch – Şoarş
Schirkanyen – Şercaia
Schweischer – Fişer
Seiburg – Jibert
Seligstadt – Seliştat
Stein – Dacia
Streitfort – Mercheaşa
Tarteln – Toarcla

Im Gegensatz zum eigentlichen Buchaufbau lege ich jedem Leser ans Herz, das 324 Seiten dicke Leseerlebnis mit dem geballt informativen Nachwort zu beginnen. Während man bei anderen Büchern gerne mal den endlos dank- bis nichtssagenden Appendix aus reiner Pflichterfüllung überfliegt, beschenkt uns der Autor und Historiker Martin Rill an dieser Stelle mit einem tiefen Einblick in die Entwicklung dieses außergewöhnlichen kulturgeschichtlichen Landstrichs. Und ich sage bewusst “beschenkt”, denn dieses Nachwort liest sich trotz des immensen Konglomerats historischer Fakten mit einer selten erlebten sprachlichen Leichtigkeit. Dabei erfährt der Leser auf sieben Seiten alles, aber wirklich alles, was es über das Repser und das Fogarascher Land zu wissen gibt.

Cover-Rueckseite des Bildbands Das Repser und das Fogarascher Land
© Das Repser und das Fogarascher Land

Der geschichtliche Exkurs startet bei der ersten Besiedlung während der Jungsteinzeit. Alsbald wird diese von der Bronze- und der späteren Eisenzeit abgelöst, in der die Daker in Erscheinung treten. Zu Beginn des 2. Jahrhundert n. Chr. verleiben sich die Römer die Provinz in ihr Weltreich ein, bevor die Völkerwanderung Siebenbürgen in ein multiethnisches Durchzugsgebiet verwandelt. Danach festigen die ungarischen Monarchen zunächst durch szeklerische Grenzwächter ihren Besitzanspruch auf die Region hinter den Wäldern. Ab Mitte des 12. Jahrhunderts sind dann zusätzlich “sächsische” Siedler aus dem Gebiet des Niederrheins eingeladen, dem wüsten Land zu wirtschaftlicher Blüte zu verhelfen.

Inmitten einer permanenten Kriegs- und Bedrohungslage entwickelt sich im nächsten halben Jahrtausend eine rege Bautätigkeit. Kirchen, Burgen und Kirchenburgen prägen fortan das Gesicht der siebenbürgisch-sächsischen Landschaft. Daneben bilden sich ein gut strukturiertes Verwaltungsrecht, ein klar geregeltes Erbrecht, fortschrittliche Landwirtschaftsformen, ein breit gefächertes, handwerkliches Zunftwesen sowie eine solides und stark in einem gemeinsamen Glauben verankertes Gemeinwesen heraus.

Ende des 17. Jahrhunderts setzt mit der Habsburger Herrschaft langsam ab sicher eine Phase der außenpolitischen Befriedung ein. Allerdings bringt sie, als auch die spätere österreichisch-ungarische Doppelmonarchie, weitreichende innenpolitische und strukturelle Umwälzungen für die Sachsen mit sich. Auf der einen Seite legt der rumänische Bevölkerungsteil in Siebenbürgen durch Zuwanderung aus anderen Landesteilen enorm zu, während andererseits die spürbare Magyarisierung für ethnische Spannungen und ökonomischen Stillstand sorgen. Der Verlust der rechtlichen als auch politischen Autonomie 1867 läutet das lang anhaltende, unabwendbare Jammertal der Siebenbürger Sachsen ein. Dazu verursachen Weltkriege, Enteignungen von Privat- und Gemeinschaftsbesitz, Deportation und Zwangsarbeit und die zeitweilige Aberkennung staatsbürgerlicher Rechte, eine Auswanderungswelle nach der anderen.

Angesichts der sächsischen Schrumpfgemeinden stehen das Repser und das Fogarascher Land, als eh schon strukturschwache Region, spätestens seit 1989 vor der beinahe aussichtslosen Herausforderung, den einmaligen kulturhistorischen Bestand zu sichern. In vielen Diaspora-Gemeinden wie Felmern, Draas oder Streitfort ist die Auslagerung der wertvollen Kirchenausstattungen in noch aktive Kirchengemeinden die einzige Alternative, um sie vor Verlust oder Zerstörung zu schützen. Für die immobilen Schätze wie die mittelalterlichen Fresken in Bodendorf, Radeln oder Draas, mit denen die Kirchenburgen im Repserland so reichlich gesegnet sind, hilft manchmal nur hoffen, bangen und beten. Oder sich engagieren wie der Verein Kulturerbe Kirchenburgen e. V. .

