Blick auf die Kirchenburg von Keisd / Saschiz; siebenbuergisch-saechsisches UNESCO-Welterbe
Rumänien,  Unterwegs

Keisd / Saschiz – Siebenbürgisch-sächsisches UNESCO-Welterbe

Man sollte sicherheitshalber auf leisen Sohlen kommen, wenn man sich Keisd (rum. Saschiz) nähert, um nur ja nicht die sanften Riesen zu wecken, die einst auf dem knapp 700 Meter hohen Berg im Nordwesten der Ortschaft ihr zuhause hatten.
Es heißt, dass die ansonsten gutmütigen Hünen keinen Spaß verstanden, wenn sie in ihrer Ruhe gestört wurden. Offensichtlich waren sie besonders lärmempfindlich und ertrugen keine lauten Geräusche. So konnte es vorkommen, dass der ein oder andere Ruhestörer plötzlich die Bodenhaftung verlor, einige unfreiwillige Luftkarussel-Runden drehte, bis die Riesen sich beruhigt und der Störenfried seine Lektion gelernt hatte.

Ruinen der Bauernburg von Keisd / Saschiz, Rumaenien

Von der Szeklersiedlung zum sächsischen Wirtschaftszentrum

Auch wenn in mancher Legende ein Fünkchen Wahrheit steckt, halten wir uns doch lieber an die historischen Fakten, die über die Gemeinde im südlichen Zipfel des Kreises Mureş bekannt sind. Im 11. Jahrhundert hieß Keisd noch Kezdi. Der Name stammt von den ungarisch-sprachigen Szekler , die von ihrem König zur Sicherung der Ostflanke seines Reiches an diesen Ort bestellt wurden. Allerdings zeichneten sich die Szekler vor allem als verwegene Kämpfer und weniger als Siedler aus. Deshalb schickte sie der ungarische Monarch schon bald weiter Richtung Osten, um seine Expansionspläne durchzusetzen und das Terrain gegen die osmanische Dauerbedrohung zu behaupten. Ihren Platz nahmen ab dem Jahr 1161 siebenbürgisch-sächsische Siedler ein.

Diese bewusste Entscheidung des Königs hatte einen guten Grund. Die Sachsen waren nämlich nicht nur als loyaler, sondern auch als überaus fleißiger und strebsamer Menschenschlag bekannt. So entwickelte sich der Landstrich im Hochkokelgebiet in kürzester Zeit zu einem ökonomischen Hotspot. Felder wurden bestellt, Obst, Wein als auch Hopfen angebaut und zahlreiche Handwerksbetriebe ergänzten die landwirtschaftlichen Aktivitäten. Dabei erlangte das blau-weiße Keisder-Porzellan bis heute einen überregionalen Bekanntheitsgrad.

Zusammen ist man weniger allein

Ihre zunehmende wirtschaftliche Vormachtstellung in der Region spiegelte sich auch im gesellschafts- und kirchenpolitischen Leben wieder. Bald unterstanden dem Keisder Kapitel 24 Kirchengemeinden, darunter auch das 20 Kilometer entfernte Schäßburg (rum. Sighişoara). In der Ortschaft selbst zählte man zeitweilig sieben Gotteshäuser, weshalb Keisd im Volksmund auch als Siebenkirchen bekannt war.

Allerdings war nicht nur der hart erarbeitete Wohlstand, sondern auch das Leben der sächsischen Siedler der permanenten Bedrohung der kriegs- und beutewütigen Türken und Tataren ausgesetzt. Eine Gemeinde alleine hatte den barbarischen Eroberern meist nicht viel entgegenzusetzen. Deshalb entschieden sich die sieben Ortschaften Keisd, Klosdorf, Arkeden, Denndorf, Deutschkreuz, sowie die nicht mehr existenten Adamsdorf und Diawaldia, im Jahr 1347 gemeinsam eine Fluchtburg auf dem bewaldeten Galgenberg zu errichten. So konnten Leben, Hab und Gut mit größtmöglicher Effizienz geschützt werden.

Ruinen der Bauernburg von Keisd / Saschiz

Die Keisder Bauernburg

Aktuell führt eine steile, ungeteerte und von tiefen Rinnen durchzogene Buckelpiste, die von Mensch und Maschine einiges an Geschick und Motorenstärke abverlangt, zu den Ruinen der gut anderthalb Kilometer vom Dorfzentrum gelegenen Burgruine. In Kürze, wobei der Zeitbegriff bei derartigen Großprojekten eine äußerst dehnbare, rumänienspezifische Komponente besitzt, soll im Rahmen der Burgsanierung der Zugangsweg ausgebaut und geteert werden. Trotzdem lohnt der mühsame Weg. Allein schon wegen des beeindruckenden Blicks auf die Kleinstadt Saschiz und in die Weiten des Haferlands.

