Cover des Buches Das Burzenland
auf Reisen,  in Leselaune,  in Rumänien

Das Burzenland

Das Burzenland – Städte,Dörfer,Kirchenburgen

Erinnerungen sind selten Leichtgewichte. Insbesondere Erinnerungen an eine ferne, im Auflösen begriffene Heimat wiegen sehr schwer. In diesem Fall exakt 2,2 Kilogramm. Großformatig, wort- und bildreich gebunden zwischen zwei Buchdeckeln.
Vor mir liegt Das Burzenland. Städte, Dörfer, Kirchenburgen. Der erste von insgesamt fünf Bänden einer einmaligen Momentaufnahme. Eine Dokumentation der Kulturgeschichte der Siebenbürger Sachsen, die ein dreiviertel Jahrtausend den zwischen Ost- und Südkarpaten eingebetteten Landstrich unverkennbar prägten.

Das Burzenland verdankt seinen Namen einem knapp 70 Kilometer langen Fluss, der sich von den Südkarpaten Richtung Nordosten bis zur Einmündung in den Alt (rum. Olt) durch die abwechslungsreiche Landschaft schlängelt. In seinem Rücken recken die Ausläufer des Vrancea-Gebirges als auch die Höhenzüge des Königsteins (rum. Piatra Craiului) und Butschetsch (rum. Bucegi) ihre über 2000 Meter hohen Gipfel in den Himmel, während sich davor eine fruchtbare Ebene ausbreitet.

Durch seine Lage im Schnittpunkt zweier Passstraßen war das Burzenland seit jeher das primäre Einfallstor für alle durchziehenden, eroberungswütigen Reiterhorden aus dem Süden und Osten. Um sein Territorium zu schützen und gleichzeitig wirtschaftlich voranzubringen, übergab der ungarische König im Jahr 1211 dem Deutschen Ritterorden das Gebiet als Komturei. Im Sog der Ordensritter zog es vor allem Bauern und Handwerker aus dem Rheinland Richtung Königsboden, um sich hier langfristig eine größtenteils selbstbestimmte Existenz aufzubauen.

Die Freiheit der Siedler war allerdings teuer erkauft. Immer wieder fielen Kumanen, Osmanen, Walachen, Moldauer, Habsburger und ungarische Aufständische in den südöstlichen Zipfel Siebenbürgens ein. Plündernd, mordend, brandschatzend. Und dennoch prosperierte die Region. Speziell Kronstadt unterstrich seine politische, wirtschaftliche und kulturelle Führungsrolle. Drei Mauerringe mit 30 Basteien setzten im ausgehenden Mittelalter ein deutliches Ausrufezeichen hinter die Bedeutung der Stadt. 30 Basteien bedeuteten nämlich 30 Zünfte, denn jeder Wehrturm gehörte einer Zunft, die für dessen Bau, Instandhaltung und Verteidigung verantwortlich zeichnete. Mit der Schwarzen Kirche besaß der Ort zudem die größte christliche Kirche im Südosten Europas und von hier aus verbreitete sich durch Johannes Honterus auch die reformatorische Bewegung unter den Siebenbürger Sachsen im 16. Jahrhundert.

Zu Beginn des 20. Jahrhundert zählte das Burzenland zu den fortschrittlichsten Landesteilen Siebenbürgens. Die Agrarwirtschaft boomte dank des Einsatzes moderner Maschinen. Elektrizität und Eisenbahn förderten das Wachstum von Großindustrien und die ersten Geldinstitute sorgten für finanziellen Rückhalt einerseits und Investitionsfreude andererseits. Auch wenn die Siebenbürger Sachsen schon längst nicht mehr die ethnische Mehrheit ausmachten, so waren sie doch nach wie vor die treibende wirtschaftliche Kraft in den Dörfern und Städten des einstigen Königbodens. Das änderte sich einschneidend mit der Verschiebung der politischen Machtverhältnisse nach dem Ersten Weltkrieg und der Agrarreform 1921. Der Zweite Weltkrieg, gefolgt von der Enteignung und Deportation der Siebenbürger Sachsen als Reparationszahlung an den gefräßigen Genossen Nachbarbär, sowie die fortgesetzten Repressionen unter der kommunistischen Führung trieben viele Siebenbürger Sachsen außer Landes. Auch wenn ihr Bevölkerungsanteil mittlerweile weniger als 0,5 % beträgt, ist ihr architektonisches und kulturelles Vermächtnis nach wie vor präsent. Allerdings vermag niemand vorauszuschauen für wie lange noch.

