Traditionelle Haeuser im Astra-Museum in Sibiu, Rumaenien
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Sibiu – Freilichtmuseum Astra

Mein Kopf und Gemüt verlangen nach Tapetenwechsel!

Auf meiner Rundreise durch Siebenbürgen habe ich inzwischen das Dutzend an Kirchenburgen vollgemacht. Selbstverständlich galt den Kirchen mit dem Prädikat UNESCO Welterbe (Biertan, Valea Viilor, Prejmer, Călnic, Keisd, Viscri und Dârjiu) mein Hauptaugenmerk. Daneben stieß ich, sowohl auf als auch abseits meiner geplanten Route, immer wieder auf weitere wertvolle Kleinode siebenbürgisch-sächsischen Kulturgutes, wie die Kirchenburgen von Honigberg oder Malmkrog, die sich keineswegs hinter den Aushängeschildern zu verstecken brauchen.

Jede der besuchten Kirchenburgen war einzigartig. In ihrer Gestalt, ihrem Erhaltungsgrad, ihrem künstlerischen und kunstgeschichtlichen Wert. Jede von ihnen hatte ihre eigene Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die zumeist dramatisch und stets ganz eng mit dem Schicksal ihrer Dorfbewohner verbunden war. Ich begegnete bewundernswerten und liebenswürdigen Menschen. Ihre Erzählungen gingen mir ans Herz , versetzten mich häufig in eine melancholische Stimmung. Dazu mischten sich vielerorts Bilder von Verfall, Resignation und Aufgabe.

Ich fürchte, ich habe den Kirchenburgen-Blues.

Um auf andere Gedanken zu kommen, nehme ich mir für den heutigen Tag das Astra-Open-Air Museum zur Traditionellen Volkskultur als Ausflugsziel vor. Es liegt nur wenige Kilometer südlich der Kreishauptstadt Sibiu inmitten des Pădurea Dumbrava, des Jungen Waldes.

Traditionelle Haeuser im Astra-Museum in Sibiu, Rumaenien

Ein Freilichtmuseum der Superlative

Laut deutschsprachigem Prospekt darf ich mich auf einen Museumspark mit einer Fläche von gigantischen 96 Hektar inmitten von Wald, Wiesen und Seen mit insgesamt zehn Kilometern Spazierwegen freuen. Dazwischen verteilt, finden sich die Hauptdarsteller, nämlich annähernd 400 traditionelle Gehöfte, Ställe, Scheunen, Mühlen, Werkstätten oder Wohnhäuser. Als zusätzliches Highlight stehen dem Besucher bei einem Großteil der Gebäude die Innenräume mitsamt Original-Inventar ebenfalls zur Besichtigung offen.

Das Muzeul Civilizației Populare Tradiționale ist ein Spiegelbild der ländlichen Gesellschaft der letzten Jahrhunderte. Dabei dient die Baukunst als Ausdruck der Lebens- und Arbeitsweise der unterschiedlichsten Gewerbe innerhalb einer Dorfgemeinschaft.

Entsprechend präsentiert sich das didaktische Konzept des Museums. Beim Wiederaufbau der aus allen Regionen Rumäniens zusammengetragenen Gebäude orientierte man sich nicht an deren geographischer Herkunft, sondern gruppierte sie entsprechend ihrer ursprünglichen Verwendung. So entstanden fünf große Themenbereiche.

Die Karte zeigt die ursprüngliche geographische Lage der im Museum ausgestellten Gebäude.

Alles, was zum Dorfleben gehört

Die Zahlen auf der Karte finden sich zur besseren Orientierung im Text wieder.

Im südlichen Museumskomplex finden sich vor allem die Häuser der Berufsstände, die mit der Verarbeitung tierischer und pflanzlicher Produkte zur Nahrungsmittelherstellung beschäftigt sind. Dazu gehören Fischer, Viehzüchter, Obst- und Weinbauern, Schnapsbrenner, Ölmüller und Landwirte. Die Bauerngehöfte bilden hierbei den passenden Rahmen für das 120 Jahre alte Lokomobil (46b) aus der königlichen Manufaktur in Budapest, das als Dampfmaschine zum Antrieb des danebenstehenden Exemplars einer Dreschmaschine (46d) genutzt werden konnte.

