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Über Siebenbürgen – Band 5

Kirchenburgen im Burzenland


Nachdem Band 4 der Bildbandreihe Über Siebenbürgen die Gemeinden des Schenker Stuhls und des Fogarascher Lands im Blickfeld hatte, stattet der vorliegende Band dem Burzenland einen Besuch ab.

Die luftige Reise über die Kirchenburgenlandschaft im Südosten von Siebenbürgen verspricht gleich mehrere Höhepunkte. Neben dem UNESCO-Weltkulturerbe Tartlau lernen wir die wunderschöne Wehranlage von Honigberg kennen, bewundern die verschiedenartigen Innenräume der nur wenige Kilometer voneinander entfernt liegenden Sakralbauten von Weidenbach, Zeiden, Neustadt und Wolkendorf, ehe die verstümmelte Kirchenburg von Rothbach uns an die Vergänglichkeit alles Irdischen erinnert.

Jede der vorgestellten siebenbürgisch-sächsischen Kirchen im Burzenland ist in ihrer Baugeschichte und Ausgestaltung einmalig. Ihre einzige Gemeinsamkeit zeigt sich in der Abwesenheit jeglicher Wehranlagen. Das Gotteshaus war Gottes Haus und keine Festung. Folglich vertrauten die Einwohner bei gegnerischen Einfällen ausschließlich der Wehrhaftigkeit der mit Schießscharten, Wehrgängen oder Gusserkern ausgestatteten Beringen. Um nichts dem Zufall zu überlassen, zogen die Burzenländer nicht nur eine, sondern mindestens zwei oder wie in Petersberg gleich drei Mauerringe mit bis zu 14 Metern Höhe um ihre Kirche herum hoch. Derartige Kraftanstrengungen waren allerdings auch bitter nötig, denn durch die Sandwichstellung des Burzenlands zwischen den Fürstentümern Moldau und Walachei boten sich gleich vier Passstraßen als ideale Einfallstore für allerlei eroberungswütige Volksgruppen an.

Bei der Betrachtung des umfangreichen Luftbildmaterials zeigt sich eine weitere Auffälligkeit. Besonders in den ländlichen Gegenden sind die geschlossenen Haus- und Gassenfluchten bis heute weitgehend intakt. Allerdings steht die erwünschte Erhaltung der dörflichen Strukturen vielerorts in engem Zusammenhang mit einer ungewollten wirtschaftlichen Stagnation, die durch den Verlust der sächsischen Autonomierechte und dem wachsenden ungarischen Einfluss der K. u. K. Monarchie ab 1867 eingeläutet und durch die Agrarreform 1921 noch verstärkt wurde.
Glücklicherweise besitzt das Burzenland mit Kronstadt seit jeher eine potente ökonomische Triebfeder, deren Funke zumindest in den letzten Jahrzehnten auf die im westlichen Speckgürtel liegenden Gemeinden übergesprungen ist.

Im Buch unterwegs


Zur historischen Landschaft des Burzenlands zählten einst 15 siebenbürgisch-sächsische Gemeinden. Ein Dutzend davon treffen wir im vorliegenden Band wieder, während den drei Ortschaften Kronstadt, Heldsdorf und Schirkanyen mangels (erhaltener) Kirchenburg die Eintrittskarte ins Buch verwehrt wurde.

Die Kirchenburgen im Burzenland

Brenndorf – Bod
Honigberg – Hărman 
Marienburg – Feldioara 
Neustadt – Cristian 
Nußbach – Măieruş 
Petersberg – Sânpetru
Rosenau – Râşnov
Rothbach – Rotbav
Tartlau – Prejmer
Weidenbach – Ghimbav 
Wolkendorf – Vulcan  
Zeiden – Codlea

Zur Einstimmung stellt uns das Autoren-Fotografen-Duo die in Größe und Ausstattung völlig gegensätzlichen Kirchenburgen in Zeiden und Wolkendorf vor. Anschließend schwenkt die Drohne überraschenderweise nach Süden bis zur Bauernburg von Rosenau. Dabei schenken uns die Luftbildaufnahmen der im 14. Jahrhundert errichteten und mittlerweile teilrestaurierten Anlage großartige Überflug-Perspektiven.

