Römerstraße und Jakobsweg bei Cirauqui in Navarra
Navarra,  Spanische Erinnerungen

Cirauqui – Römerstraße und Jakobsweg


Eingebettet zwischen Puente la Reina und Estella ist das Dorf 500-Seelen-Dorf Cirauqui für viele Pilger “nur” eine Durchgangsstation auf dem Camino Francés. Dabei kann das “Schlangendorf” touristisch mit einer 2000 Jahre alten Römerstraße und einem außergewöhnlichen, romanischen Kirchenportal mit mujedarem Einschlag punkten.

Schleusen auf über dem Kreuzotternest

Meine Richtung Himmel entsandte Fürbitten zeigen keine Wirkung. Die graue Wolkenfront hat offensichtlich Gefallen daran gefunden mir auf meinem Weg nach Westen zu folgen. Kaum habe ich das Ortsschild von Puente la Reina hinter mir gelassen, entladen sich die tief hängenden Wolken mit voller Wucht. Ich hoffe auf einen konzentrierten, schnell weiterziehenden Schauer, aber dem Himmel scheint der Sinn eher nach einem ausgiebigen Landregen zu stehen. Alle Schleusen auf und Wasser marsch. Kein Hoffnungsschimmer auf kurzfristige Besserung in Sicht. Unablässig prasseln die Wassermassen herunter. Die Scheibenwischer laufen auf Hochtouren, und ich krieche mit 60 Stundenkilometern über die Autobahn. Zum Glück habe ich keine Eile, mein nächster Halt, Cirauqui, ist nur acht Kilometer entfernt.

Das Kreuzotternest, so die baskische Übersetzung, schleppt sich mühsam einen steilen Hügel hinauf. Ein wenig einladender Name und dazu das übellaunige meteorologische Empfangskomitee – keine glückliche Kombination um sich Freunde zu machen. 

Meine Motivation auszusteigen, um mich auf die Suche nach der römischen Straße und Brücke zu begeben, wurde buchstäblich vom Dauerregen weggespült. Die Regenwand hat sich festgesetzt und trommelt pausenlos im Allegro-Rhythmus auf mein Autodach. Mit bleibt also nichts anderes übrig, als die missliche Situation auszusitzen. Mal schauen, wer den längeren Atem hat: ich oder Petrus und seine nasse Truppe. Mir wird auf jeden Fall nicht langweilig werden und für den kleinen Hunger ist auch vorgesorgt. Ich habe ausreichend Proviant und Lektüre mit an Bord.

Cirauqui in der Nussschale

Fürs Erste blättere ich meine Notizen zur Geschichte des Dorfes durch. Damit bin ich allerdings relativ schnell fertig. Die offiziellen Aufzeichnungen sind dünn gesät, denn offenkundig nahm die Ortschaft nie mehr als kurze, punktuelle Gastauftritte auf der historischen Bühne Navarras wahr.

Unübersehbar besitzt sie römische Wurzeln. Über eine Besiedlung durch die Westgoten oder die arabischen Eroberer schweigt sich die Geschichtsschreibung aus. Im Mittelalter wechselte Cirauqui einige Male seine Eigentümer. Klerus als auch Könige kamen dabei zum Zuge, bis die Ortschaft 1425 feste Aufnahme in die Grafschaft von Lerín fand. Dieser Besitzerstatus änderte sich vierhundert Jahre lang nicht.
Erst im 19. Jahrhundert erhielt das Dorf eine eigene Verwaltung und einen gewählten Bürgermeister. Alles in Allem eine äußerst ruhig dahin plätschernde, unscheinbare Vergangenheit, wären da nicht die Negativ-Schlagzeilen, in die Cirauqui während des dritten und letzten Karlistenkrieges geriet.

Der Lahme von Cirauqui – ein übler Zeitgenosse

1872 standen sich Liberalisten und absolutistische Karlisten unversöhnlich gegenüber. Es war ein Krieg der spanischen Weltanschauungen und der Guerillakämpfer. Einer davon hieß Tirso Lacalle Yabar, genannt El Cojo de Cirauqui – der Lahme oder der Krüppel von Cirauqui.

Die Kampfhandlungen und Truppenbewegungen spielten sich verstärkt zwischen Estella und Puente la Reina ab. Beides Städte, die die königstreuen Karlisten massiv unterstützten. Dazwischen Cirauqui, Geburtsort besagten Tirsos und seines Zeichens überzeugter Liberalist. Seine guten Ortskenntnisse und die geographische Lage von Cirauqui ausnützend, startete er von hier aus über ein Jahr lang immer wieder „hit-and-run“ Aktionen gegen die karlistischen Truppen. Dennoch kamen ihm die königstreuen Anhänger recht bald auf die Schliche, und das Netz zog sich immer enger um ihn zusammen.

