Freken aus der Wehrkirch von Dersch / Darjiu / Székelyderzs
Rumänien,  Unterwegs

Dersch / Dârjiu – UNESCO-Weltkulturerbe im Szeklerland

Nachdem sich meine Kirchenburgen-Rundreise mit den Besuchen von Wurmloch, Birthälm und Kelling bisher überwiegend im westlichen Landstrichs Siebenbürgens abgespielt hat, geht es heute Richtung Osten ins Szeklerland. In den Landkreis Harghita. Nach Dersch, um genau zu sein. 

Szeklerland ist Neuland für mich. Ein unbeschriebenes Blatt, von dem ich nicht mehr weiß, als dass es im Osten Siebenbürgens liegt und sich hauptsächlich über die Kreise Harghita, Covasna sowie die Mitte des Mureş erstreckt.

Wo die Minderheit eine Mehrheit ist

Als ich mein Etappenziel unter der deutschsprachigen Ortsbezeichnung Dersch in das GPS eingebe, findet sich kein Eintrag. Ich bin ein wenig erstaunt, aber nicht beunruhigt. Also probiere ich es eben unter dem rumänischen Namen Dârjiu. Das klappt eigentlich immer, so auch in diesem Fall. Am Dorfeingang empfängt mich dann allerdings ein Ortsschild, auf dem zuoberst der Name Székelyderzs prangt. Jetzt weiß ich mit Sicherheit, ich bin in Harghita und damit im Land der Szekler angekommen.

Hier, am Rande der Ostkarpaten, bildet die ungarisch-sprachige Minderheit eine überwältigende Mehrheit. 85% der Bewohner dieses Landkreises bezeichnen sich als Ungarn bzw. székelyek (rum. secuii). Mancherorts kann man sich deshalb nur auf Ungarisch oder alternativ mit Händen und Füßen verständigen, denn der Székler-Dialekt weist vage türkische Spracheinflüsse auf. Die Rumänische Sprache spielt in dieser Region nur die zweite Geige. Manchmal darf sie auch gar nicht im ungarischen Enklaven-Orchester mitspielen.

Doch wer oder was sind diese Szekler genau?

Es existieren nur wenige gesicherte Dokumente.
Historisch verbürgt ist, dass sie ab dem 10. Jahrhundert von den ungarischen Monarchen im Osten Siebenbürgens als Grenzwächter zum Schutz gegen die Dauer-Invasionen der Mongolen, Tartaren, Türken und Kumanen eingesetzt wurden. Als Gegenleistung für ihre kriegerischen Dienste erhielten sie das Recht auf Selbstverwaltung und genossen absolute Steuerfreiheit.
1116 fanden die Szekler zum ersten Mal als Volksgruppe der Siculi Erwähnung.
Darüber hinaus stammt ihr Name vom ungarischen Wort szék (= Stuhl) ab. Die Szekler, waren, ebenso wie ihre Siebenbürger Nachbarn, die Sachsen, in sogenannten Stühlen als regionale Verwaltungseinheiten organisiert.

Ansonsten kursieren annähernd so viele Hypothesen über ihre ethnische Herkunft, wie es Rezepte für den Kürtőskalács, die berühmte Süßspeise der Szekler, gibt. Von Wolgabulgaren, Kiptschaken, Baschkiren, Petschenegen, Awaren und Gepiden ist unter den Ethnologen die Rede. Die Szekler selbst vertreten eine ganz andere Auffassung.

Ein Geschenk des Himmels

Ki tudja merre, merre visz a végzet,
Göröngyös úton, sötét éjjelen,
Vezesd még egyszer győzelemre néped,
Csaba királyfi, csillagösvényen.

Wer weiß, wohin das Schicksal führt,
Auf holpriger Straße, in einer dunklen Nacht,
Führe dein Volk noch einmal zum Sieg,
Prinz Csaba auf dem Sternenweg.

