Klosterkirche von Irache mit dem Portal San Pedro
Navarra,  Spanische Erinnerungen

Das Kloster und die Bodegas Irache

Das schmiedeeiserne Weinregal, welches vor Jahren als Urlaubsmitbringsel von Spanien nach Deutschland emigrierte, weist seit der lang anhaltenden Kälteperiode unübersehbar große Lücken auf. Der nächste Winter steht bevor und ein unzureichender Rotweinvorrat würde zu einem unverzeihlichen Versorgungsnotstand führen. Denn was wäre ein romantischer Abend vor dem Kamin ohne eine Flasche spanischen Rotweins?

Kaum ist die Flasche entkorkt, entweicht das schwere, fruchtig-erdige Bouquet des Vino tinto und malt die schönsten Assoziationen von vollbehangenen Rebstöcken, wolkenlosem Himmel und gleißender Sonne auf meine Leinwand aus Wunschdenken und Erinnerung. Und mit dem Genuss des ersten Schluckes bin ich jedes Mal aufs Neue verblüfft, wie sich in einem Weinglas der Charakter eines ganzen Landstrichs widerspiegeln kann.

Da es also höchste Zeit ist, die Rotweinbestände aufzufüllen, bietet sich eine Einkaufstour durch die direkt am Jakobsweg gelegenen Bodegas Irache an. In nur drei Kilometern Entfernung von Estella und in direkter Nahbarschaft zum gleichnamigen Kloster Irache kann ich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Kultur und Kommerz auf engstem Raum. Getreu dem Motto „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“, widme ich mich zunächst der schweren Aufgabe der Qual der Wahl unter all der exzellenten Flüssignahrung.

Die Bodegas Irache und die Kathedrale des Weines

Die offizielle Gründung der Bodegas Irache erfolgte erst im Jahr 1891, obwohl ihre Tradition als königlicher Hoflieferant bis ins Mittelalter zurückreicht. Heute, in der vierten Generation, zählt sie zu den renommiertesten und am häufigsten mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichneten Weinkellereien der Region. Kein Wunder, dass die Weine der Bodegas Irache inzwischen in 68 Ländern und auf alle fünf Kontinente verteilt, keine unbekannte Größe mehr sind.

Etwa zehn Millionen Liter umfasst der jährliche Ertrag des nur 150 Hektar großen Anbaugebiets, welches zur Tierra Estella, dem westlichsten Teil der D.O. Navarra gehört. Dabei werden vor allem Tempranillo- und Cabernet Sauvignon-Trauben für die Rotweine sowie die Chardonnay-Rebe für die Weißweine gekeltert. Neben den unzähligen Auszeichnungen ist der ganze Stolz des Familienunternehmens die zum 100-jährigen Jubiläum fertig gestellte „Weinkathedrale“. Den Spitznamen verdankt die gigantische Kelterhalle den breiten Rundbögen, zwischen denen sich 10.000 Eichenfässer an- und aufeinander reihen. Der angrenzende Flaschenkeller ist nicht weniger eindrucksvoll. Hier reifen die edlen Trauben auf drei Millionen Flaschen verteilt in militärischer Strenge, entsprechend ihrer Qualität und ihres Jahrgangs in Reih und Glied ausgerichtet, ihrer Vollendung entgegen.

Den eigentlichen Marketing-Hit landete die Winzerfamilie 1991 mit der Eröffnung des Fuente del Vino inklusive Webcam. Aus dem Weinbrunnen, an dem direkt der Jakobsweg vorbei führt, fließen täglich 70 Liter Rotwein zur Stärkung der müden Pilgerschar. Wer lieber einen klaren Kopf behalten möchte, kann sich selbstverständlich aus dem frischen Quellwasser des anderen Hahns bedienen. Beide Angebote sind, in Anlehnung an die Tradition des ehemaligen Pilgerhospitals, das die Wallfahrer obolusfrei aufnahm und verpflegte, kostenlos.

Während die Pilger vom Weinbrunnen und der Webcam reichlich Gebrauch machen, habe ich mit meinen Einkäufen den Tagesumsatz der karitativen Bodega beträchtlich angekurbelt. Also kann ich mich jetzt meinem geplanten Kulturprogramm zuwenden.

