Ruine des Saalbaus auf der Stolzenburg in Slimnic, Siebenbuergen
Rumänien,  Unterwegs

Stolzenburg / Slimnic

Lange habe ich mich davor gedrückt diesen Artikel zu schreiben.
Immer wieder blätterte ich in meinen Notizen, um sie schlussendlich doch wieder zur Seite zu legen. Mein Unverständnis, um nicht zu sagen meine Wut, waren eine Woche, ein Monat, als auch ein halbes Jahr nach meinem Besuch der Stolzenburg noch so präsent, als dass der Blogbeitrag zu einem guten Ende gefunden hätte. Ich spielte sogar mit dem Gedanken, ihn ganz unter den Tisch fallen zu lassen. Schlichtweg aus Taktgefühl.

Doch die Stolzenburg nagt an mir. Ich schaffe es einfach nicht, den Mantel des Vergessens und Schweigens über mein persönliches siebenbürgisch-sächsisches Negativ-Erlebnis auszubreiten, das nun über ein Jahr her ist. Und mitunter dient es auch nicht der Sache, Stillschweigen zu bewahren. Vielleicht braucht es manchmal einfach einen Wachrüttler. Nichts anderes soll mein Artikel über die Stolzenburg sein.
Ich weiß um den permanenten Überlebenskampf des siebenbürgisch-sächsischen Kulturerbes und ich wertschätze die Anstrengungen, die für dessen Erhalt unternommen werden. Dennoch müssen Missstände zur Sprache gebracht werden. Und der derzeitige Umgang mit der Stolzenburg ist, meiner Meinung nach, ein solcher Missstand.

Eine Burg, die auf eine 800-jährige Historie zurückblicken kann und auch noch das Adjektiv “stolz” in ihrem Namen trägt, hat dieses Schicksal einfach nicht verdient. Doch bevor hier Tacheles geredet wird, stelle ich Euch die Bauernfestung und ihre turbulente Geschichte zunächst einmal näher vor.

Die geheimnisvolle Stolzenburg

Verlässliche Eckdaten zur Gründung der Ortschaft oder Baugeschichte der Fliehburg zu finden, sind beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Schuld daran trägt Graf Georg Rakoczi II., der das Gemeindearchiv 1660 in großen Teilen verwüstete. Die verbliebenen Unterlagen lassen deshalb viel Raum für Mutmaßungen, Spekulationen und für noch mehr Legenden.

Ruine des Saalbaus auf der Stolzenburg in Siebenbuergen

Fakt ist auf jeden Fall, dass die Stolzenburg von Anfang an eine strategische Lage im Norden des Hermannstädter Stuhls einnahm. Als letzte Ortschaft auf freiem Königsboden bildete sie den Puffer zum nördlich gelegenen Komitatsboden des ungarischen Adels, auf dem die sächsischen Siedler als Hörige lebten. Außerdem ließ sich von der Hügelkuppe im Südosten der Gemeinde vortrefflich die Hauptverbindungsstraße von Hermannstadt nach Mediasch im Auge behalten.

Die älteste Erwähnung der Gemeinde stammt aus dem Jahr 1282, als ein gewisser Dekan von Stolchunbercht eine Urkundenbeglaubigung durch die Erzdiözese in Gran/Budapest erhielt. Gleichwohl geht man davon aus, dass die Ursprünge der Siedlung als auch der Burganlage vermutlich Anfang des 13. Jahrhunderts liegen. Eine These, die von einer Niederschrift eines ehemaligen Gemeindepfarrers gestützt wird. Dieser bestätigte die Existenz einer inzwischen komplett verschollenen Inschrift auf einem Stein im Burginnern. Dort hatten die ursprünglich aus der Region Moselfranken stammenden Siedler quasi die Fertigstellung mit der nicht mehr näher entzifferbaren Jahreszahl 1253 oder 1258 für die Nachwelt festgehalten.

Der nächste bemerkenswerte schriftliche Vermerk berichtet von einer gewalttätigen Auseinandersetzung anlässlich der Wahl des Pfarrers. Daraufhin kam es 1394 zum Prozess. War Stolzenburg etwa schon vor über einem halben Jahrtausend die Wiege des Wahlbetrugs?