Prinz Csaba und die Ritter der Milchstrasse

In ihrer Hymne huldigen die Szekler Prinz Csaba, dem jüngsten Sohn des Hunnenkönigs Attila.
Nach dem Tod des Vaters im Jahre 453 entbrannte ein Bruderzwist zwischen Csaba und seinem Halbbruder Aladár um die Vorherrschaft im Hunnenreich. Erbitterte Kämpfe wurde geführt, erbarmungslose Schlachten geschlagen. Am Ende gingen die übermächtigen Truppen Aladárs als Sieger hervor. Csaba floh nach Skythien in die Heimat seines Vaters, während er 3000 hunnische Kämpfer auf dem Campo Csigla mit dem Versprechen zurückließ, eines Tages wiederzukommen und ihnen beizustehen.

Monate vergingen, Jahre zogen ins Land, doch Csaba wurde nie wieder gesehen. Seine treuen Kämpfer ließen sich an Ort und Stelle nieder, gründeten Familien und nannten sich fortan Szekler. Immer wieder wurde ihr Territorium zum Angriffsziel von Tartaren und Türken. Als die feindliche Übermacht sie zu vernichten drohte, erinnerten sich die Szekler an das vom Prinzen gegebene Versprechen. Also riefen sie ihn um Hilfe an, und das Wunder geschah. Prinz Csaba zog mit seiner Streitmacht vom sternenbedeckten Himmelszelt hinab und schlug die Angreifer in die Flucht.

In den kommenden Jahrhunderten sollte sich dieses Ereignis noch dreimal wiederholen. Danach verschwand Csaba mit seinen tapferen Kriegern für immer in den unendlichen Weiten der Milchstraße. Geblieben sind die Szekler, ihr Wappen mit der goldenen Sonne und dem silbernen Mond auf blauem Himmelszelt, als auch der beliebte ungarische Name Csaba, “das Geschenk des Himmels”.

Riesenweiß

Doch zurück zu den Tatsachen. Aus dem multikulturellen Steppen- und Reitervolk entwickelte sich über die Jahrhunderte ein ungarisch-sprachiger Volksstamm. Im ausgehenden Mittelalter zählten die Szekler, neben den Sachsen und dem ungarischen Adel, sogar zu den konstituierenden Ständen Siebenbürgens.
In der Folgezeit, je nach politischen Rahmenbedingungen, pendelte das Szeklerland mehrmals zwischen Ungarn und Rumänien hin und her. Aufgrund ihrer Abstammung, ihrer sprachlichen Nähe zu Ungarn und der Bewahrung ihrer kulturellen Eigenständigkeit werden seit einigen Jahren die Forderungen der Szekler nach einer erneuten Autonomen Ungarischen Region innerhalb Rumäniens immer lauter.

Inzwischen habe ich die Ortsmitte und damit die Kirchenburg erreicht. Sie könnte einer Werbekampagne für weiße Farbe entsprungen sein. Weißer als der weiße Riese. Riesenweiß. Mauerring und Kirchturm strahlen mit den roten Dachschindeln um die Wette. Soviel Glanz bin ich von den anderen Kirchenburgen nicht gewohnt.
Ob das Weiß nachts fluoresziert? Als Orientierungshilfe für Prinz Casba? Für den Fall der Fälle?

Die Kirchenburg von Dersch / Darjiu / Székelyderzs

Vor der weißgetünchten Fassade verspricht mir die deutsche Übersetzung auf der Infotafel eine “Unitarische Burgkirche”. Den Ausdruck Burgkirche überlese ich als Übersetzungsfehler geflissentlich, doch das Wort “unitarisch” macht mich neugierig. Also muss, dank 4G-Netzabdeckung im Niemandsland, eine Dr. Google Blitzkonsultation für Aufklärung sorgen.

