Kirchenburg von Birthaelm / Biertan im Gegenlicht
Rumänien,  Unterwegs

Birthälm / Biertan – Die meistbesuchte Kirchenburg Siebenbürgens

Drei Wehrmauern, acht Türme und der größte Flügelaltar von Siebenbürgen gaben 1993 den Ausschlag zur Aufnahme der gut erhaltenen Kirchenburg von Birthälm (rum. Biertan) in das UNESCO-Weltkulturerbe. Was wir in unserer Zeit als architektonisch-kunsthistorisches Meisterwerk wahrnehmen, war vor 500 Jahren für die Gemeinde der Siebenbürger Sachsen ein überlebenswichtiger, kollektiver Zufluchtsort.

In Zeiten feindlicher Bedrohung entschied die Wehrhaftigkeit der Kirchenburg über Leben und Tod. Von dieser Dramatik ist in diesen Tagen nichts mehr zu spüren. Heute ist sie für viele Besucher schlicht und einfach eine der, wenn nicht die, schönste Wehrkirche Siebenbürgens.

Glocken- und Stundenturm der Kirchenburg von Birthaelm / Biertan in Siebenbuergen

In der Regel bin ich sehr zurückhaltend bei der Vergabe derartiger Auszeichnungen. Auch in diesem Fall.

Auf meiner Rundreise durch Siebenbürgen haben mehrere Wehrkirchen mit meinen Emotionen Achterbahn gespielt. In Malmkrog waren es die farbenfrohen Fresken, in Honigberg das gepflegte Gesamtpaket, in Tartlau die Wuchtigkeit der Ringmauer, in Deutsch-Weißkirch die Schlichtheit. Es gab aber auch die kleineren sächsischen Kirchen mit ihren Verteidigungsanlagen (wie in Klosdorf, Weidenbach oder Neustadt), die nicht in den Reiseführern ausgelobt werden, obwohl sie ebenso viel Charme oder Charakter besitzen, wie die großen Aushängeschilder.

Es fühlt sich deshalb falsch an, würde ich Birthälm alleine auf den obersten Schönheitssockel der sächsischen Wehrkirchen stellen, zumal sie wesentlich mehr vorzuweisen hat, als nur vergängliche Schönheit. Sie ist unglaublich vielschichtig. Hinter jedem Turm, jedem Inventarstück und beinahe auf, hinter oder unter jedem Stein hält sie eine Überraschung bereit, die erzählt werden möchte.

Es geht himmelwärts 

Der Besuch des UNESCO-Weltkulturerbes will verdient sein. 73 Stufen führen vom Marktplatz unter einer überdachten Treppe, die ein wenig an die berühmte Schülertreppe in Schäßburg (rum. Sighișoara) erinnert,  hinauf zum Burgberg. Alternative Aufstiegsmöglichkeiten sind nicht vorgesehen, es sei denn, man entscheidet sich zur direkten Himmelfahrt ohne Zwischenstopp in der Birthälmer Kirche.

Treppenaufgang zur Kirchenburg von Birthaelm / Biertan in Siebenbuergen

Ich bin noch gut zu Fuß, aber was war  (bzw. ist) mit den  körperlich gehandicapten, asthmatischen oder älteren Mitmenschen? Deren Existenz wurde mit dem Bau des Schönwetteraufgangs 1795 einfach ignoriert. Das hatte schon etwas von gesellschaftlicher Diskriminierung, denn die Teilnahme an der Liturgie war ein essentieller Bestandteil im Kreislauf des sächsischen Lebens.

Die Betroffenen wurden doppelt bestraft. Sie hatten nicht nur ihre Jugend oder Gesundheit verloren, sondern auch den Zugang zur Kirche. Und ich kann mir gut vorstellen, dass gerade diese Menschen zu den treuesten Gemeindemitgliedern zählten, da sie besonders auf Gottes und Mariä Gnaden, zu deren Ehre die Kirche geweiht war, hofften. Ein Jammer für beide Seiten. Eine lose-lose-Situation sowohl für die Kirche als auch die potentiellen Kirchgänger, die vom Gottesdienst ausgeschlossen sind. Achtzig Sachsen zählt die Gemeinde heute noch, aber nur ein Drittel davon schafft den Treppenaufstieg. Und so bleiben viele Kirchenbänke beim Gottesdienst unfreiwillig leer.

