bewaldete Ibaneta-Passhohe in den spanischen Pyrenaeen
Navarra,  Spanische Erinnerungen

Puerto de Ibañeta – wo Pilger zu Helden werden

Buchen-, Fichten-, Eichen- und Kastanienwälder bis zum Horizont. In sattes Grün getränkte Berghänge mit verstreuten, beigefarbenen Tupfern, die sich unmerklich bewegen. Der vereinzelte, echolose Schrei eines Raubvogels. Schilder und Hinweistafeln, angefüllt mit eigentümlich anmutenden Wörtern. Ein Alphabet, das nur ein Dutzend Buchstaben zu benötigen scheint. Mit Vokalen, die im Wettstreit um die Vorherrschaft gegen die Konsonanten liegen, während das “r” bevorzugt im Doppelpack auftritt: Nafarroako, Errolanen, Orreagako, iparralderantz, deigarrienak, zaharrenak.

Dann, von einer Sekunde auf die andere, eine Nebelwand so dicht, dass man mit dem Messer hindurch schneiden kann. Als ich mich an diesem vorletzten Sonntag im April mühsam und nur im Schritttempo die steile Nationalstraße von Roncesvalles zum Gipfel des 1057 Meter hohen Pyrenäenteilstücks hinaufmühe, kann ich kaum die Hand vor Augen erkennen. Ich bin nur etwa 50 Kilometer von der Hauptstadt Pamplona entfernt und doch befinde ich mich in einer anderen Hemisphäre. Eine massive, bleigraue Wolkenfront senkt sich tiefer und tiefer hinab. Wie ein gigantisches Raumschiff, das sich die N135 als Landeplatz für einen terrestrischen Erkundungsgang ausgesucht hat.

Vergeblich versuche ich mit den emsig hin- und herwedelnden Scheibenwischern die feuchten Nebelschwaden beiseite zu schieben. Meine einzigen Orientierungspunkte sind die roten Rückleuchten eines klapprigen R4, der sich ebenfalls todesmutig vor mir durch den Nebel kämpft. Nach einer gefühlten Ewigkeit habe ich endlich mein Ziel erreicht – die Ibañeta-Passhöhe. Doch anstelle der in allen Reiseführern mit den höchsten Lobeshymnen besungenen Aussicht, empfängt mich eine wattebauschige Stille. Kaum ausgestiegen, kleben binnen Sekunden meine Haare feuchtnass am Kopf und ein aerosolartiger Sprühregen perlt lautlos an meiner Regenjacke hinab.

Die Geburtsstunde der Abarkas

Dass das Wetter hier von einem Augenblick auf den Nächsten umschlagen kann, ist zu dieser Jahreszeit nicht ungewöhnlich. Schon Ende des 10. Jahrhunderts wären die unberechenbaren Wetterumschwünge auf dem Ibañeta-Pass dem einstigen Königreich Navarra beinahe zum Verhängnis geworden.

König Sancho Garcés II befand sich damals auf Auslandseinsatz in der benachbarten Gascogne, als ihn die Nachricht von einem unerwarteten Vorrücken maurischer Truppen in sein Territorium ereilte. Eine sofortige Umkehr war angesagt, doch heftiger Schneefall auf dem Pyrenäenpass brachte jegliche Ambitionen auf eine rechtzeitige Rückkehr zum Erliegen. An ein weiteres Vorankommen war mit den schwer bewaffneten Soldaten auf den überfrierenden Schneemassen nicht zu denken.

Koenig Sancho Garcés II. von Navarra mit den beruehmten Abarcas, den ledernen Schnuerschuhen

Gottlob hatte der König eine geniale Idee. Er ließ im nördlichen Talort Luzaide-Valcarlos für jeden seiner Männer ein spezielles Schuhwerk mit Ledersohlen, sogenannte Abarcas, anfertigen. Mit den rutschfesten Schnürschuhen gestaltete sich die Überquerung der Passhöhe unproblematisch und die Invasion der Araber konnte erfolgreich zurückgedrängt werden. Das Königreich Navarra war gerettet und der einfallsreiche Regent ging mit dem Spitznamen Abarca in die Geschichte ein.