Es kann nur Einen geben

Mit diesem Motto könnte man das Credo der Unitarier auf den Punkt bringen. Die Glaubensrichtung, die sich während der Reformation zu Beginn des 16. Jahrhunderts herausbildete, lehnt die Dreifaltigkeitsthese ab. Für sie existiert kein göttliches Triumvirat, bestehend aus Gott, seinem Sohn und dem Heiligen Geist. “Gott ist Einer” – Unus est Deus (ung. Egy az Isten) ist ihnen genug. Weder Jesus als sterblicher Prophet noch der Heilige Geist als immaterielles Wesen werden als göttliche Geschöpfe anerkannt.

Dafür sind die Unitarier bekannt für ihre Glaubens- und Gewissensfreiheit. Nicht religiöse Dogmen bestimmen ihr Handeln, sondern das moralisch-ethische Gewissen. Bis heute findet diese liberal-christliche Glaubenseinstellung vor allem unter der ungarisch-sprachigen Bevölkerung in Siebenbürgen zahlreiche Anhänger, so dass die Unitarische Kirche Siebenbürgen die zweitgrößte unitarische Glaubensgemeinschaft weltweit stellt.

Nachdem ich neben der Szekler- nun auch die Unitarier-Bildungslücke geschlossen habe, gibt es endlich praktischen Anschauungsunterricht in Sachen UNESCO-Weltkulturerbe.

Suedfassade der Wehrkirche von Dersch / Darjiu

Durch eine schwere mit Eisen beschlagene Holztüre gelange ich in das Innere der Kirchenburg. Der tadellos restaurierte Außeneindruck setzt sich hier nahtlos fort. Lediglich der Eingangsbereich wirkt spontan improvisiert. Ein Holztisch mit weißer Papiertischdecke, kleiner Geldkassette und einer Empfangsdame dahinter. Meine Nachfrage nach einem Begleitheft oder Flyer wird kopfschüttelnd verneint, dafür sei das sehenswerte Inventar viersprachig beschriftet. Also führt mich meine Besichtigungstour als Erstes in den Kirchenvorraum, wo ich tatsächlich einen Aushang in vier Sprachen mit einem kurzem historischem Abriss vorfinde.

Ein Streifzug durch die (Kirchen-) Geschichte von Dersch

Die gotische Saalkirche entstand im frühen 14. Jahrhundert auf einem romanischen Vorgänger-Bau. Unter dem Ortsnamen “De ers” fand die katholische Gemeinde 1334 im Register des päpstlichen Zehnten, erstmals Erwähnung. Geweiht wurde die Kirche dem Heiligen Ladislaus I., König von Ungarn, der sich erfolgreich für die Verbreitung des Christentums in seinem Machtbereich eingesetzt hatte.

Die Szekler hatten wenig Freude an ihrer Kirche, denn die anhaltenden Tartaren- und Türkeneinfälle hinterließen ihre Spuren. Also beschlossen sie im 15. Jahrhundert ihren seelischen Zufluchtsort wehrbar zu machen. Zu diesem Zweck wurde das Kirchenschiff um ein Wehrgeschoss mit Schlüsselschießscharten und Maschikulis aufgestockt. Den separat stehenden Glockenturm baute man zum Torturm um und integrierte ihn in die umlaufende Wehrmauer.

Die reiche, ortsansässige Familie Petky, deren Grabsteine übrigens im Arkadengang des Mauerrings ausgestellt sind, stellte die notwendigen finanziellen Mittel für eine Erweiterung des Chorraums bereit. Seither überspannt die polygonale Apsis im Osten ein Netzgewölbe, dessen Konsolen gar wunderliche Verzierungen aufweisen. Wem die beiden Grimassenschneider wohl die Zunge herausstrecken?

Zwischen 1565 und 1585 gab es die nächste Veränderung. Alles Katholische wurde entfernt und der unitarische Glaube im Gotteshaus etabliert. 