Am gegenüberliegenden, nordwestlichen Parkbereich konzentrieren sich die mit der Verarbeitung von tierischen Fellen und pflanzlichen Fasern zur Herstellung von Kleidung und Gebrauchsgegenständen zuständigen Gewerbe, wie Werkstätten für Hanf, Wolle, Ziegenhaar oder Rohseide.

In unmittelbarer Nachbarschaft dazu trifft man auf die Baukomplexe der Rohstoffverarbeitenden Berufe, darunter Berg- und Minenarbeiter, Schmiede, Töpfer, Sägemüller, Wagner oder Böttcher.

Wie in einem “echten” Dorf, gibt es darüber hinaus diverse öffentliche Gebäude. Dem bis dato unterrepräsentierten Thema Verkehrsmittel soll in den kommenden Jahren vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Vielerlei Vielfalt

So unterschiedlich die Arbeits- und Wohnstätten der verschiedenen Berufsgruppen auf deren individuellen Bedürfnisse ausgelegt waren, so unterschiedlich waren auch die Bauweisen und verwendeten Baumaterialien, die stark von den verfügbaren, natürlichen Ressourcen und klimatischen Gegebenheiten abhingen.

Ich finde Gebäude aus Lehm, Stein oder Holz vor, mit Dächern aus Ziegeln, Schindeln, Stroh oder Schilf. Manche betritt man durch ein einladendes, kunstvoll geschnitztes Holztor, andere wiederum grenzen ihren Besitz mit den unterschiedlichsten Arten von Zäunen ab.

Doch nicht nur die architektonische Vielfalt der Häuser beeindruckt mich, sondern auch ihre Herkunft und die repräsentierten Ethnien. Der Maramureş im Norden des Landes ist ebenso vertreten wie das Donaudelta im äußersten Südosten. Ich stoße auf die typischen rumänisch-orthodoxen Holzkirchen, streune zwischen den Fischerhäusern der Lipowaner hindurch, werfe einen neugierigen Blick in die Töpferwerkstätten der Szekler, bestaune die repräsentativen Gehöfte von sächsischen Winzern und Obstbauern, finde Gefallen an einer schwäbischen Pferdemühle und beneide die Ţurcană-Schafe um ihren dicken Wollpelz.

Das Rennen zum Thema Vielfalt machen allerdings die 36 von Menschen-, Tier-, Wind- oder Wasserkraft angetriebenen Mühlen. Sage und schreibe dreizehn Wasser-, sieben Walk-, je fünf Wind- und Öl-, drei Säge-, zwei Schiffs- und eine Rossmühle hat das Museum zusammengetragen.  

Mühlen-Raritäten

Die schwimmende Mühle (61) aus der Region Maramures, im Norden Rumäniens, war von ca. 1900 bis 1963 auf bzw. am Fluss Someş in Betrieb. Dieser Mühlentyp wurde überall da eingesetzt, wo keine konstanten Wasserstände herrschten. Dadurch, dass sie auf dem Fluss schwamm, war das Wasserrad zwar konstant in Bewegung, entwickelte aber längst nicht die Kraft einer Wind- oder Wassermühle. Es war deshalb wichtig, dass man sie an einer besonders strömungsstarken Stelle im Fluss verankerte.
Der Nachteil der schwimmenden Mühlen lag in ihrer Kurzlebigkeit. Dadurch das das Hausboot, auf dem sich Müller und Mahlwerk den Platz teilten, der ständigen Flussströmung ausgesetzt war, musste es relativ häufig neu abgedichtet werden.