1460 zählte man 184 Höfe im Ort, was einer Einwohnerzahl von weit über 1000 Menschen entsprach. Folglich ließ sich hier gut leben. Ackerbau, Vieh- und Pferdezucht sorgten neben dem Weinanbau für die Haupteinkommensquellen. Daneben galten die Stolzenburger als Meister des Schmiedehandwerks. Eine Kunstfertigkeit, die sie lange Zeit auf ihrem Wappen präsentierten.

Turbulente Zeiten

Ziegelmauer der Stolzenburg

Danach springen die Aufzeichnungen ins Jahr 1529. In Erwartung eines Großangriffs des Siebenbürger Woiwoden und zugleich ungarischen Königs Johann Zápolya, der sich im Clinch mit dem Habsburger Thronprätendenten befand, ordnete der Sachsengraf Markus Bempfflinger die Befestigung der Stolzenburg mit Bombarden, Büchsenschützen und Pulver an.
Doch alle Vorkehrungen halfen nicht. Die Truppen Zápolyas zündeten das Dorf an, stürmten die Festung und spießten die Gefangenen nach Art des Grafen Vlad Drăculea auf den Burgmauern auf.

In den Zeitraum der klaffenden Lücke im Gemeindearchiv fällt 1602 eine erneute Einnahme der Stolzenburg durch die Truppen des gefürchteten Gabriel Bathory. Über 50 Jahre später standen die Türken vor den abweisenden Mauern der Burg, die dieses Mal dem Angriff widerstand. Aus Rache brannten die Muselmanen dafür alle Häuser nieder. Noch schlimmer wütete die Pest, die zwölf Monate später 400 Tote forderte. Kaum erholt, wüteten 1704 die aufständischen Kurutzen in Stolzenburg. Zwei Jahre später kamen sie wieder.

Von Liebe und Verrat

Nachdem alle Eroberungsversuche gescheitert waren, belagerten sie mehrere Wochen lang die Burg. Dadurch hofften sie, die darin Eingeschlossenen auszuhungern und so zur Aufgabe zu bewegen. Doch nichts dergleichen geschah. Die Kurutzen standen vor einem Rätsel.

Dafür starben die im Ort verbliebenen Einwohner offenbar wie die Fliegen. Jeden zweiten Tag sahen die Belagerer einen Leichenzug durchs Dorf bis zur Friedhofskapelle ziehen. Noch ahnten die Kurutzen nicht, dass im Sarg kein kürzlich Verstorbener, sondern Lebensmittelvorräte transportiert wurden. Und sie wussten ebenso wenig, dass ein Geheimtunnel die Festung mit der am Dorfrand liegenden Friedhofskapelle verband.

Das Täuschungsmanöver kam erst ans Tageslicht, als sich ein Mädchen aus dem Dorf in einen feindlichen Soldaten verliebte und ihm leichtsinnig das Geheimnis verriet. Mit den ausbleibenden Lebensmittellieferungen wurde der Widerstand der Eingeschlossenen immer schwächer. Für die Kurutzen war es nun ein leichtes die Burg einzunehmen. Sie hielten die Burg ein Jahr lang besetzt, bevor sie den äußeren Mauerring, der auch die Kirche im Dorf umschloss, niederrissen und alle brennbaren Gebäudeteile auf der Burg in Schutt und Asche legten.

Das Aus für die Stolzenburg

Erst zehn Jahre später war an die Instandsetzung der Burg zu denken. Allerdings bremste eine erneute Pestepidemie das ambitionierte Vorhaben abrupt aus. Der schwarze Tod verschonte lediglich 108 Familien. Damit war auch das Schicksal der Stolzenburg besiegelt. Für einen Wiederaufbau fehlte zum einen die notwendige Manpower, und zum anderen erforderten die modernen Feuerwaffen ein gänzlich anderes Verteidigungskonzept.