Außenpolitisch erlitt die Kirchenburg im Jahre 1605 ihren ersten Rückschlag. Die Söldnertruppe des gefürchteten Generals Giorgio Basta, Statthalter von Siebenbürgen sowie bekennender Sachsen- und Ungarn-Hasser (siehe auch die Schrecken des Burzenlandes) legte bei seinem Durchmarsch durch Dersch große Teile der Kirchenburg in Schutt und Asche. Kaum wieder Instand gesetzt, gab der nächste Unhold, Pasha Mehmed Köprülü, der ein habgieriges Auge auf Transsilvanien geworfen hatte, sein zerstörerisches Stelldichein.

Hart im Nehmen, bauten die Szekler ihre Kirchenburg ein weiteres Mal auf. Dank guter Pflege und umfassenden Restaurierungs- und Schönheitsreparaturen in den letzten Jahrzehnten, konnte die Wehrkirche 1999 in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen werden.

Ein Traum in Himmelblau

Himmelblau soweit das Auge reicht. Von den Kirchenbänken, über die Orgelempore, dem Chorgestühl, dem Teppich im Chorraum, den großformatigen Stickereien, die die Wände und Bänke zieren, bis zum Schalldeckel der Kanzel.

Innenansicht der Wehrkirche von Dersch / Darjiu

Beim Betreten des Kircheninnern wird man von einem babyblauen Zuckerguss erschlagen. Erholung für das blaue Auge bieten, neben den liebevoll ausgeführten floralen Bauermalereien auf dem Kirchenmobiliar, vor allem die zum Teil erstaunlich gut erhaltenen Fresken aus dem frühen 15. Jahrhundert. 

Erst 1887 entdeckte man im Zuge von Instandsetzungsarbeiten die wertvollen gotischen Wandmalereien auf den beiden Längsseiten der einschiffigen Kirche. Man hatte sie während der Reformation unter Tonnen von weißer Farbe verschwinden lassen. Die evangelische Kirche hatte keine Verwendung für katholische Heilige aus der vorreformatorischen Zeit und die Unitarier huldig(t)en ausschließlich Gott. Und da man sich von Gott kein Bild machen kann, darf oder soll, malte man die Wände weiß.

Zum Glück weiß man heutzutage den künstlerischen und kulturhistorischen Wert der gotischen Fresken, unabhängig von ihrer religiösen Herkunft oder Aussage, zu schätzen. So gut es ging, legte ein Expertenteam inzwischen große Teile frei. An manchen Stellen sind sie jedoch für immer verloren oder durch nachträgliche Einbauten, wie die Westempore im 18. Jahrhundert, unwiederbringlich zerstört.

Blick in die Kirchenburg Dersch

Vom Saulus zum Paulus

An der Südwand, direkt neben dem Seiteneingang kann man die Bekehrung des Apostels Paulus in einer Bildsequenz hautnah miterleben.

Als fanatischer Christenverfolger erhält Saulus den Befehl sich nach Damaskus zu begeben, um dort nach verstreuten Anhängern Jesu zu fahnden und diese zu verhaften. Begleitet von drei Soldaten, wird er kurz vor der Stadt von einer himmlischen Erscheinung aufgehalten, die sich als der Auferstandene zu erkennen gibt. Daraufhin erblindet Saulus, wird aber wenige Tage später von (H)Ananias, einem Jünger Jesu, wieder geheilt. Dieses Lichterlebnis bekehrt den reuigen Saulus. Er lässt sich taufen und wird als Paulus von Tarsus zum weit gereisten Missionar und Völkerapostel.

Fresko die Bekehrung des Paulus in Kirchenburg Dersch

Auf der von den Soldaten mitgeführten Standarte erhält man Auskunft über den Meister und das Entstehungsdatum der Fresken:  Magister Paul, Sohn des István Ungi, 1419. Kunstkenner gehen sogar davon aus, dass sich der Künstler als Reiter in der Mitte selbst porträtiert hat, da es die einzige Person ist, die dem Betrachter direkt in die Augen schaut.