Skizze der Bauernburg von Keisd

Mit Sicherheit war für die Bauherren weniger die Aussicht als vielmehr die geografischen Vorteile der ausschlagende Punkt für die Errichtung der Burg auf dem Felsplateau. In drei Himmelsrichtungen sorgten dichte Bewaldung, steile Anstiege und schroffe Felswände für ein natürliches Schutzschild. So reichte eine einfache, umlaufende Festungsmauer mit Wehrgang und vier Ecktürmen, um den knapp 500 Quadratmeter großen Burghof vor Eindringlingen zu schützen. Lediglich gen Osten, der einzigen Schwachstelle der Anlage, verstärkte man die 10 Meter hohe Ringmauer durch einen Zwinger mit zwei Tortürmen und Fallgattern. Zum Verteidigungssystem gehörten außerdem die zum Burghof hin abfallenden Pultdächer sowie unzählige Schieß- und Maulscharten für jegliche Art von Geschützen.

Zur physischen Versorgung der Zuflucht Suchenden gab es im Burghof neben einem Fischteich, und den, an die Innenseite des Mauerrings angebauten Vorratskammern, einen 60 Meter tiefen Brunnen. Von diesem führte ein Geheimgang bis hinunter ins Dorf zur Kirchenburg. Wer darüber hinaus seelischen Beistand benötigte, fand diesen in einer kleinen Kapelle, von der heute nur noch die Grundmauern zu sehen sind. Abgesehen von den reinen Verteidigungstürmen, dem Wächter-, dem Tor- und dem Pulverturm, belegen die Namen der anderen drei Türme, dass selbst im Angriffs- oder Belagerungsfall das Leben hinter den Burgmauern weiterging. Die Funktion des Fürsten- bzw. Woiwodenturms spricht ebenso für sich wie der Pfarrer- und Schulturm. Die Siebenbürger Sachsen hatten an alles gedacht.

Von der Trutzburg zur Ruine

Beinahe 600 Jahre war die Keisder Bauernburg das schon von Weitem sichtbare Wahrzeichen der sächsischen Gemeinde. Weder Tataren, noch Türken gelang es, sie zu erobern oder zu zerstören. Erst die radikale Dezimierung der deutschsprachigen Einwohner als Folge des II. Weltkriegs, und der sich daran anschließenden Enteignungen, Deportationen und Auswanderungswellen, sorgten für den jetzigen, desaströsen Zustand. Der letzte Burgbewohner packte in den 1960er-Jahren seinen Koffer. Danach waren mutwilliger Zerstörung und systematischem Missbrauch als Steinbruch Tür und Tor geöffnet.

Die Natur hatte fortan leichtes Spiel und holte sich ungestört ihr Terrain zurück. Bald hatte sich über die verbliebenen Festungsmauern ein wilder Pflanzenteppich ausgebreitet. Erst 2004 begann die Stadtverwaltung Saschiz die schnell wuchernde Vegetation auf dem Burgberg auszudünnen. Dabei rückte, gänzlich überraschend, die Burgruine wieder ans Tageslicht. Das touristische Potenzial war schnell erkannt, doch die Kosten einer Wiederherstellung in den Zustand vor der Plünderung, mit 6 Millionen € als nicht realisierbar bewertet.

Zum Glück besitzt der EU-Haushalt eine monetäre Großküche mit allerlei Geldtöpfen und Finanzspritzen. Knapp 2 Millionen Euro sollen daraus zur Erhaltung der Sachsenburg bereitgestellt worden sein. Das war 2018. Jetzt wird es Zeit für sichtbare Ergebnisse!

Die erpresste Kirchenburg

Mit dem Abstieg ins Dorfzentrum reisen wir zunächst ins Jahr 1493 zurück. Das Jahr der verheerenden Türkeninvasion. Der Woiwode Bartholomäus Dragfy drängte die Einwohner von Keisd unter Strafandrohung endlich mit dem Bau einer Kirchenburg zu beginnen. Über Jahre hatten die Sachsen dieses Projekt auf die lange Bank geschoben, denn sie vertrauten ihrer bewährten Fluchtburg. Allerdings besaß diese einen entscheidenden Nachteil: die räumliche Distanz zu den sächsischen Höfen. Dabei konnten, angesichts der auf Pferden heranstürmenden osmanischen Reitervölker, manchmal Minuten über Leben und Tod entscheiden.