Ich bin in bestechender sportlicher Vormittags-Frühform, weshalb ich mich, oben  angekommen, zunächst für einen Rundgang auf dem Hügelplateau entscheide. Der Eintritt in das kirchliche Himmelreich muss noch warten.

Der Tummelplatz der Türme

Zu Beginn des 14. Jahrhundert begannen die Bautätigkeiten auf dem kleinen Bergkegel im Dorfzentrum. Mit der Bestätigung der Rechte aus dem Goldenen Freibrief (mehr dazu hier) sowie der Erteilung des Marktrechts strebte die sächsische Ortschaft wirtschaftliche Höhenflüge an. Dies blieb den immer wieder einfallenden Türken und Tartaren nicht verborgen, für die Birthälm ein lohnendes Ziel ihrer Raubzüge darstellte. Also machten sich die Einwohner an die Arbeit, die gotische Basilika auf dem Hügel mit einem zwölf Meter hohen Mauerring zu schützen, hinter dem auch Kind und Kegel Zuflucht fanden. Vier Türme und eine Bastei sollten für zusätzlichen Schutz sorgen.

Tritt man aus dem dunklen Treppenaufgang ins Freie, trifft man linkerhand direkt auf einen ungewöhnlichen Glockenturm. Der komplett aus Holz bestehende Korpus mit der ausgefeilten Tragekonstruktion im Innern, die die Schwingungen der vier Glocken auffängt, ist der ideale Resonanzkörper für einen perfekten Klang. Der Bau gehörte nicht zum Originalinventar der Verteidigungsanlage. Er entstand erst im 18. Jahrhundert anstelle eines Einsturz gefährdeten Wehrturms, der einst die Nordost-Flanke sichern sollte.

Nur einige Schritte weiter befindet sich der sogenannte Mausoleumsturm.

Mausoleumsturm in der Kirchenburg von Birthaelm / Biertan

Das dreigeschossige Gebäude mit dem hölzernen Wehrgang und dem später hinzugefügten, halbrunden Türmchen  diente in Zeiten der feindlichen Bedrohung nicht nur Verteidigungszwecken, sondern auch der Lagerung des kostbaren Specks. Erst zu Beginn des letzten Jahrhunderts änderte sich sein Bestimmungszweck und Name.

Als der evangelische Friedhof aus allen Nähten platzte, gruben die Sachsen ihre Bischöfe und Pfarrer aus, um sie anschließend in einer frisch angelegten Gruft in besagtem Turm wieder zu verbuddeln. Die dazugehörigen neun steinernen Grabplatten, die an den inneren Turmwänden Aufstellung genommen haben, erscheinen wie Wächter ihrer eigenen sterblichen Überreste.

Die Kapelle der Abtrünnigen und Unentschlossenen

Der dritte Turm im Bunde auf dem obersten Plateau erhebt sich im Süden. Er gilt als ältester Verteidigungsbau des inneren Mauerrings. Als solcher mit dem obligatorischen Wehrgang und einem steilen Pyramidendach ausgestattet, verblüfft er im Erdgeschoss mit einer sakralen Auskleidung. Einst farbenfrohe, heute stark in Mitleidenschaft gezogene Fresken aus dem ausgehenden 15. Jahrhundert zieren die Wände und Gewölbedecke. Die Jungfrau Maria mit Kind und den Heiligen drei Königen ist zu erkennen, ebenso Jesus, ein Erzengel als auch der Heilige Georg als Drachentöter.

Die Kapelle war weder eine Dependance der ehemaligen Bischofskirche, noch war sie als Winterkirche angedacht.
In der Regel konvertierten die ursprünglich römisch-katholisch getauften Sachsen mit dem Siegeszug der Reformation in Europa zum Luthertum. Nicht so in Birthälm. Hier gab es offensichtlich ein Nest an Abtrünnigen und Unentschlossenen.

