Bolantes beim Tanzen
Navarra,  Spanische Erinnerungen

Luzaide / Valcarlos – Los Bolantes – baskische Leidenschaft und Tradition

Geschafft!
Sicher und unbeschadet habe ich den Ibañeta-Pass hinter mir gelassen und stehe nun mitten im Zentrum von Luzaide/Valcarlos. Sagte ich stehen? Nein, vielmehr flüchte ich direkt in die nächst beste, und vielleicht auch einzige Kneipe im Ort. Die Nebelfront ist hier im Tal ihrer schweren Last überdrüssig geworden und entledigt sich mit einer unglaublichen Intensität der nassen Bürde. Doch ich bin nicht die einzige Person, die an diesem Tag den Weg nach Luzaide/Valcarlos gefunden hat. Die Kneipe ist brechend voll.

Ein ohrenbetäubendes Durcheinander aus rauchigen baskischen Männerkehlen, quengelnden Kinderstimmen und nimmermüdem Frauenklatsch schmettert mir entgegen. Jeder ortsbekannte Neuankömmling wird lautstark in Empfang genommen und die darauffolgende hochprozentige Getränkebestellung quer durch die beiden niedrigen Räume posaunt. Bedienungen gibt es nämlich nicht, Sitzplätze genauso wenig, dafür aber vier emsige Schankwirte hinter der Theke.

In schwindelerregender Geschwindigkeit zapfen sie Bier, schenken hochprozentigen Patxarán, aus, bringen die Kaffeemaschine zum Brüllen und den Milchschaumaufschläger zum Kreischen. Mit Beharrlichkeit und Geschick erkämpfe ich mir den letzten freien Platz an der Bar, um einen cortado zu ordern. Bald schon bin ich von den nachschiebenden Menschenmassen hoffnungslos eingekesselt. Also folgt dem ersten Kaffee eben noch ein zweiter und dann aus reiner Verlegenheit ein dritter. Irgendwie muss ich mir ja die Zeit bis zum Startschuss des folkloristischen Spektakels, dessentwegen ich den weiten Weg heute auf mich genommen habe, vertreiben.

Es ist Ostersonntag und der Höhepunkt im Kalender der 400 Seelen Gemeinde. Und es ist der Tag im Jahr, an dem Luzaide/Valcarlos  aus dem Schatten des übermächtigen Roncesvalles auf der anderen Seite der Pyrenäen heraustritt.

Ein Schattendasein trotz Jakobsweg und Rolandslied

Langer, breiter Weg bedeutet Luzaide, der baskischsprachige Teil des Ortsnamens. Nicht ohne Grund. Kurz vor der Landesgrenze treffen drei der wichtigsten französischen Pilgerrouten, die Via Podiensis, die Via Turonensis und die Via Lemovicensis aufeinander, um auf der spanischen Seite als Camino Francés, dem traditionellsten aller Jakobswege, seine Fortsetzung zu finden.

Obwohl die kleine Gemeinde bereits im Codex Calixtinus, der Pilgerbibel des 12. Jahrhunderts, Erwähnung findet, schafft sie es nicht, touristischen Profit aus der immer populärer werdenden Pilgerbewegung zu schlagen. Selbst die autonome Regierung von Navarra vergisst nur zu gerne mal die tief im Tal versteckte Siedlung. So geschehen in 2010, anlässlich der Feier zum Heiligen Compostela-Jahr. Roncesvalles stand im Mittelpunkt des Geschehens, Luzaide/Valcarlos war außen vor. Als ob es weder zu Navarra noch zu Spanien gehören würde. Ein zu vernachlässigendes Anhängsel, fünf Kilometer vom „Feindesland“ entfernt.

Keine Frage, hier lebt ein rauer Menschenschlag. Eine eingeschworene, baskischsprachige Gemeinschaft. Aber, hat man die harte Schale einmal geknackt, übertreffen sie sich vor Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft. Und sie zeigen eine tiefverwurzelte Loyalität zum Mythos der Rolandsaga. Valcarlos, das Tal Carlomagnos. Dazu das schwarz-weiß-karierte Wappen als Symbol des Schachbretts Karl des Großen. Mehr geschichtliche Identifikation geht fast nicht. Woran liegt es nun also, dass trotz aller Anstrengungen der Pyrenäenort mit dem bedeutungsschweren Doppelnamen nur ein Schattendasein führt? Vielleicht hilft ein Blick zurück in die Dorfannalen.