Erst aus luftiger Höhe ist die Komplexität der verschachtelten Burg zu erfassen, die auf einem nach drei Seiten hin schroff abfallenden Felsplateau thront. Neben den bewaldeten Hängen als natürlichem Hindernis sorgten zwei Torzwinger sowie sage und schreibe neun Wehrtürme in der fünf Meter hohen, umlaufenden Verteidigungsmauer für die Sicherheit der Dorfgemeinschaft. Diese hatte sich mit einer Kapelle, einer Schule, dem überlebenswichtigen Brunnen sowie drei Dutzend Steinhäusern einen durchaus komfortablen Zweitwohnsitz geschaffen.

Luftaufnahme der Bauernburg von Rosenau; Fotografie aus dem Bildband Ueber Siebenbuergen
Bauernburg Rosenau; © Ovidiu Sopa

Licht und Schatten

Im Norden von Kronstadt ist Kontrastprogramm angesagt.
Während es in Nußbach einen klassizistischen Orgelaltar, wenn auch auf einem viel zu minimalistischen Bild, zu bewundern gibt, schlägt im kleinsten Ort des Burzenlands die Realität unbarmherzig zu. In Rothbach stürzte im Februar 2016 der achthundert Jahre alte Glockenturms in sich zusammen. Gleichzeitig riss er ein Viertel des Kirchenschiffs mit sich und begrub sowohl zwei Glocken als auch die Orgel unter sich. Nicht ganz unschuldig an dem Desaster ist die viel befahrene und unmittelbar an der Kirchenburg vorbeiführende Europastraße E60 mit ihren “kirchturmmordenden Lastwagen”. Mit Schrecken entdecke ich auf den ungeschönten Bildern, dass die Tage des Mauerrings gleichfalls gezählt sind. Lediglich provisorisch installierte und geradezu lächerlich wirkende Mikadostäbchen halten die Ringmauer mehr schlecht als recht in der Senkrechten. Aber wie lange noch?

Einen erfreulichen Anblick bieten hingegen die Innenaufnahmen der kürzlich renovierten Kirche in Brenndorf. Das vorbildlich herausgeputzte, grün-weiße Ambiente mit den auffälligen, roten Akzenten liefert den Beweis, dass mit den richtigen Bekanntschaften an der richtigen Stelle enorm viel zu erreichen ist.

Den Abschluss des Buches bilden die beiden meist besuchten Kirchenburgen des Burzenlands. Großflächige Aufnahmen fangen das fotogene UNESCO-Welterbe in Tartlau als auch das Vorzeigeobjekt in Honigberg aus den unterschiedlichsten Kamerawinkeln ein. Schade nur, dass auf keinem Bild die schmucken Kornkammern, die den besonderen Charme der beiden Aushängeschilder ausmachen, ins rechte Licht gerückt werden.

In Leselaune’s Schlussansichten


Das Burzenland erfüllt als fünfter Band der Reihe Über Siebenbürgen, sowohl in fotografischer als auch textseitiger Hinsicht, alle Erwartungen. Er verspricht ein angenehmes Bilder- und kurzweiliges Schmöker-Erlebnis durch die vielfältige Kirchenburglandschaft vor den Toren Kronstadts.

Im Gegensatz zu seinen Vorgängern überrascht diese Ausgabe mit einem gänzlich auf die Buchthematik ausgerichteten Vorwort. Der Kirchenhistoriker Thomas Şindilariu liefert dazu eine Fülle an historischen Eckdaten und Fachtermini zur Verwaltungs-, Wirtschafts-, Sozial- und Kirchengeschichte des Burzenlands. Zweifelsfrei exzellent recherchiert und für einen Expertenvortrag hervorragend geeignet, doch als Einleitung zu einem Bildband zu wissenschaftlich konzentriert.   