Doch die evangelischen Kirchenvertreter zeigten sich tolerant. Die große Kirche war für die Noch-Katholiken zwar tabu, aber man erlaubte ihnen in der kleinen Kapelle weiterhin ihren Gottesdienst abzuhalten. Vielleicht erhofften sich die Reformierten, dass der übermächtige Schatten ihrer Kirche auf den sogenannten Katholischen Turm abfärben und den einen oder anderen Zauderer zum Glaubensübertritt motivieren würde.

Übrigens, wenn wir schon beim Thema Schein und Sein des Katholischen Turm sind, die Schlüsselschießscharten unterhalb des Wehrgangs sind nur aufgemalt. Ob sie dennoch geholfen haben, den Feind abzuschrecken?

Das Ehegefängnis

Zwischen dem Mausoleums- und dem Katholischen Turm stellte die Ostbastei ein weiteres Defensivelement des Verteidigungsrings dar. Bestand außenpolitisch keine Gefahrenlage, nutzte man das Gebäude zur familiären Friedensstiftung. Zerstrittene und scheidungswillige Ehepaare sperrte man hier für zwei Wochen in einen Raum. Sie mussten sich ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl, einen Teller, ein Besteck als auch eine Mahlzeit teilen.

Meistens half diese pazifistische und kostengünstige Therapie. Es heißt, dass in 400 Jahren nur eine einzige Ehe in Birthälm geschieden wurde. Eheberater hätten in dieser Gemeinde ganz offensichtlich einen brotlosen Job gehabt.

Inzwischen habe ich die Kirche einmal komplett umrundet. Im Norden schließt sich die ovale Ringmauer mit dem viergeschossigen Stundenturm aus dem Jahr 1508. Jahrhundertelang zeigte er zuverlässig die Uhrzeit in drei Himmelsrichtungen an. Inzwischen scheint er müde geworden. “Macht nichts”, denke ich mir. “Zeit ist ja durchaus relativ”.

Zudem muss man dem Stundenturm zugutehalten, dass er, als innerster der insgesamt vier Tortürme, primär ein Verteidigungsbollwerk war. Die Robustheit seines Fallgitters entschied schlussendlich über Sieg oder Niederlage und damit über das Schicksal der Dorfgemeinschaft.

Stundenturm der Kirchenburg von Birthaelm / Biertan in Siebenbuergen

Eine Kirche bekennt Farbe

Schon beim Blick vom Marktplatz hinauf zur Wehrkirche fiel mir der dezente Grünstich ihres Gemäuers auf. Was ich aus der Ferne noch als mögliches morgendliches geophysikalisches Kalt-Warmluft-Farbphänomen (gibt es so etwas überhaupt?) abgetan habe, hat sich aus der Nähe als unumstößliche Tatsache manifestiert. Die Wehrkirche ist von den Grundfesten bis unter die Dachspitzen mit einem Hauch von kiwi-pistachio-grüner Farbe überzogen. Ein politisches Statement? Nein. Aber ein wirtschaftliches. Farbe als sichtbares Statussymbol.

Nachdem 1440 der letzte Markgräf auf Amt und Würden verzichtet hatte, war dies ein Befreiungsschlag für den Weiler. Das Recht auf Selbstverwaltung setzte immense ökonomische Kräfte frei. Birthälm entwickelte sich zu einem attraktiven Wohn- und Arbeitsort. Das Klima, der kalkhaltige Boden, die sanften Hügel im Seitental der Großen Kokel (rum. Târnava Mare) gepaart mit dem sächsischen Know-How garantierten einen erfolgreichen Weinanbau. Hinzu kamen 19 Handwerkszünfte, die ihren Teil dazu beitrugen, dass die Gemeinde bald das höchste Steueraufkommen in einem Umkreis von 50 Kilometern vorweisen konnte.

Einzig ein größeres Gotteshaus fehlte der inzwischen 5.000 Einwohner zählenden Ortschaft zu ihrem Glück. So begann man 1490 mit dem Bau der dreischiffigen Kirche. Beeindruckend sollte sie sein. Ein Spiegelbild des Wohlstands.