Carmelo, der Hüter der Stille

Im Blaumann hinter einem abgegriffenen Holztisch stehend, werde ich von Carmelo Ciordia Azanza, der guten Seele des verlassenen Klosters von Irache in Empfang genommen. Seit mehr als drei Jahrzehnten übt der Sechzigjährige gewissenhaft sein Amt als Hausmeister schon aus. Und trotz lang angekündigter Veränderungen ist er optimistisch, seiner Tätigkeit noch weitere dreißig Jahre nachgehen zu können. Er erklärt mir, dass bereits 2006 die Nationalregierung Navarras den Klosterkomplex unter Auflagen bezüglich der Erhaltung und Restaurierung bestimmter Klosterteile dem spanischen Staat für einen Zeitraum von fünfzig Jahren zur Errichtung eines Parador-Hotels abgetreten hat. Doch seither gab es keine diesbezüglichen Aktivitäten. Carmelo ist sich deshalb nicht sicher, ob die Bagger je anrücken werden, zumal er dem Vorhaben mit gemischten Gefühlen entgegensieht.

Aktuell begrüßt der unverwüstliche Klosterhüter gerade einmal 1500 Besucher jährlich, davon sind nicht einmal ein Drittel Pilger. Da der Eintritt frei ist, gibt es keine finanziellen Mittel zur Konservierung oder gar Restaurierung. Zwar wären durch das Hotel die materiellen Probleme gelöst bzw. die notwendigen Instandsetzungsarbeiten mit eingeschlossen, aber die besondere Stille und Abgeschiedenheit des Ortes ginge vollkommen verloren, erläutert er mir seine Sichtweise. Ich verstehe seine Bedenken, kann aber nicht umhin den Bau eines zweiten Parador nacional in Navarra herbeizusehnen. Aber das sage ich nicht laut.

Das erste Pilgerhospiz Navarras

Dem von Carmelo überreichten Prospekt entnehme ich, dass die Benediktiner-Abtei nach der christlichen Rückeroberung durch König Sancho I. Garcés in der Mitte des 10. Jahrhunderts entstand. Die Pilgerbewegung nach Santiago de Compostela erlebte einen ungeahnten Boom. Doch im Gegensatz zu heute waren die Wege damals unsicher, die Wallfahrer arm, zumeist mangelernährt und für die lange Strecke und das unberechenbare Wetter inadäquat gekleidet. Viele starben unterwegs an den Strapazen, ohne je das Apostelgrab auch nur gesehen zu haben.

Die navarresischen Könige, die sich immer als Protagonisten der Pilger sahen, leisteten wertvolle Beiträge zur Verbesserung der Infrastruktur entlang des Camino. So wurde 1054 auf Initiative von König García III. Ramirez dem Kloster ein Pilgerhospital angeschlossen, in dem die Mönche jedem Anklopfenden Kost und Logis offerieren sollten. Das Monasterio der Irache war somit das erste und für knappe hundert Jahre das einzige Pilgerhospiz Navarras.

In den kommenden Jahrzehnten blühte die Benediktinerabtei weiter auf. Einen großen Anteil daran hatte der Heilige Veremundo, der 37 Jahre lang dem Kloster vorstand. Er war bekannt für die bedingungslose Unterstützung der mittellosen, einfachen Landbevölkerung wie auch für die umfassende Fürsorge der hilfsbedürftigen Pilger. In Anerkennung seines uneigennützigen Einsatzes wurde er später heiliggesprochen und zum Schutzpatron des Klosters erhoben. Außerdem pflegte er ein inniges Verhältnis zum Königshaus, das das Kloster mit großzügigen Schenkungen, darunter Weinberge, Kirchen, Burgen und sogar Städte ausstattete.

Weinstoecke vor dem Berg Montejurra

Leider hielt die Blütezeit Iraches nur knapp 300 Jahre an. Dann breitete sich wie eine ansteckende Krankheit, fast flächendeckend über ganz Europa, der nachlässige Umgang der Benediktinermönche mit ihrer Ordensregel ora et labora aus. Ein Übermaß an ora, aber immer weniger labora führten zu Misswirtschaft und Verfall. Gerüchte über ein zügelloses Leben hinter den Klostermauern unterminierten das Ansehen der Mönchsgemeinschaft derart, dass sie alsbald mit Nachwuchssorgen zu kämpfen hatte.