Dagegen lesen sich die Orts- und Bauchroniken der einzelnen Gemeinden und ihrer Kirchenburg gewohnt leicht und flüssig. Auch an interessanten Detailinformationen, wie die Höhe des Lösegelds für aus Weidenbach verschleppte Bauern oder deren nachbarschaftliches Brunnen-Arrangement, herrscht kein Mangel.

Die Luftbildfotografien sorgen, dazu passend, für faszinierende Über-, Ein- und Durchblicke. Mal nüchtern, mal stimmungsvoll, aber letztendlich immer ungeschönt. Zusammen mit den Innenaufnahmen, die mittlerweile zum integralen Bestandteil der Über Siebenbürger Bücher avancierten, kann ich mir keine bessere Werbung für die äußere als auch innere Schönheit der einstigen Glaubensfestungen vorstellen.

Kirchenburg von Petersberg; Fotografie aus dem Bildband Ueber Siebenbuergen
Kirchenburg Petersberg; © Ovidiu Sopa

Ästhetischer Bildband mit Luft nach oben

Allerdings finde ich es bedauerlich, dass der Bildband einen großen Bogen um Kronstadt macht. Zwar besitzt die Kreishauptstadt keine klassische Kirchenburg, dennoch hätte zumindest die Schwarze Kirche, abgesehen von einer Außenaufnahme im Vorwort, deutlich mehr Beachtung verdient.

Stattdessen dreht die Drohne gleich mehrere Runden um die höchst umstrittene Replik der Marienburg mitsamt ihrer skurrilen Kläranlagen-Nachbarschaft. Für mich eine nicht ganz nachvollziehbare Entscheidung, diesem kontrovers diskutierten Projekt dermaßen viel Platz im Bildband einzuräumen.

Generell würde ich dieses Mal eine Handvoll Aufnahmen, die sich in der Perspektive sehr ähneln oder sogar doppelt vorkommen, liebend gerne gegen Fotografien der kirchenburgenverwaisten Gemeinden im Burzenland eintauschen. Diese finden nämlich keinerlei Berücksichtigung, da offensichtlich ein Mauerring das Mindestkriterium für einen Bucheintrag darstellt. Somit ereilen sowohl Heldsdorf (rum. Hălchiu) als auch Schirkanyen (rum. Șercaia) ein ähnliches Buchschicksal wie Kronstadt. Ignoriert und aussortiert.
Während Schirkanyen nie eine Kirchenburg im baugeschichtlichen Sinne besaß, konnte die Kirche in Heldsdorf einst sogar zwei Ringmauern vorweisen. Nachdem diese Ende des 19. Jahrhunderts abgetragen wurden, entgeht dem Leser nun leider der äußerst wertvollen Flügelaltar aus dem 16. Jahrhundert.

Abschließend bleibt also zu wünschen, dass bei einer Neuauflage die Aufnahmekriterien großzügiger (siehe Bauernburg von Rosenau) ausgelegt, als auch die Verwirrung stiftende Ortskennzeichnung Petersdorf (anstelle von Petersberg) auf der Übersichtskarte korrigiert werden.


Buchcover Ueber Siebenbuergen Band 5

Über Siebenbürgen – Band 5
Kirchenburgen im Burzenland

Kategorie: Bildband
Reihe: Über Siebenbürgen
Autor(en):
Anselm Roth (Fotografien und Text)
Ovidiu Sopa (Luftfotografien)
Thomas Şindilariu (Einleitung)
Verlag: Schiller Verlag Bonn
Erscheinungsjahr: 2017; 1. Auflage
Ausgabe: Hardcover
Umfang: 80 Seiten
ISBN: 978-3-946954-10-1
Preis: 20,00 €

Das Cover und die mit Copyright versehenen Bilder sind Eigentum des Verlags, Herausgebers, Fotografen bzw. sonstigen Rechteinhabers. Die Rezension ist unbezahlt und das Buch wurde auf eigene Kosten angeschafft.

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