Mauerausschnitt mit gotischem Fenster der Westfassade des Saalbaus auf der Stolzenburg

Also hofften die Dorfbewohner auf eine dauerhafte Befriedung, die sich bis ins Jahr 1849 auch erfüllen sollte. Dann gerieten die Stolzenburger noch einmal in die Schusslinie zwischen ungarischen Revolutionären und Habsburger Truppen. Anschließend kehrte endlich Ruhe ein.
Auch die Wirtschaft konnte allmählich wieder einen Aufwärtstrend verzeichnen, nachdem sich die nach der Pest neu angesiedelten Handwerker aus dem Elsass und Lothringen gut in die Dorfgemeinschaft integriert hatten.

Summa summarum bemühte sich die Gemeinde stets ihrem Namen gerecht zu werden. Trotz aller Kriegswirren, Plünderungen, Seuchen oder Nachbarschaftsquerelen galt Stolzenburg über all die Jahrhunderte immer als verlässlicher Eckpfeiler des Hermannstädter Stuhls.

Die Stolzenburg im Überblick

Die Verwendung unterschiedlicher Baumaterialien lässt erkennen, dass die Stolzenburg mehrere Bauetappen durchlebte. Für die ersten Gebäude und Mauerwerke benutzte man noch Bruchstein. Doch mangels Rohmaterials, ging man alsbald zur Verwendung von gebrannten Ziegeln über, die größtenteils unverputzt, die Burgruine im Licht der untergehenden Abendsonne feuerrot erstrahlen lassen. Ihre heutige Erscheinungsform erhielt die Fliehburg im Laufe des 15. und 16. Jahrhunderts, wobei die Arbeiten nie vollendet wurden. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gilt sie als verlassen. Erst Ende der 1950er Jahre fanden im Burghof und an den verbliebenen Türmen Konsolidierungsarbeiten statt.

Ruine Stolzenburg
  1. Torturm
  2. Ringmauer
  3. Glockenturm
  4. Gotische Kapelle
  5. Speckturm
  6. Zugang und Burghüterwohnung
  7. Kirche
  8. Südlicher Burghof
  9. Brunnenhof

Mit einem Klick auf die jeweilige Überschrift könnt Ihr zwischen der Übersichtskarte und dem Text hin und her springen.

Um von den Dorfgassen einen möglichst kurzen Fluchtweg zurücklegen zu müssen, installierten die Stolzenberger den Torturm mit Fallgatter als einzigen Zugang zur Festung im Nordosten. Ein überwölbter Gang, der unter dem Saalbau hindurchführte, verband ihn direkt mit dem südlichen Burghof. Leider hielt der Torturm dem Zahn der Zeit nicht stand und stürzte 1870 ein.

Der im 15. Jahrhundert errichtete Mauerring erreicht teilweise eine erstaunliche Höhe von 18 Metern. Im Westen stabilisierte man die immense Backsteinziegelmauer mit mehreren Strebepfeilern. Die doppelten Schießschartenreihen deuten unverkennbar darauf hin, dass die Gemeinde diese Flanke am anfälligsten für einen feindlichen Angriff hielt.

Mauerring mit Schiessscharten auf der Stolzenburg in Slimnic

Einst befand sich an der westlichen Burgmauer die Inschrift eines vor den brutalen Truppen des Siebenbürger Fürsten Gabriel Bathory aus Hermannstadt geflüchteten Sachsen namens Johannes Brandt. Dieser ließ 1611 sinngemäß alle Welt wissen: “Gabriel Bathory, Schrecken des Vaterlandes! Die Schönheit hat dir Gott, die Seele der Teufel gegeben. Mit beiden wirst du des Teufels sein”.

Die Überreste der gotischen Kapelle aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts gehören mit Sicherheit zum ältesten Teil der Stolzenburg. Womöglich erlitt sie bereits einhundert Jahre später durch Fremdeinwirkung einen dermaßen irreparablen Schaden, dass sie nicht mehr aufgebaut wurde. Stattdessen integrierte man den Chorraum, einschließlich der darüber eingerichteten Pfarrerwohnung, in die umlaufende Wehrmauer. Zusätzlich entstand über dem Hauptschiff ein dreigeschossiger Glockenturm. Mit seinen 3,5 Meter dicken Mauern stemmt er sich tapfer den auf der ganzen Stolzenburg grassierenden Verfallserscheinungen entgegen.