Eine weitere ungewöhnliche Mühlenart ist die sogenannte Rossmühle (51), auch als Pferdegöpel bekannt. Die Ursprünge der von Tieren betriebenen “Kraftwerke” gehen bis ins Mittelalter zurück. Sie fanden besonders in Getreidereichen Gegenden, in denen Mangel an natürlichen Wasserläufen oder Wind herrschte, Verwendung.
In den Ebenen im äußersten Westen Rumäniens war das Pferd das wichtigste Arbeitstier. Es wurde nicht nur als Zugmaschine, Fortbewegungs- oder Transportmittel, sondern auch als Saat- und Erntehelfer eingespannt. Bis Ende des 19. Jahrhunderts waren Rossmühlen weit verbreitet. Danach wurden die Pferdestärken, die leider sehr schnell ermüdeten, von Motor betriebenen Anlagen abgelöst.

Rossmuehle im Astra-Museum in Sibiu, Rumaenien

Die aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammende Segelwindmühle (66) ist mit Sicherheit das auffälligste Exemplar der Mühlenparade im Museum. Zudem ist es auch das letzte seiner Art in Rumänien.
Im Gegensatz zu den in ihrer Nähe platzierten Windmühlen mit Holzflügeln, fangen hier 12 dreieckige, mit Stoff bespannte Segelarme den Wind ein. Ihr ursprünglicher Standort in der südlichen Dobrudscha am Schwarzen Meer erklärt auch ihren steinernen, statischen Mühlenkörper. Da der Wind am Meer immer landeinwärts weht, mussten die Segel nie neu ausgerichtet werden.

Segelwindmuehle im Astra-Museum in Sibiu, Rumaenien

Die Kühlschränke der Lipowaner

Angetrieben von einer mächtigen Portion Mühlen-Rückenwind bin ich in Nullkommanichts im nördlichen Donaudelta gestrandet. Hier war die Fischerei über Jahrhunderte die Haupteinkommensquelle der Lipowaner, einer russischsprachigen Minderheit, die im 17. Jahrhundert vor der orthodoxen Glaubensreform des russischen Zaren flüchtete. Als sie sich in der Donaumündung niederließen, fanden sie nur unwirtliches Gebiet vor. Doch der zweit längste Fluss Europas bot ideale Bedingungen zur Besiedlung. Er lieferte Nahrung, Baumaterial, Arbeitsplätze und eine gute logistische Anbindung.

Zusammen mit dem einfachen Fischer- (8) und dem Eishaus (8a) repräsentiert das Fischerei-Gehöft (10) aus dem Kreis Tulcea die typische Lebensweise der Menschen aus der nördlichen Dobrudscha. Das aus Stein und Lehm gefertigte Haus sorgt für ein perfektes Raumklima. Im Winter hält es die Kälte und im Sommer die Hitze draußen. Lehm ist der billigste und am leichtesten verfügbare Baustoff im Delta. Er wird mit Stroh, Schilf und Pferdemist vermengt, anschließend mit Wasser befeuchtet und zerstampft. Zum Schluss wird die breiige Masse zu Lehmziegeln gegossen.

Industrielle Fischverarbeitung war zu Beginn des letzten Jahrhunderts vielerorts immer noch ein Fremdwort. Der Fang eines Tages wurde im Fischerhaus sortiert, zur Konservierung gesalzen und anschließend zum Trocknen unter dem Hausdach aufgehängt. Leider eignete sich diese Art von Konservierung nicht für alle Fische. Fisch, der frisch weiterverkauft werden sollte, oder sogenannte Fettfische wurden bis zum Weitertransport in Eishäusern zwischengelagert.

Eishaus aus der Dobrudscha

Dazu hob man in Ufernähe, auf einer leicht erhöhten Fläche, eine tiefe Grube aus. Im Winter schlugen die Fischer Eisblöcke aus der zugefrorenen Donau und befüllten damit die Grube. Durch das dicke, tiefgezogene Schilfdach blieb das Eis bis zum Sommer gefroren. So etwas nennt sich Nachhaltigkeit ohne Umweltbelastung.