Die Sachsen zeigten sich einsichtig und begannen umgehend mit der Grundsteinlegung auf einem romanischen Vorgängerbau. Möglicherweise sorgten die diversen Subventionen vonseiten der Hermannstädter Verwaltung, Steuererleichterungen und die Befreiung der Verpflichtung zum Kriegsdienst oder zur Truppeneinquartierung für mehr Rückenwind und Überzeugungskraft bei den Sachsen als die Sanktionen des Siebenbürger Fürsten.

Wie auch immer, 1525 war die Wehrkirche samt einfachem Bering fertiggestellt. Und wer hätte gedacht, dass die etwa 1000-Mann-starke Gemeinde damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlug. Nicht nur, dass sie jetzt über zwei Zufluchtsorte verfügte, sondern durch den päpstlich genehmigten Ablasshandel eröffnete sich eine unerwartet lukrative Einkommensquelle.

Eine Symbiose aus Defensivbau und Schönheit

Egal ob man aus Schäßburg / Sighişoara oder aus der entgegen gesetzten Richtung von Kronstadt / Braşov kommt, die Kirchenburg von Keisd ist nicht zu verfehlen.
Direkt an der Europastraße E60 gelegen, stellt die einst strategische Lage im Dorfzentrum, heute ein Fluch für die Bausubstanz des seit 1999 in das UNESCO-Welterbe aufgenommene Kulturgut dar. Im Minutentakt donnert der Schwerlastverkehr an dem evangelischen Gotteshaus mit dem wunderschönen Glockenturm vorbei. Ich wundere mich deshalb nicht, dass einmal mehr die Zwillingsausgabe des Schäßburger Stundturms von der Basis bis zur Spitze komplett eingerüstet ist. Also muss ich meinen Besuch auf den, dem Heiligen Stephan von Ungarn geweihten, Kirchenbau beschränken.

eingeruesteter Glockenturm der Kirchenburg von Keisd / Saschiz; siebenbuergisch-saechsisches UNESCO-Welterbe

Die Wehrkirche von Saschiz ist ein Musterbeispiel dafür, dass sich Wehrhaftigkeit und Eleganz nicht ausschließen. Wie aus einem Guss präsentiert sich die spätgotische Saalkirche.

Kirchenburg von Keisd / Saschiz; siebenbuergisch-saechsisches UNESCO-Welterbe

Lediglich der zweistöckige Sakristeiturm im Norden des Chorraums stört ein wenig die Harmonie. Doch zum Thema Wehrhaftigkeit haben die Keisder nichts dem Zufall überlassen. Sage und schreibe 40 Gussscharten zähle ich insgesamt über den 22 hoch aufgeschossenen Strebepfeilern, auf denen das umlaufende Wehrgeschoss ruhte. Egal von welcher Seite sich der Feind zum Angriff rüstete, er konnte sicher sein, auf erhebliche und effiziente Gegenwehr zu stoßen.

Der hübsche Glockenturm und sein treuer Dauerbewohner

Der auffällige Glockenturm steht deutlich abseits des Kirchenbollwerks auf Höhe des Sakristeiturms. Seine freistehende Lage, die verwendeten Baumaterialien als auch seine drei Meter dicken Mauern lassen darauf schließen, dass es sich um einen bestehenden Bergfried aus dem 14. Jahrhundert handelte. Anlässlich des Baus der Kirchenburg wurden dann diverse Modifikationen vorgenommen, wie der Aufsatz des Wehrgeschosses mit dem Gussschartenkranz. Um dem Defensivbau ein adrettes Aussehen zu verleihen, stockten ihn die Keisder 1678 um zwei weitere Geschosse auf. So entstand der hübsche, barocke Turmhelm mit den vier Ecktürmchen und den bunt glasierten Dachziegeln.

Ursprünglich war der massive Wehrturm im Innern nur über einen 62 Zentimeter schmalen Treppenstollen zugänglich. Im Rahmen der derzeitigen Restaurierungsarbeiten soll nun ein weniger klaustrophobischer Zugang in die luftige Höhe des Glockenturms geschaffen werden.

Und wenn dann endlich das unkleidsame Baugerüst entfernt wird, kann man auch wieder einen Blick auf die Holzfigur im Turmfenster des Obergeschosses erhaschen. Seit mehreren Hundert Jahren übt sich hier der Glockenschläger Bogdan in vorbildlicher Pflichterfüllung. Weder Regen, Hagel, Gewitter oder Sturm können ihm etwas anhaben. Unverdrossen verkündet er den Menschen zu seinen Füßen, dass schon wieder eine Viertelstunde im Lauf der Welt Geschichte ist.