Plötzlich empfinde ich kein Verlangen mehr, den undurchsichtigen Dunstvorhang aufziehen. Denn ebenso sehr wie die vorbeiziehenden Nebelschwaden zum klassischen Bühnenbild von Hamlet gehören, ebenso wenig sind die tief hängenden, feuchtigkeitsgeladenen Wolkenmassen aus der Kulisse der Puerta de Ibañeta wegzudenken.

Bequemlichkeit vor Nächstenliebe

Einzig die Pilger auf ihrem Weg nach Santiago de Compostela sind zu bedauern. Schon auf der ersten Etappe erwartet sie nicht nur eine geografische, sondern auch meteorologische Herausforderung. Kein Wunder, dass die Mehrzahl unter ihnen den mühsamen Aufstieg in die luftige Höhe meidet und als Ausgangspunkt ihrer Wallfahrt das im Tal gelegene Roncesvalles vorzieht. Früher war das anders. Die demütigen und bußfertigen Sünder hielten sich streng an das Motto „ganz oder gar nicht“. Jeden Kampf, den sie auszufechten hatten, sei es gegen die Unbilden des Wetters, gegen Strauchdiebe oder Wegelagerer, gegen die Versuchungen des menschlichen Fleisches, gegen Ketzer und den Teufel höchstpersönlich, war ein weiterer Schritt in Richtung Himmelreich.

bewaldete Ibaneta-Passhohe in den spanischen Pyrenaeen

Einziger Unterschied zu heute: Vor beinahe eintausend Jahren stand an der Stelle der heutigen San Salvador Kapelle ein Pilgerhospiz. Aus eigennützigen praktischen Erwägungen heraus, verlegte es die Mönchsgemeinschaft von Roncesvalles jedoch 1132 hinab ins Dorf. Zurück blieb ein ungenutztes, verlassenes Gebäude. Erst ein gut situierter italienischer Wallfahrer sorgte im 16. Jahrhundert für die Restauration der im Verfall begriffenen Herberge samt Kapelle mit der Auflage, dass ein Einsiedler bei aufkommendem Nebel ab Einbruch der Dunkelheit bis eine Stunde vor Mitternacht die Glocke kräftig zu läuten hatte. Unzähligen Pilgern, die sich ansonsten in der Nebelsuppe hoffnungslos verlaufen hätten, rettete das akustische Signal das Leben.

Offensichtlich war der Dienst am Menschen damals (wie heute immer noch) kein besonders lukrativer Broterwerb, sodass das Pilgerhospiz ein Jahrhundert später erneut aufgegeben wurde. Ein Brand im Jahre 1884 verwandelte es endgültig in eine Ruine. Achtzig Jahre dauerte es, bis sich die navarresische Regierung zum Bau der aktuellen Kapelle mit dem prägnant spitzen Satteldach durchringen konnte.

Pilgerkapelle auf der Ibaneta-Passhohe in den Pyrenaeen

Wo das Rolandslied seinen Ausgang nahm

In der Nähe des kleinen Gebetshauses stoße ich auf einen unscheinbaren Gedenkstein. Nur ein schlichtes Roldán und zwei Jahreszahlen sind eingraviert. Dabei erinnert er an eine der berühmtesten Heldenfiguren des Mittelalters. Eine für spanische Verhältnisse ungewöhnliche Bescheidenheit, allerdings war Roldán auch kein Iberer. Eigentlich hieß er Hruodland oder Roland und war ein Neffe Karl des Großen. Ein Franzose also, der sich bei der Befreiung der spanischen Halbinsel von den Arabern seine Sporen verdiente, und an dieser Stelle am 15. August des Jahres 778 sein Leben ließ.

Denkmal fuer Roland, den Neffen Karl des Grossen auf der Ibaneta-Passhohe in den Pyrenaeen

Es war ein gewaltiges, ohrenbetäubendes Signal, das sich vom Ibañeta-Pass durch die dichten Wälder hinab in das schattige Tal von Luzaide seinen Weg bahnte. In dem kleinen Marktflecken am nördlichen Fuße des Pyrenäenpasses lagerte an diesem milden Sommertag 778 die Armee des mächtigsten Herrscher Europas. Karl der Große und seine Hauptstreitmacht warteten auf das Eintreffen ihrer Nachhut, um dann gemeinsam den Rückweg in ihre Heimat antreten zu können.