Glockenturm auf der Stolzenburg in Slimnic, Siebenbuergen

Wie jede siebenbürgisch-sächsische Kirchenburg besaß auch die Stolchumbrechter Bauernburg multifunktionale Verteidigungsanlagen. Der Wehrturm in der Nordwestecke der Anlage diente folglich nicht nur militärischen Zwecken, sondern sicherte gleichzeitig als sogenannter Speckturm die Eiweiß- und Fettversorgung der Dörfler. Jede Familie bewahrte hier ihren Jahresvorrat an Speck auf, der strengstens rationiert war. In der Regel wurde die schweinische Schatzkammer nämlich nur einmal wöchentlich, nach dem sonntäglichen Gottesdienst, geöffnet.

Speckturm der Burgruine Stolzenburg in Slimnic

Manchmal allerdings wurde auch Schindluder mit dem wertvollen Gut getrieben. 1849 quartierten sich Truppen ungarischer Freiheitskämpfer über eine Woche in der Ortschaft ein. Von Stolzenburg aus planten sie den kaiserlich-habsburgischen Gegner aus dem 16 Kilometer entfernten Hermannstadt zu drängen. Um sich die Zeit bis zum entscheidenden Vorstoß zu vertreiben, schnappten sie sich die Speckseiten aus dem Vorratsturm und fuhren auf ihnen Schlitten den verschneiten Hügel hinab.

Da der ursprüngliche Torturm im Osten im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts den Altersgebrechen zum Opfer fiel, schaffte man neben der Burghüterwohnung an der westlichen Ringmauer den heutigen Zugang zur Burganlage.

Die sich über den gesamten Bergrücken erstreckende Festungsanlage wird von einem beeindruckenden dreischiffigen Bauwerk aus dem späten 14. Jahrhundert in eine Nord- und eine Südhälfte geteilt. Die noch erhaltenen Gebäudefragmente, als da wären die gotischen Spitzbogenarkaden des Mittel- und südlichen Seitenschiffs sowie die imposante Westwand, lassen vermuten, dass hier eine prächtige Kirche entstehen sollte. Doch offensichtlich schaffte sie es nie bis zur Vollendung. Die beim Bau verwendeten Ziegel blieben unverputzt. Die Gewölbedecke wurde nie eingezogen, wie auch das über dem Saal geplante Wehrgeschoss bis auf die West- und Ostfassade nie über das Planungsstadium hinauskam.

gotische Arkadenboegen des Saalbaus auf der Stolzenburg in Slimnic

Mehrere Quellen nennen die unruhigen Zeiten als Ursache des halbfertigen Baus. Die ständigen Türkeneinfälle und Hatterstreitigkeiten mit den Nachbargemeinden ließen die Stolzenburger nicht zur Ruhe kommen. Ihre ganze Energie und finanziellen Mittel wurden vom permanenten Überlebenskampf aufgesogen.

Stellte möglicherweise der Sakralbau selbst die Gemeinde vor eine unlösbare Aufgabe? Die überwölbte Durchfahrt vom Torturm bis in den südlichen Burghof kreuzte nämlich den Chorraum. Wo also hin mit dem Altar? Nur eine ungewöhnliche Emporen-Lösung hätte das Problem aus der Welt geschaffen. Und dies hätte wahrscheinlich jegliche Kirchenbauverordnung gesprengt.
Oder verhinderte die Verwendung von gebrannten Ziegeln die Fertigstellung der Kirche? Ein Verfahren, das sich angesichts der benötigten Menge, als zu zeitintensiv entpuppte?