Allerdings schränkte das limitierte Raumangebot auf dem Bergkegel die Größe des Bauvorhabens deutlich ein. Das Kirchenschiff musste einiges an Länge einbüßen und auf einen klassischen Kirchturm wurde ebenfalls verzichtet. Letzteres war nicht weiter schlimm, denn das Turmangebot im inneren Mauerring war üppig genug. Deshalb gab es für die Hallenkirche lediglich einen kleinen hölzernen Dachreiter für die Vaterunserglocke.

Die Bauherren hatten sich vorgenommen, ein imposantes Werk zu schaffen. Leider mangelte es ihm an Größe. Mit dem gedrungenen Aussehen konnte es nicht punkten, also musste ein anderweitiger Blickfang geschaffen werden. Und so kam die gelbgrüne Farbe ins Spiel.

Ein Turm zeigt Gesicht

Die elegante Kolorierung zog natürlich auch die Blicke der Feinde auf sich. Darum galt es im selben Atemzug die Schutzmaßnahmen einen Level hochzufahren. Auf halber Hügelhöhe entstand ein weiterer, zehn Meter hoher Mauerring mit umlaufenden Wehrbögen. Den Zugang erschwerten zwei zusätzliche Tortürme mit Fallgattern, die über den Karrenweg miteinander in Verbindung standen.

Dieser gepflasterte und überwölbte Durchgang schlug zwei Fliegen mit einer Klappe. Einerseits wirkte er den Schubkräften der oberen Wehrmauer auf dem abfallenden Terrain entgegen und andererseits konnte von seinem (heute nicht mehr vorhandenen) darüber verlaufenden Wehrgang der Gegner bestens ins Visier genommen werden.

Karrenweg der Kirchenburg von Birthaelm / Biertan in Siebenbuergen

Als weiteres Bindeglied zwischen innerer und mittlerer Ringmauer diente der im Westen der Anlage platzierte Rathausturm. Er war nicht nur Verteidigungsbastion, sondern auch temporärer städtischer Amtssitz. Immer dann, wenn die sächsische Gemeinde vor ihren Peinigern in der Kirchenburg Zuflucht suchte, verlegte man den Verwaltungsapparat in den markanten Torturm mit Pultdach. Die Zeit stand ja nicht still und der Amtsschimmel musste auch in Notzeiten weiter wiehern.

Am anderen Ende des romantischen Bogengangs erhebt sich der Pseudo-Speckturm. Er hat nie einen Speck von innen gesehen, bekam aber diesen Namen verpasst, nachdem der eigentliche Specklagerort zum Mausoleumsturm umfunktioniert wurde. Möglicherweise horteten die bedrängten Bewohner in seinen fünf Geschossen andere wertvolle Güter wie Salz oder Getreide, aber primär verhinderte er ausschließlich das Eindringen des Feindes.

Er besticht weder mit Fresken, noch Glocken oder Grabsteinen. Dennoch ist er für mich der Turm, der den bleibendsten Eindruck hinterlassen hat. Das liegt an seiner Mimik und dem Ziegelgedeckten Zipfelmützendach. Wenn man sich ihm nämlich von Süden nähert und nach oben schaut, blickt man direkt in sein, trotz des beachtlichen Alters, immer noch faltenloses Antlitz. Nein, ich halluziniere nicht. Die Platzierung der beiden Fensteröffnungen und Maulschießscharten haben ihm, ebenso wie mir, ein leicht erstauntes Lächeln ins Gesicht gezaubert.

Speckturm mit einem Teil der Wehrmauer der Kirchenburg von Birthaelm / Biertan in Siebenbuergen

Die Portal-Ordnung

Zurück zum verkürzten Kirchenschiff. Ein Positives hatte es schlussendlich trotzdem. Im sächsischen Geldsäckel blieb noch einiges an Erspartem übrig, das man an anderer Stelle ausgeben konnte, zum Beispiel für das außergewöhnliche Zwillingsportal im Westen der Kirche. Eine absolute Seltenheit in Siebenbürgen. Früher war dieser Eingang nur dem weiblichen Geschlecht und Kindern vorbehalten. Sie konnten sich bei jedem Kirchgang an der wunderschön extravaganten gotischen Steinmetzarbeit zusammen mit den beiden darüber platzierten Wappen des ungarischen Königs Wladislaw II. Jagello und des Siebenbürger Woiwoden Johann Száplya erfreuen.