Gewogen und für zu leicht befunden

Direkt neben dem bekehrten Musterapostel, waltet der Erzengel Michael seines Amtes. Das Böse, alias, Satan, alias Drachenungeheuer liegt von der Glaubenslanze durchbohrt zu Füßen des Heiligen in reinweißer Rüstung. In der Hand hält der Heilige Michael die berüchtigte Seelenwaage, mit der er die guten Taten jedes Menschen wiegt. Werden diese als zu leicht befunden, führt der Weg in die Hölle.

Fresko des Erzengels Michaels mit Seelenwaage in Kirchenburg Dersch

In der linken, sich tief nach unten neigenden Waagschale sitzt eine halbnackte Frauenfigur. Die gute, christliche Seele ist dem Himmelreich bereits sehr nahe. Sie hat viel Ähnlichkeit mit der Frauenfigur, die in der Armbeugen des Heiligen Michael zum Dankesgebet die Hände gefaltet hat. 

Doch die Teufel sind nahe. Hässliche, haarige Dämonen mit Rattenschwänzen, spitzen Hakennasen und zu Berge stehenden Haaren. Die tumbe Menschengestalt mit den Eselsohren in der rechten Waagschale gehört ihnen schon. Seine guten Taten wurden für zu leicht befunden, zumal Trägheit eine Todsünde ist.
Jetzt wollen sich die beiden Teufel auch die gute Seele holen. Dazu müssen sie den Heiligen Michael bzw. die göttliche Gerechtigkeit austricksen. Dazu krallen sie sich aneinander und an der Waagschale fest. Um ihrem Vorhaben noch mehr Gewicht zu verleihen, hat sich der rote Teufel sogar einen Mühlstein umgebunden.

Detail des Freskos des Erzengels Michael in Kirchenburg Dersch

Mühlsteine sind vielseitig einsetzbar

Keinen Mühlstein um den Hals aber an die Beine, wünsche ich allen Schmierfinken, die meinen sich allerorts auf wertvollen Kultur- oder Naturgütern verewigen zu müssen. Anscheinend war diese Unsitte schon vor Jahrhunderten verbreitet, denn die älteren Gravuren auf dem Fresko des Heiligen Michael beginnen mit dem lateinischen “Hic fuit” (hier war…).

Pilger sollen es gewesen sein, die sich hier ein bleibendes Denkmal setzen wollten. Aber ganz ehrlich, wen interessiert in unserem irdischen Dasein wer, wo, wann war? Geschweige denn in einhundert, eintausend oder einer Million Jahren, wenn die Erde vermutlich eh nur noch Sternenstaub ist? Was motiviert uns Menschen dazu, Kunstwerke, Mammutbäume oder historische Stätten aus reiner Eitelkeit und Wichtigtuerei zu zerstören? Geht es nur noch um Außendarstellung? Sind wir uns selbst nicht mehr genug, um im Stillen zu genießen und mit uns selbst zufrieden und im Reinen zu sein?
So, das musste raus! Jetzt kann ich an der schattigen Nordwand des Kirchenschiffes mein erhitztes Gemüt abkühlen.

Eine mittelalterliche Graphic Novel

König Ladislaus I. von Ungarn (1048 – 1095) ist der Protagonist des oberen, farbenfrohen Freskenbandes an der nördlichen Wand. Erzählt wird die populäre Legende der Errettung einer entführten Maid aus den Händen eines wilden Kumanen.