Von schwergewichtigen und schnell versiegenden Rohstoffen

Vom Schwarzen Meer aus unternehme ich einen ausgedehnten Spaziergang entlang des vom Trinkbach gespeisten See durch schattiges Waldgebiet, bis ich wieder auf Anzeichen menschlicher Zivilisation stoße. Ein winziger Wachmann mit geschultertem Gewehr empfängt mich vor dem Haus des Steinmetzes (104) aus der Nähe von Lapuş im Kreis Maramureş. Der Ortsname ist hier Programm: Stein bzw. Platte. Die ausgestellten Arbeiten deuten darauf hin, dass diese Werkstatt zur Steinbearbeitung sehr wahrscheinlich auf grobmotorische Aufträge spezialisiert war.

Mit noch gröberem Handwerkszeug waren die Arbeiter unter Tage zugange. Sei es in den Goldbergwerken oder in den Salzminen Siebenbürgens. Beides sehr lukrative Einkommensquellen, betrachtet man die repräsentativen Wohnstätten (108c bzw. 108b). Nicht umsonst, wurde das Salz früher auch weißes Gold genannt. Aufgrund seiner vielfältigen Einsatzmöglichkeiten, sowohl zum Würzen und Konservieren von Lebensmitteln, als auch bei der Gerberei oder als mineralisches Lecksalz in der Tierhaltung, herrschte permanent eine große Nachfrage.

Ein weiterer Rohstoff mineralischer Art wurde im zweistöckigen Haus Nummer 105 verarbeitet. 25 Millionen Jahre altes, fossiles Harz, auch unter dem Namen Bernstein bekannt.
Am Südhang der Karpaten, in der Nähe der Ortschaft Colţi fanden sich die einzigen Bernsteinvorkommen in ganz Rumänien. Ende des 19. Jahrhunderts starteten Unternehmen mit der professionellen Gewinnung. Dazu wurden 120 Meter tiefe Stollen in die Berge getrieben. 50 Jahre später waren die Ressourcen versiegt. Die “Tränen der Töchter des Sonnengottes Helios”, wie der Bernstein seiner Farbe wegen gerne bezeichnet wird, hatten dem Landstrich nur ein kurzes Glück beschert. Der Berufszweig musste sich ein neues Auskommen suchen.

Haus eines Bernstein-Minenbesitzers im Astra-Museum in Sibiu, Rumaenien

Auch ich mache mich weiter auf die Suche.
Meine nächste Anlaufstelle, ein Kunsthandwerk, bei dem, ähnlich der Bernsteinmanufaktur, viel Feinmotorik gefragt ist. Außerdem lässt es die Frauenherzen höher schlagen, mit dem Vorteil, dass der benötigte Rohstoff unbegrenzt zur Verfügung steht.

Handwerkskunst auf höchstem Niveau

Die Rede ist vom Töpferhandwerk.
Es freut mich, dass sich dieser traditionelle Beruf, der Billigkonkurrenz der Plastikindustrie zum Trotz, seit über 20.000 Jahren gehalten hat. Zweifelsohne besitzen die Plastik-Erzeugnisse eine Reihe vorteilhafter Eigenschaften. Sie sind leicht, bruchfest, kostengünstig, dicht verschließbar. Doch zu nahe am Herd geparkt, schmelzen sie einfach mal dahin. Ganz zu schweigen von den negativen ökologischen Aspekten hinsichtlich Abbaubarkeit und Schadstofffreiheit.

Da lobe ich mir doch die gute alte Keramik. Allein die zehn im Astra-Museum vertretenen Töpferwerkstätten beweisen, dass die Gegenstände aus Ton bzw. Lehm über Jahrhunderte hinweg Hochkonjunktur hatten. Sogenannte Gebrauchs- und Baukeramiken wurden in jeder Familie benötigt. Sei es als Koch-, Ess- oder Waschgeschirr zum tagtäglichen Gebrauch, zur Aufbewahrung von Lebensmitteln oder in Form von Ofenkacheln. Wichtig war in jedem Fall, dass das Steingut wasserdicht, robust und idealerweise auch feuerfest war. Hierfür wurden die Tongefäße in der Regel zweimal gebrannt und abschließend lasiert.