Im Buch unterwegs – Meine Highlights

Für eine bildreiche Erinnerung an das Jahrhunderte überdauernde sächsische Leben und Wirken, nimmt uns das Repser und das Fogarascher Land mit auf eine Reise über geschlossene Häuserfronten, vorbei an wehrhaften Kirchenburgen oder entlang der Dorfgassen mit dem bunten Sammelsurium an stattlichen Bauernhäusern. Wir bahnen uns einen Weg durch Friedhofsidyllen wie in Radeln, Felmern oder Meeburg, erhalten eine Lektion in Sachen essenzielle Bestandteile eines traditionellen Bauernhauses mit Lief, Sommerküche, Krüppelwalmdach und Gassentürchen oder lernen in den heimatkundlichen Ausstellungen bzw. ethnografischen Sammlungen in Bodendorf, Galt, Reps und Deutsch-Weißkirch viel über die Wohnkultur der Region.

Luftbild von Deutsch-Weisskirch aus dem Bildband Das Repser und das Fogarascher Land
Luftbild von Deutsch-Weißkirch; © Georg Gerster

Deutsch-Weißkirch ist auch das passende Stichwort für das Aushängeschild des Repserlands. Der 500-Seelen-Ort und seine markante Kirchenburg gehören seit 1999 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Völlig zurecht schmückt deshalb die imposante, über 600 Jahre alte Kirchenburg das Buchcover.
Im Bildband selbst zeigt die Luftaufnahme von Deutsch-Weißkirch auf eindrucksvolle Weise die typische sächsische Dorfstruktur mit der über einen Kilometer langen und bis heute immer noch ungeteerten Hauptachse. Wie an einer Perlenschnur sind die giebelständigen Bauernhäuser entlang der Langen Gasse aufgereiht, während die querstehenden Scheunen am Ende des Hofes für die notwendige Rückendeckung sorgen. Die verschachtelt wirkende Kirchenburg thront wie eine Insel der Glückseligkeit auf einer kleinen Anhöhe. 

Neu im Buch sind die Aufnahmen sowohl katholischer als auch orthodoxer Kirchengebäude. Möglicherweise eine Reminiszenz an die multiethnische und religiöse Co-Existenz von Sachsen, Rumänen und Ungarn in Siebenbürgen. Eine gute Idee, den Horizont des Lesers zu erweitern, zumal das von Ikonen überbordende Innenleben der orthodoxen Kirchen einen farbenstarken Kontrast zu den eher schlichten evangelischen Kirchenschiffen bietet.

Beim Blick hinter die dicken Mauern der sächsischen Wehrkirchen des Repser und des Fogarascher Lands fallen mir dafür drei Besonderheiten ins Auge, die ich in den anderen Regionen Siebenbürgens bisher nicht in dieser geografischen Dichte wahrgenommen habe.

Zum einen sind es die ungewöhnlichen Altarorgeln, die neben Hamruden, Stein, Schweischer und Meschendorf vor allem in den “deutsch”-stämmigen Ortschaften Deutsch-Weißkirch, Deutsch-Tekes und Deutsch-Kreuz Hochkonjunktur haben.
Dazu gesellen sich, dank eines starken Gemeindewachstums, in Bodendorf, Hamruden oder Schweischer zwei Reihen dicht übereinander gedrängter Emporengestühle. Zumeist mit bäuerlich-floralen Motiven bemalt, wertete die Kirche in Meeburg mit Fabelwesen und der Leidensgeschichte Jesu die Männer- und Burschenemporen auf.
Während andernorts Königsrichter und Pfarrer oftmals mit aufwendigen steinernen Grabplatten geehrt wurden, bekommen wir in Großschenk gleich mehrere verschnörkelt-barocke Epitaphe präsentiert. Großschenk war offensichtlich auch die Hochburg der Hutrahmen, denn jede Handwerkervereinigung bestand auf ihr eigenes Holzbrett mit den spezifischen Symbolen ihrer Zunft.

Zwischen dem historischen Zahlen- und Faktenmaterial im Buch stolpert man immer wieder über amüsante Anekdoten oder dubiose Legenden.
So muss ich über die von der Gemeindeverwaltung Katzendorf mehrfach wegen Sittenverfalls erlassenen Kleiderordnungen schmunzeln. Eine gute Maßnahme, deren Wiedereinführung ich persönlich, angesichts der um sich greifenden Jogginghosen-Akzeptanz, absolut befürworten würde. Auch die Einführungen hipper Bezeichnungen wie Lounge- oder Athleisure-Wear ändern für mich dabei nichts an deren mangelnder Salonfähigkeit.

Auch in Scharosch schienen die guten Sitten in Gefahr bzw. ein angemessener religiöser Eifer abhandengekommen zu sein. Andernfalls hätte der Schenker Königsrichter wohl kaum die Gemeinde zur Anschaffung einer Bibel verdonnert. Die richterliche Anordnung wurde 1635 von der Gemeinde umgesetzt. Ob einsichtig oder unter Protest ist nicht überliefert, dafür wurde über die Anschaffungskosten in Höhe von 8 Gulden und 43 Kreuzern genauestens Buch geführt. Das lässt tief blicken.

Nicht weit von Scharosch entfernt, in der kleinen Ortschaft Seiburg, beherbergte die Kirche über 200 Jahre lang ein dunkles Geheimnis. Im 17. Jahrhundert kam es zur gerichtlichen Auseinandersetzung mit dem Nachbarort Stein, als von einem Tag auf den anderen die Prozessakten verschwanden. Die mit allen Wassern gewaschenen Seiburger Schlawiner hatten die Dokumente einfach in ihr Gotteshaus eingemauert, wo sie erst 1836 wieder entdeckt wurden.