Deshalb entstand das gedruckte Schwergewicht Das Burzenland.

Im Buch unterwegs – Meine Highlights

Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass Das Burzenland nicht in Jedermanns Hände fällt. Man könnte also meinen, dass nur Kenner der Gegend, darin Verwurzelte oder Historiker Interesse an diesem Buch haben. Ich gehöre keiner der drei Spezies an, was wieder einmal die Ausnahme von der Regel bestätigt. Und deshalb bin ich zunächst Hans Bergel dankbar, der die Einführung des Buches übernommen hat. Was der international geschätzte Rosenauer Schriftsteller und Bundesverdienstkreuzträger bescheiden als Erinnerung an eine südöstliche Landschaft betitelt, ist weitaus mehr. Nämlich ein Querschnitt durch die historischen, wirtschaftlichen und sozialen Facetten des Burzenlandes, der dem Leser den Weg für die sich anschließende Reise durch die Natur- und Kulturlandschaft ebnet.

Daran anschließend führt das monumentale Werk des Siebenbürger Historikers Martin Rill alphabetisch durch alle 15 Dörfer und Städte des Burzenlands mit deutscher Besiedlung, einschließlich der ältesten Kronstädter Quartale bzw. Stadtviertel Bartholomä, Blumenau, Martinsberg und Obere Vorstadt.

Das Burzenland

Brenndorf – Bod 
Helsdorf – Hălchiu 
Honigberg – Hărman 
Kronstadt – Braşov
Marienburg – Feldioara
Neustadt – Cristian
Nußbach – Măieruş
Petersberg -Sânpetru
Rosenau – Râşnov
Rothbach – Rotbav
Tartlau – Prejmer
Törzburg – Bran
Weidenbach – Ghimbav
Wolkendorf – Vulcan
Zeiden – Codlea

Das Burzenland ist ein Buch mit Struktur. Wie das sächsische Leben und das sächsische Dorf. Nach einem geschichtlichen Abriss stehen sich auf einer Doppelseite immer eine Straßenkarte mit erkennbaren Siedlungsstrukturen und eine aufschlussreiche Luftaufnahme mit der heutigen Dorfanlage gegenüber. Anschließend geht es immer weiter ins Detail.

Doppelseite aus dem Buch Das Burzenland

Neben Abbildungen der ländlichen Umgebung, den Dorfgassen, Bauernhäusern, Schulen, Rat- und Pfarrhäusern sowie Friedhöfen erfahren natürlich die Kirchen und Kirchenburgen die ihnen gebührende Aufmerksamkeit. Mancherorts gesellen sich noch Kindergärten, Industrie- und Handwerkbetriebe oder Feuerwehrgebäude hinzu. Ein vollständiges Panoptikum des siebenbürgisch-sächsischen Lebens.

Ebenfalls viel Augenmerk richtet der Herausgeber auf die sehenswerten Innenausstattungen der Sakralbauten. Altäre, Orgeln, Kanzeln, Chorgestühle, Taufbecken und sogar Grabplatten mit künstlerischem Wert sind fotografisch dokumentiert. Nicht zu vergessen, die Symbole des Handels und des Reichtums der Region, die anatolischen Schmuckteppiche. Außerdem treten auf den 300 Seiten Kirchenschätze ans Tageslicht, die der Normalsterbliche wahrscheinlich nie zu sehen bekommt. Goldschmiedearbeiten, die vermutlich in Sakristeien, Tresoren oder Museen ein streng behütetes Dasein führen.