Was praktischen Zwecken diente, musste nicht zwangsläufig unästhetisch ein. So entwickelten sich wahre Künstlerkolonien unter den Töpferwerkstätten mit großen regionalen Unterschieden in Ausführung, Motiven und Farben.

Mit der Einführung der Dampfmaschine sowie neuartigen Press-, Brenn und Gießverfahren veränderte sich die Rolle der Handmade-Töpferwerkstätten einschneidend. Den Bedarf für Gebrauchstöpfergut deckte fortan die industrielle Fertigung, während die kleinen Handwerksbetriebe die Nachfrage nach traditioneller und dekorativer Keramik bedienten.

Internationale Berühmtheit erlangte hierbei die Horezu-Keramik aus der Walachei. Seit 1992 gehört sie zum immateriellen Welterbe der UNESCO.
In kleinen Familienbetrieben (120a) wird im Kreis Vâlcea seit Generationen die Kunstfertigkeit der berühmten Schlierentechnik weitergereicht. Mit Hilfe eines Pinsels oder Hornkiels werden in dezenten Erd- oder kräftigen Orangetönen Kreise, Wirbel oder Wellen auf die Keramik aufgebracht. Sie symbolisieren die Spirale des Lebens, während das populärste Motiv, der Horezu-Hahn, jeden Haushalt mit Stärke und Ausdauer segnen soll.

Rustikales und Filigranes

Während ich im Museum nur mal eben die “Dorfstraße” überquere, habe ich auf der virtuellen Landkarte einen großen Sprung nach Nordosten in den Kreis Harghita gemacht. Im Herzen des Szeklerlands liegt nämlich die nächste Töpferhochburg.
Über 300 Töpfereien existierten früher in und um Corund. Im Vergleich zu den Kunsthandwerkern aus Horezu betrieben die Szekler ein höchst effektives Fertigungsmanagement. Die Nachfrage wollte bedient sein, denn die blau-rot-weiße, ein wenig rustikale Keramik erfreute sich nicht nur in Siebenbürgen, sondern auch über die nördliche Landesgrenze hinaus größter Beliebtheit. Kein Wunder war das Corunder Gehöft (121) von einem ganz anderen Kaliber als die Werkstatt aus Südrumänien.

Geradezu bescheiden nimmt sich dazu die Werkstatt der sächsischen Töpferfamilie Maurer (119) aus Saschiz (dt. Keisd) im Kreis Mureş aus. Sozusagen klein aber oho, denn auf nicht einmal 40 Quadratmetern entstanden hier filigran verzierte Meisterwerke in der charakteristischen dunkelblauen Farbe. 

Von blauen Häusern und Wegkreuzen

Übrigens, die Töpferhäuser aus Saschiz und Korund sind nicht die einzigen blauen Gebäude im Museum. Blau war eine weit verbreitete und sehr beliebte Fassadenfarbe in Siebenbürgen. Auch das Haus des Seilmachers (143), das Schäfergehöft mit Werkstatt zur Wollverarbeitung (128) und das Anwesen des Hanfherstellers (144) leuchten in Blau um die Wette.

Blau als sichtbares Zeichen für Wohlstand, als wohlgemeinter, aber irrtümlicher Schutz vor Insekten, zur Abwehr böser Geister. In blauen Wänden konnten sich die Sachsenseelen dem Himmel und der Ewigkeit besonders nahe fühlen.

Kein Wunder, dass der Kapellenbildstock (79i) aus dem Kreis Hermannstadt ebenfalls in markantem Kobaltblau erstrahlt. Konnte sich der zögernde Wanderer an der Wegkreuzung für keine Richtung entscheiden, blieb ihm immer noch ein kurzes Innehalten im Gebet, das möglicherweise die erhoffte Offenbarung brachte.

Kapellenbildstock, Marterl im Astra-Museum in Sibiu, Rumaenien

Die Tradition des Marterln Aufstellens war jedoch nicht nur in den deutschsprachigen Regionen Siebenbürgens verbreitet. 