Im Norden, dem heutigen Haupteingang, trägt das Portal bereits Züge der Renaissance. Da es, sowohl im 16. Jahrhundert als auch heute, dem Aufgang am nächsten lag, war es der privilegierte Zugang für den Pfarrer, die Ältesten (im kirchlichen Sinne) und die älteren Männer.

Das Jungvolk und die Mitglieder der Handwerkerzünfte mussten die Kirche durch das entfernt gelegene Südportal betreten, das in Größe und Aufmachung seinem nördlichen gegenüber entsprach.

Alles hatte seine Ordnung im siebenbürgisch-sächsischen Leben. Hierarchien, Regeln und Disziplin spielten eine große Rolle. Selbst bei Kleinigkeiten wie dem Zugang zur Kirche.

Eine treue Birthälmerin

1522 war das spätgotische Bauwerk vollendet.
Aber offensichtlich fühlte sich die sächsische Gemeinde in ihrer Haut noch nicht sicher genug. “Aller guten Dinge sind drei”, sagten sie sich und zogen wenige Jahrzehnte später am Fuße des Hügels eine weitere Wehrmauer hoch. Wie ein Hufeisen umschloss sie die mittlere Ringmauer. Dazu gab es im Westen mit dem Weberturm, den im Angriffsfall besagte Zunft zu bemannen hatte, einen weiteren Verteidigungsvorposten. Im Süden entstand der einzige Zugang zur Anlage, der von einem dreigeschossigen Torturm mit Zugbrücke kontrolliert wurde.

Nach außen hin wurden keine Kosten und Mühen gescheut, um für die Gemeinde ein repräsentatives und zugleich wehrhaftes Gotteshaus zu schaffen. Ich bin deshalb gespannt, was mich im Innern erwartet.

Zunächst eine höchst angenehme Überraschung in Person von Andrea Fröhlich, die an fünf Tagen in der Woche um die Besucher des UNESCO-Weltkulturerbes kümmert. Die junge Frau ist, wie schon ihre Mutter und Großmutter, in Biertan geboren, aufgewachsen und geblieben. Im Gegensatz zu ihren beiden Schwestern, die mit ihren Familien mittlerweile im Ausland leben. Auch Andreas Mann kommt nur alle vier Wochen nach Hause, und das obwohl die Familie erst vor Kurzem Zuwachs bekommen hat. “Aber in den Niederlanden sind die Verdienstmöglichkeiten eben wesentlich besser”, erklärt sie. “Zum Glück ist es ja nicht für immer”.

Seit 2002 führt die sympathische Birthälmerin durch die Kirchenburg. Wahlweise auf Rumänisch oder in perfektem Deutsch mit dem unverkennbaren siebenbürgisch-sächsischen Akzent. Wenn in der Nebensaison nicht so viele Touristen kommen, beschäftigt sie sich nebenher mit kleineren Hand- und Bastelarbeiten, um die Gemeindekasse ein wenig  aufzubessern. Am heutigen Tag strömen zwar keine Busladungen in die Kirche, dennoch ist Andrea sehr gefragt. Kompetent steht sie allen Fragen Rede und Antwort. Auch meinen. Und der Stolz ihrer Stimme ist nicht zu überhören, wenn sie von den Highlights ihrer Kirchenburg erzählt.

Blick von Westen auf Chor und Altar in der Wehrkirche von Birthaelm / Biertan in Siebenbuergen

Feuerzungen, Dornen und ein Altar der Superlative

Ich starte meinen Besichtigungsrundgang im Chorraum, der von einem spätgotischen Netzgewölbe überspannt wird. Rote Flammen tänzeln ekstatisch zwischen den Gewölberippen. Feuerzungen nannte man sie im Mittelalter. Sie sollten die Gemeinde mit dem Heiligen Geist erleuchten. Dazwischen blitzen gefährlich grüne Stacheln auf. Symbole für den dornigen Weg des Lebens oder eher für Treue und Hoffnung?