Radierung Tirso Lacalle

Da die unbefestigte Stadt als auch die kleine Garnison dem zahlenmäßig überlegenen Feind nicht viel entgegenzusetzen hatte, kapitulierte sie ohne großes Blutvergießen. Trotzdem, zum namenlosen Entsetzen der Dorfbevölkerung und entgegen jeglicher Konventionen, exekutierten die Karlisten 37 Soldaten an Ort und Stelle. Weitere zwei Dutzend, darunter Tirso Lacalle, wurden unter Arrest gestellt, nach Pamplona gebracht und später wieder auf freien Fuß gesetzt. Nach seiner Freilassung mordete Tirso unter den Karlistentruppen munter weiter, wann immer und wo immer er Gelegenheit fand. Die 37 hingerichteten Mitstreiter wollten gerächt sein.

Noch heute spaltet die Person Tirso Lacalles die Historiker und Einwohner von Cirauqui. Die Einen bewundern ihn für sein konsequentes, furchtloses Einstehen für die Freiheitsbewegung, die anderen negieren seine Herkunft, denn Tirso war ein übler Zeitgenosse. Er fand Gefallen daran, andere Menschen zu demütigen und zu quälen. Manche behaupten, seine körperliche Behinderung hätte dazu geführt, dass die menschenverachtende, dunkle Seite in ihm die Oberhand gewann. Nicht wenigen halten ihn jedoch für einen Opportunisten, der durch die Teilnahme am Karlistenkrieg seinen grausamen Charakterzügen einen heroischen Anstrich verpassen wollte.

Verschlossene Türen 

Während meiner gedanklichen Wanderung durch die Vergangenheit des Viperndorfes, hat der Regen endlich nachgelassen. Die kraftvollen, gegen die Windschutzscheibe peitschenden Schauer sind feinen Bindfäden gewichen. In der Hoffnung, der Wettergott hätte meine Geduld auf das Ausgiebigste geprüft und endlich ein Einsehen, verlasse ich meinen schützenden Blechkokon.

Die steile Hauptstraße führt durch ein spitzbogig zulaufendes Stadttor, welches einen dahinterliegenden mittelalterlichen Stadtkern vermuten lässt. Tatsächlich geben sich mehrere sorgsam renovierte und mit Wappen verzierte Häuser allergrößte Mühe, diesen Anspruch aufrecht zu erhalten. Doch leider vermögen sie nicht von den dazwischen platzierten Bausünden der Neuzeit abzulenken, die nicht mit herabbröckelndem Putz oder unverputzten Rissen in der Fassade geizen.

Als ich mit der Iglesia San Román den höchsten Punkt von Cirauqui erreicht habe, sind die Kopfstein gepflasterten Gassen schon beinahe komplett abgetrocknet. Das macht mir Hoffnung, dass sich eine Schönwetter-Seele aus einem der umliegenden Gebäude wagt und mir Einlass in die Kirche gewährt. Aber nichts und niemand rührt sich weit und breit. Die mit Eisenbeschlägen verzierte, doppelflügelige Holztüre bleibt fest verschlossen.

Das Martyrium des Heiligen Roman

Gemälde von Francisco de Zurbarán, Saint Romanus of Antioch and Saint Barulas, 1638, The Art Institute of Chicago.
Francisco de Zurbarán,
Saint Romanus of Antioch and Saint Barulas, 1638, The Art Institute of Chicago.

Schade, dabei hätte mich brennend interessiert, welches der Martyrien, die der Schutzpatron der Kirche durchlitten hatte, auf dem Altarbild wieder gegeben wurde. Apropos “brennend interessiert”. Der Heilige Roman sollte tatsächlich auf Befehl des römischen Richters Asklepiades auf dem Scheiterhaufen hingerichtet werden, da er nicht von seinem christlichen Glauben abschwören wollte. Alles war soweit vorbereitet, der Scheiterhaufen errichtet, der Gläubige mittendrin an einem Pflock gefesselt. Nur das Feuer ließ sich nicht entzünden, denn wie durch ein Wunder öffneten sich just in diesem Moment die Himmelsschleusen und eine wahre Sintflut ging über dem Scheiterhaufen nieder.

Asklepiades dachte sich folglich eine neue Folter aus. Er ließ Roman die Zunge abschneiden, damit der überzeugte Christ die Lehre Jesu nicht weiter verbreiten konnte. Doch, oh Wunder, weder verstummte der Märtyrer, noch verstarb er durch Verbluten, sondern verkündete weiterhin mit engelsgleicher Stimme das Wort Gottes, bis man ihn im Gefängnis erwürgte.