Doch ohne die ausführlichen Bildbeschreibungen wäre die Dokumentation nur halb so viel wert. Sie sind sozusagen das Salz in der herrlichen Bildersuppe und lassen keine Fragen offen.

In Leselaune’s Schlussansichten

Im Klappentext des Buches ist zu lesen, dass es zur Erhaltung der Kulturlandschaft des gebauten sächsischen Kulturerbes beitragen möchte. Und zwar noch rechtzeitig, bevor die letzten dörflichen Strukturen verloren gehen und bevor unsachgemäße Restaurierungen, Um- und Neubauten die Zeugnisse der einstigen siebenbürgisch-sächsischen Heimat endgültig verschwinden lassen.

Doch kann man Heimat überhaupt auf Papier festhalten? Um ehrlich zu sein, ich denke nicht. Denn Heimat beginnt und endet schlussendlich immer dort, wo man im Herzen zuhause ist. Wird jedoch die Distanz zur Heimat immer größer, sei es in Kilometern oder Zeitspannen gemessen, verliert sich zwar nicht das Gefühl, jedoch die Erinnerung daran. Klammheimlich macht sie sich früher oder später ungefragt einfach aus dem Staub.

Deswegen ist dieses Buch so enorm wertvoll.
Ein sorgfältig recherchierter und informativer Text machen es, zusammen mit den bildnerischen Zeugnissen, zu einer einmaligen Dokumentation über das kulturelle Erbe der Siebenbürger Sachsen im Burzenland.

Rueckseite des Schutzumschlages des Buchs Das Burzenland

Mit zu den Aushängeschildern des Buches gehören die grandiosen Luftaufnahmen des Pioniers und weltweit renommierten Flugbildfotografen, Georg Gerster. Aber auch die unzähligen anderen Fotografien belegen, dass hier ausschließlich Profis am Werk waren. Experten, die genau wussten, welches Detail, welchen Blickwinkel, welchen Ausschnitt die Kamera einfangen soll.
Bestimmt wirken die Farbbildaufnahmen aus den 1990er Jahren für das ein oder andere Auge des 21. Jahrhunderts antiquiert. Zurecht. Aber das liegt daran, dass wir mittlerweile nur noch geschönte Hochglanzbilder gewöhnt sind. Allerdings sorgen genau diese “rustikalen” Ansichten für die Authentizität des Buches. Hier geht es nicht um Effekthascherei, sondern um eine reale Bestandsaufnahme.

Das Burzenland ist also definitiv kein Buch, das man mal soeben in einem Rutsch durchblättert, um es anschließend dekorativ ins Regal zu stellen. Man sollte sich dafür Zeit und Muße nehmen, denn es ist ein Werk, das Maßstäbe setzt. Als Bildband, Geschichtsbuch, Sachbuch und Nachschlagewerk in Einem.

Cover des Buches Das Burzenland

Das Burzenland
Städte, Dörfer, Kirchenburgen

Kategorie: Bildband; Nachschlagewerk
Autor(en):
Martin Rill (Herausgeber und Texte)
Hans Bergel (Einführung)
Georg Gerster (Luftfotografien)
Martin Eichler (Fotografien)
Heinrich Lamping (Nachwort)
Verlag: Edition Wort und Welt München
Erscheinungsjahr: 1999; 1. Auflage
Ausgabe: Hardcover
Umfang: 300 Seiten
ISBN: 3-932413-03-2
Preis: 30,00 €

Der Vollständigkeit halber:
Das Cover und die mit Copyright versehenen Bilder sind Eigentum des jeweiligen Verlags, Herausgebers, Fotografen bzw. sonstigen Rechteinhabers und dienen nur zur Veranschaulichung. 
Die Rezension ist unbezahlt und das Buch wurde auf eigene Kosten angeschafft.

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