Auch die orthodoxen Christen platzierten Ihre Bildstöcke oder Wegkreuze an Dorfstraßen, Ortsausgängen oder Grundstücksgrenzen. Manche Exemplare waren äußerst schlicht, andere sogar multifunktional, wie die wunderschön ausgestaltete Kapelle (79j) mit Altarbild aus der Walachei. Während die Dorfbewohner unter dem schützenden Holzdach frisches Wasser schöpften, konnten sie dem Herrn für die Wunder der Natur danken und alle Heiligen um Schutz anrufen.

Das Defilee der Heiligen

Auf noch mehr Heilige stoße ich im ältesten Gebäude des Museums, der Holzkirche (79g) aus dem Kreis Cluj / Klausenburg.
Sie entstand 1672, wurde 2003 im Dorf Dretea abgebaut, um über einen Zeitraum von drei Jahren an ihrem neuen Standort im Astra-Museum fachmännisch restauriert zu werden.

Seit ihrer Weihe zur Kirche der Herabfahrt des Heiligen Geistes 2006 finden in dem kleinen, aus Tannenholz gefertigten Gebäude wieder regelmäßig Gottesdienste statt. So hat das Gotteshaus, umgeben von den Gehöften der Handwerker, seine Rolle als axis mundi, als Verbindung zwischen Himmel und dem irdischen Leben perfekt wiedergefunden. 

orthodoxe Holzkirche aus Dretea, Kreis Cluj

Orthodoxe Kirchen sind in der Regel in einen Vorraum (Narthex), das eigentliche Kirchenschiff (Naos) und den Altarraum aufgeteilt. Der Altarraum ist das Allerheiligste, da hier Jesus und das Göttliche gegenwärtig sind. Er darf deshalb nur vom Priester betreten werden. Eine mit Ikonen ausgeschmückte Bilderwand, die sogenannte Ikonostase, trennt den Altarraum physisch und visuell von dem davorliegenden Kirchenraum.

Auch die kleine Kirche von Dretea folgt diesem architektonischen Schema, wobei der niedrige Vorraum in diesem Fall der weiblichen Gemeinde vorbehalten bleibt. Aus diesem Grund treffe ich hier an den Wänden ausschließlich auf weibliche Heilige oder Jungfrauen, die sich unter einem, von einer riesigen Sonne überstrahlten Sternenzelt, versammelt haben.

Beim Betreten des gedrungenen Hauptraums erschließt sich mir sofort, weshalb die Kirche den Spitznamen “Sixtinische Kapelle Siebenbürgens” trägt. Die Wände sind bis unter die tonnenförmige Gewölbedecke mit einem gewaltigen Aufmarsch an orthodoxen Heiligen bemalt. Kein Platz ist mehr frei. Großmärtyrer, Ärzte- und Soldaten-Heilige, ja sogar der heilige Kaiser Konstantin wachen über die Gemeinde. Dazu haben sich auf der Ikonostase Jesus als Pantokrator und zentrale Figur der Dreifaltigkeit sowie alle Apostel versammelt. So haben die Gläubigen die Himmelsbewohner jederzeit direkt im Blick.

Ikonographie in der orthodoxen Holzkirche aus Dretea, Kreis Cluj

Von der Gemeinde für die Gemeinde

Mein Rundgang neigt sich dem Ende entgegen. Ein Highlight wartet noch auf mich. Die Holzkirche (79a) von Salaj, aus dem nordwestlichen Zipfel Siebenbürgens. Sie kam 1990, ein Jahr nach dem Sturz Ceauşescus, als erstes Gotteshaus ins Museum.

orthodoxe Holzkirche aus Bezded, im Astra-Museum in Sibiu

Davor wurde die Religion von Staatsseite aus, über Jahrzehnte hinweg, schlichtweg verleugnet. Es wäre undenkbar gewesen, eine Stätte religiöser Zusammenkunft in einem Museum der traditionellen Volkskultur zu präsentieren. Vielmehr wurden Kirchen, wo sie der Entwicklung des städtischen Wachstums im Wege oder den Augen des Conducators ein Dorn im Auge waren, einfach ersatzlos abgerissen. Einige wenige hatten wenigstens das Glück auf Schienen ge- und an unscheinbare Plätze versetzt zu werden, so dass sie das kommunistische Weltbild nicht weiter störten.