Eine Klärung dieser Fragen bleibt mangels schriftlicher Dokumente im Dunkeln. Fakt ist nur, dass die Arkadenbögen auf der Nordseite des über 30 Meter langen Gebäudes noch bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts Bestand hatten. Dann allerdings halfen vereinte Kräfte bewusst nach, dass sich immer mehr Ziegel lockerten. Es ging ja schließlich nicht an, dass der Friedhof ohne Mauer auskam. Weshalb also in neues Baumaterial investieren, wenn sich direkt vor der Haustüre die verlassene Burgruine als kostenloser Steinbruch anbot?  

Der südliche Burghof schließt mit einem quadratischen Wehrturm ab. Die übereinander angeordneten Schießscharten lassen auf einen doppelstöckigen Wehrgang schließen. Darunter befanden sich vermutlich die Vorrats- und Wohnkammern der Stolzenburger.

Der vorgelagerte Brunnenzwinger entstand im 16. Jahrhundert. Er diente zum Schutz des 40 Meter tiefen Brunnens, dem in Belagerungszeiten eine lebensnotwendige Funktion zukam. Seit 1872 ein Teil der Südmauer in sich zusammenfiel, erhielt das tiefer liegende Vorwerk die auffällige Zangenform.

Ruine des Brunnenhofs der Stolzenburg / Slimnic, Siebenbuergen

Die Stolzenburg und der Denkmalschutz

Die Stolzenburg wird unter der Nummer SB-II-m-A-12552 im Denkmalschutzregister der rumänischen Denkmalbehörde geführt. Ziel eines Eintrages in dieses Register ist, Kulturdenkmäler dauerhaft zu erhalten. Damit soll sichergestellt werden, dass historische Monumente weder verfälscht, beschädigt, beeinträchtigt noch zerstört werden.

So weit, so gut.

Wie eingangs erwähnt, rufen selbst ein Jahr nach meinem Besuch der Stolzenburg, die Erinnerungen daran heftige emotionale Reaktionen hervor. Und bedauerlicherweise keine positiven. Vielmehr ist es eine Mischung aus Empörung, Fassungslosigkeit und Verärgerung. Am liebsten würde ich ein Riesenmegafon zur Hand nehmen und vom Burgbasch-Hügel aus meine Betroffenheit so laut hinein brüllen, dass es noch bis nach Hermannstadt zu hören ist. Idealerweise sitzt dort ein Verantwortlicher, der trotz des von mir verursachten Ohrenklingelns, meinen Entsetzensschrei hört und eventuell folgende Fragen beantworten kann:

  • Wie rechtfertigt sich eine Satellitenschüssel am 600 Jahre alten Gemäuer des Glockenturms?
  • Wird ein unter Denkmalschutz stehendes Gebäude adäquat durch zwei im Eingangsbereich platzierte, ausrangierte Wohnzimmersessel mit verdreckten Decken, denen ein strenger Geruch entströmt (und die womöglich den herumstreunenden Katzen als Wohnsitz dienen) repräsentiert?
  • Gehört eine mit Matratze und Kopfkissen improvisierte Hollywoodschaukel im Burghof zum Standard eines Kulturerbes?
  • Ist Kleintierhaltung, wie ein im Mauerring eingelassener Hasenstall mit lebendem Inventar, ein gängiges Denkmalschutz-Konzept?
  • Wie vereinbart sich ein anachronistischer, kitschiger Fake-Reifenbrunnen im Burghof mit dem Anspruch der Erhaltung der Authentizität der Stolzenburg?
  • Tragen Plastik-Blumengirlanden, ein Bembel-Baum als auch ein achtlos an den Saalbau angelehntes Mofa zur Aufwertung des mittelalterlichen Gemäuers bei?
  • Weshalb wird das touristische Interesse für den südlichen Burghof ausgesperrt, um auf diesem Terrain Gemüse anzubauen und Hühner zu halten?