Das zentrale Element des Chorraums ist der knapp fünf Meter hohe und fünfeinhalb Meter breite Flügelaltar. Mehrere Künstler wirkten an der Vollendung des monumentalen Kunstwerks mit seinen insgesamt 28 Bildtafeln und dem filigranen goldenen Gesprenge mit. Die Anzahl der Bildtafeln ist einzigartig in Siebenbürgen, die Entstehungszeit wahrscheinlich auch. Von 1483 bis 1515, also sage und schreibe 32 Jahre wurde daran gearbeitet. Das Ergebnis rechtfertigt den Aufwand.

Dem Besucher wird heutzutage nur die aufgeklappte Schokoladen- oder sogenannte Festtagseite präsentiert. 18 verschiedene Gemälde zeigen Szenen aus dem Leben von Jesus und Maria. Normalerweise öffnete der Pfarrer das Retabel nur an hohen Feiertagen oder zu ganz besonderen Anlässen. So konnten sich die Kirchgänger nie an den Bildtafeln satt sehen.

An normalen Tagen, bekamen die Birthälmer nur die Werktagseite zu Gesicht. Die Flügel waren zugeklappt, so dass die auf den zehn Gemälden der Flügelrückseite abgebildeten Schutzheiligen und Märtyrer den Betenden Trost spenden konnten.

Chorraum mit Altar der Wehrkirche von Birthaelm / Biertan in Siebenbuergen

Es ist schade, dass der Altarraum abgesperrt ist. So habe ich keine Chance einen Blick auf die Werktagseite zu werfen.

Möglicherweise ein Relikt aus reformatorischer Zeit? Eine Maßnahme, um den Zugang zu den katholischen Kirchenlehrern und Heiligen zu unterbinden? Dann sollten wir nur hoffen oder besser beten, dass nie mehr die Pest ausbricht, damit die Heiligen Rochus, Sebastian, Barbara und Katharina nicht reaktiviert werden müssen.

Was haben Birthälm und der Eiffelturm gemeinsam?

Das nächste Superlativ befindet sich an der Nordseite der Chorwand. In der Sakristei wurden traditionell der Kirchenschatz, die Kollekte oder die liturgischen Gefäße vor unbefugtem Zugriff geschützt. In Birthälm bewahrte die Dorfverwaltung außerdem die Steuergelder in diesem Raum auf, und das nicht ohne Grund. Sage und schreibe 13 Riegel werden aktiviert, wenn sich der Schlüssel im Schloss dreht. Kein Panzerknacker hatte hier den Hauch einer Chance.

Schloss der Sakristeituere der Wehrkirche von Birthaelm / Biertan in Siebenbuergen

Die im Jahre 1515 getischlerte Türe mit den verschiedenartigen Intarsien steht dem Schloss in seiner Handwerkskunst in nichts nach. Die darauf abgebildeten Wehrtürme sprachen eine deutliche Sprache: unser Hab und Gut ist hier in Sicherheit.  

Mit geschwellter Brust brachten die Siebenbürger Sachsen ihre Sakristeitüre 1889 zur Weltausstellung nach Paris. Sie ließen sich weder vom gigantischen Eiffelturm noch von den technischen Innovationen wie den Phonograph von Thomas Edison oder den Benzinmotor von Gottlieb Daimler beeindrucken. Selbstbewusst präsentierten sie den Juroren ihr kunsthandwerkliches Glanzstück. Ob die Türe mit dem Schloss oder das Schloss mitsamt der Türe die Wertungsrichter mehr beeindruckte, ist nicht überliefert. Fakt bleibt, dass beides zusammen mit der Goldmedaille prämiert wurde. Nicht einmal dem Eiffelturm, dem Wahrzeichen der Weltausstellung, war eine derartige Auszeichnung vergönnt.

Tuere der Sakristei der Wehrkirche von Birthaelm / Biertan in Siebenbuergen

Ein Bischof und …

In der Sakristei suche ich heute vergeblich nach dem Kirchenschatz. Stattdessen treffe ich auf eine Porträtgalerie der Birthälmer Hausherren der Wehrkirche. Bei den daneben angebrachten Lebensläufen springen mir zwei Persönlichkeiten besonders ins Auge.