Von finsteren Gesellen zu ehrbaren Bürgern

Die Gründung Luzaides liegt ebenso sehr im Dunklen wie die Ortschaft selbst kaum ein Sonnenstrahl im Tal erreicht. Dennoch will uns eine absonderliche Anekdote gegenteiligen Glauben schenken.

Vor grauer Urzeit trieb ein Dutzend finsterer Gesellen in der Region Nieder-Navarra ihr Unwesen. Spezialisiert auf Diebstahl, Raubüberfälle und Plünderungen agierte die zusammengewürfelte Truppe über Monate und Jahre hinweg sehr erfolgreich. Dann jedoch spürte sie ein königlicher Regierungstrupp auf und brachte sie zur Strecke. Der König sicherte den Banditen Straffreiheit zu, wenn sie im Gegenzug bereit wären, sich als ehrbare Bauern oder Handwerker in dem abgelegenen Zipfel seines Königreichs niederzulassen. Mit Handschlag wurde der Handel besiegelt.

Die geläuterten Ganoven kehrten als ehrbare Männer in den Landstrich ihrer schändlichen Verbrechen zurück. Sie bestellten das Land, gründeten eine Familie und peu à peu wuchsen die verstreuten Gehöfte zu einer großen Dorfgemeinschaft zusammen. Etwas Abwechslung in den eintönigen Dorfalltag brachten die nicht abreißenden Pilgerströme im 11. Jahrhundert, der Eigentümerwechsel vom Kloster Leyre auf dasjenige von Roncesvalles und immer wieder aufflammende Grenzstreitigkeiten mit dem französischen Nachbarn. Aber auch diese waren eher harmloser Natur. Selbst die Invasion französischer Streitkräfte während des Unabhängigkeitskrieges versetzte den abgeschiedenen Landstrich wenig in Aufregung. Kaum dass sich der ungebetene Eindringling wieder über seine ursprüngliche Grenze zurückgezogen hatte, kehrten die Talbewohner in ihre entlegenen Höfe zurück und nahmen mit einer stoischen Gleichgültigkeit das Tagwerk wieder auf.

Illegale Nachtarbeit

Nur des Nachts kam in das wenig besiedelte Gemeindegebiet Bewegung. Vor allem im 19. Jahrhundert. Der Schmuggel feierte Hochkonjunktur. Alle nur erdenklichen Waren passierten die Reiter- und Trampelpfade durch den Wald. Auf Importseite waren Kaffee, Likör, Saatgut, Vieh, Hühner, Zigarren und Spitzenstoffe überaus gefragt, wogegen Maulesel, Widder und Stoffballen die navarresischen Exportschlager darstellten. Es gab kaum ein Gemeindemitglied, das nicht in die Tauschgeschäfte involviert war. Egal ob auf legaler oder illegaler Seite.

Die Situation eskalierte so weit, dass der Gouverneur der Provinz den Bürgermeister von Luzaide/Valcarlos anflehte, die Grenzwachen und Zöllner gegen ehrbare und vertrauenswürdige Bürger auszuwechseln. Doch vergeblich. Die gaueko lana, die Nachtarbeit, war mittlerweile essenzieller Bestandteil der Existenzgrundlage eines jeden Talbewohners. Von der Bewirtschaftung der Höfe, der Arbeit in den Eisenhütten, oder dem Ertrag eines Kesselschmieds, Müllers oder Holzschuh-Herstellers konnte keiner seine Familie ernähren.

Bewaldeter Bergruecken in den spanischen Pyeraeen

Es war ein hartes, entbehrungsreiches Leben in dem von der Außenwelt durch die steilen, bis zu 1200 Meter hohen Berghänge, fast abgeschnittenen Grenzgebiet. Und so musste man einfallsreich sein im Überlebenskampf. Die Schmugglermaschinerie lief deshalb wie geschmiert. Die Aufgaben waren klar verteilt. Sowohl zwischen den Schmugglern als auch den aus dem Tal stammenden Grenzposten. Darüber hinaus etablierte sich sogar ein noch dreisterer und lukrativerer Wirtschaftszweig, der von der Abgeschiedenheit des Landstriches profitierte. Allerdings war die Geldfälscherei ein sehr risikobehafteter Beruf, denn wer auf frischer Tat gefasst wurde, bezahlte mit seinem Leben. Die Galgen waren schnell zusammengebaut.