Santa María la Real de Irache – ein Kloster mit vielen Facetten

Glücklicherweise hielt der Zwangsanschluss an das mächtige Benediktinerkloster in Valladolid die dekadente Entwicklung auf, sodass  im 16. Jahrhundert Disziplin und Finanzen wieder gefestigt waren. Der heutige Eingangsbereich entstand und in seinen Räumlichkeiten öffnete eine Klosterschule als auch eine Universität für die Studiengänge Theologie, Philosophie und Medizin ihre Pforten. Die klerikale Einrichtung am Fuße des Berges Montejurra stand wieder in Rang und Namen. Erst die Säkularisierung zu Beginn des 19. Jahrhunderts bereitete der Hochkonjunktur ein abruptes Ende. Die Klosterbesitztümer wurden enteignet, die Mönche vertrieben und die Türen fest verriegelt.

verfallene Gebaeudeteile des Klosters von Irache

Über vier Jahrzehnte nagte der Zahn der Zeit in aller Stille, aber mit sichtlichem Genuss, an der Bausubstanz, bevor die vereinsamte Anlage 1873 für wenige Tage zum Schauplatz von Schmerz, Tod und Trauer wurde. Der dritte Karlistenkrieg tobte in den Bergen des Montejurra. Über 20.000 Mann liberaler oder karlistischer Gesinnung lieferten sich ein erbarmungsloses Gemetzel auf dem Schlachtfeld. Nur in einem Punkt waren sie sich einig: die Nutzung des leer stehenden Klosterkomplexes als gemeinsames, provisorisches Militärkrankenhaus. Die unterschiedliche Gesinnung spielte im Leid keine Rolle mehr. Welch Paradoxon!

Nach einem fast einhundertjährigen Gastspiel der katholischen Priestergemeinschaft der Priaristen verabschiedete sich 1994 das geistliche Leben für immer aus Irache. Seither ist es still im Monasterio Santa María la Real. Und gäbe es nicht Carmelo, der das Kloster wie seinen Augapfel hütet, wäre es heute wahrscheinlich noch wesentlich schlechter um das Kulturgut bestellt.

Potenzielle „Elite-Partner“ unter dem Dach des Kreuzgangs

Dennoch, die ersten Impressionen auf meinem Weg zum Herzstück des klösterlichen Ensembles erschüttern mich. Eingeschlagene Scheiben, zugemauerte Fensteröffnungen, herausgebrochene Backsteine, fehlender Verputz, ein unwürdiger Zementhaufen, der sich lavaartig auf das satte Grün des ehemaligen Innenhofes der Universität ergießt, sind die ungeschönte, traurige Wahrheit. Schnell beschleunige ich meinen Schritt in der Hoffnung, den bedauernswerten Eindruck der „Empfangszone“ gegen erfreulichere Bilderwelten eintauschen zu können.

verfallene Teile des neuen Kreuzgangs der ehemaligen Universitaet von Irache

Der gut erhaltene platereske Kreuzgang aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, auf den ich als Nächstes stoße, stimmt mich optimistischer.

Kreuzgang mit Brunnen im Kloster von Irache in Navarra

Auffallend sind die außergewöhnlich gut erhaltenen Schlusssteine des Kreuzrippengewölbes. Ausschließlich männliche Porträts von Harfe spielenden Monarchen, barhäuptigen Edelmännern, gekrönten Adligen, bischöflichen Gesandten oder päpstlichen Oberhäuptern zieren die runden Steinplaketten. Sah so ein speziell für noble Damen geschaffenes Bewerberalbum potentieller Heiratskandidaten aus?

Gewoelbeverzierungen im Kreuzgang von Irache

Doch das ist nur der eine Clou des Kreuzganges. Wer genau hinschaut, entdeckt die thematische und künstlerische Zweiteilung des Arkadengangs. Während sich auf knapp der Hälfte der Kapitelle freizügige, weltliche als auch mythische Motive finden, beschränkte sich der Baumeister des zweiten Abschnitts auf die Darstellung biblischer Themen in züchtigem Gewand.

Kreuzgang mit Kreuzrippengewoelbe im Kloster von Irache in Navarra
Totenkoepfe an der Puerte preciosa

Aus der ersten Bauphase stammt auch die 1547 im Renaissancestil gestaltete Puerta preciosa. Das sogenannte Prachttor verbindet den Kreuzgang, sprich die Vorwegnahme des Paradieses, mit der Klosterkirche, also dem vergänglichen, irdischen Dasein. Nur so kann ich mir die morbid-makabren Steinmetzarbeiten auf dem Türbogen erklären. Ein Reigen von Totenschädeln, deren fehlende Unterkiefer durch Vogelschwingen ersetzt wurden, als Symbole der Hoffnung?

Veremundoder Schutzheilige der Pilger

Die Entstehung der großzügig dimensionierten Klosterkirche geht bereits auf Mitte des 12. Jahrhunderts zurück. Vollendet wurde sie allerdings erst einhundert Jahre später. Deshalb finden sich im dreischiffigen Kircheninnern sowohl Stilelemente der romanischen als auch der Zisterzienser-Architektur.