Das Portal der Kirche San Román

Portal der Kirche San Román in Cirauqui

Nun, da mir die Ansicht des Kircheninneren verwehrt bleibt, kann ich mich ganz auf das original erhaltene Spitzbogenportal  aus dem 13. Jahrhundert konzentrieren. Es bildet einen filigranen Kontrapunkt zum festungsartigen Erscheinungsbild der Pfarrkirche. Ein Schmuckstück aus rotbraun patiniertem Stein auf der Schwelle von der Spätromanik zur Frühgotik. Auffällig ist die mujedare Ausgestaltung der Archivolte, während Kapitelle und Figurenfries romanischen Ursprungs sind.

Entlang des Jakobsweges gibt es nur zwei weitere Kirchen, die denselben außergewöhnlichen Mix von mujedaren und romanischen bzw. gotischen Stilelementen aufweisen und damit auf ein und denselben Baumeister schließen lassen. Die Iglesia Santiago el Mayor befindet sich keine zehn Kilometer östlich von Cirauqui, nämlich in Puente la Reina, während das Gotteshaus San Pedro de la Rúa in westlicher Richtung, in der Pilgerhochburg Estella, zu finden ist. Insbesondere das Portal von San Pedro de la Rúa trägt mit den floralen und dekorativen Elementen der Gewölbebögen dieselbe Handschrift. Selbst die Schlusssteine und die figürlichen Darstellungen greifen dieselben Motive auf.

So kämpfen gegenüber einer verführerisch um Aufmerksamkeit heischenden Sirene, zwei Greifen gegeneinander, während darüber ein hyänenähnliches Monstrum auf Fütterung wartet. Daneben versuchen ein Bischof und ein weiterer Geistlicher für Ordnung zu sorgen. Ich möchte nicht wissen, was der bärtige Torso mit dem giraffenartigen Hals links neben der Eingangstür angestellt hat. Beide Arme erhoben, beteuert er eindrücklich seine völlige Ahnungslosigkeit oder Unschuld. Ob die beiden steinernen Herren auf ihrem Thron zu seiner Linken ihm Glauben schenken? Handelt es sich bei ihnen möglicherweise um die Richter über Gut und Böse?

Jedes unnütze Wort

Der Kirchenvorplatz verabschiedet seine Gäste durch einen Torbogen, auf dem nur noch Wortfragmente der für die Nachwelt in Stein gemeißelten Mahnung erhalten sind. Da ich dieser Inschrift schon an der Iglesia San Esteban im aragonischen Sos del Rey Católico begegnet bin, fällt es mir nicht schwer, sie zu ergänzen:

“De toda palabra ociosa darán los hombres cuenta rigurosa”

Über jedes unnütze Wort, das die Menschen reden, werden sie am Tag des Gerichts Rechenschaft ablegen müssen; denn aufgrund deiner Worte wirst du freigesprochen und aufgrund deiner Worte wirst du verurteilt werden
(Mt 12, 35-37).

Indessen ich noch über die unnützen Worte, die ich heute geäußert habe, nachgrüble, lasse ich wie im Blindflug die verwinkelten Gassen von Cirauqui Richtung Westen hinter mir und finde mich in freier Natur wieder.

Den Römern auf der Spur

Unter meinen Füßen zieht sich die vor etwa 2000 Jahren von den Römern angelegte Fernstraße steil den Abhang hinab, nur um auf der anderen Seite noch steiler wieder anzusteigen. Wo früher die römischen Legionäre in knielangen Tuniken mit Schienenpanzer, Schwertgurt, Helm, genagelten Ledersandalen und schweren Holzschildern geschlossen im Gleich- oder Laufschritt entlang marschierten, treffe ich heute nur auf zwei abgekämpfte Jakobspilger, die sich mühsam auf den von der Nässe rutschigen Pflastersteinen abwärts quälen.

Am Tiefpunkt des Weges überspannt eine einbogige Brücke, das von Bäumen und Sträuchern versteckte Flussbett. Nur ein fernes Rauschen dringt zu mir hinauf. Und während ich noch meinen Blick über die sich bis zum Horizont erstreckende rot und grünleuchtende Felder- und Wiesenlandschaft schweifen lasse, öffnet der Himmel plötzlich wieder alle Schleusen. Ich schaffe es gerade noch, die Kamera unter meiner Jacke in Sicherheit zu bringen. Alle anderen Bemühungen der Intensität der Regenfront zu entkommen sind zwecklos, denn die wenigen Pinienbäume am Wegrand bieten keinerlei Schutz. In Sekundenschnelle habe ich einen kompletten Schnellwaschgang hinter mir.