Der Feldzug gegen das maurisch besetzte Saragossa war überaus erfolgreich und ohne großes Blutvergießen verlaufen. Angesichts der immensen Streitkräfte des Frankenkönigs hatte der Kalif Marsil frühzeitig kapituliert und mit dem Unterhändler Karl des Großen, Ganelón, ein Friedensabkommen geschlossen. Mit der Kapitulationsurkunde im Gepäck genossen sowohl Karl der Große als auch seine Truppen nach der beschwerlichen Pyrenäenüberquerung den sonnigen Augusttag in vollen Zügen.

Eine heitere und ausgelassene Stimmung herrschte im Lager. Selbst Carlomagno gönnte sich im Schatten eines Gasthauses in Mocosail, einem zu Luzaide gehörigen Weiler, ein wenig Zerstreuung. Die Schachpartie mit Ganelón, dem Stiefvater seines Lieblingsneffen Roldán, verlief ausgeglichen, als ein furchterregender Schall die laue Nachmittagsluft zerteilte. Carlomagno wurde kreidebleich. Die Spielfigur, die er eben noch in Händen hielt, fiel zu Boden.

Der Stoff aus dem die Helden sind

Olifant, das beruehmte Horn des Ritters Roland

Er wusste sofort, dass dieser durch Mark und Bein gehende Laut, nur dem Horn Roldáns entstammen konnte. Und er wusste, welche Kräfte es kostete, diesem sagenumwobenen Horn eines Einhorns auch nur ein Laut zu entlocken.

Die Beschwichtigungsversuche Ganelóns, beruhigten den Herrscher keineswegs. Carlomagno war überzeugt, dass sein Neffe sich mit der Nachhut in großer Gefahr befand. Umgehend ließ er die Pferde satteln und setzte seine Truppen in Marsch. Unerbittlich trieb er die Streitmacht die gewundenen Berghänge hinauf, doch es vergingen mehrere Stunden, bis sie die Passhöhe erreicht hatten.   

Oben angekommen, bot sich ihnen ein Bild des Grauens. Über hunderttausend niedergemetzelte und zerstückelte Leichen bedeckten das blutgetränkte Schlachtfeld. Nur eine Handvoll Soldaten überlebten, die Carlomagno sofort zu sich bringen ließ. Er erfuhr, dass die Nachhut von der übermächtigen Armee des Maurenkönigs von Saragossa aus einem Hinterhalt heraus überfallen worden war. Bis zuletzt hatten sein geliebter Neffe und die zwanzigtausend Mann starke Streitmacht einen heldenhaften, aber aussichtslosen Kampf ausgefochten.

Selbst angesichts des nahenden Todes hatte Roldán noch versucht, sein wundertätiges Schwert Durandart an einem Felsbrocken zu zerschlagen. Es durfte auf keinem Fall dem Feind in die Hände fallen und damit zu einem unbesiegbaren Tötungswerkzeug werden. Doch vergeblich. Das Schwert hatte sich nicht zerstören lassen. Also war dem tapferen bretonischen Markgrafen nur ein Ausweg geblieben. Mit übermenschlichen Kräften hatte er es über die Pyrenäen ins heimatliche Frankenreich geschleudert, wo es im Felsen bei der Ortschaft Rocamadour für immer und ewig stecken blieb.

Weiterhin berichteten die mit dem Leben davongekommenen Gefolgsleute, wie die Halsschlagader von Roldán angeschwollen, die Schläfenader geplatzt und wahre Blutbäche aus dessen Nase und Ohren geschossen waren, als dieser seinem Horn Olifant den Hilferuf entlockte. Danach brach der tapfere Recke tot zusammenbrach.

Von Verrat und Rache

Dem sonst so starken König war speiübel. Unstillbarer Hass stieg in ihm auf, als der tote Körper seines Neffen zu ihm gebracht wurde. Er tobte, schrie nach Rache, brüllte wie von Sinnen, dass die Soldaten fürchteten, ihr König hätte den Verstand verloren. Erst gegen Abend, als die Dämmerung aufzog und sich erbarmte, den blutroten Kampfplatz in gnädige Dunkelheit zu hüllen, schien sich Carlomagno zu beruhigen. Er ließ Ganelón zu sich rufen, um einen schlagkräftigen Racheplan zu schmieden.