Blick in das Kircheninnere der Iglesia Santa María la Real de Irache

Zwar ist das Gotteshaus der Jungfrau Maria geweiht, dennoch zieht der berühmte Klostervorsteher, San Veremundo, dem die rechte Apsis gewidmet ist, die meiste Aufmerksamkeit auf sich. Zusammen mit Santo Domingo de la Calzada und San Juan de Ortega bildete der Abt von Irache im Mittelalter das Triumvirat der Pilger-Schutzheiligen.

Reliquienschrein des Heiligen Veremundo
Figur des Heiligen Veremundo, Patronat des Klosters von Irache

Da der Altar vor der Heiligenfigur wohl nicht ausreichend Platz für die unzähligen Fürbitten-Kärtchen bietet, haben sich innovative Bittsteller mit einer zusätzlichen Miniatur-Wäscheleine beholfen, an der nun weitere bunte Heiligenbildchen baumeln. Einfach entzückend! Natürlich darf auch ein goldverzierter Reliquienschrein nicht fehlen, doch welcher Art der Gegenstand der religiösen Verehrung sein könnte, erschließt sich mit leider nicht. Dafür kommt mir wieder die nette Anekdote in den Sinn, die man sich über den Heiligen erzählt.

Ein pfiffiger Zeitgenosse mit viel Herz

Schon als junger Mönch, hegte Veremundo ein Herz für die Ärmsten der Armen. Er stibitzte regelmäßig Brot aus der Küche, versteckte es unter seiner Kutte und schlich sich damit möglichst ungesehen aus dem Kloster. Im Dorf verteilte er es dann gerecht an die Kranken und Bedürftigen. Bald jedoch kamen ihm die Mitbrüder auf die Schliche und verpetzten den jungen Veremundo beim Abt Munio. Von da an behielt dieser den Klosterschüler ganz genau im Auge, um ihn auf frischer Tat zu ertappen.

Als Veremundo wieder einmal seinen barmherzigen Streifzug durch die Brotregale unternahm, lauerte ihm der Klostervorsteher beim Verlassen der Abtei auf. Die von den versteckten Brotlaiben unübersehbaren Wölbung der Kutte des Jungen, kamen dem Abt überaus verdächtig vor. Er zwang Veremundo das Geheimnis unter seinem Habit zu lüften. Mit einem unschuldigen Schmunzeln im Gesicht, erklärte der pfiffige Kerl, er sei gerade auf dem Weg ins Dorf, um den Armen Brennmaterial zu bringen. Folgsam hob er seine Kutte an und siehe da, es regnete Holzspäne. Der Abt war sprachlos. Er hätte schwören können, den Geruch frisch gebackener Brote unter dem Gewand seines Schutzbefohlenen wahrgenommen zu haben.

Offensichtlich war gerade ein Wunder geschehen. Ein Beweis, dass Gott die Wohltätigkeiten des kleinen Veremundo billigte. Seit diesem Ereignis ließ der Abt Munio seinem Schüler freie Hand. Er wusste, dass seine Nachfolge gesichert und das Kloster in guten Händen sein würde.

Ein virtueller Park der Tier- und Fabelwesen

An dieser Stelle beende ich meinen Rundgang im Innern des Klosterkomplexes, um mich auf die Suche nach dem romanischen San Pedro Portal zu machen. Es befindet sich auf der Nordseite der Kirche, doch ein schmiedeeisernes Tor versperrt den Zugang. Also konsultiere ich Carmelo, der weiterhin pflichtbewusst seine Stellung hinter dem Empfangstisch hält. Er schickt mich in entgegengesetzter Richtung um das komplette Klostergebäude herum. Die Kette mit dem „Eintritt Verboten“ Schild soll ich ignorieren und mich auch nicht von der üppig sprießenden Vegetation auf der Rückseite des Gebäudes abschrecken lassen. Schließlich, so erklärt mir Señor Carmelo nebenbei, sei das Farnkraut der baskische Namensgeber für das Kloster Irache.

Refektorium des Klosters Irache mit Blick auf den Montejurra

Noch bevor ich das Portal San Pedro erreiche, werde ich von einem außergewöhnlichen zoologischen Garten an skulptierten Kragsteinen aufgehalten. Im steinernen Freigehege an der Außenwand des Chorraumes leben Fleisch- und Pflanzenfresser, Flucht- und Raubtiere in friedlicher Eintracht nebeneinander. Ein Reh ignoriert den sich am Ohr kratzenden Hund, derweil ein Stier entspannt neben einer Löwin mit ihrem Jungen im Maul, ruht. Daneben beobachtet ein Adler die Eleganz des Dromedars, während ein Gämsbock die Nachbarschaft mit einem gewaltigen Löwenkopf pflegt.