Einer davon ist Lucas Unglerus (1526-1600). Nach seinem Studium der Theologie in Deutschland  (damals noch unter dem deutschen Namen Lucas Ungleich) kehrte er in seine siebenbürgische Heimat zurück, wo er unter anderem in Kelling (rum. Câlnic) und danach in Birthälm als Pfarrer tätig war. Unglerus fühlte sich im Weinland wohl. Deshalb verlegte er, nach seiner Wahl zum Bischof der lutherischen Siebenbürger Sachsen im Jahr 1572, kurzerhand den Bischofssitz von Hermannstadt (rum. Sibiu) in die Weinhochburg Birthälm.
An diesem Status sollte sich 295 Jahre lang nichts ändern.

… ein besonders sensibler Pfarrer

Dennoch musste es in dieser Zeit gravierende Umwälzungen gegeben haben. Das Kurzporträt von Andreas Funk (Pfarrer in Birthälm von 1778-1792) verrät, dass er beim Anblick seiner zukünftigen Residenz und der Armut in Birthälm in Tränen ausgebrochen sein soll.

Was war geschehen? Ende des 16. Jahrhundert stand Birthälm noch in voller Blüte. 200 Jahre später war die Gemeinde hoch verschuldet und die meisten Dorfbewohner hatten das sinkende Schiff bereits verlassen.


Reichtum bedeutet Fluch und Segen. Das wohlhabende Siebenbürgen war ein begehrter Spielball der umliegenden Mächte. Besonders die Osmanen schwärmten heran wie die Motten zum Licht. Nicht einmal, nein gleich viermal führten ihre Feldzüge durch das Kokelland. Zwar fanden in der Kirchenburg  bis zu 4.000 Dorfbewohnern Zuflucht, dafür war das Dorf schutzlos den Plünderungen und der Zerstörungswut des Feindes ausgeliefert. Wer sich ihm in den Weg stellte, wurde getötet oder verschleppt.

Eine zusätzliche finanzielle Belastung war die sogenannte Verpflegungspflicht. Die gerade an der Macht befindlichen siebenbürgischen Fürsten verlangten, wann immer sie sich, mit oder ohne ihren militärischen Anhang, auf der Durchreise befanden, angemessene Kost und Logis. Natürlich unentgeltlich.

Zu allem Übel (wobei Fürst Gabriel Báthory wohl die Ausgeburt des Übels war) gesellte sich auch noch die Pest. Das hielt zwar die anspruchsvollen Bewirtungsgäste fern, gab der Kommune allerdings den Todesstoß. Sie war beinahe wüst. Nur etwa neun Haushalte zählte sie noch.

Eine lange Durststrecke begann, bis Birthälm wieder einigermaßen auf die Beine kam. Der Kaiser (inzwischen hatten die Habsburger die Oberhand in Siebenbürgen) ergriff drastische Maßnahmen. Er befreite die Einwohner von der Verpflegungspflicht der durchreisenden Adligen, verbot ihnen aber gleichzeitig die Ortschaft zu verlassen, um ihr Glück woanders zu suchen. In dieser erbärmlichen Lage musste Pfarrer Funk seine neue Gemeinde vorgefunden haben.

Hält uns die Kirche zum (oder für) Narren?

Nach diesem deprimierenden Geschichtsrückblick benötige ich ein wenig Aufmunterung. Wie auf Geheiß kommen mir am Triumphbogen zwischen Chorraum und Hauptschiff zwei Gaukler entgegen gesprungen. Ich muss dafür meinen Kopf zwar ganz weit in den Nacken legen, aber da sind sie tatsächlich. Man ist sich uneins, ob dem Innenarchitekten der sprichwörtliche Schalk im Nacken saß, als er die Wände bemalte, oder ob der damalige Pfarrer eine Aversion gegen die Spaßmacher hegte und sie deshalb dazu verdonnerte auf immer und ewig die Gewölbedecke zu stützen. 