Seit der Ankunft auf dem Gipfel war ihm der Stiefvater Roldáns aus dem Weg gegangen. Möglicherweise war das Trauma angesichts der endlosen Leichenberge schuld daran. Als Ganelón jedoch seinem Monarchen gegenübertrat, zeigte er sich von einer Gefühlskälte, die die Hölle zum Gefrieren brachte. Ein böser Verdacht nistete sich im Herzen und Verstand Karl des Großen ein. Hatte Ganelón ihn an den Maurenkönig verraten? Hatte Ganelón den Tod seiner zwanzigtausend tapferen Krieger auf dem Gewissen? War er es, der den ungeliebten Stiefsohn auf diese heimtückische Art und Weise aus dem Weg geräumt hatte? Völlig überraschend ließ Karl der Große Ganelón unter Arrest stellen. Einige Monate später gestand dieser schließlich seine ruchlose Tat und wurde zum Tode durch Vierteilung verurteilt.

Die Legende vom Lanzenwald

Der Herrscher des Frankenreichs war Tage- und nächtelang weder ansprechbar, noch wich er von der Stelle dieses tragischen Orts. Er vergoss unzählige Tränen, die selbst einen Stein zum Erweichen brachten. Doch die Tränen vermochten nicht den Hass auf die Sarazenen wegzuspülen. Jede Stunde, jeder Tag bohrte sich der Stachel der Vergeltung tiefer in das Herz Carlomagnos. Dennoch war er kriegserfahren genug, um zu wissen, dass er mit seiner dezimierten Armee keine Chance hatte, den gut ausgerüsteten Mauren eine tödliche Niederlage beizubringen.

In dieser misslichen Lage verkündete dem Feldherrn ein Engel, dass der Tod seiner Pairs bald gesühnt würde. Karl sollte nur alle Jungfrauen des Königreichs zu sich befehlen, diese als Soldaten verkleiden und mit Lanzen bewaffnen. Gesagt, getan. Exakt 53.606 edle Maiden fanden sich alsbald in Valcarlos ein, um den Tod der Niedergemetzelten zu rächen. Sobald die arabischen Späher diese gigantische, nicht abreißende Streitmacht an jungen Soldaten mit wilden, wallenden blonden Mähnen bemerkten, eilten sie zu ihrem Befehlshaber. Ihr erschreckender Bericht bewegte den islamischen Heerführer dazu, sich kampflos zu ergeben.

Nach dem geglückten Täuschungsmanöver kehrte der „furchterregende“ Tross nach Valcarlos zurück. Doch bevor sich die fünfzigtausend Pseudo-Ritter am nächsten Morgen wieder auf den Heimweg ins Elternhaus machten, beschlossen sie, die Nacht auf freiem Feld zu verbringen. Erschöpft steckten die Jungfrauen ihre Lanzen nebeneinander in den weichen Boden und legten sich nicht weit davon entfernt zum Schlafen nieder. Als sie im frühen Morgengrauen erwachten, fanden sie sich von einem herrlichen Laubwald umgeben. Ein Wunder war geschehen! Die Lanzen hatten über Nacht Wurzeln geschlagen und waren zu zarten Ästen und saftig grünen Trieben ausgeschlagen. So entstand der Bosque de las lanzas, der Lanzenwald.

Das Rolandslied

Eine äußerst tragische Geschichte, die sich vor mehr als 1200 Jahren hier oben abspielte. Eine Geschichte, die zur Legende und deren Protagonisten zu Helden wurden. Über 4000 Verse umfasst das berühmteste epische Werk des 12. Jahrhunderts La Chanson de Roland, in dem die Mythen von Karl dem Großen, von Roland und von seinen braven Gefolgsleuten eine verklärende Verherrlichung fanden. Bis heute hat das Rolandslied nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Es erzählt von Freundschaft und Vertrauen, von Neid und Hinterhältigkeit, von Treue und Verrat, von Todesmut und Hingabe und nicht zuletzt von Gerechtigkeit. Eine Parabel wie aus dem wahren Leben.

Albrecht Dürer; ca. 1511-1513; Idealbild Karl der Große im Krönungsornat mit Reichskrone
Karl der Große im Krönungsornat mit Reichskrone;
Albrecht Dürer; ca. 1511-1513;
Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

Zugegebenermaßen, die Wahrheit sah ein bisschen anders aus. Nicht unbedingt weniger verhängnisvoll, aber wesentlich weniger ruhmreich. Doch spielt das wirklich eine Rolle? Die Geschichtsbücher werden deswegen nicht neu geschrieben. Die Protagonisten bleiben Helden, wenn auch mit einem kleinen Lackschaden, und die vermeintlich Bösen sind schon lange wieder außer Landes. Dennoch kann ich nicht umhin, den tatsächlichen Gegebenheiten an dieser Stelle den ihnen gebührenden Platz einzuräumen. Eventuell liegt es daran, dass sich die Legende einmal mehr dem mittelalterlichen Feindbild der Araber bediente und den eher unrühmlichen Feldzug Karl des Großen zu einem heldenhaften Märtyrerepos hochstilisierte.