Chorraum der Klosterkirche von Irache mit einer Vielzahl an Kapitellen

Auch die unerschöpfliche Welt der Fabelwesen ist in luftiger Höhe reichlich vertreten.
Eine gefiederte Katze mit eulenähnlichen Gesichtszügen konkurriert mit einem Fantasiegebilde aus Vogelkörper, Reptilienschwanz und zwei Hundeköpfen, die sich gegenseitig über sich lustig machen, um die perfekte Verkleidung. Ein affenähnlicher Mensch oder menschenähnlicher Affe leidet offenkundig an Identitätsproblemen, womit auch der Grimassen schneidende Löwenkopf mit Menschenhänden zu kämpfen hat. Ganz zu schweigen von der Kreuzung aus Reptil, Raubtier und Menschenfratze mit kegelförmiger Kapuze. Den illustren Kreis der absurden Gestalten ergänzen bekannte Figuren der Mythologie. Ich identifiziere eine griechische Harpyie, die die Gesellschaft des altägyptischen Greif sucht, derweil der riesenhafte Vogel Roch hoch konzentriert ins Leere starrt.

Von der Gafferin zur Begafften

Selbst anthropomorphe Darstellungen sind im Steingarten der Kuriositäten unter dem Dach anzutreffen. Der mit viel Einfallsreichtum ausgestattete Steinmetz hat hier alle Register seines Könnens gezogen. Offensichtlich macht es dem Flöte spielende Esel nichts aus, keinen Applaus für seine dargebotenen Künste zu erhalten. Auch Reineke Fuchs mit der Spitzkappe und der gegenüberliegende Löwenkopf sind sich selbst genug. Aus ihrem verbalen Schlagabtausch wird in absehbarer Zeit kein Sieger hervorgehen.

Für ein wenig Realität sorgt eine Handvoll menschlicher Gesichter. Eines davon könnte zweifelsfrei das Autoporträt des Baumeisters sein. Um auf Nummer sicher zu gehen, segnet er sein in Stein gemeißeltes Schaffenswerk, mit der Geste der drei erhobenen Finger, gleich selbst. Aber woher kannte der Steinmetz Shakespeare? Oder sind der kraushaarige Mohr neben dem spröden Frauengesicht gar nicht Othello und Desdemona?

Um von der Gafferin nicht zur Begafften zu werden, über den Unterschied bin ich mir nämlich nicht mehr ganz so sicher, nachdem ich so lange himmelwärts gestarrt habe, ziehe ich mich aus der Intimsphäre der munteren Gesellen an der Außenwand des Chorraums zurück.

in Stein gemeisselte Fratzen an der Klosterkirche von Irache

Ich stapfe weiter durch das kniehohe, feuchte Gras um die Apsis herum zum Nordportal. Der harsche Nordwind hat über die Jahre deutliche Spuren an den Kapitellen des romanischen Portals hinterlassen. Nur schemenhaft lassen sich die gegen Zentauren kämpfenden Ritter erahnen. Ebenfalls in einem beklagenswerten Zustand sind sechs am Hinterkopf miteinander verwachsene Büstenpaare. Möglicherweise Symbole für die Ambivalenz des menschlichen Charakters? Das Gute im Menschen weiß um die Existenz des Bösen, ignoriert jedoch den dämonischen Konterpart. Lieber schaut es unwissend in die entgegengesetzte Richtung.

Am meisten beschäftigt mich allerdings die Frage nach dem Gesicht, das Kopfstand macht. Möglicherweise eine Anspielung auf die getrübte Wahrnehmungskraft des Mönchs, der im Kapitell des äußersten Fensterbogens seiner weinseligen Leidenschaft frönt?

Apropos Wein…

Fast wie beim Pawlowschen Hund knurrt beim Stichwort Wein mein Magen. Es wird Zeit, mein entfallenes Frühstück nachzuholen oder am besten gleich durch ein zünftiges Mittagsmahl zu ersetzen. Estella und sein gastronomisches Angebot sind dafür geradezu prädestiniert. Ich lasse also die Brombeersträucher, Brennnesseln und das Farnkraut weiter ungestört ihr Werk ausüben und folge stattdessen dem verlockenden Ruf meiner kulinarischen Imagination.

Aeygui – Monasterio de Irache (Comunidad Foral de Navarra), April 2011


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Adresse

Kloster und Bodegas de Irache
Monasterio de Irache 1
ES-31240 Ayegui, Navarra

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