Zeichnung eines Narren an der Gewoelbedecke der Wehrkirche von Birthaelm / Biertan in Siebenbuergen

Ich hätte eine weitere Theorie parat.
Womöglich muss man die beiden Spaßvögel in einen religiösen Kontext zu den Flammen der Erleuchtung an der Gewölbedecke des Chors sehen. Der Altarraum war den Klerikern, also den bereits Erleuchteten vorbehalten, wogegen im Hauptschiff die “Unerleuchteten” saßen. Der Triumphbogen bildete dabei die optische Grenze zwischen diesen zwei Welten. Die Narren platzierte man bewusst auf der Seite der Kirchengemeinde. Man wollte ihr den Spiegel vorhalten. Schaut her, was für Dummköpfe ihr doch seid. Einfältig, flatterhaft, unseriös und träge (Achtung Todsünde!). Manchmal sagen Bilder eben mehr als Worte.

Ende gut, alles gut?

Jetzt möchte ich aber doch noch von Andrea wissen, wie die Geschichte von Birthälm nach der Amtszeit von Pfarrer Funk weiterging. Ein ganz gutes Ende scheint sie nicht gefunden zu haben, da 1793 der Bischofssitz nach Hermannstadt zurückging. Andrea erzählt, dass die Gemeinde 1793 endlich wieder schuldenfrei war. Doch die dramatischen Ereignisse des 17. und 18. Jahrhunderts hatten tiefe Narben hinterlassen.

Die Wende zum 20. Jahrhundert stellte das Dorf auf eine weitere harte Probe. Die Weinberge, nach wie vor die Haupteinkommens- und Beschäftigungsquelle, zeigten irreversiblen Reblausbefall. Die Weinstöcke gingen ein und mit ihnen die Existenzgrundlage vieler Familien. Dies führte zu einer massiven Emigrationswelle in die USA. Später gelang es den Weinanbau wieder zu beleben, doch nur für ein knappes halbes Jahrhundert. Nach dem II. Weltkrieg waren die Siebenbürger Sachsen in ihrem Heimatland nicht mehr willkommen. Sie wurden enteignet und die Anbauflächen gelangten in Staatsbesitz. Allerdings wanderte mit dem Zwangsexodus auch das jahrhundertealte Know-how mit aus. Das Resultat ist heute noch zu sehen: die ehemaligen Weinterrassen liegen brach. Beinahe. Manchmal weiden Schafherden darauf.

Zugewucherte Weinterrassen bei Birthaelm / Biertan in Siebenbuergen

Birthälm hat mich beeindruckt. Mit seiner Wehrkirche, den Verteidigungsanlagen und dem liebenswert-professionellen Umgang mit seinen Besuchern. Hier wird die Verantwortung für das UNESCO-Weltkulturerbe ernst genommen. Nach meiner Negativ-Erfahrung in Kelling zum Thema “Service-Wüste oder Öffnungszeiten sind nur fürs Papier gemacht”, stimmt mich der Besuch in Biertan wieder versöhnlich. Ich bin deshalb schon gespannt, was mich in Wurmloch erwartet.

Gut zu wissen

  • Adresse
    Kirchenburg und Evangelisches Pfarramt Birthälm
    Str. 1 Decembrie 1918 Nr. 2
    RO-557045 Biertan
  • Kontakt
    Evangelisches Pfarramt Birthälm Tel.: +40 269 843 483
    Pfarrer Ulf Ziegler Tel.: +40 745 246 485
  • Besichtigung
    Die Kirche kann individuell besichtigt werden.
    Deutschsprachige Führungen werden angeboten.
    Der Besuch der Kirchenburg ist für Personen mit Handicap nicht geeignet.
  • Buchempfehlung
    “Über Siebenbürgen”.
    Acht Bildbände umfasst die komplette Dokumentation über die noch verbliebenen Kirchenburgen in Siebenbürgen. Nach Regionen aufgeteilt, zeigen die großformatigen Bücher, begleitet von einer Kurzbeschreibung, beeindruckende Aufnahmen des sächsischen Kulturerbes. Erschienen sind alle Bände im Schiller Verlag Bonn und können über das Erasmus Büchercafé in Hermannstadt bestellt werden. Ein Versand nach Deutschland ist günstig und unkompliziert.

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