Fresko Heiliger Ladislaus Kirchenburg Darjiu / Székelyderzs

In der ersten sichtbaren Bildsequenz (es gibt zwei weitere, die durch die unzugängliche Empore von neugierigen Blicken abgeschnitten sind) nimmt der Heilige Ladislaus auf einem himmelblauen Pferd mit nach vorne gerichteter Lanze die Verfolgung des Steppenreiters auf. Die Pfeile des Kumanen fliegen ihm um die Ohren, verfehlen jedoch ihr Ziel, da das Mädchen beherzt in den Bogen greift, um die Flugbahn der todbringenden Geschosse abzulenken. Der Entführer gibt seinem Pferd die Sporen und droht zu entkommen. Deshalb befielt der König dem Mädchen, das Pferd beim Zaum zu packen, um sich und den Barbaren abzuwerfen.

Detail des Freskos Heiliger Ladislaus und der Kumane Kirchenburg Dersch

Nächste Szene:
Das Gute – der Held in weißer Rüstung – und das Böse – der Feind in dunklem Gewand – stehen sich gegenüber.

Detail des Freskos Heiliger Ladislaus und der Kumane Kirchenburg Dersch

Der König packt das Böse bei der Gurgel, aus dessen Mund Höllenflammen züngeln. Die Maid im roten Gewand eilt ihrem Retter zu Hilfe, schleicht sich heimtückisch heimlich von hinten an den Kumanen heran und durchtrennt mit einer Hellebarde dessen Achillessehne. Das Blut spritzt in alle Richtungen.

In der folgenden Momentaufnahme geht der Feind kampfunfähig zu Boden. König Ladislaus packt ihn an seinem langen, geflochten Haarschopf, so dass es dem Mädchen ein Leichtes ist, ohne mit der Wimper zu zucken, dem Bösewicht mit der Hellebarde den Kopf abzutrennen.

Detail des Freskos Heiliger Ladislaus und der Kumane Kirchenburg Darjiu / Székelyderzs

Zu guter Letzt erholt sich der König von den Strapazen des Gefechts. Er hat seine Krone abgelegt und sich ausgestreckt, um ein wenig Ruhe zu finden. Das Mädchen streicht ihrem Retter liebevoll über die Haare, während im Hintergrund der abgetrennte und auf eine Lanze aufgespießte Kopf des Kumanen auszumachen ist.

Detail Fresko Heiliger Ladislaus mit Mädchen

Noch mehr Blut

Unterhalb der Ladislaus-Legende müssen sich früher weitere barbarische Szenen abgespielt haben. Ihre Freilegung bzw. Rekonstruktion steht noch in den Sternen. Aktuell ist nur ein verschwindend kleiner Teil zum Vorschein gebracht worden, so dass sich das dargestellte Thema nur erahnen oder mit viel Spekulation in einen religiösen Zusammenhang setzen lässt.

Relativ sicher wurde ein hinter der Westempore freigelegtes Freskenfragment der Legende der 10.000 Märtyrer zugeordnet. Eine Legende, die im Mittelalter durch die Kreuzzüge bereits weit gereist war, und im 15. Jahrhundert eine europaweite Renaissance erlebte.

Achatius von Armenien, ein getreuer Befehlshaber des römischen Kaisers Hadrian wurde mit einem Heer von 9.000 Mann nach Armenien befohlen, um das Land zu befrieden. Allerdings hatte er gegen die Übermacht der Aufständischen keine Chance. Kurz bevor die Gegner zum vernichtenden Schlag ausholten, erschien eine Engelsschar, die den Soldaten Achatius’ den Sieg versprachen, wenn sich alle zum Christentum bekehrten. Die Schlacht war gewonnen, doch der Krieg verloren, als der römische Kaiser von der Konvertierung erfuhr.

Umgehend schickte er ein Barbarenheer den neu getauften Christen hinterher. Auch von diesen Söldnern schworen 1.000 Mann den heidnischen Gottheiten ab. Trotzdem besiegten die Barbaren die 10.000 Christen, nahmen diese gefangen und führten sie dem Kaiser vor. Da keiner der 10.000 Männer dem christlichen Glauben abschwören wollte, ließ er sie foltern und umbringen.