Eine Annäherung an die historische Wahrheit

Marasil, seines Zeichens Kalif von Saragossa, bat Karl den Großen um militärische Unterstützung gegen die kriegerischen Avancen des Kalifen von Córdoba. Der König des riesigen Frankenreichs sicherte Marasil ohne große Umschweife seinen Beistand zu, bot sich ihm doch gleichzeitig Gelegenheit, seine eigenen Interessen und Ambitionen auf spanischem Boden zu verwirklichen.

Vielleicht hätte die Geschichte einen anderen Verlauf genommen und das Blutbad an der Puerto de Ibañeta nie stattgefunden, wäre Karl der Große auf seinem Spanienfeldzug den Mauren mit Achtung, Toleranz und Edelmut gegenübergetreten. Aber nein. In allen Städten, durch die er mit seinem gigantischen Heer durchzog, galt sein vorrangiges Interesse der Absetzung der arabischen Statthalter und der Inthronisation christlich-fränkischer Würdenträger.

Als dem Kalifen von Saragossa diese Aktivitäten Karls zu Ohren kamen, fürchtete er berechtigterweise um seinen eigenen Machtanspruch. Angesichts der sich vor Saragossa sammelnden Truppen, entschied er deshalb, dem einstigen Verbündeten den Einzug in die Stadt zu verwehren. Lieber hatte er es mit dem Gegner aus den eigenen, sprich islamischen Reihen zu tun, als sich einen christlichen Feind ins Haus zu holen. So blieben die Stadttore von Saragossa dem Frankenheer verschlossen. Auf diese überraschende Wendung der Ereignisse war Karl der Große mit seiner Armee nicht vorbereitet. Er erwartete als Freund und nicht als Feind empfangen zu werden. Seine Truppen waren weder mit schwerem Kriegsgerät noch mit ausreichend Proviant ausgerüstet. So gesehen musste eine erfolgreiche Belagerung von vorneherein scheitern. Es erschien Karl dem Großen deshalb vernünftiger, sich wieder auf heimisches Terrain zurückzuziehen.

Die Rache der Basken

Dabei beging er auf seinem Rückweg nach Frankreich den verhängnisvollen Fehler in Pamplona Halt zu machen, die Stadt zu plündern, die Stadtmauern niederzureißen und einen Schauplatz der Verwüstung zu hinterlassen. Völlig überrumpelt von dieser zerstörerischen Aktion, wussten die Basken, die den Hauptanteil der Pamploneser Bevölkerung im 8. Jahrhundert ausmachten, dem fränkischen Heer nichts entgegenzusetzen. Doch die Demütigung saß tief. Diese Schmach konnten die stolzen Basken weder vergessen noch ungesühnt lassen. Von blutdürstiger Rachsucht getrieben, schmiedeten sie einen Plan, den barbarischen Akt Karl des Großen um ein Vielfaches zu vergelten. Der Tag dafür sollte der 15. August 778 sein.

Gemaelde Gustave Doré, Roland à Roncevaux
Roland à Roncevaux; Gustave Doré; 19. Jh.; Privatbesitz

Die fränkische Streitmacht hatte sich vor Überquerung der Pyrenäen getrennt. Zunächst passierten die Hauptstreitkräfte den beschwerlichen und nicht ganz ungefährlichen Gebirgspass, bevor die mehrere tausend Mann starke Nachhut mit Roland als Anführer nachrückte. Kaum hatte sich die Nachhut auf dem engen Passweg wie eine Perlenkette aufgereiht, fielen die Basken bis an die Zähne bewaffnet über sie her. Es war ein aussichtsloser Kampf. Die Basken, wendiger, ortskundiger und in einer strategisch besseren Position, metzelten das fränkische Heer in einem wahren Blutrausch nieder.

Der Rest ist Legende.

Puerto de Ibañeta (Comunidad Foral de Navarra), April 2011

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