Im ländlichen Raum sah man die orthodoxen Gotteshäuser als archaisches Relikt an, das mit der alternden Bevölkerung zusammen aussterben würde. Das Problem würde sich also von selbst lösen. Sollte dies zu lange dauern, gab es immer noch den größenwahnsinnigen Plan B. Die Systematisierung des Landes à la Nordkorea, in deren Zuge mindestens 7000 Dörfer dem Erdboden gleichgemacht und die Einwohner zwangsumgesiedelt werden sollten.

Doch zurück zur Kirche von Bezded.

Mit ihrer vorgelagerten Holzveranda ist sie bewusst der Architektur der Wohnhäuser des Dorfes nachempfunden. Damit signalisierte die Kirche die enge Verbundenheit zur Gemeinde: die Kirche als Wohnhaus der Göttlichkeit.

Die Bewohner von Bezded verband eh ein ganz besonderes Verhältnis zu ihrem Gotteshaus. Ich habe nämlich gelesen, dass sie den Innenraum im Jahr 1759 selbst ausgemalt hatten. Dies könnte eine gute Erklärung für die floralen und geometrischen Verzierungen als auch die unterschiedlichen Malstile und -farben sein. Vielleicht haben sie auch das Gleichnis der klugen und törichten Jungfrauen als ungewöhnliches Thema für die Ausschmückung des Vorraums ausgewählt?

Beide Daumen hoch

Ich bin hungrig, meine Wasserflasche ist leer, mein Rücken schmerzt, meine Augen suchen in immer kürzeren Abständen eine Bank zum Ausruhen, aber ansonsten bin ich überglücklich.

Ich hatte einen grandiosen Tag an der frischen Luft mit einem Sammelsurium an bunt gewürfelten Eindrücken, die meine begrenzten Kenntnisse traditioneller Bau- und Handwerkskunst nachhaltig erweitert haben.

Wer also einen Ausflug in die Natur mit einem ausgedehnten Fußmarsch kombinieren einer guten Prise Kulturgeschichte würzen und nebenbei noch hinter fremde Vorhänge schauen möchte, ist im Astra-Museum genau richtig.

Deshalb gibt es von meiner Seite aus beide Daumen hoch!

Einziger Wermutstropfen: die dürftigen Erläuterungen zu den einzelnen Ausstellungsstücken. Es ist wirklich schade, dass an den Gebäuden keine Informationstafeln aushängen, die ein wenig über ihre Historie preisgeben, idealerweise ergänzt um einen Einblick in das Schicksal seiner Bewohner oder die Umstände, die zur Transformation ins Museum führten. Zwar gibt es an jedem Haus einen  QR Code zu scannen, doch die zweizeiligen (rumänischen und englischen) Eckdaten, die die App preisgibt, sind mehr als dürftig und leider sprachentechnisch noch nicht ausgefeilt.

Nobody is perfect, aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Gut zu wissen

  • Adresse
    Muzeul Civilizaţiei Populare Tradiţionale Astra
    Calea Răşinari, 16-18
    550399 Sibiu / Hermannstadt
    Mit Tram 1 & 5 vom Stadtzentrum aus erreichbar
  • Besichtigung
    In den Sommermonaten von Mai bis September können die Inneneinrichtungen der Gebäude besichtigt werden. Zudem wird während der Hochsaison an den Wochenenden auf dem Museumsgelände ein Bauernmarkt abgehalten.
    Es lohnt sich außerdem einen Blick auf den wechselnden Veranstaltungskalender zu werfen, da regelmäßig Vorführungen in den verschiedenen Werkstätten stattfinden.

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