Alea iacta est – der Würfel ist gefallen, wie die Römer zu sagen pflegten. Klatschnass bis auf die Knochen breche ich an dieser Stelle meinen Erkundungsgang in und um Cirauqui ab.
Es scheint einfach nicht mein Tag, und das Kreuzotternest nicht meine Stadt zu sein. Das Wetter, das nicht mitspielt, die jede Gasse überspannenden Stromleitungen und geparkten Autos, die kein schönes Fotomotiv zulassen, und dann auch noch die Kirche, die mich weder einlassen, noch sich (egal wie sehr ich mein Weitwinkel-Objektiv bemühe) in ihrer Gänze ablichten lassen will. Für heute ist mein Unternehmungsgeist auf jeden Fall verpufft. Vielleicht ist der Heilige Petrus morgen besser gelaunt.

Landschaft in Navarra
Adresse

Am Schnellsten erreicht man Cirauqui von Pamplona oder Logroño aus auf der A-12 über die Ausfahrt 27.

Ermita de Santa María de Aniz

Nach der Autobahnausfahrt 27 – Cirauqui (A-12 von Puente la Reina nach Estella) steuert man direkt auf einen Kreisverkehr zu, den man in Richtung eines unbeschilderten Feldweges verlässt. Nach wenigen Metern ist das mittelalterliche Kulturgut bereits in Sichtweite. Der kleine Tempel, der einst unter der Schirmherrschaft der Heiligen Catalina stand, ist das einzige Überbleibsel einer Stadt, die irgendwann zwischen dem 15. und Beginn des 16. Jahrhunderts verlassen wurde. Was die Bewohner von Aniz veranlasste ihr Dorf aufzugeben und sich geschlossen in der Nähe der Santa Catalina-Kirche im Nachbarort Cirauqui niederzulassen, ist ungeklärt.

Die Kirche, heute der Jungfrau Maria geweiht, stammt aus der Zeit der Spätromanik, sprich Ende 12., Anfang 13. Jahrhundert. Es handelt sich um eine einschiffige Kapelle mit seitlich angebrachten Strebepfeilern und wenigen Kragsteinen. Das Ungewöhnliche ihres heutigen Erscheinungsbildes ist, dass auch nach der Restaurierung im Jahr 1997 der zusammengestürzte vordere Teil des Langhauses nicht wieder aufgebaut wurde. So ist der Tempel zu einer Seite hin offen und nur ein Eisengitter trennt die Natur von dem mit Bänken und Altar eingerichteten Innenraum.

Dolmen de Aizibita

In etwa zweieinhalb Kilometer Fußmarsch von Cirauqui entfernt, trifft man auf einen der wenigen und zugleich größten Begräbnisdolmen in der Zona Media. Zwischen 1991 und 1995 ausgeführte Ausgrabungen brachten ans Tageslicht, dass die Grabkammer weit über zwanzig Personen beherbergte. Datiert wurden die Knochen-, Pfeil- und Grabbeigabenfunde auf etwa 2500 bis 1500 vor Christus.

Estella-Lizarra – die Schöne

Drei Stunden Fußmarsch bzw. 15 Kilometer auf dem Jakobsweg sind es bis zur einstigen Pilgerhochburg Estella. Die Siedlung am Fluss Ega war eine der multikulturellsten und reichsten Städte des Königreichs Navarra. Nicht umsonst hieß sie zu ihrer Blütezeit im 13. Jahrhundert “Toledo des Nordens”. Bis heute hat sich die Stadt am Jakobsweg ihr mittelalterliches Flair mit einer immensen Dichte klerikaler Bauten bewahrt. Deshalb reicht ein einziger Blogbeitrag nicht aus, um Estella entsprechend zu würdigen. Doch seht selbst:

Kloster und Bodegas Irache
Chorraum der Klosterkirche von Irache mit einer Vielzahl an Kapitellen

Kurz nach Estella findet man sich in einem kleinen Paradies weltlicher als auch sakraler Genüsse wieder. Mit dem Namen Irache verbinden Spitzenkenner des navarresischen Weines nämlich die gleichnamige Bodega, die zudem mit einem kostenlosen Weinbrunnen am Jakobsweg von sich Reden macht. Im danebenliegenden Kloster im Ruhestand mit seiner fast 1000-jährigen Geschichte kommen außerdem die Freunde der romanischen Steinmetzkunst voll und ganz auf ihre Kosten.

Puente la Reina
Puente la Reina

Kurz vor Puente la Reina vereinen sich der aragonische und der französische Jakobsweg zum Camino francés, der Hauptroute aller Pilgerwege nach Santiago de Compostela. Jährlich strömen deshalb mehrere Zehntausend Pilger über die berühmte Brücke der Königin, die eines der beliebtesten Fotomotive des Jakobswegs ist, bevor es westwärts nach Cirauqui geht.

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