Denkmalschutz als moralisches Erbe

Ich habe meinen Blog in Reiselaune ins Leben gerufen, um von den wunderbaren Seiten Europas zu erzählen. Um auf abseits liegende Kleinode aufmerksam zu machen, hinter denen sich meistens eine große Geschichte verbirgt. Um skurrile Anekdoten zu teilen, herzliche und außergewöhnliche Menschen vorzustellen und eine Lanze zu brechen für die Vielfalt der Kulturen. Vielleicht auch um Vorurteile zu zerstreuen und, ab und zu, meinem Zynismus auf humoristische Weise zu kanalisieren. Kurz gesagt, ich möchte einfach Geschichten von unterwegs erzählen, die Lust machen, sich auf die Reise zu begeben.

Burghof der Burgruine Stolzenburg / Slimnic, Siebenbuergen

Insofern schieße ich mir mit diesem Beitrag möglicherweise gerade selbst ein Eigentor. Aber wegsehen ist auch keine Lösung. Zumal ich mich schäme. Ich schäme mich dafür, dass dieses beeindruckende Zeugnis siebenbürgisch-sächsischer Baukultur, das so viele Stolzenburger Blut, Schweiß und Tränen gekostet hat, so verschandelt wird. Mehrmals musste ich mir beim Rundgang die Frage stellen, ob ich mich in den Ruinen eines historischen Gebäudes oder in einem privaten Freizeit-, Gemüse- und Kleintiergarten befinde.

Urteile ich zu streng, wenn ich behaupte, dass Denkmalschutz, abgesehen von den gesetzlich geregelten und damit verbindlichen Verpflichtungen, auch eine moralische Verantwortung, bedeutet?

Die Frage ist also, wer trägt hier die Verantwortung? Die Kirche? Die Gemeinde? Die Denkmalbehörde? Oder gar wir alle, die um den Missstand wissen und ihn stillschweigend zur Kenntnis nehmen?

Da mir die gesetzlichen Regelungen bzw. organisatorischen und hierarchischen Verantwortlichkeiten zum Thema Denkmalpflege fremd sind, folge ich einfach dem gesunden Menschenverstand. Und dieser sagt mir, dass es auf der Stolzenburg eine Burghüterwohnung und somit auch einen Burghüter gibt. Und ganz offensichtlich hütet dieser Burghüter nicht nur die Ruinen, sondern auch Kleintiere, Gemüse, Satellitenschüsseln und stilwidrigen Zierrat. Dass dieser Burghüter außerdem Siebenbürger Sachse und Kirchenkurator der evangelischen Gemeinde von Stolzenburg ist, lässt mich sprachlos zurück.

Mein Selbstverständnis eines Kurators

Laut evangelischer Kirchenordnung, Kapitel 2, Abschnitt 6 Artikel 59, ist der Kurator der Kirchengemeinde als erster weltlicher Würdenträger Stellvertreter des Pfarrers. Er unterstützt den Pfarrer bei der Erfüllung seiner Aufgaben und vertritt die Kirchengemeinde, wenn der Pfarrer verhindert oder dessen Stelle frei ist.

Sofort sticht mir das Wort “Würdenträger” ins Auge. Ein Amt, an das eine Vorbildfunktion geknüpft ist und von dem man erwartet, dass es mit Respekt und Achtung ausgefüllt wird. Ein Kurator kommt folglich als Repräsentant der Geisteshaltung und der ethischen Werte der Gemeinde und des Pfarrers eine ganz besondere Verpflichtung zu. Außerdem, mal abgesehen von der Kirchenordnung, impliziert das Wort Kurator auch, dass die Person Sorge für das ihm anvertraute Gut trägt.

Bedauerlicherweise hatte ich schon im Burzenland, in einem Ort, der dem deutschen Namen nach dem Himmel ziemlich nahe ist, bereits eine Kuratoren-Begegnung der anderen Art. Zumindest für mein Verständnis. Dort war es ein ungepflegter Auftritt im Schlabberhosen-Look, der mich mitten am Tag aus den Kuratoren-Pantoffeln in die Ungläubigkeit katapultierte. Anstelle der Präsentation der hausgemachten Pflaumenschnaps-Destillerie hätte ich mir lieber eine fachkundige Führung durch die Kirchenburg gewünscht oder zumindest einen Hinweis auf den direkt hinter dem Mauerring liegenden, gepflegten sächsischen Gemeindefriedhof.