Und noch ein guter Ratschlag zum Schluss. Wer auf der Suche nach den Geheimzutaten eines langen Lebens ist, sollte sich unbedingt in der Gemeinde Leblang (!) nach der Quelle mit den übernatürlichen Heilkräften umschauen. Mit ein wenig Aberglaube kann man sicherlich großzügig darüber hinwegsehen, dass ein Hermannstädter Apotheker dem potenten Quellwasser lediglich attestierte, dass es sich um gutes, gesundes Trinkwasser handle. Nicht mehr und auch nicht weniger.

In Leselaune’s Schlussansichten

Das Repser und das Fogarascher Land lässt in meinen Augen keine Wünsche offen. Weder inhaltlich noch gestalterisch. Der Bildband, der dieses Mal ohne Schutzumschlag auskommt, hat bei gleichbleibend hoher Qualität weiter an Umfang zugelegt.

Nach wie vor fällt es mir schwer, das Buch in eine bestimmte Schublade zu stecken. Mit 600 Farbbildern ist es zwar ein fotografisches Füllhorn, geht dennoch weit über einen Bildband hinaus. Die Ortsmonografien überzeugen mit einer unschlagbaren Recherchetiefe, die schon beinahe an eine Enzyklopädie heranreichen. Die letzten landwirtschaftlichen Erhebungen zu Ende des 19. Jahrhunderts listen den gesamten Viehbestand von Pferden über Rinder, Büffel, Schafe und Schweine bis zur Anzahl der Bienenkörbe auf. Dazu gibt es Datenmaterial zum Flurbestand oder zu den diversen Konskriptionen und Volkszählungen, einschließlich der traurigen Zahlen aus dem letzten Jahrzehnt zur Situation der Diaspora-Gemeinden.

Die Informationsfülle setzt sich, wie schon bei den beiden Vorgänger-Ausgaben, in den ausführlichen Bildunterschriften fort. Dennoch wirken die einzelnen Seiten keinesfalls überladen, sondern lassen zwischendrin ausreichend gedanklichen Freiraum, um sich selbstverloren durch die Turmlandschaft von Katzendorf zu träumen oder dem sinnigen Friedhofsspruch “Was wir bergen in den Särgen ist das Erdenkleid. Was wir lieben, ist geblieben und bleibt in Ewigkeit” nachzuhängen.

Neben den kompakten Texten der Ortsmonografien stößt man zwischen den Buchseiten immer wieder auf wundervolle Entdeckungen.

Am liebsten würde ich mich sofort mit dem Schwergewicht im Gepäck auf den Weg nach Siebenbürgen machen. Nur um all diese Schätze mit eigenen Augen zu sehen und zu erleben. Die sanfte Büchellandschaft bei Bodendorf, die ältesten Wandmalereien Siebenbürgens in Hamruden, der spätgotische Flügelaltar in Radeln, der westanatolische Vogelteppich in Reps, die stehen gebliebene Zeit mit Ziehbrunnen in Meeburg mit oder die verschneite Kirchenburg von Tarteln als einsamer Leuchtturm des Glaubens auf weiter Flur.

Verbesserungspunkte habe ich im Buch mit der Lupe gesucht und trotzdem nur zwei gefunden. Zum Einen hätte ich mir eine nachvollziehbare Grenzziehung zwischen Repser und Fogarascher Land mit entsprechender alphabetischer Reihenfolge der Orte gewünscht. Zum anderen würde ich die Nennung des Ortsnamens an einer dezenten Stelle auf jeder Buchseite immer noch als äußerst sinnvolle Orientierungshilfe befürworten.

Angesichts des überwältigenden Mehrwerts dieses Buches sind beide Aspekte allerdings vernachlässigbar. Vielmehr habe ich ein schlechtes Gewissen, da das Buch noch so viel mehr zu bieten hat, als ich an dieser Stelle berücksichtigen kann. Deshalb mache ich es kurz: Das Repser und das Fogarascher Land ist für alle Siebenbürgen-Enthusiasten ein absolutes Muss im Bücherregal und seinen Preis mehrfach wert.

Cover-Vorderseite des Bildbands Das Repser und das Fogarascher Land

Das Repser und das Fogarascher Land

Kategorie: Bildband; Nachschlagewerk
Autor(en): Martin Rill
Verlag: Wort + Welt + Bild Verlag
Erscheinungsjahr: 2014; 1. Auflage
Ausgabe: Hardcover
Umfang: 324 Seiten
ISBN: 978-3-943896-01-5
Preis: 59,00 €

Das Cover und die Bilder sind allesamt Eigentum des Verlags, Herausgebers, Fotografen bzw. sonstigen Rechteinhabers. Die Rezension ist unbezahlt und das Buch wurde auf eigene Kosten angeschafft.

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