Die Halle bebt

Nach drei Koffeingetränken gehe ich zu den schweren Geschützen über. Damit fühle ich mich bald mittendrin, statt nur dabei. Das von allen Seiten auf mich eindröhnende, harte baskische Kauderwelsch lullt mich jetzt wohlig ein. Ich habe nicht wenig Lust, meinen schweren Kopf einfach auf der Theke abzulegen. Doch zwischen all den zahllosen leeren Kaffeetassen, den Cidre-Bechern, Tulpen und Schnapsgläsern gibt es keinen freien Flecken.

Endlich, gegen 17 Uhr, leert sich schlagartig der Gastraum. Dem Himmel sei Dank! Frischluft, wenn auch bitterkalt und immer noch nass. Aber das kann der gut gelaunten Menschenschlange, die sich unter ihrer kunterbunten Regenschirmhaut dem überdachten frontón entgegenbewegt, wenig anhaben. Bereitwillig lasse ich mich von dem Sog in die bis auf den letzten Platz gefüllte Sporthalle mitziehen.

Im Handumdrehen brummt und summt es in der Halle wie im Bienenstock. Ein ungewöhnlich zusammengesetztes Orchester aus Akkordeon, Posaune, Trompete, Schlagzeug, Tuba und Klarinette heizt die Stimmung mächtig an. Die bestimmt 1000-köpfige Zuschauerschaft klatscht in immer schnellerem Rhythmus, bis sich die Bolantes in Bewegung setzen.

Den Anfang in einer streng festgelegten Reihenfolge machen zwei Reiter in goldbestickter, rot-weißer Juppe auf weißen Schimmeln. Flankiert werden sie von den Zapurrak. Sie erinnern an die mythologische Figur des Basajaun, das wilde, haarige Wesen aus den undurchdringlichen Wäldern des Baskenlandes. Neben den mitgeführten Äxten und den pechschwarzen, bis tief auf die Brust reichenden Bärten, fallen die beiden, ganz in weiß gekleideten Gestalten besonders durch ihre ungewöhnliche Kopfbedeckung auf. Den tonnenförmigen Hut in den baskischen Farben zieren eine absurde, rote Schleife und ein rechteckiger Spiegel auf der Frontpartie. Hinter den Zapurrak wiegen sich die beiden riesenhaften Zigantiak erstaunlich geschmeidig im Rhythmus der Musik. Wer hätte gedacht, dass unter den hoch aufgeschossenen Puppenfiguren zwei männliche Akteure stecken.

Banderariaks, Makilariaks und Nexkatoaks – mehr als baskische Zungenbrecher

Die sich anschließenden Banderariak zeigen im wahrsten Sinne des Wortes Flagge, nämlich diejenige von Luzaide/Valcarlos als auch die Baskische. Als Außenstehende bin ich verwirrt. Dieses offene Bekenntnis zur baskischen Identität, geht weit über den rein kulturellen Aspekt dieser Veranstaltung hinaus. Nun, hier ist weder der richtige Ort noch Zeitpunkt, um über die Identitätsfrage zu politisieren. Ich nehme einfach zur Kenntnis, dass ich mich in der vaskofonen, sprich baskisch-sprachigen Zone Navarras befinde. Und Sprache verbindet die Menschen ebenso sehr wie Bräuche und Traditionen.

Es folgt der Auftritt der Makilariak in schnittigen roten Uniformjacken mit Goldtressen und -epauletten. Passend zu ihrer militärisch-feschen Erscheinung tragen sie einen mit Troddeln geschmückten Tschako, die typische Kopfbedeckung der französischen Armee im 19. Jahrhundert. Auf der Vorderseite, wo früher eigentlich das Regimentszeichen prangte, blinkt und blitzt heute ein kleiner Spiegel. Ihr Handwerkszeug: ein grün-weiß-rot umwickelter Tambourstab, den sie meisterlich zwischen ihren Fingern hin- und herwirbeln, mit aller Kraft in die Luft schleudern, um ihn nach zwei Umdrehungen um sich selbst mit einer lässigen Sicherheit wieder aufzufangen.