Ich gehe davon aus, dass es sich bei einem Kurator um eine ehrenamtliche Position handelt, wovor ich grundsätzlich meinen Hut ziehe. Nichtsdestotrotz darf man auch von einem unentgeltlichen Engagement erwarten, dass die damit verbundenen Aufgaben nach bestem Wissen und Gewissen erfüllt werden. Das versteht sich von selbst und ist Ehrensache.

Also, liebe Herren Kuratoren, seid würdige Repräsentanten Eurer Gemeinde und der Euch vertrauensvoll in Pflege gegebenen Kulturgüter. Ich sehe an beiden Orten noch viel Luft nach oben!

Adresse

Stolzenburg / Cetatea Slimnic
557240 Slimnic, jud. Sibiu

Der Schotterweg hinauf zur Burg zweigt direkt von der DN 14 von Richtung Sibiu nach Mediaş ab. Alternativ empfiehlt es sich, das Auto im Ort vor dem ehemaligen Pfarrhaus abzustellen. Von dort sind es etwa 10 Minuten zu Fuß bis zur Burgruine.

Kontakt

Pfarrer Klaus Untch
Telefon: +40 724 071 860

Michael Weidenfelder (Schlüssel)
Telefon: +40 748 547 143

Besichtigung

Die Burganlage ist im Sommer täglich von 10.00–18.00 Uhr geöffnet.
Für die Besichtigung wird ein minimaler Unkostenbeitrag erhoben.
Der Eintritt ist für Inhaber der Transilvania Card frei.

Evangelisches Pfarrhaus

Linker Hand, vor dem Aufstieg zur Stolzenburg, fällt das großzügig geschnittene Gebäude mit dem imposanten Treppengiebel sofort ins Auge. Seine Entstehung wird in das 19. Jahrhundert datiert, wobei sich bei Ausgrabungen sowohl Fundamente einer Bastei als auch klosterähnlicher Architektur fanden.

Zwei Gedenktafeln an der Außenwand erinnern an den Aufenthalt des polnischen Generals Józef Bem im Jahr 1849 und seines Adjutanten, des ungarischen Dichters und Freiheitskämpfers Sándor Petőfi im Pfarrhaus, das noch bis 2015 bewohnt war.

ehemaliges, evangelisches Pfarrhaus mit Treppengiebel in Stolzenburg / Slimnic, Siebenbuergen

Evangelische Pfarrkirche

Direkt gegenüber dem Pfarrhaus versteckt sich hinter einer hohen Mauer die evangelische Pfarrkirche des Ortes. Die gotische Saalkirche entstand Ende des 14. Jahrhunderts und verfügt über eine sehenswerte Innenausstattung. Neben dem doppelstöckigen Altarbild und dem Alabastertaufbecken, auf dessen Deckel eine geschnitzte Heiligengruppe nach neuen Täuflingen Ausschau hält, schmücken zwei prächtige Grabsteine aus dem 16. bzw. 17. Jahrhundert den Chorraum.

evangelische Pfarrkirche in Stolzenburg / Slimnic, Siebenbuergen

Leider blieb mir bei meinem Besuch in Stolzenburg der Blick in das Kircheninnere, und damit auf das wertvollste Stück der evangelischen Gemeinde, die sogenannte Kaiserorgel, verwehrt. Drei Monate zuvor wurden nämlich sämtliche Prospektpfeifen der historischen Orgel in einer offensichtlich wohl geplanten Nacht- und Nebelaktion entwendet. Seither bleibt die Kirche für Besucher geschlossen.

Die Polizei tappt noch immer im Dunkeln und niemand will etwas gesehen oder gehört haben. Seltsamerweise ist in den Medien nur von einem Diebstahl der Orgelpfeifen, aber nicht von einem Einbruch in die Kirche die Rede. Man spekuliert deshalb, dass sich der Räuber zuvor mit einer Touristengruppe in die Kirche eingeschlichen hat, um dann zu später Stunde mal eben mit zwei Dutzend Orgelpfeifen und mehr unter dem Arm aus einer zugeschlossenen Kirche davon zu spazieren. Und wenn der Osterhase und der Weihnachtsmann noch nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute… Mir fehlen einmal mehr die Worte. Stolzenburg ist schon ein seltsames Pflaster.