Eine Fundgrube für Barockliebhaber

Im Innern der Wehrkirche überrascht der starke Hell-Dunkel-Kontrast. Das frisch renovierte, weiß-graue Tonrippennetz, das sowohl den lang gestreckten Chor- als auch den einschiffigen Kirchenraum überspannt hebt sich deutlich von der rustikalen und schlichten Innenausstattung ab. Ungewöhnlich ist nicht nur der fehlende Mittelgang, sondern auch das dreigeteilte Taufbecken mit dem kunstvoll geschnitzten Aufsatz.

Seit der umfassenden Restaurierung im 18. Jahrhundert hielt der Barock Einzug im Kircheninventar. Kanzel, Altar und Orgel stammen allesamt aus dieser Epoche. Letztere ist der ganze Stolz der verbliebenen Kirchengemeinde. Etwa zwei Dutzend Siebenbürger Sachsen finden sich hier noch regelmäßig zum Gottesdienst ein und lauschen dann andächtig dem vollen Klang der 1786 vom berühmten Kronstädter Orgelbauer Johannes Prause angefertigten Orgel.

Ein Blick lohnt auch hinter die Kulissen des ein wenig kitschigen Altars, wo mehrere kunstvoll ausgearbeitete Grabplatten an das Wirken einstmals verdienter Gemeindepfarrer erinnern.

Und wer noch auf der Suche nach einigen, mehr- oder weniger tiefschürfenden Lebensweisheiten ist, wird im Gemeindesaal gegenüber der Kirche fündig.

Gut zu wissen

Adresse & Kontakt

Wehrkirche Keisd
Str. Principală 304
RO-547510 Saschiz, jud. Mureș

Von Brasov nördlich / von Sighisoara südlich auf der E60 bis Saschiz. Die Kirchenburg befindet sich mitten im Ort an der Hauptstraße. Kostenlose Parkplätze finden sich vor der Kirchenburg.

Schlüssel sind erhältlich bei

Frau Dorothea Batea-Ziegler
Str. Principală 497
Tel: +40/265/711 755 oder +40/748/707 930
oder
ADEPT Touristeninformation Keisd
Str. Principală 166 (direkt neben der Kirche an der Hauptstraße)

Besichtigung

Die Kirche kann individuell besichtigt werden. Deutschsprachige Führungen werden auf Anfrage angeboten. Weder der Besuch der Kirchen- noch der Bauernburg ist für Personen mit Handicap geeignet.

Anregungen für Erkundungslustige

Die Kirchenburg von Klosdorf

In nur sechs Kilometer Entfernung trifft man in Klosdorf  (rum. Cloaşterf) auf eine Miniaturausgabe der Wehrkirche von Keisd. Die Kirche im Dorf des Nikolaus entstand in den Jahren 1521 bis1524 und wartet im Innern mit romantischen Bauernmalereien auf.

UNESCO-Weltkulturerbe

Die Wehrkirche von Keisd ist nur eine von sieben Kirchenburgen Siebenbürgens, die den Status eines UNESCO-Weltkulturerbes erlangt haben.
Abgesehen von der unitarischen Kirche in Dersch im Szeklerland, legen die Kirchenburgen von Birthälm, Deutsch-Weißkirch, Tartlau und Wurmloch, sowie die Gräfenburg in Kelling, ein beeindruckendes Zeugnis der 800 jährigen Geschichte der Siebenbürger Sachsen im heutigen Rumänien ab.

Weiterführende Informationen zu den Kirchenburgen in Siebenbürgen

Stiftung Kirchenburgen
https://kirchenburgen.org/kirchenburgen/

Kirchenburgenpass „Transilvania Card“
http://www.transilvania-card.ro/?lang=de

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“Über Siebenbürgen”. Acht Bildbände umfasst die komplette Dokumentation über die noch verbliebenen Kirchenburgen in Siebenbürgen. Nach Regionen aufgeteilt, zeigen die großformatigen Bücher, begleitet von einer Kurzbeschreibung, beeindruckende Aufnahmen des sächsischen Kulturerbes.
Erschienen sind alle Bände im Schiller Verlag Bonn und können über das Erasmus Büchercafé in Hermannstadt bestellt werden. Ein Versand nach Deutschland ist günstig und unkompliziert.

Credit: Die Abbildung mit dem Grundriss der Bauernburg stammt aus Hermann Fabini; Die Kirchenburgen der Siebenbürger Sachsen; Monumenta-Verlag Sibiu.

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