Angesichts der plastischen Darstellung der gefesselten und von riesigen Dornen durchbohrten oder aufgespießten Menschen darf man wahrscheinlich froh sein, dass bisher nur das letzte Martyrium freigelegt wurde und einem die anderen grausamen Folterszenen erspart bleiben.

Die Speckfestung oder mittwochs, wenn die Glocken läuten

Genug der blutigen Geschichten. Ich muss dringend an die frische Luft.

Die himmelwärts strebende Wehrkirche ist von einem rechteckigen Mauerring umgeben. Mit fünf Metern ist er nicht besonders hoch, dafür sorgten zahlreiche Schießscharten, vier Ecktürme sowie eine Bastion im Südwesten für zusätzlichen Schutz. Unter den tief gezogenen Pultdächern auf der Innenseite des Berings befanden sich die Zufluchtsräume der Szekler-Familien, als auch die monströsen Getreidekästen. Diese Familienerbstücke durften nie veräußert werden und so rieselt aus der ein oder anderen Kiste noch heute das Korn.

Gleiches galt für die in den vier Ecktürmen gehorteten “Schweinereien” für Not- und Belagerungszeiten. Aufgrund der dicken Wände besaßen die Bastionen konstant ideale Temperaturen zur Aufbewahrung von Speck, Würsten oder Räucherfleisch. Jede Familie besaß mindestens einen Haken im Turm, der von einer Generation auf die nächste überging. Die Haken waren vergleichbar mit einem Statussymbol. Je mehr Haken, desto wohlhabender war die Familie.

Speck in der Kirchenburg Darjiu / Székelyderzs

Die Tradition hat sich bis heute gehalten. Immer mittwochs nach dem ersten Hahnenschrei, werden die Glocken geläutet. Das Zeichen für die Dorfbewohner, dass unter Aufsicht die Tore der Speckfestung geöffnet werden. Dann kann sich jeder von seinem Haken die benötigte Wochenration abschneiden. Anschließend werden die Türen bis zum nächsten Mittwoch wieder fest verschlossen.

Hard stuff” statt Lesestoff

Ich habe mir viel Zeit genommen für die Besichtigung der Wehrkirche als auch der unzähligen musealen Erinnerungsstücke, die innerhalb des Mauerrings anschaulich in Szene gesetzt sind. Gerätschaften zur Feldbearbeitung, Werkzeuge, Haushalts- und Küchenutensilien geben ebenso einen umfassenden Einblick in den Alltag der Szekler Dorfgemeinschaft des vergangenen Jahrhunderts, wie die schwarz-weiß Fotografien aus diversen Familienalben.

Auch die Empfangsdame hat die verstrichene Zeit effizient genutzt.
Anstelle von Postkarten, Kühlschrankmagneten oder nützlichem Informationsmaterial stapelt sich inzwischen Hand- und Hausgemachtes sowie Hochprozentiges auf dem provisorischen Kassentisch. Als ich anstandshalber die angepriesenen Zusatzeinkommensdelikatessen genauer studiere, überkommt mich bei Nennung der Preise eine Schwindelattacke im doppelten Sinne. Mit einem entschuldigenden Blick auf mein Handy, verabschiede ich mich höflich, und weg bin ich.

Gut zu wissen

Kartenausschnitt aus Hermann Fabini;
Atlas der siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen
  • Kontakt
    Pfarrer Demeter Sándor Lóránd
    Tel.: +40 557 557 659 oder +40 266 222 183
  • Besichtigung
    Montags geschlossen.
    Von Juni bis September ist die Kirchenburg von Di – So von 10 – 18 Uhr geöffnet. Außerhalb der Saison bitte telefonisch voranmelden.
  • Weiterführende Informationen zur Transilvania Card und den Kirchenburgen in Siebenbürgen
    http://www.transilvania-card.ro/?lang=de
    https://kirchenburgen.org/kirchenburgen/

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