Die Orgelpfeifen dürften inzwischen längst eingeschmolzen sein. Den Schaden, den die Verbrecher anrichteten, ist zwar durchaus ein schmerzhaft monetärer, aber vor allem auch ein ideeller. Die 246 Jahre alte Barockorgel stammte nämlich aus der Werkstatt des berühmten Orgelbauers Johannes Hahn und war ein Geschenk der “Kaiserin” Maria Theresia, die sich und ihren Sohn, den späteren Kaiser Josef II., auf den Schleierbrettern im Porträt verewigen ließ. Erst 2016 hatte die Kirchengemeinde die Orgel mithilfe eines finanziellen Kraftaktes und ausländischen Mäzenen umfassend restaurieren lassen.

Bauernburg Keisd

Ruinen der Bauernburg von Keisd / Saschiz, Rumaenien

Eine weitere Fliehburg befindet sich in der Nähe des UNESCO-Welterbes Keisd (rum. Saschiz). Die von den Bauern selbst errichteten Höhenburgen galten als Vorläufer der späteren Kirchenburgen. Durch die Distanz zum Dorfkern erwiesen sie sich auf die Dauer jedoch als wenig geeignet, um sich vor den heranstürmenden Mongolen, Tataren oder Türken rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.

Der Verein Kulturerbe Kirchenburgen e.V. setzt sich seit 2015 für den Erhalt der siebenbürgisch-sächsischen Kirchenburgen in Rumänien ein.

Der Verein sieht sich verpflichtet, die einzigartige europäische Kirchenburgenlandschaft Siebenbürgens auch für künftige Generationen zu erhalten und dafür in- und außerhalb Siebenbürgens zu werben. So bemüht er sich Gleichgesinnte im In- und Ausland zu vernetzen und zusammen zu bringen.

Unter Beachtung aller denkmalpflegerischen Vorgaben werden schwerpunktmäßig bautechnische Rettungs- und Instandhaltungsmaßnahmen an Kirchenburgen durchgeführt. 
Zu den jüngsten Vereinsprojekten gehört auch die Konservierung von mittelalterlichen Wandmalereien, die Jahrhunderte versteckt unter Putz überlebten.
Die Arbeiten werden durch erfahrene Handwerker, aber auch von Vereinsmitgliedern und Freiwilligen vor Ort durchgeführt. Dabei kann der Verein auf ein kompetentes Netzwerk aus Fachleuten in den Bereichen Restaurierung, Architektur, Fachhandwerk, Archäologie und Kunstgeschichte zurückgreifen.

Wer mehr über die Projekte des Vereins Kulturerbe Kirchenburgen e.V. erfahren oder dessen Arbeit unterstützen möchte, findet auf der Website detaillierte Informationen.

Buchcover Ueber Siebenbuergen Band 2

Über Siebenbürgen Band 2

Band 2 der Reihe Über Siebenbürgen widmet sich speziell den Kirchenburgen im Hermannstädter Land.

Falls Ihr mehr über den großformatigen Bildband erfahren möchtet, schaut doch einfach in der in Leselaune-Bibliothek vorbei. Dort habe ich das Buch für Euch rezensiert.

Cover des Bildbands Hermannstadt und das Alte Land

Hermannstadt und das Alte Land

Hermannstadt und das Alte Land ist nach Das Burzenland der zweite Band von Martin Rills umfangreicher Bild- und Dokumentationsreise durch das 800 Jahre alte, bau- und kulturgeschichtliche Erbe der Siebenbürger Sachsen.

In der Leselaune-Bibliothek könnt Ihr in die 300-seitige Bestandsaufnahme von 22 Ortschaften hineinschnuppern.

Credit:
Die Übersichtsskizze der Stolzenburg stammt aus folgender Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Cetatea_din_Slimnic.jpg


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