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Über Siebenbürgen – Band 3

Die Kirchenburgen im westlichen Kokelland und Mediasch

Eine wahre Mammuttour durch die sächsische Kirchenburgenlandschaft des westlichen Kokellands bis nach Mediasch unternimmt der mittlerweile 3. Band der Buchreihe Über Siebenbürgen.

Ausgangspunkt ist der Ort Marktschelken im Süden. Von dort aus geht es Richtung Nordosten im Zick-Zack-Kurs durch den westlichen Abschnitt des Kokellands, um dann einen raumgreifender Abstecher in den Landkreis Alba Iulia bis nach Donnersmarkt zu machen. Anschließend gibt es einen Abstecher in das Weinland von Siebenbürgen, bevor die Reise in Mediasch, der zweitgrößten Ortschaft im Kreis Sibiu (Hermannstadt) zu Ende geht.
Unterwegs darf sich der Leser auf beeindruckende, überraschende und mitunter auch traurig stimmende Bildeindrücke von insgesamt 21 Kirchenburgen freuen. Darunter findet sich auch die einstige Glaubensfestung der Bewohner von Wurmloch, die neben Birthälm, Dersch, Deutsch-Weißkirch, Keisd, Kelling und Tartlau, in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen wurde.

Die Kirchenburgen im westlichen Kokelland und Mediasch

Abtsdorf – Ţapu
Arbegen – Agârbiciu
Baaßen – Bazna
Bonnesdorf – Boian
Bulkesch – Bălcaciu
Donnersmarkt – Mănărade
Eibesdorf – Ighişu Nou 
Frauendorf – Axente Sever
Großprobstdorf – Târnava
Kleinprobstdorf – Târnăvioara
Kleinschelken – Şeica Mică
Langenthal – Valea Lungă
Marktschelken – Şeica Mare
Mediasch – Mediaş
Mortesdorf – Motiş
Schaal – Şoala
Schönau – Şona
Scholten – Cenade
Seiden – Jidvei
Wölz – Velţ
Wurmloch – Valea Viilor 

Betrachtet man die obige Karte fällt sofort die enorme Siedlungs- und Kirchenburgendichte entlang der beiden namengebenden Flussläufe Große Kokel (Târnava Mare) und Kleine Kokel (Târnava Mica) auf. Beide Flüsse führen auf 223 bzw. 196 Kilometern ein bewegtes Eigenleben, bevor sie sich kurz hinter Blasendorf (rum. Blaj) zur Kokel vereinigen. Von dort aus legen sie gemeinsam noch weitere 23 Kilometer zurück, ehe sie im Strom des zweitlängsten Flusses in Rumänien, der Mieresch (Mureş), mittreiben.

Im Buch unterwegs – Meine Highlights

Schon auf dem ersten Teil der Wegstrecke überrascht die Kirchenburg von Frauendorf (rum. Axente Sever) mit ihrer wuchtigen Präsenz. Das liegt vor allem an dem massiven Wehrturm, der seinen ungewöhnlichen Platz zwischen dem dadurch stark verkürzt wirkenden Kirchenschiff und dem Chorraum gefunden hat. Auf ein ähnliches Kirchturm-Arrangement trifft man in Arbegen (rum. Agârbiciu), das mit der stimmungsvollsten Aufnahme im Buch in Szene gesetzt wurde.

Nur einen Katzensprung von Frauendorf entfernt, präsentiert sich schon der Höhepunkt des Bildbands. In Wurmloch baute sich die siebenbürgisch-sächsische Gemeinde eine befestigte Kirche, die in ihrer Robustheit und Wehrhaftigkeit seinesgleichen sucht. Die umfangreichen Verteidigungsanlagen aus Wehrgängen, ummantelten Türmen, Schießscharten, Pechnasen und Fallgittern schützten die Kirchenburg und ihre Einwohner nicht nur vor jeglicher feindlicher Eroberung, sondern gaben auch den Ausschlag für den Titel eines UNESCO-Weltkulturerbes.

Die in den Jahren 2012 bis 2014 renovierte Kirchenburg von Eibesdorf gehört zu den schönsten des westlichen Kokellands. Dafür sorgen nicht nur der sechs Stockwerke und 34 Meter hohe Glockenturm, sondern auch die im Kirchenschiff und Chorraum während der Restauration freigelegten Fresken. Die gelungene Fotografie des Innenraumes sorgt zukünftig sicherlich für eine wachsende Fangemeinde der mittelalterlichen Wehranlage vor den Toren von Mediasch.

Einmal umgeblättert, setzen gleich mehrere wunderschöne Drohnenaufnahmen die fotogene Kleinschelker Kirchenburg in Szene. Neben der prägnanten Wehrkirche von Wurmloch, besitzt dieses sächsische Kulturerbe mit Abstand die auffälligste Silhouette aller vorgestellten Wehrbauten. Speziell der enorm überhöhte Chor bildet zusammen mit den beiden Kirchtürmen ein außergewöhnliches architektonisches Ensemble. Doch damit noch nicht genug. Zwischen den beiden Türmen (welch Luxus, wenn man bedenkt, dass z. B. in Abtsdorf, Schaal oder Scholten nicht auch nur ein Glockenturm den Zahn der Zeit überlebt hat) erhebt sich eine 14 Meter hohe Mauer, die den am besten gesicherten Brunnenhofs von ganz Siebenbürgen umschließt.

In der Hoffnung auf einen wolkenfreien Himmel sollte man sich auf jeden Fall den 25. November frühmorgens für den Besuch der Kirchenburg offenhalten. Entgegen der üblichen, strengen Ost-West-Ausrichtung gaben die Einwohner von Kleinschelken beim Bau ihrer dreischiffigen Basilika der Heiligen Katharina den Vorrang. So orientiert sich die Längsachse des Kirchenschiffes aus dem 15. Jahrhundert am Sonnenaufgang des Namenstages der Schutzpatronin.