Danach sind die Tänzerinnen an der Reihe. Etwa drei Dutzend Nexkatoak übertreffen sich gegenseitig beim schwungvollen Kontratanz. Meine Augen hängen noch an ihren mit glänzenden rot- und grünfarbigen Bändern verzierten Stoffschuhen, als die Menge um mich herum in ekstatische Beifallsstürme ausbricht.

Winter adieu!

Die Bolantak ziehen in die Halle ein. Die Hauptdarsteller des heutigen Tages. Und mit ihnen verwandelt sich die triste graue Sporthalle in eine farbenfrohe Bühne. Kunterbunte, knielange Bänder flattern vom Rücken der gestärkten weißen Hemden, die vorne einen Besatz aus verschiedenartigen Goldbroschen, -fäden und -kettchen tragen. Dazu verbreiten bei jeder Bewegung die an der Hosenborte und auf den Leinenschuhen befestigten Schellen ein fröhliches Gebimmel. Gekrönt wird das farbenfrohe Outfit von einer pailletten-, perlen oder bordürenverzierten, roten Baskenmütze.

Bolantak, traditionelle Tanzgruppe aus den spanischen Pyrenaeen in farbenfrohem Outfit

Zu guter Letzt betritt eine Handvoll Paare in ländlicher Tracht die Tanzfläche. Sie tragen die für die Landbevölkerung noch bis ins 20. Jahrhundert hinein gebräuchlichen abarcas. Früher aus Leder gefertigt, später aus dem wiederverwertetem Gummi von Autoreifen, werden sie über dicken Wollsocken mit Schnürbändern befestigt.

Den Abschluss des beeindruckenden „Einmarsches“ bilden zwei unkonventionelle, Gestrüpp umrankte Gestalten. Soweit ich meine Sitznachbarin verstanden habe, stammen beide Figuren aus dem Karneval und verkörpern den Winter, den es auszutreiben gilt. Nun, nachdem sich alle Partizipanten vorgestellt haben, geht es erst richtig los.

Los Bolantes – Tradition, Schweiß und Muskelkraft

Die Bolantak laufen zu Höchstform auf. Über zwanzig verschiedene Tänze umfasst das Repertoire, von denen jeder selbstverständlich einen eigenen Namen trägt. Die Choreografie, Präzision und Synchronität der Tanzschritte ist meisterlich. Wobei der Begriff Tanzschritte viel zu bieder ist. Die Vorführung ähnelt mit ihrer endlosen Abfolge von rhythmischen, in immer schnellerer Schlag- und Wiederholungszahl ausgeführten Sprüngen, beinahe einer Ballettaufführung.

Der Funke springt sofort auf das Publikum über. Der Schweiß fließt und ungläubig bewundere ich die Gewandtheit und Geschmeidigkeit der Tänzer. Ihre Füße kommen nicht zur Ruhe. In einem kontinuierlichen Fluss überwinden sie die Erdanziehungskraft, schlagen in der Luft die Hacken zusammen, landen grazil auf ihren Fußballen, um einen Takt später, leichtfüßig den Sprung gegen den Uhrzeigersinn exakt zu kopieren. Unter den dünnen Gummisohlen der weißen Leinenschuhe verwandelt sich der Betonboden in ein unsichtbares Trampolin. Auch wenn nicht jeder Akteur mit der Statur eines Nurejews glänzen kann, so spürt man dennoch, dass jede Bewegung mit äußerster Hingabe vorgetragen wird. Drei Generationen bringen die Tanzfläche zum Vibrieren. Jeder gibt hier Alles.

Nach anderthalb Stunden neigt sich die farbenprächtige Show dem Ende entgegen. Ich bin zutiefst beeindruckt. Der Weg über die Pyrenäen in den hintersten Winkel Navarras hat mich Eines gelehrt. Ein Volkstanz ist mehr als nur die Pflege folkloristischen Brauchtums. Er ist ein facettenreiches Kulturgut. In ihm können exzessive körperliche Anstrengung und leidenschaftliche Virtuosität zu einem ungeahnten künstlerischen Perfektionismus verschmelzen. Und er verkörpert eine Jahrhunderte alte Tradition, die mit größter Hochachtung von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Nicht umsonst behaupten die Alteingesessenen stolz, dass der Tanz der Bolantes den Charakter der Dorfbewohner widerspiegelt: leidenschaftlich, temperamentvoll, lebensfroh.

Luzaide Valcarlos (Comunidad Foral de Navarra), April 2011

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