Bevor die Drohne über der gut erhaltenen Kirchenburg in Mediasch das letzte Mal in diesem Band ihre Kreise zieht, zeigt sie uns in Wölz ein niederschmetterndes Kontrastprogramm. Eine amputierte, ausgeblutete Kirche, in der, anstelle des Chorraums, eine riesige Wunde klafft.

Ruine der Kirchenburg von Woelz im Winter; Fotografie aus dem Bildband Ueber Siebenbuergen
© Ovidiu Sopa

Auch wenn ich gerade eine emotionale Achterbahnfahrt von Entsetzen, Trauer und Fassungslosigkeit durchmache, bin ich enorm dankbar für diese Bilder. Denn ohne diese ungeschönten Bilddokumente würden vielleicht noch deutlich mehr, der einst weit über 300 existierenden Kirchenburgen dem Vergessen und unaufhaltsamen Verfall anheimfallen. Wölz ist nämlich kein Einzelschicksal.

Es ist notwendig, dass die substantielle Verletzlichkeit der Kirchenburgen eine breite Plattform findet. Durch das wehrhafte, wenig filigrane Erscheinungsbild wirken die Sakralbauten robust und für die Ewigkeit gebaut. Dennoch wollen auch sie gehegt und gepflegt werden. Früher übernahmen dies die sächsischen Dorfbewohner mit einer gottgegebenen Selbstverständlichkeit. Zum Selbstschutz und für ihren Glauben. Doch jetzt? Seit der großen Auswanderungswelle, die dem Sturz der kommunistischen Diktatur folgte, wurden viele Kirchenburgen im Stich gelassen. Besonders hart trifft es dabei die Kirchen in den kleinen Ortschaften, in denen keine aktive evangelische Gemeinde mehr existiert. Ich fürchte deshalb, dass trotz aller Bemühungen, Initiativen und Projekte von privater, kirchlicher oder staatlicher Seite der Wettlauf gegen den Verfall größtenteils verloren ist.

In Leselaune’s Schlussansichten

Ich bin mit Band 3 der Buchreihe Über Siebenbürgen wesentlich glücklicher als mit dem Vorgängerband. Dies liegt einerseits an der bisher schmerzlich vermissten Übersichtskarte und andererseits an der verbesserten Belichtung der großformatigen Luftaufnahmen.

Während in der letzten Ausgabe deren Qualität teilweise unter der tiefstehenden Abendsonne litt, überzeugen dieses Mal die eher nüchternen, aber wesentlich authentischeren Bilder. Überrascht wurde ich durch die zahlreichen Winterimpressionen gegen Ende des Buches. Auch wenn ich (der Romantik wegen) absolut in Schnee vernarrt bin, bietet er für dokumentarische Luftaufnahmen nicht die beste Kulisse. Zu viele Details gehen unter seiner weißen Decke verloren. Trotzdem verdienen die beiden gelungenen Puderzucker-Dorfansichten von Baaßen und Bonnesdorf mit den verschneiten Häuserzeilen und der wuchtigen Kirchenburg im Vordergrund eine besondere Erwähnung. Glücklicherweise gibt es von jeder Kirchenburg auch einige sommerliche Porträtfotos.

Darüber hinaus hat diese Ausgabe nicht nur an Volumen zugelegt, sondern meines Erachtens durch die über ein Dutzend Innenaufnahmen zusätzlich an Aussagekraft gewonnen. Schade nur, dass es die Freskenfragmente der Kirche in Bonnesdorf nicht bis vor die Kamera geschafft haben. Vielleicht das nächste Mal, wobei man bei den Kirchenburgen ja nie weiß, ob es noch ein nächstes Mal geben wird.

Die Beschreibungen zur Historie, den besonderen architektonischen Merkmalen und der Ausstattung der Kirchenburgen ist wieder exzellent auf den Punkt gebracht. Die fundierten Hintergrundinformationen entstammen dabei überwiegend aus dem Atlas der siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen und Dorfkirchen des promovierten Siebenbürger Architekten und Denkmalschützers Hermann Fabini.

Nach wie vor mangelt es mir allerdings an einer Systematik der vorgestellten Kirchenburgen. Angesichts der geographischen Weitläufigkeit würde sich hier sicherlich eine alphabetische Reihenfolge anbieten. Und auch mein Wunsch nach einem auf die jeweilige Region zugeschnittenen Vorwort erfüllte sich bislang nicht. Abgesehen von minimalen Ergänzungen hatte ich leider beim Lesen des Vorworts ein erneutes déjà vu bzw. déjà lu.

Buchcover Ueber Siebenbuergen Band 3

Über Siebenbürgen – Band 3
Kirchenburgen im westlichen Kokelland und Mediasch

Kategorie: Bildband
Reihe: Über Siebenbürgen
Autor(en):
Anselm Roth (Fotografien und Text)
Ovidiu Sopa (Luftfotografien)
Verlag: Schiller Verlag Bonn
Erscheinungsjahr: 2016; 1. Auflage
Ausgabe: Hardcover
Umfang: 96 Seiten
ISBN: 978-3-944529-75-2
Preis: 23,90 €

Der Vollständigkeit halber:
Das Cover und die mit Copyright versehenen Bilder sind Eigentum des jeweiligen Verlags, Herausgebers, Fotografen bzw. sonstigen Rechteinhabers und dienen nur zur Veranschaulichung. 
Die Rezension ist unbezahlt und das Buch wurde auf eigene Kosten angeschafft.

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